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StartseiteKalenderblattDer große China-Reisende des 19. Jahrhunderts06.10.2005

Der große China-Reisende des 19. Jahrhunderts

Vor 100 Jahren starb Ferdinand Freiherr von Richthofen

Ferdinand von Richthofen: der große China-Reisende des 19. Jahrhunderts. Er brachte die Bedeutung der Seidenstraße zurück in das Bewusstsein seiner Zeitgenossen. Der Nachwelt hinterließ er ein neues und differenzierteres Bild von China. Anlässlich seines 100. Todestag am 6. Oktober lädt die Berliner Gesellschaft für Erdkunde zu einer Tagung zu Ehren Ferdinand von Richthofens ein.

Von Godehard Weyerer

Die große chinesische Mauer in der Nähe von Peking (AP Archiv)
Die große chinesische Mauer in der Nähe von Peking (AP Archiv)

Das Reichstagsgebäude in Berlin ruht auf mächtigen Quaderblöcken. Aus Schlesien wurden sie in die Reichshauptstadt gebracht. Die Steinbrüche am Fuße des Riesengebirges gehörten der Familie von Richthofen. Ferdinand hatte als kleiner Junge dort Steine gesammelt und seinen Blick schweifen lassen auf das nahe Gebirgsrelief. So war ihm wohl der Weg vorgegeben, als einer der bedeutendsten Forschungsreisenden und Wegbereiter der modernen Geographie in die Annalen einzugehen.

"Er war ein Richthofen, der das Land sehr liebte, gern wanderte und ich könnte mir denken, dass das seine Studienwahl beeinflusst hatte."

Hermann von Richthofen, Botschafter a.D., Großneffe des Jubilars und Vorsitzender des Richthofen`schen Familienverbandes. Ferdinand, neben dem Fliegerbaron Manfred der berühmteste Spross, studierte in Breslau Geologie und Geographie, promovierte 23-jährig mit einer geologischen Studie über Vulkangestein und brach 1860 zu einer 12-jährigen Weltreise auf, die den späteren Ruhm Ferdinand von Richthofens begründen sollte.

"Er wollte der Erste sein, der die für den Westen noch unerschlossene Bergregion in Zentralchina erkunden wollte. "

Zitat: " Die fortdauernde Anfertigung von Skizzen und Zeichnungen kann nicht genug empfohlen werden. Wer des Zeichnens nicht mächtig ist, darf sich diesen Mangel als Vorwand nicht vorhalten, denn auch die unvollkommene Ausführung ist eine unerlässliche Stütze für das Gedächtnis."

Er ist bis nach Kalifornien gekommen, blieb dort sechs Jahre, hatte eine Anstellung als Geologe in seinem Fachgebiet Vulkangestein und Goldvorkommen. Er hatte keine Ambitionen, reich zu werden. Er wollte wissenschaftlich arbeiten und hatte es daher nie zu Vermögen gebracht. Er hatte es aber geschafft, mithilfe der Banc of California und der Handelskammer in San Fransisco seine China-Reisen zu finanzieren und hatte mit seinen Berichten für seine Geldgeber wertvolle Arbeit geleistet.

Zurückgekehrt nach Deutschland arbeitete er seine Eindrücke und Aufzeichnungen wissenschaftlich auf. Der aufkommenden Fotografie stand Ferdinand von Richthofen eher skeptisch gegenüber. Aufgeschlossener dagegen der Kolonialpolitik des Deutschen Kaiserreiches.

Zitat: " Als Freihafen in den Händen einer Macht wie Preußen würde Kiautschou eine gebietende Stellung einnehmen. Der Hafen kann mit Leichtigkeit befestigt werden, und eine Kriegsflotte würde den Verkehr mit dem nördlichen China und Japan beherrschen. Möchte hier die praktische Erschließung mit der wissenschaftlichen Hand in Hand gehen. "

Die Denkschrift war an Reichskanzler Otto von Bismarck gerichtet. Der Reichskanzler aber zeigte sich in kolonialen Fragen zurückhaltend. Anders Wilhelm II. Natürlich war Ferdinand von Richthofen in erster Linie Naturwissenschaftler. Sein Hauptwerk ist ein fünfbändiger Atlas über China. Und Ferdinand von Richthofen ist der Begründer der Geomorphologie.

"Der Unterschied zwischen Geologie und Geomorphologie ist relativ einfach. Die Geologen gucken unter die Oberfläche, die Geomorphologen gucken die Erdoberfläche direkt an. "

Die Berliner Gesellschaft für Erdkunde, der Ferdinand von Richthofen 16 Jahre vorstand, richtet zu Ehren seines 100. Todestages ein Symposium aus. Niels Mevenkamp, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Geographie an der Universität Bremen, leitet den Sektor über aktuelle ökonomische und sozialwissenschaftliche Forschungen in China:

"Natürlich fällt irgendwo der Name Ferdinand von Richthofen, wenn man sich mit der Forschungsgeschichte befasst. Aber immer im Zusammenhang mit naturwissenschaftlicher Forschung. Obwohl der Richthofen als erster seiner Zeit im Geiste von Alexander von Humboldt immer auch die humane Seite betrachtet, er hat also immer die Beziehung zwischen Mensch und physischer Umwelt zu seiner Fragestellung erhoben. Das hat er auch exemplarisch in seinem China-Werk dargestellt."

Fast seltsam mutet es an, dass über diesen Mann noch niemand eine Biografie geschrieben hat. Keine Universität trägt seinen Namen. Wohl aber ein Gebirgszug in China. Hochgewachsen war er, würdig wie ein Erzbischof, majestätisch wie ein König, ergänzte ein Schüler von ihm, tiefreligiös und frei von Ehrgeiz. Für Auszeichnungen und Lob sei er unempfindlich gewesen. Was zählte, war die wissenschaftliche Anerkennung. Am Schreibtisch saß der 73-Jährige, als der Tod ihm am 6. Oktober 1905 die Feder aus der Hand nahm.

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