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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur Der Mann, der die Zapatistas führt16.03.2009

Der Mann, der die Zapatistas führt

"Subcomandante Marcos: Kassensturz". Interviews und Vorwort: Laura Castellanos

Als 1994 die Indios in Mexiko einen Aufstand gegen die Großgrundbesitzer des Landes wagten, setzte sich ein Mann an die Spitze, den viele den neuen Che Guevara nannten: Subcomandante Marcos. Lange Interviews mit einer Journalistin ergeben das vorliegende Resümee einer Revolte.

Von Peter B. Schumann

Der Zapatistenführer Subcomandante Marcos bei einer Demonstration in Mexico City im Jahr 2006. (AP Archiv)
Der Zapatistenführer Subcomandante Marcos bei einer Demonstration in Mexico City im Jahr 2006. (AP Archiv)

Am 1. Januar 1994 besetzten Hunderte von Indios sieben Gemeinden in Chiapas, einer der ärmsten Regionen des Landes. Sie stürmten Rathäuser, vertrieben Bürgermeister, okkupierten Ländereien. Sie wollten endlich die Korruption der Staatsfunktionäre und die Ausbeutung durch die Großgrundbesitzer beseitigen, unter denen sie seit Jahrzehnten litten.

Sie nannten sich Zapatistas nach Emiliano Zapata, einem der Anführer der Mexikanischen Revolution vom Anfang des letzten Jahrhunderts. Und ihrer Organisation gaben sie den Namen Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung.

Zum ersten Mal in der Geschichte Mexikos standen die indigenen Völker auf der Tagesordnung der Macht. Der Anführer der Rebellen war zu einer Berühmtheit geworden und genoss breite Sympathie. Die Linke sah ihn weltweit als einen neuen Che Guevara an.

Laura Castellanos schreibt dies im Vorwort zu ihrem Buch über Subcomandante Marcos, die neue revolutionäre Lichtgestalt. Die mexikanische Journalistin versuchte in zwei langen Gesprächen mit ihm eine Bilanz dieser nun seit 15 Jahren aktiven Aufstandsbewegung zu ziehen. Oder besser gesagt: Sie animierte den militärischen Anführer der Zapatistas zu einem Kassensturz – wie sie es nennt.

Dabei wird zweierlei deutlich: Die Regierung hat die Rebellen mehrfach betrogen, aber auch die Linke hat sie im Stich gelassen, zumindest ihre überwiegende Mehrheit, die zur PRD, zur Partei der Demokratischen Revolution, gehört. Im Friedensabkommen von San Andrés war den Rebellen 1996 ein Gesetz in Aussicht gestellt worden, das der indigenen Bevölkerung weitgehende Autonomie zusichern sollte. Doch bei der entscheidenden Abstimmung im Parlament votierten sämtlichen Parteien, selbst die PRD, dagegen. Marcos bekannte später:

"Wir fühlten uns verraten ... Wir hatten ganz stark auf diesen vermeintlich progressiven Sektor der institutionellen Linken gesetzt. Und dann stellte sich heraus, dass er sich von uns abgewendet hatte."

Es war wiederum Marcos, der die enttäuschten Zapatistas drängte, den friedlichen Weg gegen alle Widerstände, militärischen Attacken und paramilitärischen Überfälle in ihren Gebieten fortzusetzen. Der Bruch mit der gesamten politischen Klasse Mexikos, vor allem mit der linken PRD, hatte zur Folge, dass die Medien allmählich das Interesse an den von ihnen lange Zeit Hofierten verloren. Auch die Aufständischen hielten sich von nun an zurück und verschwanden zeitweise völlig aus dem öffentlichen Erscheinungsbild. Außerdem änderten sie ihre Haltung. Subcomandante Marcos:

" Wir erwarten nichts mehr von der Regierung und den politischen Parteien. Wir wissen, dass wir die Probleme selbst lösen müssen und dass wir allenfalls auf die Unterstützung hilfsbereiter Leute von außerhalb hoffen können. Wir dulden aber keine Einmischung mehr in das, was wir machen und wie wir es machen, nicht einmal von Leuten, die uns helfen wollen."

Die militärische Führung verstärkte ihre Anstrengungen, die Selbstverwaltungsstrukturen in verschiedenen Gemeinden aufzubauen und abzusichern. Dabei mussten sie sich immer wieder gegen Angriffe von fremden Indio-Organisationen wehren, die von der Regierung bezahlt wurden, um ihnen die besetzten Ländereien zu entreißen. Doch Marcos konnte später in einer seiner selten gewordenen Stellungnahmen mitteilen:

" Wir haben mit der Befreiungsarmee unseren Teil der Veränderungen erfüllt. Wir haben mit den 'caracoles' autonome Gemeinden geschaffen. Und wir haben die Häuser für die Räte der Guten Regierung errichtet. Jetzt erhaltet ihr Gehör, Stimme und Weitblick zurück. Denn von jetzt ab werden alle autonomen Gemeinden der Zapatistas nur noch durch ihre eigenen Organe und die Räte der Guten Regierung sprechen. Sie regeln alle kommunalen Angelegenheiten wie Projekte, Besuche, Kooperationen und Konflikte."

Schlicht und unangestrengt ist die Diktion, mit der Marcos seine Kommuniqués verbreitet. Eine radikale Absage an die gängige politische Rhetorik oder gar das Pathos eines Volkstribuns wie Hugo Chávez. Das spürt der Leser auch in den beiden Interviews, die Laura Castellanos mit ihm 2007 geführt hat. Der Subcomandante spielt sich nirgends in den Vordergrund, wird lediglich von dem Prominenten-Fotografen Ricardo Trabulsi, der die Autorin begleitet hat, für seine Aufnahmen in Szene gesetzt. Diese Bildseiten ergänzen das sehr informative Resümee, aber sie sagen eigentlich nicht sehr viel über den Pfeifenraucher mit der Sturmmütze aus.

" Die Sturmmütze war so etwas wie ein Notbehelf für den Tag des Aufstands. Wir wären nie auf den Gedanken gekommen, dass sie ein so starkes Interesse auslösen könnte ... Es ist sehr heiß darunter, wenn es heiß ist, und wenn es kalt ist, dann klebt sie an der Haut und wird hart, denn sie ist aus dünnem Material. Es ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Ganz im Ernst: Ich werde nie wieder einen Aufstand mit einer Sturmmütze machen."

Aber vorläufig bleibt sie das Symbol der Indio-Rebellen von Chiapas. Sie werden erst dann darauf verzichten und sich zu erkennen zu geben –

- wenn auch die Politiker ihr wahres Gesicht zeigen.

Doch das dürfte so ewig dauern wie ihr bewundernswerter Widerstandskampf, der zwar von vielen Niederlagen gezeichnet ist – wie Marcos berichtet, der aber auch bemerkenswerte Errungenschaften aufzuweisen hat wie das System der bereits erwähnten caracoles, der autonomen Gemeinden. Es existiert seit sechs Jahren und hat das Gesundheits- und Bildungswesen entscheidend verbessert. Doch die Ernährung konnte nur in den Gebieten gesteigert werden, in denen Ländereien der Großgrundbesitzer besetzt worden waren. Die Selbstverwaltung basiert auf der Basis von Gleichheit und Rotation.

" Für uns ist es wichtig, dass die Politik nicht zu einer Angelegenheit für Profis und auch keine Karriere oder Lebensform wird ... Alle Mitglieder des Rates der Guten Regierung oder der autonomen Gemeindeverwaltungen sind Bauern, die von der Gemeinschaft unterstützt werden, solange sie ihr Amt ausüben. Danach müssen sie aber wieder aufs Feld zurück. Mit dieser ständigen Ämterablösung wird auch die Korruption verhindert."

Es ist ein Modell, über das der Leser gern genauere Informationen erhalten hätte, denn vielleicht könnte es ja Schule machen unter Mexikos indigenen Völkern. Trotzdem überspannt Laura Castellanos den Vorbildcharakter, wenn sie glaubt –

- dass der Zapatismus eine Lehre für die Menschheit ist und einen weltweit neuen revolutionären Diskurs in Umlauf gebracht hat.

Hier möchte man der Autorin die verbale Zurückhaltung der Zapatistas empfehlen, die in ihrer 6. Erklärung aus dem lakandonischen Urwald formulierten:

" Lange Jahre des Kampfes, militärische, politische, ideologische und wirtschaftliche Angriffe, Belagerungen, Schikanen und Verfolgungen haben wir durchgehalten, und sie haben uns nicht besiegt. Wir haben uns weder verkauft noch ergeben, sondern Fortschritte gemacht und setzen gestärkt unseren Kampf fort. "

Der Kassensturz von Subcomandante Marcos ist trotz einiger Schwächen und einer nicht immer gelungenen Übersetzung ein erhellendes Buch: Es bringt eine der wichtigsten Aufstandsbewegungen Lateinamerikas und die unverminderte Dringlichkeit ihres Kampfes wieder in unser Bewusstsein.

Subcomandante Marcos: Kassensturz.
Interviews und Vorwort: Laura Castellanos, Edition Nautilus, Hamburg 2009, 158 S., Euro 13.90

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