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StartseiteKalenderblattDer lange Lulatsch03.09.2006

Der lange Lulatsch

Berliner Funkturm wurde schnell zum Wahrzeichen der Stadt

Vor 80 Jahren wurde der Berliner Funkturm eröffnet. An sich brauchte man nur einen Antennenturm für den 1923 eingeführten Rundfunkdienst. Aber das Berliner Messe-Amt, auf dessen Grund der Turm errichtet wurde, wollte das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. So entstand die Idee, den Berlinern und ihren Besuchern einen Erholungsort zu schaffen, der es ihnen ermöglichte, die Stadt von oben zu betrachten.

Von Jens Brüning

Der Funkturm in Berlin wurde 1926 eröffnet. (AP)
Der Funkturm in Berlin wurde 1926 eröffnet. (AP)

Der Prolog zur Einweihung des Berliner Funkturms war nicht ohne Pathos. Alfred Braun, Funkpionier und beim Berliner Rundfunk vor 1933 allgegenwärtig, wusste noch 40 Jahre später ungefähr, was er am Fuß des Funkturms vor erlauchtem Publikum vortrug:

"Funkturm Berlin, wir weihen dich ein. / Berlin wird sein, und du wirst sein. / Wahre deine eiserne Rippe / allzeit vor schnödem Bruch, / singe und sage mit eiserner Lippe / tapfer der Welt von Berlin deinen Spruch. / Singe dein Lied bis in späteste Lenze, / dass es immer leuchtender glänze / empor zu deinen eisernen Knien. / Achtung, Achtung, hier ist Berlin."

"23.23 Uhr ist die letzte Auffahrt. Eben dann ist hier für Publikum der Betrieb beendet. Bei sehr starkem Betrieb schaffen wir bis zu 3000 Personen. Wir brauchen also zirka 33 Sekunden, Anfangsgeschwindigkeit, Bremsweg. Das sind 33 Sekunden. Ist ja ein schöner Aufzug."

"Dort unten liegt Berlin. Berlin? Den Hauptplatz nimmt die Eisenbahn ein, Schienen, Schuppen, Häuschen, grün Bepflanztes, Eisengerüste. Im ausgesparten Teil liegen die Häuser, die man Berlin nennt. Unfug, solch eine Stadt, die im Wesentlichen aus Schuppen und Schienen besteht und sie nicht hinauswerfen darf, weil sie die Nahrung braucht und all ihr Gehämmertes, Getischlertes, Gestampftes wegschicken muss. Unser kompliziertes Dasein. Du siehst es vom Funkturm","

schrieb die Berliner Feuilletonistin Gabriele Tergit im "Berliner Tageblatt". Der Heimatkundler Kurt Pomplun erlebte den Aufbau des Funkturms aus der Nähe:

""Der Funkturm - so wie er da steht aus Stahl und Eisen -, der ist in zehn Wochen hochgeführt worden. Das hat dann mit der Installation, mit der Einrichtung des Restaurants eine Weile gedauert, aber das ganze große Stahlgebilde von 138 Metern ist in sage und schreibe zehn Wochen aufgebaut."

"Der Aufenthalt im Funkturm-Restaurant unterscheidet sich schon äußerlich von jeder anderen Gaststätte durch die schräg nach unten geneigten Fenster, die den ungehinderten Ausblick auf das Bild der Reichshauptstadt ermöglichen. Durch diese Fenster hat der Besucher den Eindruck, als ob er sich in einer Luftschiffkabine befände."

Der Funkturm war vom Architekten Heinrich Straumer nicht nur zu Ausflugszwecken gebaut worden. Seine Antenne sorgte seit seiner Einweihung am 3. September 1926 für den besseren Empfang des jungen Mediums Radio. Zu seinen Füßen fanden die beliebten Funkausstellungen statt. So auch im Sommer 1935: Erstmals wurden Fernsehbilder gezeigt, ganz neu waren Tonbandgeräte. An einem Abend im August brach in einer Messehalle Feuer aus. Hilde Runge war Augenzeugin:

"In hellen Flammen, also das Bild vergesse ich nie. Oben im Restaurant eine Frau, ich glaube, die ist tot, in einem orange-grellroten Kleid, die stand an den Gläsern, an diesen Glasdinger-Fenstern da, die Hände ringend immer und immer so runter, als wenn sie springen wollte. Furchtbar sah das aus."

3 Tote waren zu beklagen und 26 Verletzte. Das Restaurant wurde schnell wieder repariert. Den Zweiten Weltkrieg überlebte das Wahrzeichen mit dem Kosenamen "Langer Lulatsch" schwer verletzt. Bis zuletzt hatte ein SS-Beobachtungsposten die Stellung gehalten. Der Treffer, der diesen Posten auslöschte, setzte auch das Restaurant wieder in Brand. Aber schon 1949 war der Schaden behoben. Der Funkturm setzte seine Karriere als Wahrzeichen der Stadt fort. Längst kommen von dort keine Rundfunkwellen mehr. Polizei- und Taxifunk haben ihre Antennen auf dem Turm. Anlässlich der Einweihung des zu seinen Füßen erbauten Internationalen Congress Centrums bezeichnete ihn der damalige Bundespräsident Walter Scheel als Zimmerantenne. Aber das ist Berlin.

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