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StartseiteBüchermarktDer Kavalier im Louvre. Vivant Denon10.01.2001

Der Kavalier im Louvre. Vivant Denon

Aus dem Französischen von Hans Thil,

Wer heute den Louvre und damit das größte Museum der Welt betritt, tut das in der Regel durch die Glaspyramide des chinesisch-amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei, die 1989 zur Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution fertiggestellt wurde. Nur wenigen Besuchern dürfte dabei bewußt sein, daß die Pyramide, eines der großen Bauprojekte der Mitterand-Ära, auf einen Mann verweist, ohne den es den Louvre so nicht gegeben hätte: auf den burgundischen Edelmann Vivant Denon. Denon war schon über fünfzig, als er Napoleon auf seinem Ägypten-Feldzug begleitete. Er hatte als Diplomat in Neapel und Sankt Petersburg gelebt, war in Venedig als Zeichner und Kupferstecher hervorgetreten, er hatte sich als Sammler und Kunsthändler betätigt und in seiner Jugend anonym eine bis heute berühmte Novelle verfaßt. Manches in seiner Biographie bleibt vieldeutig oder unbestimmt: Mehrmals betätigte er sich als Agent oder wurde von der jeweiligen Gegenseite verdächtigt, einer zu sein. In venezianischen Archiven finden sich Berichte über Observationen bei Herrn Denon, und seine plötzliche Ausweisung aus Sankt Petersburg im Mai 1774 scheint mit einer geheimen Staatsaffäre zusammenhängen. Man hielt ihn für einen Libertin und Frauen-helden, aber man weiß nichts über die Affären des Mannes, der einmal sagte: "Ich habe nie geheiratet, und ich lebe zufrieden in meiner Freiheit."

Gernot Krämer

Im Juni 1798 bricht Vivant Denon mit Napoleons Flotte nach Ägypten auf. Er gehört zu den rund 200 Gelehrten und Künstlern, die den Feldzug begleiten, und hat den Auftrag, ihn zeichnerisch zu dokumentieren. Zwei Jahre nach seiner Rückkehr ernennt ihn Napoleon zum Generaldirektor der Museen. In dieser Funktion öffnet er die Sammlungen des Louvre für das Publikum und sorgt für eine kaum zu übersehende Erweiterung und Umgestaltung des vorübergehend in "Musée Napoléon" umbenannten Hauses. Die Kehrseite der Medaille ist, daß es sich bei den Neuerwerbungen zum größten Teil um "Beutekunst" handelt, die in den besetzten Ländern entweder geraubt oder unter höchst zweifelhaften Bedingungen angeschafft wird. Mit dem Sturz Napoleons erzwingen die Sieger die Herausgabe fast aller geraubten Kunstwerke. Vivant Denon kämpft um jedes Stück. Mit dem letzten Bild, das den Louvre verläßt, reicht er seinen Abschied ein.

Bis zu seinem Tod im April 1825 lebt er in seinem Haus am Quai Voltaire und kümmert sich um seine private Sammlung, die neben berühmten Gemälden auch Kuriositäten enthält, wie Knochensplitter von Molière und La Fontaine, einen Teil des Schnurrbarts von Heinrich IV. und ein Blatt von der Weide, unter der Napoleon auf Sankt Helena ruht.

Das Leben Denons böte mit seiner Vielzahl abenteuerlicher Episoden und unaufgeklärter Einzelheiten Stoff genug für einen Roman oder eine mit Spannung zu lesende Bio-graphie. Davon kann bei dem Buch, das Philippe Sollers unter dem Titel "Der Kavalier im Louvre" veröffentlicht hat, keine Rede sein. Der prominenteste Intellektuelle Frankreichs, einst Vordenker des Poststrukturalismus und Herausgeber der maßstabsetzenden Zeitschriften "Tel Quel" und "L'Infini", ist heute ein Fernsehstar, der regelmäßig in Talkshows gastiert, zu allen erdenklichen Themen Gehör findet und auch schriftstellerisch nach wie vor ungemein produktiv ist.

Die Gedankenarmut seines Buches über Vivant Denon straft den äußeren Umfang Lügen: Die Substanz der knapp 300 Seiten ent-spricht der eines achtzigseitigen Essays, und es ist schwer zu erklären, womit er den Rest füllt. Sollers plappert sich um Kopf und Kragen, packt AIDS und '68, Cézanne und den Völkermord in Ruanda in den Text. Besonders gern spricht er über seine eigenen Bücher. Man würde ihm folgen, wenn es ihm gelänge, Verbindungen - und seien sie noch so spärlich aufzuzeigen. Aber Sollers wechselt sofort das Thema, kaum daß etwas zur Sprache gekommen ist. Bedeutungsschwangere Hyperbeln suggerieren Zusammenhänge, auf deren Ausführung der Autor verzichtet. Daß Denon Malta besucht hat, genügt ihm als Anlaß, zwei Briefe Rimbauds aus Zypern abzudrucken. Immerhin: beides Inseln im Mittelmeer. Die Tatsache, daß Denons Vater den gleichen Vornamen trug, inspiriert ihn zu dem Satz: "Wir befinden uns in der Zeit der guten Väter." Die sorglose Geschwätzigkeit des Verfassers ist umso schwerer zu ertragen, als man in ihr ein Konzept, nämlich die Ausdrucksweise eines freien Geistes erblicken soll: "Sage mir, wie du es verstehst, von einer Vorstellung zur anderen zu gleiten," schreibt er, "und ich sage dir, ob du wirklich frei im Denken bist." Sollers' Masche, immer nach dem zu fragen, womit er als nächstes aufwarten will, wirkt sich auf den Lesegenuß schon nach wenigen Seiten lähmend aus. Geradezu zum Lachen aber reizt seine Marotte, die Erzählung mit aufmunternden Zurufen, wie "Sieh mal an!", "Pst!" oder gar "Achtung, Gefahr!" zu begleiten. Man wähnt sich ins Kasperletheater versetzt.

Das populärste Stück aus dem schmalen Oeuvre Vivant Denons ist seit jeher die Novelle "Nur eine Nacht". Der Legende nach verdankt sie sich einer Wette: nämlich ob es möglich sei, eine erotische Erzählung ohne ein obszönes Wort zu schreiben. Louis Malle hat nach dieser Vorlage den Film "Les Amants" gedreht, Milan Kundera hat sie zum Mittelpunkt seines wunderbaren Romans "Die Langsamkeit" gemacht. Kundera und Sollers müssen parallel an ihren Büchern gearbeitet haben, die beide 1995 erschienen und im Original Französisch sind. In Kunderas Roman ist Sollers in der Gestalt des eitlen, oberflächlichen und stets nach den Medien schielenden Intellektuellen Berck zu erkennen. Sollers wiederum kann es sich nicht verkneifen, die rhetorischen Fragen, mit denen Kundera seine Leser, ganz im Geiste Denons, in eine bezaubernde Ungewißheit versetzt, zu kommentieren und zu beantworten. - Wodurch? - Indem er den Kollegen auffordert, seine Bücher zu lesen: "Lieber Milan, um Dich zu überzeugen, werde ich Dir eine gewisse Anzahl meiner Romane schicken (denn Du hattest nie die Zeit, sie zu lesen, wie übrigens auch die Mehrzahl meiner Angehörigen oder Freunde)." Der Drohung folgt noch die Versicherung: "Die Antwort auf Deine Frage habe ich bereits formuliert."

Es ist genau diese Überdosis von Rechthaberei und Selbstbespiegelung im Verein mit literarischer Inkontinenz und einem wirklich lausigen Stil, die den "Kavalier im Louvre" zum reizlosesten Buch macht, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Das ist schade für Vivant Denon, der einen besseren Nachruf verdient hätte. Aber hat er nicht selbst dafür gesorgt? Seine wunderbare Erzählung Nur eine Nacht ist es, die man nicht genug empfehlen kann.

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