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StartseiteBüchermarktLiteraturkanon: Klassiker in Halbsätzen03.12.2019

"Der Lesebegleiter"Literaturkanon: Klassiker in Halbsätzen

Dieses Buch will eine „große Lesereise“ sein: Tobias Blumenberg, Sohn des Philosophen Hans Blumenberg, will mit seinem „Lesebegleiter“ Lust auf das Lesen von Klassikern machen und hetzt auf nahezu 800 Seiten durch die Weltliteratur. Eine große Reise, nur Lust macht sie keine.

Von Tilman Winterling

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Buchcover "Der Lesebegleiter" (KiWi Verlag)
Tobias Blumenberg schreibt, er sei ein geduldiger Leser, der nur selten Lektüre verärgert abbricht. Bücher bräuchten die Möglichkeit einer Entwicklung, um in den Bann zu ziehen. (KiWi Verlag)
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"Ich bin ein Schriftsteller, ich komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes", sagte der wütende Nobelpreisträger Peter Handke kürzlich im Interview. Ob er sich durch diese Aussage selbst in eine Reihe mit den drei Genannten stellt, ist Frage der Interpretation. Klar ist dagegen, warum er sich auf diese bezieht. Homer, Cervantes und Tolstoi sind Eckpfeiler des sogenannten Kanons, Handke sieht sich in guter Gesellschaft.

Welche Werke in einen Kanon gehören, bleibt strittig. Denis Scheck präsentiert in diesem Herbst bei Piper, München die 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur von "Krieg und Frieden" bis "Tim und Struppi". Rüdiger Safranski spricht mit Michael Krüger und Martin Meyer auf 160 Seiten bei Hanser, München über die Frage "Welche Rolle spielen die Klassiker heute?" und die Süddeutsche Zeitung präsentiert einen wild bedruckten Schuber mit dem kryptischen Namen "Soulmates". In diesem finden sich zehn Romane der Weltliteratur, ausschließlich von männlichen Autoren.

Leselisten, Empfehlungen, Zusammenstellungen und Kanones gibt es viele. Marcel Reich-Ranicki hat von 2002 bis 2006 50 Bände zusammengestellt, aufgeteilt in Romane, Erzählungen, Dramen, Gedichte und Essays. Als im Zuge der Edition die Frage aufkam, ob ein solcher Kanon notwendig sei, entgegnete Reich-Ranicki im Gespräch mit dem Spiegel, "der Verzicht auf einen Kanon würde den Rückfall in die Barbarei bedeuten."

Der belesenste Zahnarzt Deutschlands?

Einen Streit darüber, wie der Kanon konkret zusammengestellt sein sollte, fand er dagegen nützlich. Ein Kanon bleibt Verhandlungssache, also darf weiter gestritten werden. Und es wird gestritten. Letztes Jahr entwickelte Sibylle Berg mit zehn Frauen einen Gegenvorschlag zu den meist männlich dominierten Kanones mit dem sprechenden Namen "Die Kanon".

In die aktuellen Neuerscheinungen reiht sich nun Tobias Blumenberg mit seinem bei Kiepenheuer & Witsch erschienen Lesebegleiter ein. Tobias Blumenberg ist der Sohn des großen Philosophen Hans Blumenberg und nach Aussage von Kiepenheuer & Witsch der belesenste Zahnarzt Deutschlands. Sein "Lesebegleiter" soll dabei kein strenger Kanon, sondern eine "große Lesereise" sein.

Wenn wir hier über Bücher plaudern, dann sind wir uns doch sicher, von einem einheitlich empfundenen Geschmacksurteil, über 'gute Literatur' zu sprechen. Dem ist beileibe nicht so. Es gibt auch andere Literatur, die von der Fachwelt als 'trivial' bezeichnet wird, schlechte Literatur also, die aber zu allen Zeiten ihre Verehrer hatte.

Blumenberg plaudert und beginnt zur Einstimmung mit "Don Quijote", Dostojewskis "Idiot" und "Moby Dick". Auf die ersten drei längeren Nacherzählungen folgen dann zum Teil Kürzestabrisse von Weltliteraturinhalten. Im kumpelig wirkenden "Du" hetzt Blumenberg im Stakkato durch den eigenen Kanon.

Selbstgespräch am Kamin

Den Takt geben weniger Epochen oder strenge Genreregeln vor, sondern der persönliche Geschmack des Leseführers. Dieses Buch könnte ein Nachschlagewerk sein, das zum Blättern und Stöbern einlädt; wäre da nicht die vom Autor gewählte Darstellung.

"Einen Beruf zu haben ist schön und macht sogar Spaß. Sogar Zahnarzt sein. Aber der Kopf bleibt bei all der Beschäftigung noch frei für andere Dinge. Da drinnen kann man ja machen, was man will. Zum Beispiel über Bücher und das Lesen nachdenken, und das mache ich schon lange und es macht mir Spaß. Der wird, ob Du's glaubst oder nicht, immer noch größer, je mehr und je länger ich lese. Und warum das mit dem Lesen so ist und was ich all die Jahre gelesen und dabei nachgedacht habe, davon will ich jetzt erzählen.

Der stellenweise sehr persönliche Erzählton lässt sich mit der Ankündigung eines Lesebegleiters, der doch irgendwo jedem potentiellen Leser Mehrwert bieten sollte, nicht vereinbaren. So entsteht vielmehr der Eindruck eines ausufernd langen Selbstgesprächs des Autors am Kamin. Dort mag es für den Zuhörer unterhaltsam sein, wenn der Erzähler vom literarischen Hölzchen aufs Stöckchen kommt. Über die Länge von siebenhundert Seiten den persönlichen Betrachtungen und Anekdoten eines Unbekannten zu lauschen, ermüdet allerdings rasch.

Unklar bleibt außerdem die Zielgruppe von Tobias Blumenbergs Werk. Zu Beginn werden etwa Tipps und Techniken verratenen, die helfen sollen, schwierige Texten zu durchdringen, Blumenberg empfiehlt, "über die Schwierigkeiten des Textes hinweglesen, zunächst schauen, dass man das Ganze erfasst." 

Kalendersprüche und Halbsätze

Von ähnlichem Gebrauchswert ist die Empfehlung, dicke Bücher komplett zu lesen, denn nur so könnten sie ihre Eigenart entfalten. Helfen wird dies einem erfahrenen Leser wohl nicht. Ein wirklicher Lese-Einsteiger braucht wiederum keinen 700 Seiten Ritt durch die Literaturgeschichte, sondern eine echte Handreichung.

Tobias Blumenbergs Parlando nimmt dem Interessierten schnell die Lust aufs eigene Lesen. Man wühlt sich in diesem Buch durch Empfehlungskaskaden. Sehr verkürzt könnte man sagen, handelt es sich beim "Lesebegleiter" um Weltliteratur in Halbsätzen flankiert von Kalendersprüchen wie diesen: "Lesen ist keine Kunst, sondern eine Notwendigkeit".

Auf Postkarten mag solch Lesekitsch noch zum Verkaufsschlager taugen. Ein Leser mit Atem für 700 Seiten Lektüreanregungen, ist meist über solche schlichte Aussagen hinweg. Das gilt besonders dann, wenn im selben Atemzug das Werk von literarischen Größen auf einen Absatz eingedampft wird.

"Mit seiner schmalen Produktion deckt Hawthrone fast alle Genres ab: 'Das Haus der sieben Giebel' ist ein 'schräger' Familienroman, 'Die Blithedale-Maskerade' berichtet ultramodern, satirisch und selbstironisch von seinen eigenen schlechten Erfahrungen in einer Kommune, 'Der Marmor-Faun' führt in das Italien echter und eingebildeter Künstler. 'Rappaccinis' Tochter ist das süßeste Gift im verbotenen Garten eines Schwarzkünstlers und die schönste seiner kleinen Erzählungen."

Übervolle Darstellung im Plauderton

Blumenbergs Lesebegleiter ist konservativ: Er referiert lediglich den klassischen, den sogenannten bildungsbürgerlichen Kanon. Daher muss die Frage erlaubt sein, ob es weitere Leselisten braucht, die Altbekanntes wie Homer, Don Quijote und Thomas Bernhard empfehlen. Daran ändern auch das Einbeziehen von Genreliteratur wie Krimis oder Abenteuerromanen in diesen Kanon nichts. Blumenberg liefert keine kulturell neuen, sondern nur geschmacklich-persönliche Perspektiven.

Die übervolle Darstellung, der Plauderton, das Preisen von Literatur hat bereits Rolf Vollmann mit "Die wunderbaren Falschmünzer" vorgemacht. Dieser war im Duktus ähnlich sprunghaft und vom Gesamtumfang ausufernd. Blumenberg fehlt im Vergleich zu Vollmann aber die federnde Leichtigkeit in der Sprache. Seine stets direkte Ansprache des Lesers stört den Lesefluss, wirkt anbiedernd und geschwätzig.

Wie aber neue Perspektiven aussehen könnten zeigt sich aktuell auf Twitter und Instagram, wo in Reaktion auf den Männer-Schuber der Süddeutschen Zeitung unter dem Hashtag "Autorinnenschuber" rein weibliche Kanon-Empfehlungen zusammengestellt werden. Im Frühjahr 2020 erscheint dazu "Dichterinnen & Denkerinnen" von Katharina Herrmann bei Reclam. Herrmann ist im nächsten Jahr Mitglied der Jury des Leipziger Buchpreises und hat in ihrem Buch einen Kanon von zwanzig Autorinnen zusammengestellt. Solch neuer Ansätze und Wiederentdeckungen bedarf es, nicht eines weiteren Aufgusses von Bekanntem.

Bücher brauchen langsame Leser

"Es ist die wichtigste Aufgabe beim Lesen eines Werkes, den darin vorgetragenen Ideen zu folgen und sie in Zusammenhang mit der Ordnung der eigenen Gedankenwelt zu bringen. Auf diese Weise entstehen Vorlieben und Abneigungen, Übereinstimmungen und Differenzen. Auf jeden Fall erweitert jede neue Lektüre den Horizont."

Sicher ist das Werk des belesenen Dentisten eine ungeheure Fleißarbeit gewesen und die Liste, der von ihm eingearbeiteten Bücher liest sich beachtlich. Auswahl und Umfang hätten aber deutlich gestrafft werden müssen. So macht die Lektüre keine Freude.  Blumenberg schreibt, er sei ein geduldiger Leser, der nur selten Lektüre verärgert abbricht. Bücher bräuchten die Möglichkeit einer Entwicklung, um in den Bann zu ziehen. Für den Lesebegleiter gilt das nicht.

Tobias Blumenberg: "Der Lesebegleiter"
Kiepenheuer & Witsch, Köln.
784 Seiten, 28 Euro.

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