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StartseiteKalenderblattDer König der Tiere14.04.2013

Der König der Tiere

100. Todestag des Zoodirektors Carl Hagenbeck

Carl Hagenbeck gilt als Erfinder des modernen Zoos. Sein Tierpark gehört seit mehr als 100 Jahren zu Hamburgs Attraktionen - keine Gitter, sondern Wassergräben trennen hier Mensch und Tier. Ohne Schulbildung, als Sohn eines Fischhändlers aus St. Pauli mauserte sich Carl Hagenbeck zu einem der renommiertesten, aber auch umstrittensten Zoodirektoren Europas im 20. Jahrhundert.

Von Regina Kusch

Das Eismeer-Panorama in Hagenbecks Tierpark auf einem Archivbild, aufgenommen im Jahr 1925. (AP)
Das Eismeer-Panorama in Hagenbecks Tierpark auf einem Archivbild, aufgenommen im Jahr 1925. (AP)
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Raubtiere gucken ohne Gitter

"Mich hat an Carl Hagenbeck fasziniert, dass er doch aus kleinen Verhältnissen kommt. Er hatte keinerlei Vorbilder, er hat nirgendwo gelernt, sondern all dieses Learning by Doing war das. Und dann schließlich als preußischer Kommerzienrat von Kaiser Wilhelm II. sozusagen geadelt."

Der Journalist und Hagenbeck-Biograf Haug von Kuenheim charakterisiert den Hamburger Zoodirektor als stets innovativen und renditebewussten Unternehmer. 1848 geboren, führte Carl mit nur vier Jahren im Fischladen seines Vaters interessierten Kunden für einen Schilling sechs Seehunde vor, die, von Elbfischern mitgebracht, in einem Holzbottich im Hinterzimmer planschten. Mit 15 hatte er das väterliche Geschäft übernommen und zu einem gut florierenden Menageriehandel ausgebaut. Hagenbeck schickte Tierfänger in alle Kontinente, um Jungtiere zu besorgen, die er dann an Zoos in ganz Europa verkaufte. Mit 30 eröffnete er seinen eigenen Tierpark, der bald Ströme von Besuchern anlockte. Carl Zuckmayer schrieb fasziniert:

"Hagenbeck ist kein Eigenname, sondern wie Alaska oder der Wilde Westen Ausdruck für ein unerforschtes, geheimnisvolles Land, in das man sich sehnt."

Hagenbeck ließ nicht nur exotische Tiere nach Hamburg bringen, sondern auch Menschen aus entlegenen Erdteilen, um in seinem Tierpark ganze Eingeborenendörfer aufzubauen. In sogenannten Völkerschauen wollte er seinem Publikum fremde Lebensweisen vorführen. Schon die ersten sechs Lappländer lockten 1874 massenhaft Schaulustige an. Die ergötzten sich daran, wie die Männer Rentiere mit Lassos fingen und eine junge Mutter auf offener Bühne ihr Baby stillte. Auch führende Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts zeigten sich begeistert.

Rudolf Virchow: "Diese Menschenvorführungen sind sehr interessant für jeden, der sich einigermaßen klar werden will über die Stellung, welche der Mensch überhaupt in der Natur einnimmt, und über die Entwicklung, welche das Menschengeschlecht durchmessen hat."

Der Berliner Mediziner und Anthropologe Rudolf Virchow nutzte jede Gelegenheit, Hagenbecks sogenannte Wilde gründlich zu vermessen und wissenschaftlich zu untersuchen. Kritiker, die sich dagegen aussprachen, Menschen wie Zootiere auszustellen, tat er als Ignoranten ab. Hagenbeck glaubte, er sei ein Menschenfreund, weil er den zur Schau Gestellten Geld zahlte. Die aber sahen ihre Heimat oft nie wieder. Die medizinische Versorgung war so schlecht, dass zum Beispiel eine ganze Inuit-Dorfgemeinschaft an Pocken starb, weil man einfach vergessen hatte, sie zu impfen.

Die Völkerschauen wurden erst 1931 abgeschafft, allerdings waren sie wohl nie die Hauptattraktion bei Hagenbeck, sondern das waren die Tiere. Prominente aus aller Welt kamen in seinen Zoo: Der amerikanische Erfinder Thomas Edison ließ sich mit einem Nilpferd fotografieren, Wilhelm II. kaufte Straußenfedern für seine Prinzessinnen, Enrico Caruso ließ sich zu einem Lied inspirieren und der Hamburger Volksmund sang bald Richard Germers Gassenhauer "Geh'n wir mal zu Hagenbeck":

Geh'n wir mal zu Hagenbeck
Weltbekannt hier auf der Erde
Überall auf jedem Fleck
Bei der kleinsten Affenherde
Ist der Name Hagenbeck.
Er holt Löwen, Panther, Rinder
Aus dem tiefsten Urwald raus


Als er 1907 seinen Tierpark auf ein größeres Gelände vor den Toren der Stadt verlegte, erfand Hagenbeck die gitterlosen Freigehege. Aus Holz, Metall und Zement ließ er Wüsten-, Dschungel- oder Eislandschaften nachbauen. Die Tageszeitung "Hamburger Fremdenblatt" feierte dieses Konzept als "Tierpark der Zukunft".

"Durch eine genial ersonnene, ganz sichere Vorrichtung, durch Wassergräben, die mit Pflanzenarrangements kaschiert sind, ist das Publikum von den Tieren getrennt. Fürs Auge aber bauen sich die wundervollen Tierpanoramen frei auf, und die Tiere selbst sind, soweit es überhaupt möglich ist, der Natur zurückgegeben."

Viele Direktoren staatlicher Zoos, neideten Hagenbeck die Besucherrekorde, die er mit seinen modernen Tierinszenierungen erzielte. Sie zweifelten einerseits die fachliche Qualifikation des Autodidakten an und ahmten andererseits seine Präsentation einer scheinbar authentischen Wildnis nach. Er selbst trieb seine Freude an Tiervorführungen mit einem eigenen Zirkus auf die Spitze, in dem er Löwen auf Pferden reiten ließ.

Am 14. April 1913 starb Carl Hagenbeck mit 68 Jahren an den Folgen eines Nierenleidens. Sein Zirkus wurde 1953 geschlossen, sein Tierpark aber wird heute in sechster Generation als Familienunternehmen weitergeführt.

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