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StartseiteInterviewHistorikerin: Eine Lösung wäre möglich10.06.2019

Der Kosovokrieg und seine FolgenHistorikerin: Eine Lösung wäre möglich

Vor 20 Jahren endete der Krieg im Kosovo. Das Verhältnis zum einstigen Kriegsgegner Serbien ist jedoch noch immer angespannt. Eine Stabilisierung des Verhältnisses sei aber jederzeit möglich, wenn der politische Wille dafür bestünde, sagte die Historikerin Marie-Janine Calic im Dlf.

Marie-Janine Calic im Gespräch mit Michael Köhler

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Flagge Kosovo (picture-alliance/ dpa / Matthias Schrader)
Die Flagge der Republik Kosovo. Dass Serbien Kosovo nicht als Staat anerkennen wolle, habe mit dem Bemühen zu tun, praktische Interessen durchzusetzen und weniger damit, dass Serbien Kosovo wieder anschließen wollte, meint Calic. (picture-alliance/ dpa / Matthias Schrader)
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Im Kosovo gebe es Anzeichen einer Entspannung, insbesondere die Sicherheitslage habe sich stark verbessert, sagte Marie-Janine Calic im Dlf. "Die Menschen können sich frei bewegen im Kosovo. Hinter den Kulissen sieht es natürlich ganz anders aus und die Beziehungen zwischen Serben und Albanern, sowohl im Kosovo als auch die zwischen Serbien und Kosovo auf Regierungsebene befinden sich eigentlich auf einen neuerlichen Tiefstand", ergänzte die Professorin für Südosteuropäische Geschichte. 

Serben sehen Kosovo als Wiege der serbischen Nation

Serbien erhebe emotional immer noch Anspruch auf die Region, denn Kosovo sei, was man als Wiege der serbischen Nation bezeichnet. "Dort wurde im Mittelalter die orthodoxe Kirche gegründet, dort befinden sich viele wichtige Kulturgüter und es leben auch immer noch 120.000 Serben im Kosovo. Insofern ist es für Serbien nicht ganz leicht aufzugeben."

Aber Serbiens Präsident Aleksandar Vucic habe in letzter Zeit immer wieder erklärt, dass das Kosovo praktisch politisch verloren ist für Serbien und dass man sich damit abfinden muss. "Wenn Serbien jetzt die Position aufrecht erhält, Kosovo nicht als Staat anzuerkennen, dann verbirgt sich dahinter auch Drohpotenzial und auch ganz konkrete Forderungen in Bezug auf die Verbesserung der Lage der Serben im Kosovo. Es hat also sehr viel mit Symbolpolitik zu tun und dem Bemühen, praktische Interessen durchzusetzen und weniger damit, dass Serbien jetzt dieses Kosovo unbedingt wieder anschließen wollte."

Akteure von Außen versuchen ihre Interessen durchzusetzen

Es sei momentan so, dass die Schwäche der Europäischen Union dazu führt, dass alle möglichen Akteure von Außen versuchen, unterschiedliche Interessen im Kosovo und im westlichen Balkan durchzusetzen. "Da ist zuallererst Russland, das keine unmittelbaren strategischen und wirtschaftlichen Interessen im Kosovo hat, das aber den Kosovokonflikt benutzt, um eine Drohkulisse aufzubauen gegenüber dem Westen, und um sich als Spieler auf der internationalen Bühne zu profilieren und zu zeigen, dass ohne Russland kein Konflikt gelöst werden kann und dass, wenn Russland das will, Konflikte auch langfristig auf der Tagesordnung bleiben", so Calic.

Außerdem habe man in letzter Zeit gesehen, dass sich die islamischen Staaten, die Türkei aber auch Saudi-Arabien und andere engagierten, um über die Re-Islamisierung politischen Einfluss zu gewinnen. Auch die Chinesen versuchten handelspolitisch mit großen Infrastrukturprojekten in der ganzen Westbalkanregion einen Fuß in die Tür zu bekommen.

Vorbild deutsch-deutscher Grundlagenvertrag?

Sie sei der festen Überzeugung, dass eine Stabilisierung und Lösung jederzeit möglich wäre, wenn der politische Wille dafür bestünde, sagte Calic. "Das betrifft vor allem die praktischen Probleme, die man über Freihandelsabkommen, über den kleinen Grenzverkehr, doppelte Staatsbürgerschaft und so weiter lösen könnte. Auch die Statusfrage, die ja immer noch nicht ganz vom Tisch ist, könnte man lösen, zum Beispiel nach dem Vorbild des deutsch-deutschen Grundlagenvertrages. Das würde bedeuten, dass Serbien Kosovo faktisch anerkennt und dass man auf dieser Grundlage gute nachbarschaftliche Beziehunge aufbaut."

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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