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StartseiteSonntagsspaziergangDer heilige Berg der Iren17.03.2013

Der heilige Berg der Iren

Hunderttausende pilgern zum "Croagh Patrick"

Der Heilige Sankt Patrick wird von den Iren verehrt. An einen mystischen Ort huldigen sie ihm: dem Croagh Patrick. Jedes Jahr pilgern Hunderttausende auf den Berg. Die atemberaubende Aussicht von der nur 800 Meter hohen Anhöhe lockt auch viele Touristen.

Von Michael Marek

Pilger auf dem Croagh Patrick in Irland (Michael Marek)
Pilger auf dem Croagh Patrick in Irland (Michael Marek)

Murrisk, im Westen Irlands: ein kleines 200-Seelen-Dörfchen, umschlungen von grüner Heide und dunkel schimmernden Seen, dazwischen torfbraune Flüsschen, und das Meer, das jedem zu blaut.

Eine friedliche Landschaft, scheinbar am Ende der Welt – oder zugleich an ihrem Anfang? Hier, in der einst bettelarmen Grafschaft Mayo, riecht man das Salz des Atlantiks. Und vor uns: der Croagh Patrick, der heilige Berg der Iren.

Wir treffen Brian Quinn vor dem Croagh Patrick Besucherzentrum. Er kennt den Berg wie kein anderer, kennt die Massenwallfahrt, wenn alljährlich am letzten Juli-Wochenende 20 bis 30.000 Pilger kommen. Quinn erzählt von der Clew Bay, die am unterhalb des Berges liegt – 365 kleine Inselchen soll es in der Bucht geben – eines für jeden Tag des Jahres.

Murrisk hat einen Pub, erzählt Quinn, einen Parkplatz, einen Campingplatz und eine Durchgangstraße. Wer hierher kommt, der will Irlands heiligen Berg besteigen. Schon von Weitem ist seine eindrucksvolle Gestalt zu erkennen: eine Kegelpyramide, geometrisch so perfekt, als sei sie von himmlischer Hand geformt worden. Der Croagh Patrick wacht über Murrisk – oder über Irland? Jedes Jahr stapfen, keuchen, torkeln Zehntausende Pilger und Wanderer auf diesen graugrünen, oben fast schwarzen Berg, manche sogar barfuß oder auf Knien, Teenager in durchweichten Turnschuhen, Frauen mit ihren Babys, alte Menschen auf Krücken. Im Besucherzentrum werden ihnen Pilgerstöcke verkauft, Medaillons, Rosenkränze, dicke Wollsocken und T-Shirts.

Keine 800 Meter ist er hoch, aber steil, mit losem Geröll an den Flanken. Vor 1500 Jahren war die Gegend noch ein Zentrum der heidnischen, der keltischen Welt. Bis der Heilige Saint Patrick, Irlands Schutzpatron, 441 nach Christus hierher kam und zu missionieren begann:
Blick auf den Croagh Patrick (Michael Marek)Blick auf den Croagh Patrick (Michael Marek)
Die Katholiken glauben, dass Saint Patrick 40 Tage lang auf dem Berg gebetet und gefastet habe, erzählt Brian Quinn, als wir auf der ersten Station zum Gipfel eine Rast einlegen. Der irische Schutzpatron brachte das Christentum auf die grüne Insel und bekehrte viele Heiden auch hier in der Region Mayo. Für die Gläubigen gibt es auf dem Weg zum Gipfel einen Steinhaufen, um den reuige Sünder sieben Mal herumgehen müssen, während sie sieben Vaterunser, sieben "Gegrüßt seiest du, Maria" und ein Glaubensbekenntnis sprechen. Ob das alle der über 100.000 Pilger und Wanderer machen, die jedes Jahr den Croagh Patrick besteigen - Brian Quinn ist sich da nicht so sicher und lächelt verschmitzt.

"Croagh Patrick ist der Berg von Patrick. Früher hieß es: Der Berg von Lugh, weil Lugh war eine keltische Gottheit, nicht nur in Irland, aber auch auf dem Festland und sein Tag ist der erste August. Er heißt Lughnasa auf Gälisch. Heutzutage gehen die Leute immer noch auf Pilgerschaft, Hunderte und Hunderte von Leute im letzten Sonntag von July."

Weiter geht es den Hang hinauf. Unterwegs treffen wir Danny Kelly. Er ist Musiker, Liedermacher, Rock 'n Roller, Poet und Spezialist für gälische Kultur. Wer drei Auf- und Abstiege am selben Tag schafft, dem würden seine Sünden erlassen, heißt es im Volksmund. Modernen Ablasshandel nennt das Kelly:

"Und man sollte eigentlich einen Ballintubber an die Kirche von Ballintubber anfangen. Ballintubber bedeutet auf Gälisch Brunnen. Bei der Kirche gibt es alte druidische Steine. Und man sollte zu Fuß gehen bis Croagh Patrick. Und wenn man hier schaut, und man schaut den Berg hoch, wenn man die Augen leicht zu macht, dann kann man sehen, die Leute vor 1000 oder 2000 Jahren, die da zu Fuß oder barfuß hochgehen, um ihre negative Energie loszuwerden und um neue Energie positive Karma zu holen. Man sollte auch einen Stein mittragen. In den Stein wird dann die negative Energie gespeichert. Man sollte den Stein da oben lassen, und man kommt dann frei runter – ein neuer Mensch."

Über moosige Pfade geht der Aufstieg, gespenstische Wolkenfetzen wabern über die höher liegenden Felsenflanken – wie Mondkrater liegen sie da. Früher standen entlang des Weges noch Kioske, in denen Getränke, Suppen und religiöser Nippes verkauft wurden. Familien aus Murrisk betrieben die Stände, um die Pilger körperlich-seelisch zu stärken und die eigene Haushaltskasse aufzubessern. Sogar Nachtwanderungen gab es. Aber das ist längst vorbei – aus Sicherheitsgründen, wie es heißt. Um die nichtkatholischen Aktivitäten rings um die Wallfahrt einzudämmen, wurde die Pilgerwanderung kurzerhand auf den Tag verschoben. Und weil es in Irland mit den Heiligen und Heiden öfters mal ein Kreuz war und ist, gibt es auch über den Croagh Patrick oder The Reek, wie er hier genannt wird, so manche Anekdote zu erzählen.

Jerry Greensmith ist Bergführer, und er hat den Croagh Patrick nach vorchristlichen, keltischen Spuren durchforscht. Jerry kennt viele Geschichten über die Gegend. Im 19. Jahrhundert habe auf dem Berg ein Typ gelebt, den sie "Bob of the reek" nannten. Bob kam nur herunter, wenn er sich als vermeintlicher Fremdführer betätigen wollte. In Campbells Bar saßen Leute, die körperlich nicht mehr in der Lage waren, den Berg zu besteigen oder sowieso lieber im Pub herumlungerten, um sich nicht hinaufzuquälen. Also übernahm Bob - natürlich gegen Bezahlung - die Pilgerschaft für sie. Deshalb wurde er auf dem Gipfel beerdigt. Ein Grab mit der Aufschrift "Bobby, the reek" beweist bis heute sein Wirken in den Fußstapfen Saint Patricks. Wer dort hinauf will, muss früh aufstehen. Vier Stunden braucht man bis zum Gipfel über das Mondgeröll. Aber der Ausblick über die Clew Bay entschädigt für die Mühsal des Aufstiegs.

Im unteren Teil führt der Pfad neben einem Bachbett, und eine Weile fließt sogar auch ein Rinnsal entlang des Weges. Doch dann führt er steil in die Höhe. Etwas mehr als eine Stunde braucht der durchschnittlicher Kletterer, um den Grat östlich des Gipfels zu erreichen. Von hier geht der Blick über die Clew Bay ins Landesinnere hinunter in den Lug-na-nDeamhan, die Höhle der Dämonen. Unterwegs treffen wir Wanderer, die zum Verschnaufen eine Rast einlegen.

Mary und Bernie Lawrence kommen aus der Gegend. Sie wollen den Berg in einer Woche sieben Mal besteigen – aus Wohltätigkeitsgründen, für die Irische Autisten-Gesellschaft, wie die beiden sagen. Heute sind sie nur zum Üben hergekommen. Hier draußen, in der Natur, fühlen sie sich am Wohlsten, und es heißt, wenn man den Berg dreimal hintereinander bestiegen habe, dann würde eine Seele in den Himmel kommen. Man müsse nur an sie denken. Das sei eine alte irische Tradition hier am Croagh Patrick, sagt Bernie.

Bergführer Jerry Greensmith hat schon viele Seelen in den Himmel gebracht. Über 300 Mal ist er auf dem Gipfel gewesen. Und er habe so manchen Pilger getroffen, der schlecht ausgerüstet war, erzählt Jerry. Dabei kann das Wetter von dem einen auf den anderen Moment wechseln. Sonne, Schnee und Nebel – selbst im Sommer ist das möglich. Immer wieder überschätzen sich Wanderer, 765 Meter - das scheint doch keine Herausforderung zu sein. Doch der Berg hat es in sich.

Als der Heilige Saint Patrick den Berg 441 nach Christus den Berg bestiegen haben soll, habe Irland unter einer dreifachen Plage gelitten, erzählt Jerry: einer Masse von Zauberern, Myriaden von Dämonen und einer Unzahl giftiger Reptilien. Der fromme Patrick kämpfte mit Gebeten und Andacht gegen die Peiniger, läutete seine Glocke – die heute im National Museum in Dublin zu sehen ist – so oft, dass sie schwarz wurde, und befreite sich zum Schluss, indem er die bösen Geister mit seinem Stab so wuchtig in den Abgrund bannte, dass dort ein See entsprang. Deshalb gibt es, so der Volksmund, bis heute in Irland keine Schlangen.

432 nach Christus kam der Heilige Saint Patrick nach Irland, erzählt Jerry, und wurde zum irischen Schutzpatron. Der häufigste Name auf der grünen Insel ist noch immer Patrick oder Paddy. Saint Patrick gründete Kirchen, Klöster und Schulen und wurde schließlich Bischof. Aus den heidnischen Kelten machte er gläubige Katholiken. Wer barfuß den Berg ersteigen würde, der hätte eine Chance in den Himmel zu kommt, meint Jerry und lacht verschmitzt.

Die letzten 250 Höhenmeter bis zum Gipfel sind die steilsten des ganzen Pfades. Ein holpriger, rutschiger Untergrund voller Geröll. Steinbrocken kommen jedem polternd entgegen. Keine Serpentine, die Erleichterung verschafft, es geht einfach nur steil und fast schnurgerade bergauf. Schließlich ist der Weg zum Croagh Patrick nicht als fröhliches Freizeitwandern gedacht, sondern ein Pilgerpfad, ein Büßerweg hinauf zur Kapelle des Heiligen Saint Patrick.
Weg auf dem Croagh Patrick (Michael Marek)Weg auf dem Croagh Patrick (Michael Marek)
Oben, auf dem Gipfel angekommen, pfeift einem der Wind um die Ohren. Viele wollen hinauf auf den Gipfel, wo eine kleine weiß gestrichene Kapelle steht – sonst nichts. 1905 wurde sie geweiht. Seitdem werden dort Gottesdienste für die Pilger abgehalten. Im Innern befindet sich ein Stein, auf dem Saint Patrick so lange im Gebet verharrt haben soll, bis seine Knie einen Abdruck hinterließen. Die besonders Eifrigen gehen 15 Mal um die Kapelle herum, beten 15 Vaterunser und "Gegrüßt seiest du, Maria". Der 360-Grad-Blick ist fantastisch: Unten liegen Torfmoore, Weiden, Hecken und Steinwälle, die das Land geometrisch gliedern. Grün so weit das Auge reicht, dazwischen weiße Tupfer, die durch das Fernglas betrachtet sich als Schafherden herausstellen. Die wenigen Waldflecken bieten einen schönen Kontrast zur welligen Gegend - irische Bilderbuchlandschaft.

Zurück in Murrisk treffen wir in Campbells Pub Mick Maye, der 78-Jährige ist Heimathistoriker und kennt sich aus in der irischen Geschichte, vor allem hier in der Grafschaft Mayo.

Hier, im Westen von Irland, wird noch immer Gälisch gesprochen: Die Straßenschilder und Wegweiser sehen aus wie unlösbare, fremdartige Kreuzworträtsel. Aus den gälischen Namen kann man historische Begebenheiten herauslesen, die Namen von Heiligen, keltischen Gottheiten und Landschaftsbeschreibungen, erklärt uns Mick.

Im Pub wird diskutiert, gesungen, Fernsehen geschaut. Es gibt Guinness, Apple Cider oder den starken irischen Tee, der so dunkel ist wie das Torfmoor. Es geht ausgelassen zu, während Mick mit wenigen Gesten spricht, zuvorkommend und freundlich, in zerbeulter Jacke, blauem Pullover und mit schütterem, weißem Haar. Korpulent ist er und noch immer mit wachem Blick, als er von seinen Erinnerungen berichtet an die harte Jugend in 1930er und 1940er-Jahren.

Seine Generation war geprägt von Hunger und Armut. Schon als kleine Kinder musste er auf dem Hof mithelfen, Hühner und Schweine waren zu füttern, Kühe zu melken, das Torf zu stechen. Damals gingen er und seine Geschwister noch barfuß zur Schule, und sie verletzten sich immer, wenn sie auf etwas Spitzes traten.

Aber es gab ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Die Nachbarn hätten sich untereinander immer geholfen. Bis zu seinem 18. Lebensjahr kannte Mick Maye keinen Strom – erst Anfang der 1950er-Jahre, wenige Jahre, bevor Heinrich Böll hierher kam, gab es elektrisches Licht. Er und seine sieben Geschwister, "wir haben immer beste Biokost gegessen, auch wenn wir das gar nicht wussten", erzählt Mick mit einem Lächeln, wenn er über die Kartoffeln und das Gemüse aus dem eigenen Garten spricht. Viel gab es nicht zu essen. Sein ganzes Leben hat er hier verbracht, hat gearbeitet in einem längst stillgelegten Sägewerk.

Mick erzählt von den irischen Auswanderungswellen nach der großen Hungersnot, die Landstriche wie Mayo nahezu entvölkert zurückließen. Heute steht hier in Murrisk, am Fuße des Croagh Patrick, das National Famine Memorial: Das Denkmal erinnert an die große Hungersnot in Irland Mitte des 19. Jahrhunderts. Über eine Million Menschen starben damals, 1,5 Millionen Iren wanderten nach Nordamerika und Australien aus oder versuchten ihr Glück in den englischen Industriezentren.

Tanya Jordan ist ein Multitalent: Die Mittvierzigerin spricht fließend mehrere Sprachen, ist Reiseführerin - und Sängerin:

"'Kilkelly' – das Lied ist aus der Zeit der Hungernotperiode, bzw. danach; 1845 bis 1848 war die große Hungernot in Irland, wo die Kartoffelernte durch eine Fäule zerstört wurde und die Folgen davon waren Auswanderung, und dieses Lied erzählt die Geschichte von einem Ausgewanderten, County Mayo, der in die USA ausgewandert ist, und sein Vater, der ihm immer wieder die Briefe schreibt und immer wieder vom Geschehen zu Hause in Irland berichtet, und dann immer wieder hört, wie es dem Sohn so geht, weil es keine Verbindung gab, außer Briefkontakt. Und die Ausgewanderten kamen nieder wieder zurück, weil das eine neue Reise war und ein totaler Neuanfang in der Neuen Welt … Bis in die Mitte der 1990er-Jahre war es gang und gäbe, dass in der Familie, von den Kindern, 5,6 im Ausland sein können. So kenne ich es auch von meiner irischen Familie, aber in den vergangenen Jahrhunderten war das noch viel extremer."

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