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StartseiteInterviewDer menschenleere Osten - reale Zukunftsvision?20.04.2001

Der menschenleere Osten - reale Zukunftsvision?

Harald Ringstorff

<strong>Heinlein: </strong>Am Telefon begrüße ich jetzt den SPD-Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern Harald Ringstorff. Guten Morgen.

Ringstorff: Einen schönen guten Morgen.

Heinlein: Herr Ringstorff, der menschenleere Osten - reale Zukunftsvision oder ein Schreckensbild von Schwarzmalern? Was ist Ihre Einschätzung?

Ringstorff: Ich glaube, es ist eher ein Schreckensbild von Schwarzmalern. Man muss die ganze Entwicklung differenziert sehen. Wir haben natürlich Regionen, in denen es Abwanderung gab und in denen es auch noch Abwanderung gibt. Wir haben daneben aber auch Regionen, in denen die Einwohnerzahl steigt. Gerade die beiden Beispiele, die eben von Herrn Flemming genannt wurden - Rostock und Schwerin - machen das deutlich. Aus den Städten sind tatsächlich Menschen herausgezogen, aber die umgebenden Landkreise verzeichnen ziemliche Bevölkerungsgewinne. Mecklenburg-Vorpommern ist sicherlich das Bundesland, in dem es am wenigsten Wanderungsbewegungen gibt, sieht man mal von Brandenburg ab. Aber es ist schon so, dass die Bevölkerung zurückgeht, weil wir nach der Wende dramatisch zurückgehende Geburtenzahlen hatten. Es gab vor der Wende über 30.000 Lebendgeburten, und diese Zahl der Geburten fiel dann unmittelbar nach der Wende auf 9.000 bis 10.000 ab. Gottlob beginnt sich die Sache wieder zu normalisieren. Wir haben seit 2-3 Jahren wieder steigende Geburtenraten. Aber das Niveau, das es einmal gab, wird sicherlich nicht wieder erreicht werden, denn auch das Erstgebäralter hat sich verschoben. Zu DDR-Zeiten hat man im Allgemeinen früh geheiratet; das erste Kind kam auch früh. Beides waren allgemein auch Voraussetzung dafür, überhaupt eine Wohnung bekommen zu können. Die Dinge haben sich geändert.

Heinlein: Dennoch, Herr Ringstorff, Sie sagen es: Gerade in den ländlichen Regionen wandern immer mehr Menschen ab. Es sind vor allem junge Menschen. Was sind denn aus Ihrer Sicht die Gründe für diesen Trend, die Heimat im Osten zu verlassen?

Ringstorff: Wir haben zur Zeit noch strukturelle Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Um die Probleme deutlich zu machen: Bei uns verlassen zur Zeit noch jährlich etwa dreimal so viel junge Menschen die Schule - im Vergleich zu Hamburg; die Einwohnerzahl ist gleich. Und unsere Wirtschaft ist noch vergleichsweise schwach entwickelt, wenn ich uns mit Hamburg vergleiche. Es gelingt uns zwar, allen jungen Menschen einen Ausbildungsplatz zu garantieren, teilweise auch mit staatlichen Programmen. Aber die sogenannte ‚zweite Schwelle' zu überspringen, ist noch nicht so einfach, also jedem einen entsprechenden Arbeitsplatz dann auch zur Verfügung zu stellen, der attraktiv genug ist.

Heinlein: Wer ist denn dafür verantwortlich, die Politik oder die Wirtschaft? Wem werfen Sie das vor?

Ringstorff: Ja, es ist ein relativ langsamer Prozess, dass das, was an Industrie weggebrochen ist, wieder zu ersetzen. Unsere Wirtschaft befindet sich noch in einer Umstrukturierungsphase. Aber das Bild ist nicht so einseitig wie es geschildert wird. Wenn ich das letzte Jahr sehe, so sind 37.000 Menschen aus unserem Bundesland abgewandert, 32.500 Menschen sind gekommen. Und es ist nicht so, wie es immer berichtet wird, dass nur die Aktiven gehen und dann alte Menschen kommen. Es kommen außerordentlich viele kreative Menschen, Menschen, die die guten Investitionsbedingungen bei uns nutzen. Man hat, gerade wenn man ein Unternehmen gründen will, ja viel bessere Voraussetzungen durch die Fördermöglichkeiten, und es ist beileibe nicht so, dass es noch keine vernünftige Infrastruktur gibt.

Heinlein: Aber dennoch, Herr Ringstorff, wenn Sie jetzt die Zahlen, die Sie genannt haben, genau betrachten, dann weist das aus, dass es immer noch einen Negativtrend gibt - 5.000 kann man da rechnen.

Ringstorff: Ja, im letzten Jahr hatten wir einen Abwanderungsverlust gehabt, aber . . .

Heinlein: . . . die Statistiker errechnen, dass es bis zum Jahr 2010 dann insgesamt eine Million Menschen sind, die der Osten insgesamt dann noch mal verliert. Kann man vor diesem Hintergrund tatsächlich von einer Normalisierung reden, oder ist das ein Blick durch die rosarote Brille?

Ringstorff: Nein, ich will ja gerade darstellen, dass es sehr differenziert ist. Es kommen in einige Regionen wirkliche Leistungsträger auch aus dem alten Bundesgebiet, die Firmen gegründet haben. Sie haben die Biotechnik erwähnt, auch da gibt es Firmengründer, die aus dem alten Bundesgebiet gekommen sind. Viele Professoren und Hochschullehrer sind aus dem alten Bundesgebiet zu uns gekommen. Aber auf der anderen Seite wandern besonders aus ländlichen Regionen auch junge Menschen ab. Ich wundere mich aber, dass die Debatte jetzt gerade ihren Höhepunkt erreicht; diese Bewegung war am Anfang der 90er Jahre am stärksten - 1991, 92, 93. Es gab dann sogar ein Jahr, in dem wir leichte Wanderungsgewinne hatten, das war 1995. 1999 oder 2000 hat es wieder relativ starke Abwanderung gegeben, da hatten wir ein Negativsaldo von etwas über 4.000. Im Jahr 2001 scheint es wieder etwas weniger zu werden.

Heinlein: Aber Herr Ringstorff, wäre das Problem nicht viel simpler zu lösen, den Osten attraktiver zu machen - etwa dadurch, dass man endlich eine vollständige Lohnangleichung an das Westniveau erreicht? Dann würde doch ein wesentlicher Grund entfallen, dass viele junge Menschen in den Westen abwandern.

Ringstorff: Sicherlich ist das so. Wenn Sie attraktivere Arbeitsplätze anbieten können, die auch finanziell entsprechend dotiert sind, dann würde sich sicher dem Trend entgegenwirken lassen. Aber das Geburtenverhalten wird sich dann auch nicht verändern, weil man gerade feststellt, dass hochqualifizierte Menschen sich recht spät entschließen, ein Kind zu bekommen oder eine Familie zu gründen.

Heinlein: Fühlen Sie sich vor diesem Hintergrund, Herr Ringstorff, von der Bundesregierung im Stich gelassen?

Ringstorff: Nein, ich fordere die deutsche Industrie auf, eine neue Investitionsoffensive Ost zu starten. Ich glaube, wir müssen im Osten auch raus aus dem Jammertal. Wenn man sagt, ‚die Infrastruktur ist so schlecht, und es ist alles so schlimm' - wer soll denn kommen und investieren? Ich kann Ihnen viele Investoren in Mecklenburg-Vorpommern nennen, die außerordentlich zufrieden sind mit dem, was sie hier vorgefunden haben an neuer Infrastruktur, die auch attraktive Arbeitsplätze geschaffen haben. Aber vorübergehend ist es so, dass wir noch äußerst starke Jahrgänge haben und nicht für alle dieser jungen Menschen die attraktiven Arbeitsplätze bereitgestellt werden können, die gesucht werden. Dies ändert sich aber in wenigen Jahren schlagartig. Wenn die geburtenschwachen Nachwendejahre auf den Arbeitsmarkt drängen, dann wird eine Verknappung von Arbeitskräften in bestimmten Bereichen eintreten. Und dann werden auch junge Menschen zurückkommen, weil die Firmen dann gezwungen sind, auch höhere Löhne zu zahlen, um Arbeitskräfte zu bekommen.

Heinlein: Lassen Sie mich einen Moment noch auf die Bundesregierung kommen. Weist die jüngste Aussage von Kanzleramtsminister Schwanitz, man solle das Problem nicht überbewerten, nicht darauf hin, dass man tatsächlich in Berlin dieses Problem, das ja andere Länder - alle Ostländer - betrifft, tatsächlich noch nicht besonders ernst nimmt?

Ringstorff: Nein. Ich halte das, was Herr Schwanitz gesagt hat, schon für richtig. Er hat ja auch auf die Differenziertheit der Entwicklung hingewiesen. Und es gibt auch in den alten Bundesländern Regionen, wo Sie ähnliche Erscheinungen haben, wo aus den ländlichen Regionen junge Menschen abwandern. Ich habe gerade einen Artikel gelesen, da beklagt man sich, dass in Oberfranken - und das ist in Bayern - junge Menschen die ländliche Region verlassen. Sie ziehen dann sicherlich in die nächstgelegene Metropole, das ist München, so dass unter dem Strich kein Bevölkerungsverlust festzustellen ist. Eine Metropole wie München haben wir in Mecklenburg-Vorpommern nicht, aber es hat auch in alten Zeiten junge Menschen gegeben, die beispielsweise nach Hamburg gezogen sind. Nicht umsonst sagt man heute: Jeder Hamburger, der was auf sich hält, hat Verwandtschaft in Mecklenburg. Sicher ist es, dass unsere Oberzentren noch attraktiver werden müssen, aber ich sehe die Entwicklung nicht so dramatisch. Sicherlich ist es im Süden - in Sachsen - etwas schlimmer . . .

Heinlein: . . . Herr Ringstorff, ich muss Sie unterbrechen. Ich merke, Sie haben zu diesem Thema noch viel zu sagen, aber die Nachrichten nähern sich. Das war der SPD-Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Harald Ringstorff. Ich danke für das Gespräch und auf Wiederhören. R

Ringstorff: Auf Wiederhören.

Link: Interview als RealAudio

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