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StartseiteInterview"Der hat noch Großes vor"21.05.2010

"Der hat noch Großes vor"

Wissenschaftsjournalist über den Genforscher Craig Venter

Craig Venter, ein Genforscher aus den USA, hat den ersten künstlichen Organismus geschaffen – ein Bakterium mit synthetischem Erbgut. Welchen Nutzen die Forschung daraus ziehen könnte, erklärt der Wissenschaftsjournalist Michael Lange.

Michael Lange im Gespräch mit Sandra Schulz

Craig Venter hat den ersten künstlichen Organismus geschaffen (AP)
Craig Venter hat den ersten künstlichen Organismus geschaffen (AP)

Sandra Schulz: Es gibt einige große Ereignisse der Biologie, die bleiben im Gedächtnis: zum Beispiel Dolly das Schaf als erstes, aus einer Körperzelle geclontes Säugetier. Das war 1997. Oder die Bekanntgabe, dass das menschliche Genom nahezu vollständig entschlüsselt sei. Das war im Juni 2000. Bei jedem dieser Ereignisse lernte der Mensch Neues über sich und die Natur kennen, aber er überschritt auch eine Grenze. Jetzt gibt es ein weiteres Ereignis in dieser Reihe. Der Genforscher Craig Venter aus den USA hat den ersten künstlichen Organismus geschaffen, ein Bakterium mit einem synthetischen Erbgut. Wir sind jetzt verbunden mit dem Wissenschaftsjournalisten Michael Lange. Herr Lange, die Redaktion "Forschung aktuell" und Sie haben Craig Venter vor einigen Jahren schon in seinem Labor besucht. Was ist denn das jetzt für ein neues Lebewesen, das da in den USA erschaffen wurde? Wie sieht es aus?

Lange: Das ist ein ganz normales Bakterium, ein Bakterium, das auch in der Natur vorkommt. Das heißt Mycoplasma Mycoidis, befällt normalerweise Ziegen, und dieses Bakterium ist winzig klein. Man kann es nur unter dem Mikroskop sehen, auch nur unter einem sehr guten Mikroskop. Und wenn man sie im Labor züchtet, dann gibt das so kleine, typische blaue Kolonien, die jetzt in einigen Zeitungen zu sehen sind.

Schulz: Und was ist jetzt das Besondere an diesem kleinen Bakterium, das die Wissenschaftswelt ja offenbar in Aufruhr versetzt? Was ist daran denn künstlich?

J. Craig Venter: Entschlüsselt. Mein Genom, mein Leben Lange: Dieses Bakterium ist eben nicht auf normale Weise entstanden, aus einem anderen Bakterium, sondern das Erbgut der Bakterien wurde im Labor hergestellt. Das heißt, man analysiert zunächst die Reihenfolge der einzelnen Buchstaben im Erbgut - bei diesem Bakterium sind das immerhin eine Million – und setzt sie dann wieder künstlich zusammen. Das heißt, man nimmt einfach diese Basen – so nennen die Wissenschaftler das -, synthetisiert sie chemisch – mithilfe einer Hefe wird das ganze dann zu einem riesigen Bakterienchromosom, eben diesen eine Million Teilen -, und die Forscher um Craig Venter in den USA, die haben dieses künstliche Genom in ein anderes Bakterium hineinverpflanzt. Das war Mycoplasma Capricolum, so heißt es. Dieses andere Bakterium wurde dann von diesem künstlichen Genom, von diesem künstlichen Erbgut übernommen. Sie haben noch ein Wasserzeichen ins Genom gesetzt, damit konnten sie nachweisen, dass tatsächlich das künstlich zusammengesetzte Genom nun das Bakterium steuert. Ob das jetzt ein künstlicher Organismus ist, oder ein Organismus, der von einem künstlichen Erbgut gesteuert wird, das ist dann jetzt Definitionssache.

Schulz: Jetzt erreichen wir Sie heute Morgen bei der internationalen Konferenz der Genomforscher in Montpellier. Da sind ja führende Erbgutexperten aus aller Welt versammelt. Sie haben sich da bestimmt gestern schon umhören können. Wie lautet denn das Urteil der Forscher? Ist das jetzt ein Durchbruch, oder nur heiße Luft?

Lange: Alle wollten jedenfalls ganz genau wissen, wie Craig Venter in den USA das geschafft hat. Craig Venter befindet sich ja schon seit vielen Jahren in einer Art Konkurrenz mit der Organisation der Human-Genomenforscher. Er hat ja ein Rennen geliefert um das menschliche Genom. Und jetzt wollten alle unbedingt wissen, ob er es gepackt hat. Die Analyse geht eigentlich Daumen nach oben. Die Forschung sieht sehr interessant aus, sie war unheimlich aufwendig. Es war wirklich ganz schwer, dieses ganz kleine Bakterium herzustellen. Das bringt die Forscher allerdings auch dazu, dass sie ein bisschen an der Anwendbarkeit, zumindest an der schnellen Anwendbarkeit dieses Ergebnisses zweifeln. Drew Endy – das ist ein anderer Pionier dieser Forschungsrichtung; die wird synthetische Biologie genannt; zu der kann man auch Craig Venter zählen – der sagte, wir sind schon ziemlich gut im Bauen von Organismen, im Bauen von Erbgut, aber wir sind lausig schlecht, wenn es darum geht, Erbgut zu gestalten, weil wir es nicht wirklich verstehen, und da müssen wir jetzt die Lücke überspringen, nicht nur einfach zusammenbauen nach dem Vorbild der Natur – das ist wie Malen nach Zahlen, sondern wir müssen wirklich Erbgut gestalten, wenn wir wirklich diese ganzen Sachen, die wir mit Biotechnologie machen wollen, wirklich sauber machen wollen und auch verstehen, was wir da tun.

Schulz: Werden denn weitere Bakterien folgen?

Lange: Ich denke ja. Craig Venter hat sich ja vorgenommen, ein Minimalgenom zu schaffen - das ist seine Ankündigung -, also einen Organismus, der mit ganz wenig Genen auskommt, und das wäre ja dann tatsächlich ein Organismus, der vom Menschen gestaltet würde. Das ist ihm jetzt noch nicht gelungen. Er hat ja einen natürlichen Organismus nachgebaut. Er wusste genau, was er zu tun hatte, und konnte auch nicht Einfluss nehmen. Außer diesem Wasserzeichen – das sind kleine Buchstaben im Erbgut, mit denen die Forscher gewissermaßen ihren Namen ins Erbgut geschrieben haben -, außer dem ist da nichts Neues, nichts Künstliches dran. Es ist ein Nachbau der Natur und dieses Minimalgenom – das hat er sich weiter vorgenommen; er ist jetzt Anfang 60 -, also der hat noch Großes vor.

Schulz: Sie haben die Anwendung gerade schon angesprochen. Was will man denn überhaupt machen mit diesen künstlichen Bakterien?

Lange: Die Anwendungen sind eigentlich sehr vielfältig. Man kann sich fast alles vorstellen. Craig Venter hat eine Kooperation unter anderem mit Exxon, dem gewaltigen Energiekonzern, und da will man tatsächlich Algen züchten, die Öl herstellen. Man will auch andere Bakterien züchten, die CO2 aus der Luft filtern. Es gibt eine Kooperation zur Herstellung von Impfstoffen. Wenn man das Erbgut von Bakterien wirklich bestimmen kann, wenn der Mensch dem Bakterium ganz genau sagt, wie es wachsen soll, dann ist eine ganze Menge in der Biotechnologie möglich, und diese Möglichkeiten sind wirklich gewaltig. Die Frage ist nur: stehen die jetzt vor der Tür, oder ist das wirklich jetzt nur ein erster Schritt, vielleicht wie die Mondlandung damals. Das ist mit sehr viel Aufwand einmal gelungen. Vielleicht macht man es noch ein zweites und ein drittes Mal. Aber wenn es weiter so aufwendig bleibt, dann wird es nicht zur Regeltechnik und dann sind diese Anwendungen auch noch sehr weit entfernt. Das ist wie die Raumfahrt zu fernen Sternen, die steht jetzt auch nicht vor der Tür, weil wir auf den Mond gekommen sind, und so ist es hier. Es ist einmal möglich, die Wissenschaftler sind begeistert, die sagen es geht, wir versuchen es weiter, aber ob es eine Technik ist, die wirklich in vielen Labors stattfinden kann, das ist noch völlig offen.

Schulz: Der Wissenschaftsjournalist Michael Lange in den "Informationen am Morgen" hier im Deutschlandfunk. Vielen Dank nach Montpellier.

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