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StartseiteKalenderblattDer Karl May Italiens25.04.2011

Der Karl May Italiens

Vor 100 Jahren verstarb der italienische Dichter Emilio Salgari

Che Guevera hat ihn geliebt und 62 Romane von ihm verschlungen, Umberto Eco hat für viel Geld Erstausgaben erworben und die Fluggesellschaft Alitalia hat gerade einen Airbus nach ihm benannt: Emilio Salgari, Abenteuerschriftsteller, Vielschreiber und der erfolgreichste italienische Autor der Jahrhundertwende. Am 25. April 1911 verstarb er.

Von Maike Albath

Sanokan und seine Heldentaten sind beliebte Abenteuergeschichten. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Sanokan und seine Heldentaten sind beliebte Abenteuergeschichten. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

"Eine kraftvolle Stimme erscholl durch Dunkelheit und Wogengebraus. Sie rief einem auf den Wellen schaukelnden und sich mühsam vorwärts bewegenden Boot ein drohendes 'Halt' zu. Die zwei Seeleute darin zogen die Ruder ein und schauten besorgt auf den riesigen Schiffsschatten, der urplötzlich aus den Fluten vor ihnen aufgetaucht war."

So tritt er auf, der schwarze Korsar, eine der berühmtesten Gestalten der italienischen Literatur. Erfunden hat ihn der Schriftsteller Emilio Salgari. Am 21. August 1862 als Sohn eines Stoffhändlers in Verona geboren, begeisterte sich Emilio früh für die See und ging auf das Königlich-Nautische Institut in Venedig, wo er allerdings kläglich scheiterte. Drei Monate lang heuerte er auf einem Frachtschiff an, kam aber nur bis Dalmatien. Mehr von der Welt sah er nie. Umso exotischer, fantastischer und mitreißender fielen seine Abenteuergeschichten aus, die er in Fortsetzungen für Jugendzeitschriften verfasste.

Zitat aus "Die Tiger von Mompracem": "Der Tiger setzte zum Sprung an, um sich auf die Jäger zu stürzen, aber Sandokan war da. Mit einem Säbel bewaffnet, stürzte er sich auf die Bestie, und bevor sich der Tiger, überrascht von Sandokans Kühnheit, verteidigen konnte, drückte er ihn zu Boden und setzte ihm die Waffe an den Hals. 'Sieh' mich an', sagte er, 'auch ich bin ein Tiger.' Dann stach er schnell mit der glänzenden Klinge ins Herz des stolzen Tieres, das wie vom Blitz getroffen niedersank. Ein lautes Urraahhh begleitete die Attacke."

Die jungen Leser liebten Salgaris Helden, die Sandokan oder Der Löwe von Damaskus hießen, sich am Kap Horn, auf Madagaskar, in Ägypten und Indien bewähren mussten, die Unterdrückten verteidigten und für Freundschaft, Ehre und Gerechtigkeit eintraten. In atemberaubendem Tempo folgt Abenteuer auf Abenteuer, die Dialoge sind knapp, die Sprache bildhaft. Unterdessen hatte Emilio Salgari die Laienschauspielerin Ida Peruzzi geheiratet, war nach Turin übergesiedelt und Familienvater geworden. Den Geschäftsverhandlungen mit seinen Verlegern war der Schriftsteller, der einen perfekt gezwirbelten Schnurrbart trug und nie ohne einen eleganten Strohhut aus dem Haus ging, gar nicht gewachsen. Er wurde nach Strich und Faden ausgenommen:

"Der Beruf des Schriftstellers sollte voller moralischer und materieller Befriedigungen sein. Ich bin stattdessen viele Tag- und Nachtstunden an meinen Schreibtisch gefesselt. Meine Ruhezeiten verbringe ich in der Bibliothek, um Quellen zu studieren. Ich muss mit Volldampf Seite um Seite füllen und sofort an den Verleger schicken, ohne jemals Zeit zu haben, sie erneut zu lesen und zu korrigieren."

Vier Bücher pro Jahr verlangte ihm sein genuesischer Verleger ab – das hieß drei Seiten pro Tag, Sonntage inbegriffen. Achtzig Romane und über 200 Erzählungen entstanden auf diese Weise. Italiens koloniale Eroberungszüge waren gescheitert, Geschichten aus fernen Weltgegenden dienten als Ersatz. Salgari avancierte zum italienischen Karl May, viele seiner Romane wurden verfilmt. Doch so berühmt Emilio Salgari als Schriftsteller war, so schwierig gestaltete sich sein Alltagsleben. Zu den permanenten Geldnöten kam die Sorge um seine Frau hinzu, die 1910 ins Irrenhaus eingeliefert wurde. Als Emilio Salgari außerdem langsam erblindete, versuchte er, sich mit einem Degen aufzuspießen. Am 25. April 1911 legte er drei Briefe auf den Tisch und verließ das Haus mit einem Rasiermesser in der Tasche. An seine Verleger schrieb er:

"Euch, die Ihr Euch durch meine Haut bereichert und mich und meine Familie beständig in Elend oder Schlimmerem gehalten habt, bitte ich nur, zum Ausgleich für die hohen Verdienste, zu denen ich Euch verhalf, für meine Beerdigung zu sorgen. Ich grüße Euch und zerbreche meinen Füllfederhalter."

Emilio Salgari ging in ein Wäldchen außerhalb der Stadt, richtete die Augen auf die aufgehende Sonne und schnitt sich die Kehle durch – ein Harakiri, wie er ihn in seinen Romanen oft beschrieben hatte. Sandokan und der schwarze Korsar leben bis heute.

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