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StartseiteInterview der Woche"Der Männerfußball ist einigermaßen ausgereizt"26.06.2011

"Der Männerfußball ist einigermaßen ausgereizt"

Grünen-Vorsitzende Claudia Roth über die Frauen Fußball WM und den Sonderparteitag

Grünen-Chefin Claudia Roth betont, der Frauenfußball habe eine eigene Ästhetik und sei im Rahmen des DFB eine Wachstumsbranche mit einem großen Entwicklungspotenzial. Die Medien forderte Roth auf, mehr über den Frauen-Fußball zu berichten.

Claudia Roth im Gespräch mit Moritz Küpper

Claudia Roth auf dem Sonderparteitag der Grünen in Berlin. (picture alliance / dpa)
Claudia Roth auf dem Sonderparteitag der Grünen in Berlin. (picture alliance / dpa)
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Moritz Küpper: Claudia Roth, bevor wir zum Thema des heutigen Tages, zur Frauenfußball-Weltmeisterschaft kommen, noch kurz der Blick zurück - gestern, Sonderparteitag der Grünen. War es ein historischer Tag für die grüne Partei?

Claudia Roth: Ja, ich muss Ihnen sagen, ich bin noch ein bisschen erschöpft, aber ich bin stolz wie Bolle auf eine grüne Partei, die sieben Stunden lang auf allerhöchstem Niveau über Energiepolitik diskutiert, streitet, die Argumente abwägt, die sich Redeschlachten liefert ohne zu verletzen, und die am Schluss bei allen Kontroversen sehr geschlossen abstimmt für einen Antrag, der deutlich macht, dass erstens das Atomthema nicht vom Tisch ist, so lange nicht der letzte Reaktor abgeschaltet ist, und dass zweitens es jetzt erst richtig los geht mit der Energiewende, mit dem Einstieg in das solare Zeitalter mit echtem Klimaschutz. Also es war unglaublich spannend. Ich glaube, es war insofern historisch, dass wir gezeigt haben, wie Demokratie aussieht bei uns. Es war ja auch eine Frage, die zur Geburtsstunde der Grünen gehört. Bei uns wird die Bewertung der 180-Grad-Wende von Frau Merkel eben nicht im Vorstand entschieden oder in der Fraktion, sondern das entscheidet die Partei. Und wenn Sie sich vorstellen - da waren 800 Delegierte aus ganz Deutschland da und es ging stundenlang, wir haben miteinander gerungen und diskutiert, wir hatten wunderbare Redebeiträge. Und dann hatten wir natürlich auch Gäste, unter anderem Professor Töpfer, der gesagt hat: Jetzt hat seine politische Karriere auch noch einmal einen Höhepunkt erreicht, er als CDU-Mann wird bei den Grünen eingeladen. Er ist sehr, sehr gut angekommen. Also, ich bin sehr froh, was wir da gestern auf die Beine gestellt haben.

Küpper: Sie haben es gesagt: Die Anti-Atomkraftbewegung war so etwas wie die Geburtsstunde der Grünen. Kann man sagen, dass da gestern auch ein historischer Auftrag erfüllt wurde, das heißt der überparteiliche Konsens, dass Deutschland aus der Atomkraft aussteigen kann? Insofern können Sie Ihre Partei ja auch auflösen.

Roth: Nein, wir können die Partei nicht auflösen. Erstens kritisieren wir natürlich, dass der Ausstieg nicht so ambitioniert passieren soll, wie es möglich wäre. Wir wissen, dass man auch bis 2017 aussteigen könnte. Aber die Tatsache, dass am Donnerstag - am kommenden Donnerstag - im Deutschen Bundestag genau das zurückgenommen wird, was Frau Merkel und ihre schwarz-gelbe Regierung vor sieben/acht Monaten beschlossen hat - die Laufzeitverlängerung bis 2040 hinaus wird zurückgenommen, die sieben ältesten Reaktoren plus Krümmel werden dauerhaft abgeschaltet, es gibt einen Stufenplan des Ausstiegs aus der Atomkraft, es gibt feste Daten - dieses Konzept oder dieses Vorhaben geht über den rot-grünen Atomausstieg von vor zehn Jahren hinaus. Das ist erst einmal ein Erfolg. Und mit Verlaub: Das ist nicht der Erfolg der Wendeparteien, die jetzt plötzlich erkennen, dass die Atomkraft nicht beherrschbar ist, sondern das ist ein grüner Erfolg. Den haben wir über Jahrzehnte erkämpft - mit der Umweltbewegung, mit der Anti-AKW-Bewegung, mit den Kirchen, mit den Gewerkschaften, mit den vielen Tausenden von Menschen, die auf die Straße gegangen sind, die blockiert haben. Insofern ist es historisch, aber das reicht natürlich nicht aus. Also Frau Merkel darf sich nicht einbilden, sie hätte jetzt Ruhe vor uns. Nein, nein, wir bleiben wirklich dran, wir wollen spätestens 2013, wenn wir hoffentlich in der Regierung sind, die Sicherheit der Reaktoren noch mal richtig überprüfen, wir wollen Nachrüstungen durchsetzen, wir wollen tatsächlich ein ergebnisoffenes Verfahren für eine Endlagesuche, weil Gorleben biologisch ungeeignet ist und politisch verbrannt ist. Also alle, die glauben: Ach, das Thema haben wir weg - nein, es ist nicht weg! Und dann haben wir natürlich das andere Thema. Herr Töpfer hat es in seiner Rede auch gesagt: Die große, große Herausforderung ist doch jetzt, eine Politik zu betreiben, die weg kommt vom Öl, die weg kommt von der Kohle, Kohle ist ein Klimakiller, die Klimapolitik betreibt, die die Erneuerbaren, Energieeffizienz, Energieeinsparung in den Vordergrund stellt. Wir haben nichts Geringeres vor, als eine ökologische Revolution - den ökologischen Umbau der Industriegesellschaft. Eine Herkulesaufgabe! Das ist auch etwas, mit dem wir uns seit über 30 Jahren beschäftigen. Also, Themen gibt es genug. Ich mache mir da keine Sorge, dass wir uns auflösen sollten - so weit kommt's noch!

Küpper: Sie haben aber auch viele Einwände gerade formuliert. Warum brauchte es dann diesen Sonderparteitag überhaupt, die Bundesregierung ist ja nicht auf Ihre Stimmen, auf die Stimmen der Opposition, angewiesen?

Roth: Ja, aber es ist natürlich eine wichtige Frage: Wie stimmen Grüne-Abgeordnete im Bundestag? Auch wenn wir in der Opposition sitzen - wir setzen uns ja nicht in unsere Stühle und haben das leichte "Nein" der Linkspartei. Ich meine, die debattiert nicht, die meckert rum und stimmt mit "Nein", ohne zu überlegen, was ist richtig oder was ist falsch …

Küpper: Aber Sie haben doch das freie Mandat im Bundestag, insofern sind die Abgeordneten doch auch nicht gebunden …

Roth: .Ja, aber es ist doch wichtig: Wie stimmt eine Partei, die wie keine andere mit der Auseinandersetzung gegen die Atomkraft verbunden ist, einem Vorschlag einer Gesetzesnovelle zu oder lehnt sie ab, die von schwarz-gelb vorgelegt wird. Und ich sage es noch mal: Das ist ein Thema, das wie kein anderes mit unserer Geburtsstunde verknüpft ist. Und da ist doch gut, wenn die Partei drüber diskutiert und wenn wir nicht im Hinterzimmer sagen: Basta, so wird's gemacht. Und wenn ich miterlebt habe: Phönix war ja stundenlang dabei, und die Menschen haben zugeschaut, wir haben unendlich viele Reaktionen bekommen - das ist doch Demokratie, dass Parteien Debatten führen, wie sie in der Gesellschaft auch debattiert werden, dass wir gestern Diskussionen geführt haben, wie sie in den Umweltverbänden geführt werden. Der BUND sagt: Man kann nicht zustimmen, das dauert zu lange, bis ausgestiegen wird. Der NABU, der größte deutsche Umweltverband, sagt: Klar muss man zustimmen, es ist ein Etappensieg, und dann wollen wir die Daumenschrauben andrehen und dann wollen wir nachbessern. Also, eine gesellschaftliche stellvertretende Debatte - und wie wir die geführt haben, dass wir bei aller Kontroverse nicht vergessen haben, dass wir ein gemeinsames Ziel haben - ich glaube, das wir wirklich gestern stilbildend. Sie merken, ich bin noch ziemlich begeistert…

Küpper: Damit ist auch die letzte Hürde gefallen für ein schwarz-grünes Bündnis, wie Winfried Kretschmann, der erste Grüne-Ministerpräsident gesagt …

Roth: Ach nein, das hat er so nicht gesagt: Eine wesentliche Hürde ist gefallen, weil - das muss man ja sagen: Mit der Laufzeitverlängerung, wo Frau Merkel im letzten Herbst der Entscheidungen als Kaltmamsell der Atomlobby agiert hat, da hat sich die CDU/CSU so weit von uns entfernt, also Lichtjahre entfernt. Jetzt hat sie die dramatische Niederlage erfahren - ich meine, wir haben sie doch zur Wahrheit gezwungen, das ist die größte Kehrtwende, die man sich überhaupt vorstellen kann. Damit ist diese Hürde weg, aber mit Verlaub: Uns trennt sehr, sehr viel von einer CDU und einer CSU - in der Innenpolitik, in der Sozialpolitik, nicht zuletzt auch in der Europapolitik. Also, gestern ging es um alles, was mit Atomausstieg, was mit erneuerbarer Energie, was mit Klimaschutz zu tun hat. Es ging definitiv nicht um Schwarz-Grün.

Küpper: Vielleicht brauchen Sie die CDU/CSU, die Union, ja auch gar nicht. Die Grünen wandeln sich immer mehr zur Volkspartei. Würden Sie mir da widersprechen?

Roth: Ach, Volkspartei ist schon besetzt.

Küpper: Was sind Sie denn dann?

Roth: Wir sind eine Partei, die eine Politik machen möchte und macht, die für Gemeinwohl steht und nicht für Klientel und Eigeninteressen, die Angebote macht, die eine neue Politik machen will, eine Bürgerdemokratie machen will, die Leute mit einbeziehen will in Entscheidungen, die Partizipation ermöglichen will. Und Volkspartei - wir haben uns ja gegründet gegen diese Volksparteien als Anti-Parteien-Partei. Ich glaube, gestern haben wir gezeigt, dass wir wirklich die Alternative sind, was Inhalt angeht und was die politische Kultur in unserer Partei angeht.

Küpper: Aber diese Anti-Parteien-Partei ist ja jetzt auch in Regierungsverantwortung angelangt. Sie stellen den Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg. Sie haben gesagt, Sie sind basisdemokratisch, Sie wollen den Wählern immer offenen Wein einschenken. Und dieses scheinen die Wähler ja zu honorieren. Jetzt kommt die Bundestagswahl 2013, wer kandidiert denn da für die Grünen dann als Kanzler?

Roth: Also, erst mal war das natürlich auch gestern ein sehr besonderer Moment, wenn Winfried Kretschmann da als Ministerpräsident eines der wichtigsten und größten Bundesländer Deutschlands da ist. Also da war auch Geschichte zu spüren. Und wenn Winfried Kretschmann, der ein leidenschaftlicher Föderalist ist, plötzlich sagt: Mensch, wer hätte sich noch vor kurzem gedacht, dass man im Bundesrat - er als Ministerpräsident - federführend und antreibend Entscheidungen bei den Ministerpräsidenten durchsetzen kann, einstimmige Entscheidungen für eine ergebnisoffene Endlagersuche oder für einen Ausbau der Erneuerbaren - also wo plötzlich über den Bundesrat ein grüner Ministerpräsident aus einem Land, das wie kein anderes mit Automobil, mit Maschinenbau verknüpft wird, Politik betreibt. Das war ein ganz, ganz toller Moment. So, und jetzt für 2013, jetzt machen wir erst mal die Wahl am 3. September in Mecklenburg-Vorpommern, da wollen wir nämlich in den Landtag kommen, da waren wir nämlich noch nie drin. Dann kommt Niedersachsen, die Kommunalwahl. Und dann wird es spannend, dann ist nämlich Berlin dran. Und dann sehen wir weiter, wie wir uns aufstellen für die Bundestagswahl. Ich glaube ja auch, dass der Rückenwind, den wir erfahren, damit zu tun hat, dass wir nicht diese eine Person vorne und alle anderen gehen dahinter, sondern dass wir auch ein Personal haben, Frauen und Männer, die in unterschiedliche Klientel hinein wirken können, die unterschiedliche Charakter haben und dass genau das, worüber man uns immer hämisch belacht hat, die doppelten Doppelspitzen, den Leuten draußen außerhalb des politischen Zirkelwesens sehr, sehr, sehr gut gefällt.

Küpper: Aber vielleicht gefällt den Leuten auch eben nicht, dass die Grünen, wenn sie einmal in der Regierung angekommen sind, dann eben auch mit diesem Regierungsalltag konfrontiert sind. Es gibt da ja einiges an Beispielen, Stuttgart 21, da hat sich nicht viel verändert zu vorher.

Roth: Nein, nein, das schauen wir mal. Also, was sicher ein Fehler wäre und warum das gestern ein wichtiger Parteitag war, wir haben sehr darauf geachtet, dass wir nichts versprechen, was wir hinterher nicht halten können. Also, wir haben jetzt nicht gesagt, wenn die Grünen 2013 an der Regierung sind, dann wird zu dem und dem Datum das letzte Atomkraftwerk vom Netz sein, und zwar Jahre früher als jetzt vorgelegt - also keine Versprechungen machen, die du nicht halten kannst, ehrlich sein, glaubwürdig sein. Und die Grünen in Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, Winne Hermann als neuer Verkehrsminister, die haben vor der Wahl nicht gesagt, wählt die Grünen, dann wird dieses bescheuerte Bahnhofsprojekt - was aus meiner Sicht wirklich ein bescheuertes Projekt ist - nicht geben, sondern sie haben versprochen, wir werden alles daran setzen, dass es eine gute Bahnpolitik gibt und eine gute Anbindung, nicht zuletzt eine regionale Bahnanbindung, aber nicht dieses S21-Projekt. Die werden es versuchen. Es wird sich erweisen müssen, ob die Bahn den Stresstest erfüllen kann. Man muss sehen, wie teuer das alles wird und im Zweifelsfall oder in der Konsequenz gibt es dann möglicherweise das demokratischste Verfahren, dass nämlich dann die Menschen in Baden-Württemberg befragt werden. Also, man muss vorher nichts versprechen, was man nicht einhält, und man muss zeigen, man setzt sich ein für die Ziele. Und dann wird auch mal eine Niederlage akzeptiert.

Küpper: Wir wollen ja heute auch über den Sport sprechen.

Roth: Ja.

Küpper: Wir tasten uns da langsam vor. Aber kurz noch, Sie haben gesagt, man muss ehrlich sein. Olympia 2018, die Entscheidung steht kurz bevor - Anfang Juli wird sie fallen -, ob die Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen stattfinden werden. Sie saßen lange im Kuratorium der Bewerbergesellschaft bis zum Bundesparteitag der Grünen, wo sich die Partei gegen diese Bewerbung ausgesprochen hat. Freuen Sie sich, wenn Deutschland den Zuschlag bekommt?

Roth: Also, ich war anderer Meinung. Ich war der Meinung, dass man, wenn du in einer Struktur mitarbeitest, beispielsweise in so einem Kuratorium, mehr zu einer wirklich ökologischen Bewerbung beitragen kannst, als wenn du draußen vor bist. Aber ich bin Vorsitzende der Grünen Partei, und auch da war es so, dass keine einzige Partei überhaupt drüber diskutiert hat. Und bei uns ist gerungen worden. Und natürlich, wer wenn nicht eine grüne Partei, muss auch auf mögliche negative Umweltauswirkungen von Großsportveranstaltungen hinweisen. Die Mehrheit der Partei hat gesagt, sie lehnen diese Bewerbung ab. Dann bin ich eben konsequenterweise aus dem Kuratorium raus gegangen. Sollte München und Garmisch-Partenkirchen den Zuschlag bekommen, das werden wir ja in ein paar Tagen erfahren, dann glaube ich, das kann ich versprechen, dass die Grüne Partei alles dran setzen wird, dass es dann aber auch wirklich ökologische Spiele werden, dass es nicht ein grünes Mäntele wird, das man sich bei der Bewerbung übergehängt hat, sondern dass tatsächlich die Versprechen eingehalten werden. Wir sind ja nicht gegen Großveranstaltungen, überhaupt nicht, sondern wir sagen, die haben Auswirkungen. Und die umweltnegativen Auswirkungen, die muss man entweder vermeiden oder reduzieren oder, wenn möglich, wie wir es jetzt bei der Frauen WM ja versuchen, auch kompensieren.

Küpper: Es ist 11:20 Uhr. Sie hören das Interview der Woche hier im Deutschlandfunk mit der Parteichefin der Grünen, Claudia Roth, die gleichzeitig auch im Kuratorium der Frauenfußballweltmeisterschaft 2011 sitzt, die heute beginnt. Frau Roth, haben wir in Deutschland eine schweigende Mehrheit was die Frauenfußballweltmeisterschaft angeht?

Roth: Also, ich weiß nicht, was Sie mit schweigender Mehrheit meinen.

Küpper: Die Euphorie ist überall da, aber wenn man sich den Durchschnitt der Frauenbundesligaspiele anguckt, dann sind das 836 Menschen. Also, so ganz groß und ganz ehrlich - darüber haben wir eingangs gesprochen - kann die Euphorie ja dann doch nicht sein.

Roth: Also, ich weiß, dass innerhalb des DFBs die große Wachstumsbranche der Frauenfußball ist. Ich glaube, der Männerfußball ist einigermaßen ausgereizt. Das sind viele Millionen Mitglieder, und bei den Frauen sind es, glaube ich, 1,5 Millionen, wachsend. Viele haben noch Probleme. Es ist gar nicht so einfach, dass Mädchen überall Fußball spielen können. Es gibt Mangel an Plätzen, es gibt Mangel an Trainer und Trainerinnen. Also, da ist wirklich noch viel, viel Entwicklungspotenzial da. Und ich hoffe sehr, dass dieses Sommermärchen 2011 von Frauenfußball noch mal so richtige Lust auf diesen Sport und Begeisterung für diesen Sport auslösen wird. Und ich bin mir ziemlich sicher, denn der Frauenfußball hat so was ganz Besonderes. Er ist ja nicht identisch mit Männerfußball, sondern er hat eine eigene Ästhetik, er hat eine eigene Schönheit. Er hat auch durchaus anderes Publikum, wenn die Väter mit ihren jungen Töchtern ins Stadion gehen und die Mädchen sagen, jetzt haben wir das Stadion für uns erobert, jetzt gehört es uns, und wenn die kleinen Jungs mit Birgit-Prinz-T-Shirts rumrennen - also ich glaube, dass wir erleben werden, dass aus dieser schweigenden Mehrheit eine große begeisterte Stimme wird und dass dann aber auch hoffentlich nach der Weltmeisterschaft die Ergebnisse der Frauenspiele auch mal abgebildet werden in den Medien. Wenn Sie große Sonntagszeitungen angucken, das ganze letzte Drittel dieser Sonntagszeitungen ist Männerfußball und über den Frauenfußball ist bisher definitiv gar nichts berichtet worden. Da muss sich was ändern.

Küpper: Heute ist das anders. Heute sind die Sonntagszeitungen voll, und nicht nur eine Seite, nicht nur zwei, sondern fast alle. Ist das eher so etwas wie ein Event, so wie beispielsweise der Eurovision Song Contest mit Lena, wo Schwarz-Rot-Gold dominiert, wo Deutschland gut ist, ähnlich wie beim Frauenfußball, oder ist das wirklich ernsthaftes Interesse an dieser Sportart Frauenfußball?

Roth: Ich hoffe, dass es zum ernsthaften Interesse wird. Und ich bin sehr, sehr froh, dass . . .

Küpper: Aber das ist es ja noch nicht.

Roth: Nein, aber ich bin sehr froh, dass zum Beispiel die Spiele alle übertragen werden, dass auch sich sozusagen der vorurteilsbehaftete Fußballfan - und da sind ja viele Klischees unterwegs - mal sich ein Bild davon machen kann, wie spannend und wie toll die Spiele sind. Und ich muss Ihnen sagen, vor Jahren, als geplant wurde, auch im Kuratorium der Frauen-WM, ich bin mir nicht sicher, ob alle geglaubt haben, dass über 700.000 Karten verkauft werden können, dass das Olympiastation ohne Probleme ausverkauft ist. Da hat man ja überlegt, was machen wir denn, wenn es nicht ausverkauft wird, wie schaffen wir so eine Kulisse? Die könnten Tausende von Karten mehr verkaufen, und das freut mich super. Und dann wird man eben auch sehen, dass dann viel, viel an Infrastruktur bereitgestellt werden muss, dass das, was danach passiert, auch tatsächlich verwirklicht werden kann, dass die Frauen und Mädchen auch spielen können.

Küpper: Sie haben es angesprochen, Sie sind Teil dieser Frauenfußballweltmeisterschaft, sitzen im Kuratorium. Wie wird eine linke Politikerin der Grünen DFB-Funktionärin?

Roth: Das hat etwas mit der Männer-WM zu tun, die Männer-WM in Deutschland. Als die Nazis, die alten und die neuen Nazis angekündigt haben, sie wollen für die iranische Mannschaft, für Ahmadinedschad demonstrieren, was ganz klar gegen Israel gerichtet war, also Antisemitismus im Fußball, da haben wir gesagt, das kann überhaupt nicht wahr sein. Ich habe Kontakt aufgenommen mit Dr. Zwanziger und habe gesagt, wenn der DFB das will, dann organisieren wir unsere Grünen vor Ort - da ging es um Spiele in Nürnberg, Frankfurt und Leipzig -, dann organisieren wir unsere Leute, machen zusammen mit der Grünen Jugend, mit der IG-Metall Jugend Demonstrationen. Wir wollen nicht, dass die Nazis diesen Fußball missbrauchen können. Und wir haben gesagt, wenn da 100 Nazis sind, dann sind da 1000 von uns. Und ich glaube, das hat Dr. Zwanziger sehr begeistert. Und er hat mich dann eingeladen. Ich bin dann Mitglied in der DFB-Kulturstiftung geworden, habe da wirklich echt mitgearbeitet, dann im WM-Kuratorium, weil für mich ist das viel, viel mehr als eine reine Sportleidenschaft. Gerade der Frauenfußball hat ja eine ganz hohe gesellschaftspolitische Dimension. Das ist ja wirklich der Einbruch in die letzte Männerparallelgesellschaft.

Küpper: Kommen Sie sich dabei eigentlich auch so ein bisschen wie eine Quotenfrau vor?

Roth: Überhaupt nicht. Nein.

Küpper: Aber wenn man sich das DFB-Präsidium und den Vorstand anschaut, dann sitzen da insgesamt 47 Menschen, davon ist einer weiblich.

Roth: Ja, und da wird sich nach dieser Weltmeisterschaft auch etwas ändern. Steffi Jones wird eine ganz herausragende Position bekommen beim DFB. Natürlich ist das ein Männerclub. Was glauben Sie? Ich meine, jetzt machen wir uns mal nichts vor, jetzt reden wir mal nicht so freundlich. Bis 1970 durften Frauen in Deutschland nicht Fußball spielen mit abenteuerlichen Begründungen. Da waren die Macker aber echt am Werk, die gesagt haben, das passt nicht zum weiblichen Körper und was weiß ich. Das ist noch nicht lange her. Das ist grade mal 40 Jahre her, dass die überhaupt spielen dürfen. Und das ist wirklich der Marsch in die Männerinstitution. Dr. Zwanziger, muss ich sagen, ist da wirklich ein Türöffner, der richtiger Fan ist. Turbine Potsdam ist, glaube ich, sein Lieblingsverein. Der tut richtig viel. Steffi Jones ist eine wunder-wunder-wunderbare Botschafterin, die mit Herz und Verstand diese Leidenschaft auslösen kann für den Sport. Und für mich war das natürlich auch spannend, erstens in diese Männerwelt DFB mit eindringen zu können. Und ehrlich gesagt ist die ja auch eher konservativ geprägt. Also, ich bin, glaube ich, schon die erste Grüne, die da mal den Fuß über die Türschwelle setzen konnte. Und jetzt geht es aber weiter. Also wir haben fest gesagt, wir wollen nicht nur dieses Event wie den Eurovision Song Contest, den Sie genannt haben, sondern es muss nachhaltig sein. Also nach dieser Frauen-WM wird weiter gearbeitet. Es gibt eine Nachhaltigkeitskommission, da geht es um Integrationsfragen, da geht es um Antikorruption, da geht es um Kampf gegen die Homophobie, und es geht um Umwelt und Klima. Und ich bin offiziell die Beauftragte des Deutschen Fußballbunds für Umwelt und Klima. Das heißt, man kann diesen Sport, der natürlich im Mittelpunkt steht, mit gesellschaftspolitischen Anliegen verbinden. Und deswegen arbeite ich da mit großer Freude und Leidenschaft mit.

Küpper: Aber letztendlich geht es natürlich auch um das Interesse und darum, dass beispielsweise danach in der Frauenbundesliga mehr Zuschauer kommen. Wie viele Spiele haben Sie denn diese Saison gesehen?

Roth: Diese Saison habe ich leider nicht viele Spiele gesehen, weil in Deutschland gerne mal Wahlkämpfe stattfinden und oft gewählt wird. Ich habe einige Spiele der Nationalmannschaft gesehen, ich habe einige Freundschaftsspiele gesehen, aber viel zu wenig. Und ehrlich gesagt, in der Frauenfußballbundesliga war ich dieses Jahr nicht. Also, das muss ich auch zugeben. Ich hoffe sehr, dass dieses Wachstum sich in die Vereine auch fortsetzt und dass Vereinsfunktionäre nicht mehr begründen können, warum sie zum Beispiel keine Frauenmannschaft haben.

Küpper: Das heißt, man muss auch ein bisschen aufpassen, gerade der Frauenfußball, dass nach dieser großen WM, nach diesem Hype dann nicht das große, tiefe schwarze Loch kommt.

Roth: Ja. Da werden wir aber schon dafür kämpfen, da können Sie sicher sein. Und was ich erlebt habe an Spielbegeisterung auch bei Männern, die dann immer ganz verwundert sind, wie toll das ist - ich meine, die sollen sich das mal angucken, die werden mal begeistert sein - wenn wir das erleben, die Spiele sind ausverkauft, es gibt noch ein paar Karten für Spiele, aber nicht mehr viele. Frankfurt ist ausverkauft. Wir haben tolle Stadien und ich glaube, dass das ein großer Siegeszug sein kann für einen wunderbaren Sport und für die endgültige Emanzipation der Frauen.

Küpper: Ganz kurz zum Abschluss. Sie werden heute Abend im Stadion sein, im Berliner Olympiastadion. Dann wird feierlich eröffnet werden und dann läuft die Nationalhymne. Bei den Männern ist das ja immer ein großes Thema, wer da mitsingt. Werden Sie mitsingen?

Roth: Ich stelle mich hin, und Nationalhymnen singe ich nicht so gerne mit, aber ich bin mit dem Herzen dabei.

Küpper: Aber Sie sind bekannt für farbenfrohe Outfits. Wird da Schwarz-Rot-Gold auch ein Bestandteil sein?

Roth: Da stellen Sie mir jetzt eine schwierige Frage. Das entscheide ich in drei Stunden. Ich komme wahrscheinlich eher grün. Wenn, dann muss Grün dabei sein.

Küpper: Was denken Sie denn, wie wird das Spiel ausgehen?

Roth: Ich hoffe, dass diese Riesenkulisse die jungen Frauen mobilisiert, dass es nicht Angst einflößt. Ich setze auf 3:0.

Küpper: Sagt Claudia Roth, Vorsitzende der Grünen und im Kuratorium der Frauenfußballweltmeisterschaft, die heute Abend im Berliner Olympiastadion offiziell eröffnet wird. Vielen Dank für das Gespräch.

Roth: Vielen Dank, Herr Küpper.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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