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StartseiteBücher für junge Leser"Ich glaube, dass Kunst Gedankenräume aufmachen kann"08.02.2020

Der Maler Quint Buchholz"Ich glaube, dass Kunst Gedankenräume aufmachen kann"

Augenblicke, die eine ganze Geschichte erzählen. In seinen fotorealistischen Bildern fügt er dem scheinbar Alltäglichen etwas Magisches hinzu. Es sei ihm immer nur um das Malen gegangen, sagte er im Dlf. Das sei der Ort, an dem er immer wieder zurückkehre und wo er am meisten Frieden finde.

Quint Buchholz im Gespräch mit Ute Wegmann

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Der Künstler und Schriftsteller Quint Buchholz 2017 (Hanser Verlag / Klaus-Reiner Blümel, Hintergrund: Gerda Bergs)
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Ute Wegmann: Langeweile, Stille, Langsamkeit, Muße, Zeit, Glück – all das sind Begriffe und wahrscheinlich auch Zustände, mit denen sich mein heutiger Gast intensiv beschäftigt hat. Und die er neben vielen anderen Themen in Bildern festzuhalten weiß. Bilder, die einen Augenblick im Leben herausgreifen und oft ein Zusammenspiel von Mensch, Natur und Tier offenbaren. Bilder, die das Wasser, den Himmel, die Nacht in den schönsten Farben wiedergeben. Freuen Sie sich auf ein Gespräch mit dem Meister dieser Augenblicke, mit dem Künstler Quint Buchholz. Am Mikrophon begrüßt sie Ute Wegmann.
"Wer das Mondlicht fängt", "Der Sammler der Augenblicke", "Vom Glück der Langsamkeit", "Alles hat seine Zeit" – alles das eine kleine Auswahl von Quint Buchholz-Titeln. Die Titel geben treffend die Themen Ihres Werkes wieder, Quint Buchholz. Oder habe ich etwas vergessen?

Quint Buchholz: Nein! Also ich glaube, ich habe wirklich gar nicht so viele Themen, weil ich in denselben Themen oder Gegenständen immer wieder neue Geschichten finden kann. Und das ist auch schön finde, wenn ich immer wieder an ähnliche thematische Orte zurückkehre, auch manchmal nach zehn oder zwanzig Jahren, und gucke, was passiert da jetzt. Was macht es jetzt mit mir.

Wegmann: Quint Buchholz, 1957 im Rheinland geboren, in Stuttgart aufgewachsen, in München studiert, zuerst Kunstgeschichte, dann an der Akademie der Bildenden Künste. Sind Sie Schwabe, Bayer oder gibt es noch eine Verbindung zum Rheinischen?

Buchholz: Zum rheinischen Quint Buchholz am wenigsten. Mein Vater kam aus Berlin, meine Mutter ist in Ostpreußen geboren und in Schlesien aufgewachsen. Ich habe also eher eine norddeutsche Herkunft, vor allem was die Sprache betrifft. Schwäbisch durften wir zuhause nicht reden, weil mein Vater sagte: Das kriegen wir nicht mehr los, wenn wir uns das angewöhnen. Was wahrscheinlich eine weise Vorgabe für uns war. Inzwischen bin ich dem Bayrischen sehr viel näher, als ich mir das hätte vorstellen können. Als ich dahin gezogen bin, mit 19 Jahren, war mir doch die bayrische Bevölkerung und Art sehr fremd bis skurril manchmal. Inzwischen hab ich Vieles sehr schätzen gelernt auch an der bayrischen Lebensart. Mein Freund und Kollege Reinhard Michl spricht immer vom "bayrischen Buddhismus" und beschreibt ganz schön, was die Bayern auch können: einen leben lassen, zu wissen, dass die Menschen auch verschieden sind, jeder es auf seine Weise macht.

"Das Malen, darum geht’s"

Wegmann: Sie haben Illustrationen zu über 40 Büchern gemacht, einige Bücher sind in 25 Sprachen übersetzt. Sie blicken auf über 100 Ausstellungen im In- und Ausland, auf zahlreiche Preise. Sie haben als Bühnenbildner fürs Theater gearbeitet, sind freischaffender Künstler, leiten aber auch regelmäßig Workshops für Illustration. Wenn man das alles aufzählt, klingt es viel, vielleicht stressig, aber was von alldem entspannt Quint Buchholz am meisten?

Buchholz: Das Malen. Das Malen, wenn ich mitten in einem Bild drin bin. Und letztlich geht es mir auch darum. Das ist der Ort, zu dem ich immer wieder versuche zurückzukehren, und ich würde sagen, an dem ich auch am meisten meinen Frieden finde. Das ist nicht immer so.

Und es gibt bei jedem Bild auch Phasen, wo man nicht genau weiß, wo es langgeht oder man denkt, das wird nichts. Das hab ich bei jedem Bild, dass ich es wegschmeißen will und denke: Lieber neu anfangen. Ich habe aber inzwischen die Erfahrung gemacht, dass ich ein Bild immer erst am Ende beurteilen möchte. Dann kann man sagen: Es ist nicht so gut geworden, oder es taugt einigermaßen. Und die anderen Sachen mache ich auch alle gerne, wenn es nicht zu viel zu eng hintereinander ist. Aber das Malen, darum geht’s.

Im Zweifelsfall immer für das gute Bild

Wegmann: Gibt es da einen Unterschied zwischen dem Auftragsbild, vielleicht einem Cover und der freien Malerei?

Buchholz: Ja, am Anfang, als ich angefangen habe, Buchillustration zu machen, hab ich das ganz gut hingekriegt, meine eigenen Bilder für die Buchillustration und auch für die Cover zu malen. Jetzt haben sich die Zeiten aber ziemlich verändert, der Einfluss des Vertriebs und der Vertreter auf Umschlaggestaltung ist immens geworden, und ich hab irgendwann beschlossen, dass ich da nicht mehr dabei bin, weil das nach Kriterien stattfindet, die nicht mehr meine sind. Und dann macht es keinen Spaß mehr. Oder man braucht ewig, um sich zu irgendwas zu zwingen und dann am Ende ist es doch kein gutes Bild. Und ich möchte mich schon im Zweifelsfall immer für das gute Bild entscheiden, sofern mir das möglich ist.

Wegmann: Und wenn Sie jetzt sagen, Sie sind nicht mehr dabei, ist das eine grundsätzliche Entscheidung, keine Cover mehr zu machen. Oder bedeutet es, in einer konkreten Situation zu sagen, da wird mir jetzt zu viel diskutiert, da steige ich aus?

Kein Konsensbrei

Buchholz: Es ist schon eine grundsätzliche Entscheidung, Auftragscover nicht mehr zu machen. Die hab ich schon vor einer ganzen Weile getroffen. Es gibt zwar immer wieder Cover von mir, zum Beispiel auf dem letzten Roman von Jostein Gaarder, aber das sind Bilder, die gibt es schon, und da beschließt der Verlag mit mir zusammen, dass es das Bild sein könnte. Aber dann habe ich das Bild in meiner Freiheit gemalt und jemand sagt: Das können wir gebrauchen, das ist für mich okay. Ich arbeite auch nicht gerne nach Absprache, dass man eine Skizze macht, dann sagt im Verlag jeder was dazu. Und am Ende kommt dann langweiliger Konsensbrei heraus, das ist nicht die Art, wie ich arbeiten möchte. Ich hab früher bei Hanser es immer so gemacht, dass ich ein Bild fertig gemacht habe, ohne Skizzen.

Und dann hab ich gesagt: Entweder ihr nehmt es oder ihr nehmt es halt nicht. Dann überleg ich, ob ich noch mal einen Anlauf nehmen kann, oder auch nicht. Es ist schwer geworden beim Buchcover, da noch richtig gute Freiräume zu haben. Es geht in Richtung Austauschbarkeit oder am liebsten ein Cover zu haben, das es so ähnlich schon woanders gibt, was erfolgreich war. Und damit geht’s ja nicht voran. Als ich angefangen habe, konnte man mit sehr viel schrägeren Ideen kommen, da gab es eine Begeisterung dafür, die es heute nicht mehr gibt.

Wegmann: Ihre Bilder - annähernd fotorealistische Darstellungen von Situationen – halten auch oft ein magisches Moment fest. Das Kind, das auf dem Rücken eines schlafenden Nashorns, liegt. Der schwebende Zirkuswagen, von dem eine Sprossenleiter in die Tiefe geht. Das Pferd auf der Leuchtturmplattform. Immer wieder Figuren, die Musikinstrumente spielen. Jedes Bild eine Geschichte. Wie wichtig ist in Ihrem Leben und in den Bildern das Surreale?

Buchholz: Ich bin gar nicht so einverstanden mit dem Begriff – surreal schon – aber nicht mit dem Begriff Surrealismus, der mir oft zugeordnet wird, weil ich unter der Richtung der Malerei etwas anderes verstehe. Ich glaube, dass ich eine besondere Art habe, auf die Welt zu schauen. Weil ich nicht nach dem Surrealen suche, sondern weil ich das sehe. Schon als ganz junger Mensch, die Trennung zwischen dem, was wir für Realität halten und den ganzen anderen spannenden Räumen, die es auch gibt, in unserem Kopf, in anderen Köpfen, diese Trennung hab ich nie richtig vollzogen. Deshalb fällt es mir nicht schwer, die Dinge in meinen Bildern, die so ein bisschen anders sind, zu finden. Sie sind Ausdrucksformen einer bestimmten Gedankenwelt.

Wegmann: Ich würde Sie ja gerne jetzt fragen, ob Sie etwas Magisches in unserem Studio sehen, was ich nicht sehe.

Buchholz: Da wären wir wieder bei der Langsamkeit. Und dabei, dass meine Ideen meistens sehr lange brauchen und wachsen. Es kann sein, dass ich hier etwas mitnehme, was dann in drei Jahren in einem Bild eine Rolle spielt.

Wegmann: Dann müssen Sie mir das erzählen, damit ich das in Zukunft auch sehen kann.
Eine weitere, unverkennbar wichtige Rolle spielen Tiere, heimische und wilde. Es gibt ein Selbstporträt mit einem Pinguin, Sie beide im Profil, vielleicht mit Blick auf das Meer. Es gibt ein Tierbuch "Quint’s Tierleben", 60 Bilder, Gedichte, Aphorismen, Geschichten und eine Vielzahl Bilder mit Vögeln, Löwen, Katzen ("Nero Corleone" mit Elke Heidenreich) und Schnecken. Welche Bedeutung haben die Tiere?

Tiere, unsere Vettern und Cousinen

Buchholz: Ich muss sagen, dass ich nicht so ein naher Tiernarr bin, wie es meine Mutter war, die direkt zu jedem Tier hingegangen ist und mit dem Tier in Kontakt war, dass die Tiere kamen, bei meiner jüngsten Tochter ist das genauso. Ich stehe eher scheu am Zaun und gucke. Gleichwohl sind die Tiere ein großes Thema für mich. Ich bin in Bayern, in einer Zeit, als das noch sehr unüblich war, Vegetarier geworden, aufgrund mehrerer Episoden, die sich verdichtet haben, da war es klar, dass ich es nicht mehr mitmachen möchte.

Und natürlich hat mich das Thema, wie wir Menschen mit unserer Verantwortung umgehen, die uns für die Tierwelt auferlegt ist, wie wir das tun oder eben die Verantwortung nicht wahrnehmen, das beschäftigt mich sehr. Und das sehen wir auch jetzt bei so vielen Themen, die wir zu bewältigen haben. Und ich glaube, dass der Umgang mit Tieren für die Zukunft eine zentrale Frage auch der Menschheit sein wird. Wie weit wir bereit sind, etwas anderes für möglich zu halten. Ich sehe Tiere als unsere Vettern und Cousinen und das macht etwas ganz Anderes notwendig, wenn wir mit ihnen umgehen.

Wegmann: In Ihren Bildern hat man den Eindruck, dass es ein partnerschaftliches Verhältnis ist, wie Sie draufschauen und wie Sie die Figuren mit den Tieren agieren lassen. Auf Augenhöhe.

Buchholz: Das finde ich auch richtig. Es gibt für die Grenzziehung zwischen Mensch und Tier philosophisch keine belastbare Grenze. Das geht einfach nicht. Und die moderne Naturwissenschaft, die Tierverhaltensforscher, sagen alle: Wir wissen immer noch fast nichts über die Tiere.

Wegmann: In dem Buch "Vom Glück der Langsamkeit" – Bildtafeln – doppelseitig oder einseitig, mit einer Sammlung von Gedichten, Notizen, Sinnsprüchen von Nietzsche über Simic, Gryphius und Kalekó zu Marc Aurelius Antonius, dort findet man auch eine Beobachtung des französischen Philosophen Paul Valery: "Beim Erwachen, so milde das Licht und so schön, dies lebendige Blau" (s.30). Hier ist von der Morgendämmerung die Rede. In Ihren Bildern finden wir oft die sogenannte "Blaue Stunde" festgehalten, die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Nacht. Welches Blau liegt Ihnen mehr?

Buchholz: Ich würde sagen, so vom großen Bogen hatte ich eine ganze lange Zeit, wo es eindeutig das Abend- und Nachtblau war, was mich sehr viel beschäftigt hat. Aber inzwischen ist es auch oft der Morgen, vielleicht sehe ich darin mehr Zuversicht, als ich sie früher in manchen Dingen des Lebens hatte.

Wegmann: Und wie unterscheiden sich die beiden Blaus?

Buchholz: Wie man an meinen Bildern sehen kann, gibt es ja ganz viele verschiedene Blaus. Aber das Morgenlicht ist zarter und weicher. Nicht umsonst gehen viele Fotografen, ich auch, morgens vor Sonnenaufgang raus, um dieses schöne, weiche Licht zu erwischen, was es am Abend so nicht gibt.

Gedichte-Poesiealben

Wegmann: Gedichte sind wichtig, spielen für Sie eine große Rolle. Sammeln Sie die? In einem Zettelkasten? Oder führen Sie darüber Buch, denn Gedichte und Notizen findet man in vielen Büchern.

Buchholz: Ich habe schon vor ganz vielen Jahren angefangen, ich nenne es "meine Poesiealben", zu führen. Ich habe eine ganze Reihe von Bänden, in die ich Gedichte, Sprüche schreibe, oder Dinge, die mir jemand schickt oder sagt. Es ist eine Sammlung von vielen Lieblingszitaten und – geschichten. Und bei dem Titel "Vom Glück der Langsamkeit" waren diese Texte ein Grundbaustein. Ich hab dann auch viele noch woanders gesucht, aber einige Lieblinge konnte ich da unterbringen.

Wegmann: Sie haben uns eins mitgebracht. Lesen Sie uns das Gedicht von Tomas Tranströmer, dem großen schwedischen Lyriker.

Buchholz: Es ist nur so – als Zwischenbemerkung – dieses Gedicht ist nicht in dem Buch.

Wegmann: Aber es ist eins Ihrer Lieblingsgedichte.

Buchholz: Ja, ich hab es erst danach entdeckt, ich hätte es sofort in das Buch aufgenommen, aber es ist mir erst später begegnet. Von Tomas Tranströmer:

Romanische Bögen

"In der gewaltigen romanischen Kirche drängten sich die Touristen im Halbdunkel. Gewölbe klaffend um Gewölbe und kein Überblick.

Kerzenflammen flackerten.

Ein Engel ohne Gesicht umarmte mich
und flüsterte durch den ganzen Körper:

"Schäm dich nicht, Mensch zu sein, sei stolz!

In dir öffnet sich Gewölbe um Gewölbe, endlos.

Du wirst nie fertig, und es ist, wie es sein soll."

Ich war blind vor Tränen

und wurde auf die sonnensiedende Piazza hinausgeschoben
zusammen mit Mr. und Mrs. Jones, Herrn Tanaka und Signora Sabatini,
und in ihnen allen öffnete sich Gewölbe um Gewölbe, endlos."

Wegmann: Der Künstler Quint Buchholz ist heute Gast im Büchermarkt und las ein Gedicht des Dichters Tomas Tranströmer.
Sich öffnen, Frieden finden – mit sich und der Welt. Anzuerkennen, dass man nie fertig wird. Zu sich kommen. Sich Zeit nehmen. Vereint das Gedicht, das was Sie sich für sich und die Menschen wünschen?

Buchholz: Manche bewegen sich im Laufe des Lebens in die Richtung, die das Gedicht ausdrückt: Weniger vom Wollen, Träumen, Suchen her zu leben, was in einer bestimmten Zeit auch sehr wichtig ist, aber das anzunehmen, dass die großen Dinge ohne einen passieren und man nur ein bisschen Erkenntnis gewinnen kann, aber sich auch immer noch das nächste Gewölbe öffnet, wie es in dem Gedicht heißt, das hat für mich etwas sehr Beruhigendes und Tröstliches inzwischen. Es hat vielleicht auch damit zu tun, das die eigene Wichtigkeit nicht mehr so eine Rolle spielt wie früher.

Vom Talent, das Glück zu finden

Wegmann: Elke Heidenreich hat im Vorwort zu ihrem Buch geschrieben, man brauche ein Talent, um das Glück zu sehen. Haben Sie, Quint Buchholz, dieses Talent? Das Glück zu finden? Und hat Glück mit Demut zu tun?

Buchholz: Ich glaube, ich habe dieses Talent. Meine Frau würde das bestätigen. Sie sagt, ich sehe Dinge im Alltag, Zeichen, also ich hab so gewisse Spiele,die ich mache, ich schau zum Beispiel immer auf Autokennzeichen und guck, ob ich aus Zahlen oder Buchstaben eine schöne Botschaft machen kann. Also solche Dinge, die sehe ich oft und gerne, hab einen Blick dafür. Was die Demut angeht: Es gibt so eine Demut, die ich aus meiner religiösen Erziehung meiner Kindheit kenne ...

Wegmann: Die meine ich nicht.

Buchholz: Wo es ein schreckliches Wort ist, aber im Sinne der Bescheidenheit oder sich nicht so wichtig zu nehmen, zu wissen, dass man nicht so groß ist, in dem Sinne hilft das sicher auch, Glück zu sehen, auch in den kleinen Dingen, in den alltäglichen.

Das erste Hanser-Kinderprogramm – ein großer Schritt

Wegmann: Zurück zum Blau!
Blau ist eine Erdkugel, so erinnern wir das Cover des Buches, das vielleicht das Tor zur Kinder – und Jugendliteratur für Sie war. 1993, Jostein Gaarder: "Sophies Welt". Mir sind Sie tatsächlich zum ersten Mal in einem meiner Herzensbücher begegnet: Roberto Piumini: "Matti und der Großvater", auch das war 1993. Eine berührende, tröstliche Geschichte über den Abschied eines Enkels vom gerade verstorbenen Großvater, an dessen Bett der Junge alle Wege und schönen Erlebnisse mit dem Opa noch mal erinnert und auf besondere Weise mit ihm in Dialog tritt. Dazu Ihre Bildtafeln in den warmen Farben eines italienischen Sommertages. Waren das die Anfänge, der Weg in die Kinder- und Jugendliteratur?

Buchholz: Für mich hat der Weg schon früher begonnen, allerdings waren das beides Bücher aus dem ganz neuen Hanser Kinder- und Jugendbuchprogramm, was damals eine ungeheure Aufmerksamkeit erfuhr. Es war neu, dass bei Hanser sogenannte Erwachsenenautoren auch Geschichten für Kinder geschrieben haben. Es gab eine andere Ausrichtung der Programmatik. Ich würde sagen, es gab einige dieser Bücher in anderen Verlagen auch schon, aber nicht so explizit. Da habe ich mit dem Cover zu "Sophies Welt" sicherlich auch zu beigetragen, aber ich habe auch davon profitiert. Und auf einmal hat der Verlag es geschafft, dass alle diese Bücher interessant fanden und angeschaut haben. Das war ein großer Schritt. Davon habe ich profitiert und es hat mich auf eine andere Stufe gehoben.

Revolutionär stille Räume öffnen

Wegmann: "Sophies Welt" kann man fast sagen, war einer der ersten All-Age-Titel, der von jungen und von erwachsenen Lesern mit viel Begeisterung aufgenommen wurde. Ich mache jetzt einen Sprung:
In dem Buch "Zeichner verteidigen die Meinungsfreiheit" zum damaligen Attentat auf das Team von Charlie Hebdo zeigen Sie zwei Männer, die sich gegenüberstehen, einer hat sein Gewehr im Anschlag, der andere einen überdimensionalen Zeichenstift "pazifistisch" geschultert. Was muss Kunst, was kann Kunst leisten für die Gesellschaft leisten?

Buchholz: Ich glaube, dass Kunst – wenn dann – Gedankenräume aufmachen kann, vielleicht im besten Sinne die Idee, den Blick verändern kann. Das kennen wir von wenigen tollen Büchern, die unser Leben verändert haben, wo man ein bisschen verändert aus einem Buch herausging als man hineingegangen war. Solche Möglichkeiten gibt es, an mehr glaube ich nicht. Das ist eine sehr komplexe Frage, denn auch die Absichtslosigkeit der Kunst, um es drastisch zu formulieren: die Nutzlosigkeit der Kunst, ist ein sehr wichtiger Aspekt, wenn man sich mit Bildern beschäftigt oder mit Musik oder mit was auch immer.

Wegmann: Sie haben mal gesagt: "Kunst muss auch einfach schön sein, darf einfach nur schön sein, muss nicht Aufreger sein."

Buchholz: Das hat sich doch so ergeben, in den letzten Jahren und Jahrzehnten, dass immer so eine verzweifelte Suche nach etwas Neuem und etwas gesellschaftlich Relevantem als Qualitätskriterium für Kunst herangezogen wird. Ich glaube nicht so sehr daran, obwohl Kunst den Aspekt auch haben kann. Aber ich glaube auch, dass in der heutigen Zeit, wo das zur Ruhe kommen und Schönes sehen so schwierig geworden ist, kann Kunst auch revolutionär stille Räume aufmachen. Stille, schöne Räume. Das kann auch ein Teil der großen Wahrheit sein, wenn es da eine gibt.

Wegmann: Wir haben noch gar nicht über Technik und Material gesprochen. Womit arbeiten Sie?

Buchholz: Ich arbeite seit vielen Jahren mit Acrylfarben, bei größeren Bildern auch mal mit Öl. Bei kleineren auf Papier, bei größeren auf Leinwand. Man muss vielleicht dazu sagen, dass ich in sehr vielen, sehr dünnen Schichten arbeite. Also ich setze nicht eine Farbe, wie viele Kollegen das machen, auf einen Satz hin und dann steht die Farbe, sondern ich schichte und verdichte langsam in ganz zarten Abstufungen das Bild und die Farben übereinander und das ist ein langer Prozess, wo ich mich langsam dem annähere, was ich denke, wo das Bild hingehen will.

Wegmann: Können Sie sich selber überraschen?

Buchholz: Ja, das sind die schönen Momente. Aber letztlich sind ganz viele Ideenfindungen erst dann gut, wenn sie eine Überraschung für einen selber sichtbar machen. Das gelingt nicht immer, aber immer wieder. Was ich aber auch schön finde, bei meinen Bildern, Deutungen von anderen Menschen, die in einem Bild was entdecken, das ich gar nicht gesehen habe, was es aber zweifelsohne in dem Bild gibt.

Wegmann: Und das ist auch das Spannende, wenn man sich die unterschiedlichen Bücher ansieht, wo Ihre Bilder in ganz neuen Kontexten auftauchen, neuen Gedichten, ganz anderen Themen zugeordnet, wodurch man ein Bild auch neu liest.

Buchholz: Ja, ich hab immer versucht, Bilder zu malen und nicht Illustrationen zu machen, die nur für eine Geschichte funktionieren. Deshalb gibt es die verschiedenen Bezugsmöglichkeiten.

Quint Buchholz: "Schlaf gut, kleiner Bär"
Hanser Verlag (München), 32 Seiten, 14 Euro.

Quint Buchholz: "Der Sammler der Augenblicke"
Hanser Verlag (München), 44 Seiten, 19,90 Euro.

Quint Buchholz: "Im Land der Bücher"
Hanser Verlag (München), 58 Seiten, 14 Euro.

Dorothée Kreusch-Jacobs und Quint Buchholz (Illustration):
"Sonne, Mond und Abendstern. Das große Liederbuch zur guten Nacht"
Hanser Verlag (München), 224 Seiten, 24 Euro.

Michael Krüger und Quint Buchholz (Illustration):
"Wer das Mondlicht fängt. Bilder und Gedichte"

Verlag Sanssouci (Zürich), 128 Seiten, 21 Euro.

Quint Buchholz (Hrsg.): "Vom Glück der Langsamkeit"
Gütersloher Verlagshaus (Gütersloh), 108 Seiten, 20 Euro.

Klaus Humann (Hrsg.) u.va.: "Zeichner verteidigen die Meinungsfreiheit"
Aladin Verlag (Hamburg), 48 Seiten, 12,90 Euro.

Roberto Piumini und Quint Buchholz (Illustration): "Matti und der Großvater"
Hanser Verlag (München), 88 Seiten, vergriffen.

Quint Buchholz: "Alles hat seine Zeit"
Hanser Verlag (München), 64 Seiten, 16 Euro.

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