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StartseiteKalenderblatt"Der Mensch ist das Maß aller Dinge"22.02.2010

"Der Mensch ist das Maß aller Dinge"

Vor 30 Jahren starb der Maler Oskar Kokoschka

Oskar Kokoschka entwarf Bühnenbilder und schrieb einige Theaterstücke - vor allem aber malte er. Seine kräftig-farbigen Porträts machten ihn berühmt. Am 22. Februar 1980 starb der fast 94-jährige Maler in der Schweiz.

Von Anette Schneider

Gedächnisbriefmarkt zu Ehren von Oskar Kokoschka (Deutsche Bundespost)
Gedächnisbriefmarkt zu Ehren von Oskar Kokoschka (Deutsche Bundespost)

Eigentlich möchte Oskar Kokoschka Chemie studieren. Doch als der 1886 geborene Sohn einer Goldschmiedefamilie ein Stipendium für die Wiener Kunstgewerbeschule erhält, lernt er bei Gustav Klimt Malerei. In dieser Zeit sieht er erstmals auch Bilder von van Gogh und erkennt fasziniert, dass Farbe seelische Befindlichkeit spiegeln kann und dass sie sich auf Leinwand spachteln lässt. Beides wird Kokoschkas künftige Arbeit prägen.

Erst einmal flieht er jedoch aus der geistig-engen Atmosphäre der k.-u.-k.-Monarchie in das weltoffene Berlin, wo er für Herward Waldens Zeitschrift "Sturm” arbeitet.

"Wie ich aus dem Wien weggegangen bin, wo man gemerkt hat, dass die Mauern abbröckeln und dass die Monarchie zusammenfällt. Berlin war plötzlich wie eine Jugend, ein neues Leben."

Doch weil es an Geld fehlt, kehrt Kokoschka 1911 nach Wien zurück. Durch die Vermittlung eines Freundes erhält er zahlreiche Porträtaufträge aus der sogenannten besseren Wiener Gesellschaft.

Aus gelbem, lichthellem Farbgrund schält sich ein hagerer Kopf mit großen Augen, sowie ein Paar ineinander verknoteter Hände. Vor irisierend blauem Grund hockt ein Mann mit wirrem Haar. Verloren. Den Blick nach innen gerichtet.

Geschult am Impressionismus wie am Expressionismus, entwickelt Kokoschka eine skizzenhaft-flüchtige Malweise, mit der er die seelische Verfasstheit seiner Modelle spiegelt. Oft zeigt er sie schmal und zerbrechlich, in starrer Haltung: Unglückliche und Verdammte einer überlebten Zeit.

"Er macht grauenvolle Bildnisse, deren Antlitze entweder die Entstellungen zerstörender Krankheiten oder eines zersetzenden Verwesungsprozesses zu tragen scheinen","

… schreibt das Wiener "Deutsche Volksblatt”.

Zahlreiche Kritiker reagieren auf die Bilder mit wüsten Beschimpfungen. Kokoschka ist erschüttert. Er flüchtet in eine unerwiderte Liebe zu Alma Mahler, dann als Soldat in den Ersten Weltkrieg. 1919 nimmt er eine Professur in Dresden an, die er 1924 kündigt, um mehrere Jahre rastlos durch Europa, Nordafrika und Kleinasien zu reisen. Zurück in Wien, entsteht 1931 eines seiner Hauptwerke: das Bild "Vom Wilhelminenberg gesehen”.

Es zeigt eine sommerlich-helle Panoramalandschaft: Am linken Bildrand einen Palast, im Vordergrund eine große Wiese, auf der Hunderte Kinder spielen, und im Hintergrund ein weiter Blick über Wien und die Berge.

Mein erstes Bild mit politischer Einstellung …

… erinnert sich Kokoschka in seiner Autobiografie "Mein Leben” von 1971.

Von meinem kleinen Haus konnte ich gegenüber Palast und Park, der vor der Revolution dem Erzherzog gehörte, Tausende von Waisenkindern spielen sehen und hören. Das nahm ich als Bildthema. Ich malte die "Wiener Sozialistische Kinderfürsorge".

Gerade hatte sich Kokoschka in der Kunstwelt durchgesetzt - da erklären die Faschisten seine Bilder für "entartet”. Er emigriert nach Prag, 1938 nach London. Als Mitglied des "Freien Deutschen Kulturbundes” schreibt er gegen die deutschen Kriegstreiber; und malt, statt müder, unglücklicher Menschen, nun humanistische Hoffnungsträger: 1942 den sowjetischen Botschafter Ivan Maisky. Später den vor Franco geflüchteten Cellisten Pablo Casals. Beide zeigt er kraftvoll, dem Leben zugewandt.

Vielleicht hab ich mich gewandelt, nachdem diese zwei Weltkriege über uns hinweggegangen sind. Vielleicht zeigen meine Modelle heute eine Rückkehr zum Menschlichen.

Kokoschka, der 1953 in die Schweiz übersiedelt, wo er bis zu seinem Tod am
22. Februar 1980 lebt und arbeitet, steht mit diesem Anspruch ziemlich allein. Immer wieder äußert er sich schockiert über die Dominanz abstrakter Kunst, die sich für den Menschen nicht mehr interessiere. Bereits 1951 erklärt er:

""Überall muss ich konstatieren, dass die Kunst, die immer der treueste Spiegel eines Weltgeschehens ist, eine Tendenz vorwaltet, die den Menschen verschwinden machen will, eine Art der Dehumanisierung."

… gegen die Oskar Kokoschka mit kraftvollen Porträts anmalt. Doch wer gegen die Vormacht des Abstrakten darauf beharrt, Kunst habe mit dem Leben zu tun, ist nicht immer wohlgelitten.

"Für mich ist der Mensch das Maß aller Dinge. Deshalb bin ich immer mit Unrecht als Reaktionär verschrien, weil ich den Menschen in den Mittelpunkt der Kunst stelle. Denn nur so begreife ich Kunst: Als Dokument des menschlichen Wirkens."

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