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StartseiteEssay und DiskursFolgen einer neuen Epoche 24.05.2020

Der Mensch erscheint im AnthropozänFolgen einer neuen Epoche

Der Mensch hat den Planeten so grundlegend verändert, dass Forscher eine neue erdgeschichtliche Epoche ausrufen. Das Zeitalter des Anthropozän zwingt uns, Begriffe wie „Natur“ vollkommen neu zu denken und eine angemessene Ethik zu entwickeln.

Eva Horn im Gespräch mit Michael Reitz

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Eine Plastiktüte schwimmt über Korallen im Roten Meer in Ägypten. (picture alliance / epa / Mike Nelson)
Der Mensch verändert den Planeten (picture alliance / epa / Mike Nelson)
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Seit einiger Zeit erscheinen immer mehr Publikationen in den Verlagskatalogen und in den Bibliotheken zum Thema Anthropozän. Gemeint ist damit: Der Mensch hat die Geologie, aber auch das Klima und die Tier- und Pflanzenwelt so grundlegend verändert, dass wir von einer neuen erdgeschichtlichen Epoche sprechen können.

Extreme Wetterlagen häufen sich, Arten sterben aus, ganze Landstriche versteppen und veröden, riesige Waldflächen werden gerodet. Eine Entwicklung, die seit den 1950er-Jahren an Geschwindigkeit zugenommen hat, messbar am Plutonium-Fallout der Atomtests, an Plastikmüll und CO2-Ausstoß. Der homo sapiens ist eine geologische Kraft und hat das 12.000 Jahre andauernde Holozän beendet.

Homo sapiens als eine geologische Kraft 

Durch den so genannten „Anthropocenic Turn“ ergeben sich völlig neue Fragen: Was ist überhaupt noch Natur, wenn sie weltweit vom Menschen beeinflusst und geformt ist? Und wie kann sich Politik dieser globalen Problematik stellen? Vor allem müssten vor diesem Hintergrund die uralten Gegensätze von Natur-Mensch, Mikro- und Makrokosmos, individueller und kollektiver Ethik neu gedacht werden. Michael Reitz befragt dazu die Wiener Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Eva Horn.

Eva Horn ist Professorin für Neue deutsche Literatur am Institut für Germanistik der Universität Wien. Sie hat in Deutschland, den USA, der Schweiz, Frankreich und Österreich unterrichtet. Forschungen zum politischen Geheimnis in der Literatur und im Film des 20. Jahrhunderts, zu Verschwörungstheorien und Zukunftsdenken der Moderne. Derzeit arbeitet sie an einer Kulturtheorie des Klimas.

Michael Reitz: Eva Horn ist heute Gast der Reihe "Essay und Diskurs". Sie ist Kultur- und Literaturwissenschaftlerin an der Universität Wien und wurde dieses Jahr mit dem Heinrich-Mann-Preis für Essayistik ausgezeichnet. Frau Horn hat sich in ihren bisherigen Publikationen hauptsächlich mit Spionen, Katastrophen und Katastrophenbewusstsein auseinandergesetzt. Im Jahr 2019 hat sie mit ihrem Kollegen Hannes Bergthaller einen Einführungsband zum Thema Anthropozän veröffentlicht. Bei diesem Begriff geht es grob gesagt darum, unsere Epoche als ein erdgeschichtliches Zeitalter zu sehen, in dem der Mensch, also der Anthropos, massiv in natürliche Prozesse eingreift.

Frau Horn, welche Perspektive legt man zugrunde, wenn man vom Menschen als einer geologischen Kraft spricht und eben nicht nur von einer historischen oder politischen oder sozialen?

Eva Horn: Es ist eine Perspektive, die Natur und Geschichte, die eigentlich in der Moderne ganz klar getrennt werden, wieder in eine gemeinsame Sichtweise hineinbringt. Es ist also, wenn man so will, eine Umweltgeschichte des menschlichen Handelns – und das bedeutet natürlich, die Geschichte des Menschen, das, was wir normalerweise als Sozialgeschichte oder auch als politische Veränderungen und Umbrüche erzählen, unter der Perspektive ihrer Einwirkungen auf die Natur zu betrachten. Das bedeutet, nicht nur auf Umweltschäden oder so etwas zu achten, sondern zum Beispiel auch auf die Art und Weise, wie wir Energie gewinnen, welche Ressourcen wir brauchen, welche Technologie wir einsetzen. Das heißt, die Perspektive des Anthropozäns ist eine integrierende, die auf das Menschliche und die Natur, und zwar in dem Fall die Natur des gesamten Planeten, gemeinsam schaut.

"Schon mit dem Einsatz des Feuers ändert der Mensch Landschaften"

Reitz: Wenn ich mal auf die Geschichte dieses Begriffes sehe: Wann hat das begonnen, das Anthropozän, wann hat man angefangen, davon zu reden? Welche wichtigen kulturgeschichtlichen Schwellen haben dazu geführt Ihrer Meinung nach?

Horn: Das ist jetzt nicht meine Meinung, sondern was ich Ihnen jetzt gleich sage, das ist ein relativ robuster Forschungsstand, den auch nicht ich entwickelt habe, sondern den zahllose Kollegen sowohl in den Naturwissenschaften als auch in den historischen Wissenschaften vorgeschlagen haben. Und die verweisen eigentlich auf vier verschiedene Schwellen. Da muss man jetzt also erst mal ganz, ganz weit zurückgehen und zunächst mal fragen: Wann beginnt der Mensch eigentlich, Landschaften, aber auch Organismen, also Tiere und Pflanzen, massiv und systematisch zu verändern? Schon mit dem Einsatz des Feuers ändert der Mensch Landschaften und auch den Bewuchs der Landschaften, aber spätestens mit der Sesshaft-Werdung, also vor etwa 6.000 Jahren, beginnt die Menschheit, eben wirklich in Landschaften einzugreifen, bestimmte Pflanzen abzuhauen oder auszujäten, andere anzubauen, Tiere zu züchten, Pflanzen zu züchten, auch die Wasserzyklen zu verändern, also feuchte Landschaften trockenzulegen und umgekehrt trockene zu bewässern, all das. Das wäre eine erste Schwelle, das nennt man gemeinhin die neolithische Revolution, das ist also der Übergang zur Sesshaftigkeit.

All das sind eigentlich schon Eingriffe, massive Eingriffe in die Natur, allerdings natürlich nicht auf einer planetarischen Ebene, sondern klein verteilt und mit einer kleinen Menschheit.

Mit dem Kolonialismus wird der Planet komplett erschlossen

Eine zweite Schwelle, die schon sehr in die Moderne reinreicht, wäre der Kolonialismus, also im Grunde genommen wäre da der Startpunkt die Entdeckung der neuen Welt, in dem Moment wird eigentlich der Planet auch erst komplett oder der Globus komplett erschlossen von Europa aus. Das beginnt mit zunächst mal einer geografischen Entdeckung, aber diese Entdeckung führt sehr schnell nicht nur zu einer Ausbeutung dieser neuen Welt, also die Gewinnung von Ressourcen, die Rückkehr von Pflanzen und Tieren, die eben in der neuen Welt entdeckt werden.

Vielleicht der Importartikel in die neue Welt aus Europa, der am dämonischsten gewesen ist und vielleicht auch am aktuellsten, das sind die Seuchen. Die Ureinwohner Nord- und Südamerikas sind absolut nicht resistent gewesen gegen die Seuchen, die Europäer mitbrachten, und die für die dort lebenden Ureinwohner eben viel, viel tödlicher verliefen als für die Europäer. Also Pocken, Diphterie, Scharlach, alle möglichen Krankheiten, auch die einfache Grippe, diese Krankheiten haben die Bevölkerung dort um 95 Prozent reduziert. Auch das ist eine kulturhistorische Schwelle, die sich sogar in der Klimakurve des frühen 17. Jahrhunderts niederschlägt, wo es also einen kurzen Moment gibt, wo der CO2-Stand niedriger war als vorher. Man geht davon aus, dass das damit zu tun hat, dass eben fast keine Landwirtschaft mehr in der neuen Welt betrieben wurde von den Ureinwohnern, weil die eben zu großer Zahl gestorben waren.

Umstieg von Kohle auf Öl - Start der großen Beschleunigung

Aber mit dem Kolonialismus gibt es sozusagen eine Vorstellung vom Planeten als Globus, und es beginnt eigentlich eine Wirtschaftsweise, die sozusagen alles in Waren verwandelt. Es ist eine zweite Schwelle, die schon sehr deutlich auf die Moderne und unsere heutige Zeit eben mit der Globalisierung verweist. Eine dritte Schwelle ist natürlich, ganz, ganz wichtig, der Einsatz von fossilen Brennstoffen und damit die industrielle Revolution. Die Schwelle, die heute von Forschern eigentlich aber als der klassische Einsatzpunkt des Anthropozäns angesetzt wird, ist die sogenannte "Great Acceleration", also die große Beschleunigung, das ist der Moment, in dem man von dem schweren und doch nur mitteleffizienten Energieträger Kohle auf Öl umsteigt, also auf Erdöl und Erdgas.

Es ist das Erdöl, das es nicht nur ermöglicht, Individualverkehr zu betreiben oder zum Beispiel auch Flugzeuge fliegen zu lassen, das ginge mit Kohle nicht, Erdöl ist auch so eine Art Universalmaterie für ganz viele Stoffe, es ist eigentlich die Grundlage für die meisten Plastikstoffe. Und mit dieser großen Beschleunigung, die man sozusagen als Startpunkt in die 1950er-Jahre des 20. Jahrhunderts legen kann, beginnt wirklich etwas wie eine Eskalation von ganz, ganz vielen Parametern, einerseits sozioökonomischen, also Verbrauch bestimmter Ressourcen, das Wachstum der Städte, die Mobilisierung der Menschheit, jedenfalls in den Industrienationen, Tourismus, bestimmte Formen von immer weiter erhöhtem Konsum...

Anthropozän: Sammelbegriff für verschiedene Krisensymptome

Reitz: Was mich ein bisschen wundert, ist, dass dieser Begriff im Moment so eine Konjunktur hat, also er taucht relativ häufig auf in den Diskussionen, in den Medien. Kann das damit zu tun haben, dass diese Begriffsbildung der dramatischen Situation unseres Planeten geschuldet ist? Also immerhin haben wir jetzt mit diesem Begriff einen der seltenen Fälle, dass quasi bei laufendem Betrieb ein Epochenbegriff gebildet wird.

Horn: Ich habe mich selber gewundert, wie so ein komplizierter Begriff auf einmal so populär werden kann. Eine Vorreiterrolle hat dabei sicher der Kunst- und Kulturbetrieb gespielt, aber auch die Tatsache, dass wir mit einer sehr komplizierten und eben eskalierenden ökologischen Situation konfrontiert sind, die nicht nur aus dem Klimawandel besteht.

Und das Anthropozän ist, wenn man sich das mal anguckt, wie Forscher das beschreiben, eigentlich ein Sammelbegriff für ganz viele verschiedene Krisensymptome, die alle planetenweit auftauchen und eben globale Wirkungen zeitigen, nicht irgendwie Umweltverschmutzung an einem gewissen Ort oder so, sondern die wirklich global wirksam sind und die aus ganz vielen verschiedenen Unterproblemen bestehen. Ich habe ein paar davon genannt, also das ist der Artenschwund und auch die Migration von Arten, aber insgesamt sehen wir ein dramatisches Schrumpfen von Biodiversität, das ist die Veränderung von wichtigen Stoffkreisläufen wie vom Phosphor- und Stickstoffkreislauf, das ist die Versauerung der Meere und damit natürlich die Veränderung der gesamten Chemie und Physik der Meere.

Also wir sehen das an so Phänomenen wie der Korallenbleiche oder im Verschwinden bestimmter Arten, deren Panzer sich auflöst, weil das Meerwasser ein bisschen saurer wird. Das ist eine unmittelbare Folge des erhöhten CO2-Gehalts in der Atmosphäre. Das Ozonloch ist auch immer noch nicht weg, anders als wir das glauben. Also es gibt sehr viele klimatische Parameter oder Parameter, die die Luft betreffen, Toxine in der Luft oder generell Toxine in der Umwelt, all das sind verschiedene Dimensionen dieser Großkrise. Und da man nicht immer all das aufzählen kann, was ich jetzt gerade aufzähle, um über diese ökologische Krise zu sprechen, ist der Begriff Anthropozän so ein ganz praktischer Begriff, um diese ganz vielen unterschiedlichen Dimensionen, von denen man sagen kann, wir wissen vielleicht noch nicht alle, wir haben vielleicht noch nicht mal alle auf dem Schirm bis jetzt, sondern da kann noch was dazukommen, was die Naturforscher dann plötzlich rausfinden und sagen, hey, da haben wir noch nicht geschaut, also was das zusammenfasst. Und ich finde den Begriff sehr, sehr gut brauchbar, um eben diese sehr komplexe ökologische Krise auf ein Wort zu bringen.

Natur als einen planetarischen Zusammenhang sehen

Reitz: Was hat denn Natur aus der Perspektive jetzt des Anthropozäns, also beziehungsweise, wenn man diesen Begriff gebraucht, was hat dieser Naturbegriff an Veränderungen durchgemacht?

Horn: Ja, also die Natur ist lange Zeit schöpfungsgeschichtlich eigentlich sozusagen der Kühlschrank, den Gott für den Menschen gefüllt hat, aber auch der Gegner des Menschen. Das ist sozusagen eine ganz klassische Vorstellung von Natur. Die neuere Forschung – man kann sagen, das ist tatsächlich ein großer Paradigmenwechsel in den Naturwissenschaften gewesen, der sich etwa ankündigt in den 1970er-Jahren – geht davon aus, dass man erstens mal Natur nicht mehr lokal betrachten kann, also meine Landschaft, meine Überschwemmung, meine Naturkatastrophe, mein Erdbeben oder so, sondern dass man Natur als einen planetarischen Zusammenhang sehen muss, in dem im Grunde genommen alles mit allem zusammenhängt, aber nicht in so einem holistischen, harmonischen Hippieverständnis, sondern in einem kybernetischen Verständnis.

Natur muss als ein planetarisches System verstanden werden, das eine eigene Dynamik hat, und diese Dynamiken – das ist nicht eine, sondern ganz viele verschiedene Regelkreisläufe –, die dienen dazu, dieses System stabil zu halten. Was heißt nun stabil? Stabil heißt, in einem jeweiligen sich selbst stabilisierenden Zustand, aber dieser Zustand ist dynamisch.

Der Faktor Mensch scheint großen Naturkräften zu gleichen

Wenn wir mit den Geologen auf die Erdgeschichte schauen, dann sehen wir, dass dieser Zustand der Erde sich immer wieder radikal verändert hat – extreme Warmzeiten, totale Eiszeiten wechseln sich ab, die folgen auch bestimmten Zyklen, dann gibt es äußere Einflüsse, die die Welt immer wieder in ihrer Geschichte in einen Zustand gebracht haben. Und das Gruselige am Anthropozän-Befund, wenn man das mal als Diagnose, als ökologische Diagnose betrachtet, ist, dass es offenbar so zu sein scheint, dass der Mensch jetzt zu einem dieser Faktoren wird wie Meteoriteneinschläge oder große Vulkanausbrüche oder auch kleine Wackeligkeiten in der Rotationsachse der Erde, die die Erde eh hat, aber die haben normalerweise so Perioden von 40.000 Jahren, diese Milanković-Zyklen.

Und nun kommt der Mensch und scheint eine ähnliche Wirkung auf den Zustand des Planeten zu haben wie diese großen Naturkräfte, also Cyanobakterien, die uns den Sauerstoff in die Atmosphäre gebracht haben, der war da nicht immer, und so weiter... Wenn man sich vorstellt, dass das der Mensch ist, der das tut, dann läuft es einem buchstäblich kalt den Rücken runter.

Begriffe finden, um radikale Veränderung denkbar zu machen

Reitz: Was mich verwundert, ist, oder was ich mich frage, ist: Was gewinnt man eigentlich mit dem Begriff Anthropozän gegenüber den alten Begriffen wie Ökologie oder Nachhaltigkeit oder Klimaveränderungen? Es kann ja nicht nur darum gehen, dass man jetzt eine neue Form von Deutungshoheit aufbaut oder dass das eine hermeneutische Finte ist.

Horn: Die Perspektive des Anthropozäns ist eine planetarische und ist eben eine auf eine dynamische Natur. Und da sind solche Begriffe wie Ökologie oder auch Nachhaltigkeit in einer gewissen Weise zu begrenzt, weil sie sehr stark eben diese lokale Perspektive und diese Stabilitätsperspektive noch mit transportieren. Nachhaltigkeit impliziert ja immer so ein bisschen, dass die Dinge möglichst nachhaltig so bleiben können, wie sie sind, oder dass man eine Technologie so einsetzt, dass sie immer weitergeht und nicht irgendwann Zerstörung oder Vergiftungserscheinungen erzeugt oder auf Ressourcenprobleme stößt. Das ist Nachhaltigkeit.

Und ich glaube, das Anthropozän ist ein Befund, und das ist nicht ein Weiter-So, sondern das ist eine Wendung, das ist ein ganz scharfer Knick, den wir machen müssen. Und ich meine, im Moment, wir sprechen ja jetzt gerade in Corona-Zeiten: Da haben wir ja doch mittlerweile einige Erfahrungen mit solchen Wendungen und Knicken gemacht, und wir können im Moment noch gar nicht abschätzen, wie viele Kosten, ökonomisch, sozial und so weiter die Coronakrise uns gekostet haben wird. Aber im Grunde genommen kann man sagen: Das Anthropozän bringt uns das Folgende: Wenn die Veränderung des Systems Natur so weitergeht, wie sie im Moment stattfindet durch die Einwirkung des Menschen, dann kommen wir auf Krisen zu, die unvorstellbar viel größer sind. Und das heißt, wir müssen jetzt Begriffe finden, die eine radikale Veränderung, einen radikalen Umbau menschlicher Gesellschaft, menschlicher Ökonomien und des ökologischen Verhaltens des Menschen denkbar machen - und nicht nachhaltig so weitermachen wie bisher.

"Über diese Tragödie des nationalen Egoismus hinwegkommen"

Reitz: Ja, und was heißt denn das jetzt konkret in der Praxis? Also das Anthropozän oder dieser Begriff, der impliziert ja, dass er uns dazu auffordert, in langen Zeiträumen zu denken. Wie soll das funktionieren? Der Mensch denkt in der Regel nur in ein, zwei Generationen, und dann auch nur noch in seiner unmittelbaren Umgebung oder an seine unmittelbare Umgebung. Er ist ja ein Kleingruppen-Herdentier im Grunde genommen, und darauf scheint seine Moral zunächst mal ausgerichtet. Alles andere ist sehr abstrakt für den Menschen. Aber das fordert uns ja auf, mal in größeren Zeiträumen zu denken.

Horn: Ja. Das ist so, in der Tat. Der Mensch ist nicht wirklich kognitiv dafür geschaffen, aber der Mensch hat einiges hingekriegt im Laufe seiner Entwicklung, und diese Entwicklung verläuft ja, wie wir sehen, immer schneller. Und ich denke schon, dass es zumutbar ist, selbstreflexiv sozusagen auf das Tun des Menschen zu schauen und von dieser Bindung an kurze Zeiträume – die Zeiträume, in denen wir ticken, die sind ja eher vier bis zehn Jahre lang, also ein bis zwei Legislaturperioden, das sind die Zeiträume, die Entscheidungsträger eigentlich ansetzen –, dass wir darüber hinwegschauen und dass wir auch über diese immer nur lokale Orientierung hinwegschauen.

Ich meine, das, was das Anthropozän der Menschheit als Koordinationsaufgabe stellt, ist wirklich, international sich zu organisieren und zu internationalen Formen der Kooperation zu kommen, indem man es schafft, über dieses Paradoxon, dass jeder, wenn er sich möglichst egoistisch verhält, auch eigentlich besser fährt, jedenfalls kurzfristig. Es wird wirklich darum gehen müssen, über diese Tragödie des nationalen Egoismus hinwegzukommen und sich zusammenzuraufen und zu organisieren. Ich meine, dass die Menschheit dafür nicht besonders gut geeignet ist, sehen wir nicht zuletzt auch im Moment in der Coronakrise. Aber man wird vielleicht auch noch andere Entwicklungen sehen.

Es gibt auf regionalen Ebenen doch auch eine ganz gute Kooperation, es gibt auch im Umweltschutz erste Versuche, eben transnational sich zu organisieren und zum Beispiel Luftverschmutzung transnational anzugehen, weil die sich eben nicht an Staatsgrenzen hält. Also ich glaube, das kann möglich sein. Das Denken in großen Zeiträumen ist ein anderes Problem. Aber alles entscheidet sich im Verlauf dieses Jahrhunderts und eher in der ersten als in der zweiten Hälfte – und schon das sind Zeiträume, für die der Mensch eigentlich überhaupt nicht geschaffen ist. Aber ja, es wird nötig sein, das zu tun.

Die Halbwertzeit technischer Geräte verlängern

Reitz: Nun müssen wir im Anthropozän nicht auch noch einmal vollkommen neu über Technologie nachdenken?

Horn: Ich denke, man muss über Technologie nachdenken einerseits als ein Problem des Anthropozäns und, also als Ressourcenverbrauch, als Umweltschädigung, aber auch als eine Chance das Anthropozäns. Was könnte es heißen, grüne Technologie zu entwickeln? Was könnte es heißen, Regeln aufzustellen, die Technologie in der Weise beschränken, dass sie umweltfreundlicher werden muss? Diese ganzen Phänomene, die wir aus unserem Haushalt kennen, die sogenannte "planned obsolescence", also die Tatsache, dass keine Waschmaschine heute mehr länger als fünf Jahre hält, während das Ding, das wir aus unseren Studienzeiten 30 Jahre mit uns rumgeschleppt haben, wunderbar funktioniert hat 30 Jahre lang, also dieser erzwungene, ständig neue Konsum, der in einfache Technologie eingebaut wird, diese Zyklen des Konsums, diese erzwungenen Zyklen des Konsums, die müssen irgendwie eingeschränkt werden.

Die andere Seite der Sache ist natürlich das, was so ein bisschen unter dem Stichwort Artificial Intelligence geht: Technologie heute ist eine völlig andere Technologie als die, mit der ich als Kind konfrontiert war. Da gab es eben Waschmaschinen, die haben 30, 40 Jahre lang gehalten, aber da gab es keine Computer. Und wir müssen jetzt über eine Technologie nachdenken, in der eigentlich Maschinen mit Maschinen sprechen und kommunizieren, und das heißt, eine Technologie, die zunehmend so ein bisschen so ähnlich funktioniert wie das Erdsystem, nämlich dass sie sich selber steuert, sich selber reguliert und sich möglicherweise auch selber reflektiert.

"Wir können den Computer nicht un-erfinden"

Und wir lieben das, wenn es darum geht, beim Carsharing eine App zu haben, die mir einfach sagt, wo das nächste Auto ist, wie ich es reserviere und wie der Tankstand ist. Wir lieben es nicht, wenn wir an so Fantasien denken wie Roboter, die die Menschheit unterwerfen und sich die Erde untertan machen und so weiter, oder auch, wenn wir an Apps denken, die uns überwachen, wo wir hingehen, was wir lustig finden, mit wem wir kommunizieren. Also diese intelligente Technik, diese Maschinen-kommunizieren-mit-Maschinen-Technik, die ist, glaube ich, tatsächlich eine Chance für eine grünere Technologie, aber die birgt natürlich auch die Risiken einer weiteren Selbstexpansion der Technosphäre und damit natürlich auch eines umweltschädigenden Wachstums. Und auch da ist der Mensch einfach aufgerufen, sozusagen als Reflexionsinstanz einzugreifen und zu sagen: Welche intelligente Technologie? Wir wollen intelligente Technologie, wir werden dahinter auch nicht mehr zurückkommen, wir können den Computer nicht un-erfinden, aber wir müssen irgendwie doch ein bisschen versuchen, das Heft in der Hand zu halten im Hinblick darauf, was wir eigentlich zum Beispiel an Artificial Intelligence wollen, was dem Menschen zuträglich ist und was auch grün ist.

Klimawandel und Artenverlust: "Katastrophen ohne Ereignis"

Reitz: Ich muss auch an einen Titel eines Ihrer vergangenen Bücher denken: "Zukunft als Katastrophe". Also wir neigen dazu, uns die Zukunft als Katastrophe vorzustellen, in unseren literarischen Produkten zum Beispiel, in Filmen. Das bringt mich zu der Frage: Kippt das Anthropozän automatisch in die Apokalypse?

Horn: Nein. Ich habe angefangen, mich mit dem Anthropozän zu beschäftigen, während ich an diesem Buch "Zukunft als Katastrophe" schrieb, und fand das einfach einen faszinierend komplexen Begriff für etwas, was ich beschrieben habe als Katastrophe ohne Ereignis. Also wir haben, glaube ich, mit ganz vielen Zerstörungs- und Desintegrationsprozessen zu tun, die wir nicht richtig sehen, die nicht in Form eines großen Knalls, eines großen Sturms oder eines Unfalls oder so passieren, sondern die schleichend passieren. Und der Klimawandel oder auch Artenverlust und viele Dimensionen des Anthropozäns sind solche Katastrophen ohne Ereignis.

Das heißt aber nicht, dass wir notwendig und unausweichlich auf die Apokalypse zusteuern. Es ist, glaube ich, richtig, sich Sorgen zu machen. Wir haben in der Coronakrise gerade gesehen, dass es um eine Woche mehr oder weniger große Angst gegangen ist, in der Reaktionen der Länder auf die Krise, und dass doch sehr – wie es erst schien – hysterisch-ängstliche Maßnahmen sich doch jetzt als sehr, sehr rettend erwiesen haben. Und ich würde mir wünschen, dass vielleicht ein bisschen mehr Bewusstsein einer möglichen Katastrophe auch die Attitüde zum Anthropozän informiert. Aber etwas mehr Angst und etwas mehr Vorsorge oder, ja, Prävention wäre, glaube ich, wirklich die richtige Haltung gegenüber diesem Phänomen.

"Freiheit bedeutet nicht, endlos zu konsumieren"

Reitz: Ich wollte mal auf die ethischen Implikationen zu sprechen kommen. Muss man jetzt damit rechnen, dass sich jede Moral auf das Kollektiv ausrichtet? Also wird die individuelle Freiheit in einer zukünftigen Ethik immer eingeschränkt sein, zum Beispiel beim Konsum, bei Reisen, bei unserer Ernährung?

Horn: Na ja, es ist eben die Frage, ob Freiheit wirklich darin bestehen muss, unbegrenzt zu reisen, kaum Steuern zu bezahlen, die irgendwie den ökologischen Preis von Dingen mit einberechnen, oder auch Preise zu bezahlen, die ökologische Zerstörung, die ein bestimmtes Produkt in sich enthält, mit bezahlen. Die Frage ist: Ist das ein Menschenrecht? Also ich glaube, wir müssen eher mal darüber nachdenken, wie wir eigentlich mal Freiheit definiert haben, und das bedeutet nicht, endlos zu konsumieren oder endlos zu genießen oder endlos zu zerstören, sondern uns als verantwortliche und wertvolle Mitglieder einer Weltgemeinschaft zu sehen, die mit ihrem Planeten pfleglich umgehen kann.

Und wenn es dann einfach irgendwann so teuer wird, dass ich an Orte, die ich sehr liebe und mit denen mich sehr, sehr viel verbindet, nicht mehr reisen kann, dann "so be it". Also ich finde, das ist nicht einfach ein Menschenrecht, dass wir konsumieren und reisen können, so viel wir uns eben leisten können. Ich meine, es gibt ja auch Leute, die sich das nicht leisten können, und über deren Freiheit haben wir uns bisher auch wenig Sorgen gemacht. Man sieht ja auch jetzt gerade, dass sich so Konsense oder Selbstverständlichkeiten auch ganz schnell ändern können. Auf einmal bleiben halt alle zu Hause, und das war nicht doof, dass das passiert ist.

Anthropozän - inspirierend für Natur- und Geisteswissenschaftler 

Reitz: Was mich jetzt noch interessiert: Warum ist das Anthropozän eigentlich auch ein Thema der Geisteswissenschaften? Das hört sich ja alles sehr naturwissenschaftlich an und man könnte da auf den Verdacht kommen, dass die Geisteswissenschaftler nur die Übersetzer oder PR-Fachleute für die Naturwissenschaftler sind.

Horn: Ja, manche Naturwissenschaftler sehen das vielleicht auch so. Aber eigentlich kann man umgekehrt sagen, und das ist auch meine persönliche Erfahrung: Die Naturwissenschaftler wie zum Beispiel die Geologen, die versuchen, das Anthropozän wirklich in den Schichten der Erde heute nachzuweisen schon, die sind auf einmal ungeheuer aufmerksam geworden auf die Forschungen der Geisteswissenschaftler. Das heißt, ich glaube, der Begriff hat eine enorme Fruchtbarkeit in beide Richtungen. Zum ersten Mal hören mir Naturwissenschaftler auch zu und finden das nicht alles einfach nur larifari, was ich als Literaturwissenschaftlerin mache. Für mich eine fantastische Erfahrung, ich lerne wahnsinnig viel, und ich glaube, die lernen auch was von mir. Das behaupten sie jedenfalls, die naturwissenschaftlichen Kollegen.

Reitz: Gut. Ich habe zum Schluss noch diese eine Frage. Was glauben Sie: Wie kann sich oder wird sich in Zukunft der Diskussionshorizont erweitern, wenn man verstärkt mit diesem geohistorischen Begriff Anthropozän arbeitet und argumentiert? Also was kommt da auf uns zu, im guten Sinne einer Horizonterweiterung?

Horn: Ja, eine Horizonterweiterung zwischen unterschiedlichen Perspektiven auf die Welt, die naturwissenschaftliche auf der einen Seite und die geistes- und sozialwissenschaftliche auf der anderen Seite. Ich glaube, wir werden diesen Split zunehmend auflösen. Wir werden, glaube ich auch, über Technologie noch mal neu nachdenken müssen im Sinne von, welche Technologie wollen wir, und das heißt nicht, immer nur zu bremsen, sondern auch zu fragen: In welche Richtung wollen wir eigentlich verschärft Technologie weiterentwickeln, also zum Beispiel in Form der Organisation von Mobilität? Ja, also da kann uns einfach künstliche Intelligenz unendlich weiterhelfen, und zwar nicht in Form von selbststeuernden Autos, sondern in Form von intelligent organisiertem Verkehr. Also ich denke, dass da der Anthropozän-Begriff eigentlich so eine Art Aufbruchslosung sein kann, zu sagen: Wir müssen über Grenzen des Dialogs, also nationale Grenzen, aber auch Denkgrenzen hinweg in Gespräche kommen miteinander und uns überlegen, wie wir Lösungen finden in dieser gemeinsamen Krise, weil wir alle im gleichen Boot sitzen. Und das heißt, das Anthropozän ist auch ein Begriff eben für die Einheit der Menschheit, trotz ihrer unendlich vielen Unterschiede und Ungleichheiten. Auch die sind eigentlich ein Thema des Anthropozäns, zu sagen: Also trotz der Ungleichheiten, die wir nicht sofort ändern können, gibt es so etwas wie eine gemeinsame Verantwortlichkeit, und das heißt auch, der Privilegierten gegenüber den weniger Privilegierten. Auch das ist ein Thema des Anthropozäns.

Reitz: Liebe Frau Horn, ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch und wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Eva Horn ist seit 2009 Professorin für Germanistik an der Universität Wien. Sie forschte und lehrte zuvor in Konstanz, Frankfurt/Oder, Basel und New York. Zu ihren Interessengebieten gehören die Literatur und Kunst im Anthropozän sowie Narrative der Katastrophe. Zuletzt erschienen zu diesen Themen: „Zukunft als Katastrophe: Fiktion und Prävention" (Fischer 2014) und mit Hannes Bergthaller: „Anthropozän - zur Einführung" (Junius 2019).

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