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StartseiteAus Religion und GesellschaftEine heilige Pflicht14.07.2021

Der Krankenbesuch im JudentumEine heilige Pflicht

Zahllose Menschen sind während der Corona-Pandemie einsam gestorben. Besuch war nicht möglich. Das hat vielen die Zerbrechlichkeit des Lebens vor Augen geführt - aber auch die Bedeutung des Krankenbesuchs. Der spielt in der jüdischen Tradition eine zentrale Rolle: Er ist ein religiöses Gebot.

Von Tobias Kühn

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Symbolfoto: Eine weibliche Patientin im Krankenhausbett, rechts Besucher am Bett, links ein Arzt. Die Patientin lacht. (IMAGO / Westend61)
Kranke zu besuchen ist im Judentum ein religiöses Gebot, eine Mizwa (IMAGO / Westend61)
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"Jeder ist verpflichtet, das Gebot zu erfüllen, Kranke zu besuchen. (…) Wer einen Kranken besucht, nimmt ihm einen Teil seiner Krankheit und mildert dessen Leiden."

So der Philosoph und Arzt Moses Maimonides im 12. Jahrhundert.

"Ich sein bedeutet, sich der Verantwortung nicht entziehen zu können, wie wenn das ganze Gebäude der Schöpfung auf meinen Schultern ruhte. (…) Die Sorge für den anderen siegt über die Sorge um sich selbst. Genau das ist es, was ich ‚Heiligkeit‘ nenne."

So der Philosoph Emmanuel Lévinas im 20. Jahrhundert.

Krankenbesuch als religiöses Gebot

In den vergangenen drei Jahrtausenden ist im Judentum eine besondere Kultur des mitmenschlichen Umgangs entstanden: Alte, Kranke und Gebrechliche sollen nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Dies gründet sich vor allem auf zwei Sätze in der Tora. Der eine Satz bezieht sich auf Gott:

"Er erschuf den Menschen nach seinem Bild."

Der andere Satz bezieht sich auf den Mitmenschen:

"Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."

Diese beiden Maximen führen dazu, die Würde des anderen zu erkennen und in ihm den Menschen zu sehen, der einen göttlichen Funken in sich trägt. Dies bedeutet in der Praxis, dass Kranke und Alte besucht werden sollen. Während die katholische Pflege traditionell auf der Caritas, der Barmherzigkeit, basiert und die evangelische Pflege auf der Diakonie, dem Dienst am Menschen, umfasst die religiös-kulturelle Dimension der jüdischen Pflege den Krankenbesuch – hebräisch: Bikkur Cholim. Der Erfurter Rabbiner Alexander Nachama betont, dass Kranke zu besuchen im Judentum ein religiöses Gebot ist, eine Mizwa:

"Mizwa – das darf man nicht vergessen – ist nicht nur eine gute Tat, das ist nicht fakultativ, sondern obligatorisch. Mizwot sind etwas Verpflichtendes. Und insofern: Wenn man im Bekanntenkreis jemanden hat, der krank ist, dann sollte man wirklich auch versuchen, diese Person zu besuchen und nicht sagen: Das ist schade, dass der krank ist – sondern auch tatsächlich etwas machen für diese Person."

Alexander Nachama, Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen (Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa)Alexander Nachama, Rabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen (Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa)

In Zeiten der Corona-Pandemie war dies jedoch äußerst schwierig. Über Wochen waren Krankenbesuche weder zu Hause noch im Krankenhaus möglich. Dennoch war man in vielen jüdischen Gemeinden weltweit bestrebt, dieses Gebot zu erfüllen, so auch in Erfurt.

Alexander Nachama: "Insofern war es dann so, dass wir trotzdem versucht haben, auf diese Gemeindemitglieder zuzugehen, beispielsweise indem wir sie angerufen haben. Aber auch darüber hinaus, an den Feiertagen war das, an Chanukka, an Purim und auch vor Pessach, dass wir jeweils das, was für den Feiertag an Essen traditionell üblich ist, zu den kranken Leuten nach Hause gebracht haben, aber ohne in die Wohnung zu gehen. Dann war eben ein kleines Päckchen vor der Tür, wo sich die Personen das nehmen konnten. Es war natürlich schwierig, aber es war ein Weg, um auch in diesen schwierigen Zeiten den kranken Leuten etwas nach Hause zu bringen."

Bibel: Gott beim Krankenbesuch

Die Mizwa, Kranke zu besuchen, gilt für jeden. Der Talmud schreibt, dieses Gebot habe keine Grenzen. So soll auch ein gesellschaftlich höher Stehender einen Kranken von niederem Stand besuchen. Rabbi Akiba, einer der bedeutendsten Rabbiner der Antike, machte es vor. Der Talmud berichtet davon, wie sich der große Rabbi um die elementaren Bedürfnisse eines Kranken kümmerte.

"Einmal wurde ein Schüler von Rabbi Akiba krank, und keiner der anderen Schüler besuchte ihn – bis eines Tages Rabbi Akiba kam und ihn besuchte. Er fegte und wischte den Raum – und der Kranke kam wieder zu Kräften. Da sagte er zu Rabbi Akiba: ‚Mein Meister, du hast mir Leben gegeben.‘ Rabbi Akiba ging hinaus und lehrte: ‚Wer den Kranken nicht besucht, handelt so, als hätte er Blut vergossen.‘"

Den ersten Krankenbesuch, von dem die hebräische Bibel erzählt, machte Gott. Die Tora berichtet, dass Abraham nach seiner Beschneidung geschwächt in der Mittagshitze vor sich hingedöst habe.

"Da wurde Gott ihm sichtbar unter den Bäumen Mamres, während er vor seinem Zelt saß, als der Tag am heißesten war."

Die Rabbiner der Antike deuteten diesen Vers einige Jahrhunderte später so, dass Gott dem Abraham einen Krankenbesuch abgestattet habe. Dazu heißt es im Talmud:

"Rabbi Chama bar Chanina sagt, es war der dritte Tag nach der Beschneidung. Und der Heilige, gelobt sei Er, kam und fragte nach Abrahams Wohl. (…) Wie der Heilige, gepriesen sei Er, Kranke besucht, so besuche auch du die Kranken."

Handeln nach Gottes Vorbild

Diese Schlussfolgerung beruht auf dem Konzept der Imitatio Dei: Der Mensch soll Gott nachahmen, er soll so handeln wie Gott.

Die talmudischen Weisen leiteten aus den Versen der Tora ab, dass ein Krankenbesuch ab dem dritten Tag nach dem Auftreten einer Erkrankung erfolgen soll.   

Nachama: "Der dritte Tag ist die Zeit, die man abwarten sollte, um dem Kranken auch etwas Zeit zu geben zu genesen. Also nicht gleich zu kommen, wenn man hört, jemand ist krank, sondern auch ein bisschen Zeit zu geben – also am dritten Tag."

Der Talmud regelt auch, wann am Tag man einen Kranken besuchen soll – nämlich: nicht zu früh am Morgen und nicht so spät am Nachmittag oder am Abend.

Wohl des Kranken im Mittelpunkt

Laut der jüdischen Tradition steht immer das Wohl des Kranken im Mittelpunkt, sagt Stephan Probst. Er ist Oberarzt einer Palliativstation am Klinikum Bielefeld und jüdischer Vertreter in der Zentralen Ethikkommission der Bundesärztekammer. Probst sieht in den Worten des Talmuds eine Art Handlungsanweisung für den Umgang mit Kranken und Alten.

Probst: "Das kann man einerseits als Anstandsregeln verstehen, aber es ist viel mehr, weil es quasi eine Anleitung für den Besucher ist, wie es gelingt, sich auf den Kranken einzulassen und den Kranken zu verstehen und mit einer gewissen Demut und Zurückhaltung dem Kranken zu begegnen. Also dass man sich über diese Verhaltensvorgaben sehr achtsam, sehr behutsam, sehr vorsichtig dem Kranken nähert und sich auf ihn einschwingt und viele Antennen aktiviert in der Wahrnehmung, was der Kranke braucht und was ihm guttut."

Stephan Probst bei einem Vortrag (Michael A. Schmiedel)Stephan Probst ist Oberarzt am Klinikum Bielefeld und jüdischer Vertreter in der Zentralen Ethikkommission der Bundesärztekammer (Michael A. Schmiedel)

Kranke und Alte erleben dadurch, dass sie trotz ihrer Verletzbarkeit einzigartige und wertvolle Menschen sind. Für den Palliativmediziner Probst sind Krankenbesuche eine wichtige Ergänzung zur medizinischen Versorgung. Dem Patienten werde dadurch ein Stück Alltäglichkeit zurückgegeben, wonach sich jeder Mensch sehnt.

Probst: "Wenn man die Fürsorge für den Kranken ganzheitlich sieht, was letztlich bedeutet, den Patienten, den Kranken, nicht nur am Leben zu halten, sondern ihn auch im Leben zu halten, dann ist Bikkur Cholim eine ganz große Hilfe und Ergänzung zum ärztlichen Tun, weil es dem Kranken ein großes Maß an Normalität schafft, was er in seinem Kranksein sehr vermisst."

Engagement in den Gemeinden

In den jüdischen Gemeinden weltweit sind im Laufe der Jahrhunderte sogenannte Bikkur-Cholim-Gruppen entstanden. In Erfurt sind es sechs Frauen im Alter zwischen 60 und 80 Jahren. Sie versuchen, ältere Kranke und solche, die keine Familie haben, mindestens einmal pro Woche zu besuchen. Weil in der Erfurter Bikkur-Cholim-Gruppe alle aus der ehemaligen Sowjetunion kommen und Deutsch nicht ihre Muttersprache ist, wollen sie nicht selbst im Radio sprechen, sondern haben ihren Rabbiner darum gebeten. Grundsätzlich kann in einer Bikkur-Cholim-Gruppe jeder mitarbeiten – doch sollte man zwei Voraussetzungen erfüllen.

Nachama: "Die erste Voraussetzung ist, dass man es möchte. Und das Wichtigste ist, dass man ein gutes Herz hat, dass man es gerne macht."

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Die Begrüßungsformel

Zur Vorbereitung nehmen die Mitglieder der Bikkur-Cholim-Gruppe an Seminaren der ZWST teil, der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Bei den Seminaren werden verschiedene Aspekte behandelt - etwa wie man zwischen Patient und Arzt vermittelt. Bei einer der ersten Schulungen haben die sechs Erfurter Frauen gelernt, dass sie jeden Besuch vorher ankündigen sollten, denn es könnte dem Kranken unangenehm sein, wenn er nicht darauf vorbereitet ist. Jeder Besuch soll mit einer Begrüßungsformel beginnen. Sie stammt von dem polnischen Rabbiner Avraham Danzig, der sie Anfang des 19. Jahrhunderts niedergeschrieben hat. Der Besucher soll folgende Worte sagen:

"Es ist unser Brauch, zu diesem Zeitpunkt alle kranken Menschen zu besuchen. Lassen Sie sich also von unserem Besuch nicht sorgen, dass es schlecht um Sie steht. Wir empfehlen Ihnen, eine Aufstellung zu machen mit allen Ihren Wünschen sowie mit dem, was Sie anderen schulden oder was andere Ihnen schulden – damit Sie sich um nichts sorgen müssen."

Nachama: "Was das ausdrücken soll, ist natürlich, dass der kranke Mensch nicht denkt: ‚Oh, jetzt geht's dem Ende entgegen – jetzt kommen die mich schon besuchen.‘ Das ist auch, wenn ich jemanden besuche, immer ganz wichtig, deshalb frage ich die Familie vorher. Manche sagen tatsächlich auch: ‚Kommen Sie lieber nicht, das wird den nur noch mehr stressen.‘ Dann komm ich lieber nicht. Das andere: ‚Wir empfehlen da, eine Aufstellung zu machen.‘ – Das ist auch etwas, was am Ende dazu führen soll, dass sich die kranke Person um nichts sorgt. Also wenn sie jemandem etwas schuldet, oder jemand anderes der kranken Person etwas schuldet – also sozusagen die Geschäfte werden dann von anderen übernommen für die Zeit, in der die Person das nicht tun kann. Auch hier geht es weniger darum, dass man annimmt, dass die Person gleich stirbt, als darum, dass die generellen Dinge erst einmal geregelt sind."

Der Sitzplatz

Genau geregelt ist im Judentum seit Jahrhunderten auch, wo man sich hinsetzt, wenn man einen Kranken besucht. So schreibt der Talmud:

"Wer einen Kranken besucht, setze sich nicht aufs Bett. Vielmehr hülle er sich ein und setze sich ihm gegenüber, denn die Schechina befindet sich über der Kopfseite des Kranken."

Die Schechina ist die göttliche Präsenz. Weil sie über dem Kopfende des Kranken ruht, muss sich der Besucher "einhüllen", wie der Talmud schreibt. Das heißt, Männer müssen beim Krankenbesuch ihren Kopf bedecken, also eine Kippa tragen, wie in der Synagoge. Aus Respekt gegenüber der Schechina setzt man sich nicht aufs Bett und auch nicht höher als der Patient, sondern mit ihm auf Augenhöhe oder ein wenig niedriger.

Rabbi Nachama: "Man nähert sich der Präsenz Gottes durch diesen Besuch. Und das sollte man nicht vergessen und deshalb nicht leichtfertig sich mal schnell irgendwo hinsetzen, wo es sich ergibt. Man erfüllt ein religiöses Gebot –  das sollte man nicht unterschätzen, dass es ein Raum ist, wo sich die Schechina Gottes aufhält, die Gegenwart Gottes. Gott wacht über den Kranken."

Das Gebet für den Kranken

Zu einem Krankenbesuch gehört, für den Patienten zu beten. Das kann man direkt mit dem Kranken tun oder nach dem Besuch. Wem es unangenehm ist, der kann im Stillen beten. Wichtig ist, dass es überhaupt geschieht. Denn im Schulchan Aruch, einem bedeutenden jüdischen Gesetzeskodex aus dem 16. Jahrhundert, heißt es:

"Wer einen Kranken besucht und nicht für ihn betet, hat die Mizwa nicht richtig erfüllt."

Umgekehrt betonte der Maharal, der berühmte Rabbi Löw von Prag, im 16. Jahrhundert, dass das Gebet den Krankenbesuch keineswegs ersetzt, denn er sei sehr wichtig für einen Kranken. Man müsse sich unbedingt auf den Weg machen.

"Wenn jemand zu Hause für eine kranke Person betet, ohne sie besucht zu haben, dann ist das weniger wirksam. Es kann nicht damit verglichen werden, zum Haus einer kranken Person zu gehen und sie zu besuchen. Allein dies ist schon eine Bitte um Erbarmen mit dem Kranken."

Statue von Rabbi Löw in Prag (IMAGO / agefotostock)Statue von Rabbi Löw in Prag (IMAGO / agefotostock)

Nach der jüdischen Tradition empfiehlt es sich, im Krankenzimmer zu beten, denn dort ist Gott präsent, die Schechina weilt über dem Kopfende des Patienten. Gebete, die in Gegenwart eines Kranken gesprochen werden, gelten als besonders wirksam. Manche Rabbiner haben eine Liste mit kranken Personen aus der Gemeinde, die sie am Schabbat in der Synagoge im Gebet namentlich erwähnen. Auf diese Weise erfahren andere Gemeindemitglieder von der Erkrankung und entschließen sich möglicherweise zu einem Krankenbesuch.

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Geteiltes Leid ist halbes Leid

Rabbi Löw von Prag warnte vor der Gefahr, dass sich Kranke isoliert fühlen. Er appellierte an seine Gemeinde, Kranke zu besuchen, da dies die Gesundheit fördere und die Krankheit lindere.

"Eine kranke Person ist von anderen Menschen getrennt. Der Alltag geht für die anderen weiter, während eine kranke Person von diesem Zustand abgewichen ist. Wenn gesunde Menschen den Kranken besuchen und sich mit ihm verbinden, bringen sie ihn, wenn auch nur in einem gewissen Maße, in einen Zustand der Gesundheit und Normalität zurück – und lindern so die Krankheit."

Schon die Rabbiner der Antike wussten, dass ein verstehendes Gegenüber heilende Kräfte hat. Im Talmud wird von drei Rabbinern berichtet, die debattieren, wie stark ein Besuch die Krankheit des Patienten lindere:

"Rabbi Acha Bar Chanina sagte: ‚Wer einen Kranken besucht, nimmt ihm ein Sechzigstel seines Leidens.‘ Da zog Rabbi Abaye den Schluss: ‚Wenn das so ist, dann würde der Kranke, wenn ihn 60 Menschen besuchen, völlig gesund werden.‘ Rabba Bar Nachmani jedoch korrigierte ihn und sagte: ‚Jeder Besucher nimmt ein Sechzigstel von dem, was übrig ist.‘"

Hinter dem, was sich wie Homöopathie anhört, verbirgt sich rabbinische Logik. Es geht um das, was auch ein deutsches Sprichwort ausdrückt: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Dass die Rabbiner der Antike ausgerechnet von einem Sechzigstel sprechen, liegt an der sogenannten Sechzigstel-Regel bei koscheren Speisen. Demnach gilt ein Sechzigstel als nichtig. Wenn aus Versehen zum Beispiel etwas Milch in ein Fleischgericht geschüttet wird – was im Judentum verboten ist –, aber der Milchanteil nur ein Sechzigstel der Fleischspeise beträgt, dann gilt er als nicht vorhanden, und das Fleischgericht ist weiterhin koscher. Auf den Krankenbesuch übertragen, heißt dies: Der Besucher nimmt dem Kranken ein Sechzigstel seiner Krankheit ab – er selbst wird aber von der Krankheit nichts merken, sondern bleibt gesund.

Der Palliativmediziner Stefan Probst sieht noch einen weiteren Aspekt hinter dem talmudischen Gedanken. Es hat auch eine psychosoziale Dimension, dass jeder Besucher dem Kranken ein Sechzigstel seines Leidens abnimmt.

Probst: "Dass der Krankenbesuch letztlich ja bedeutet, dass der Kranke nicht in der Isolation bleibt, sondern dass er in der Gemeinschaft bleibt, wenn die Gemeinschaft zu ihm kommt. Das bringt eine Heilung – in dem Sinne, dass hier eine psychosoziale oder eine spirituelle Komponente seines Leidens genommen wird."

Krankenbesuch und Corona

Während der Corona-Pandemie war es nicht immer möglich, Kranke persönlich zu besuchen, denn eine Ansteckung kann lebensgefährlich sein. Kranke zu besuchen, mag ein Gebot sein – doch es kennt Grenzen, wie alle Gebote im Judentum. Man darf durch den Krankenbesuch weder das eigene Leben gefährden noch die Leben anderer. Rabbiner in Israel und Amerika diskutierten seit Frühjahr 2020 darüber. Im Kern geht es darum, Gefahr und Nutzen abzuwägen, sagt der Palliativmediziner Stefan Probst.

Probst: "Wenn es für den Besucher eine ernstzunehmende Gefahr für sein Leben ist, dann muss er sein eigenes Leben schützen. Wenn der Benefit für den Besuchten allerdings größer ist, dann sind bestimmte Kompromisse auch einzugehen."

Die Rabbiner entschieden sich zumeist für pragmatische Lösungen. Um das Gebot des Krankenbesuchs zu erfüllen, hat man alle Möglichkeiten ausgeschöpft: Skype, Zoom und Besuche am Fenster. Einer der führenden jüdischen Medizinethiker, der Jerusalemer Arzt und Rabbiner Avraham Steinberg, entschied während der Corona-Pandemie:

"Wegen der Schwere und Ansteckungsgefahr des Coronavirus ist es verboten, einen Patienten in Quarantäne oder im Krankenhaus zu besuchen. Die Situation ist daher als nicht ideal zu betrachten, und man kann die Mizwa, wenigstens einen Teil davon, per Telefon erfüllen. Zumindest erfüllt man auf diese Weise das Gebot der Nächstenliebe. Besser ist es, mittels eines elektronischen Geräts den Patienten beim Sprechen auch zu sehen. Dies erfüllt das Gebot des Krankenbesuchs nach allen rabbinischen Meinungen."

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Die richtige Einstellung: Mehr als Pflichterfüllung

Wichtig ist aber nicht nur, wie der Krankenbesuch absolviert wird, sondern auch wer ihn macht. Die Rabbiner der Antike sagten, dass ein Krankenbesuch vor allem dann dem Patienten helfe, wenn der Besuchende ein sogenannter "Ben Gilo" ist. Dies heißt wörtlich: "ein Sohn seines Alters", also ein Gleichaltriger, sagt der Erfurter Rabbiner Alexander Nachama. Es kann aber auch ein Mensch mit ähnlichen Gewohnheiten oder ähnlichem Temperament sein.

Alexander Nachama: "Das sorgt für eine gute Atmosphäre, es freut den Kranken besonders, diese Person zu sehen. Es könnte beispielsweise der beste Freund sein, mit dem er auch schon zur Schule gegangen ist, mit dem er viel durchgemacht hat – der kommt dann, das lindert Leiden, weil man sich automatisch auch freut, ihn zu sehen. Das allein schon hilft bei der Wiederherstellung."

Das Allerwichtigste jedoch ist die innere Einstellung, mit welcher ein Kranker besucht wird. Der Jerusalemer Rabbiner Reuven Leuchter hat dies vor einigen Jahren in einem Brief an einen Kollegen besonders betont. Wenn der Besuch mit der richtigen Einstellung geschieht, trägt er mehr zur Gesundung des Kranken bei. Leuchter warnt davor, das Gebot nur mechanisch zu erfüllen.

"Der richtige Ansatz für den Krankenbesuch ist, dem Patienten den Eindruck zu vermitteln, dass man ihn ganz selbstverständlich mag, sich um ihn kümmert und mit ihm verbunden ist. Man sollte den Eindruck vermeiden, dass man es nur deshalb tut, weil es ein Gebot der Tora ist. Mit anderen Worten: Die Tora trägt uns auf, einen Akt der Nächstenliebe zu tun – aber so, dass es nicht so aussieht, als sei es befohlen."

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