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StartseiteBüchermarktDer Nebelfürst02.12.2001

Der Nebelfürst

Eichborn, 348 S., DM 49,50

Es gibt keine weißen Flecken mehr auf dieser Erde. Alles ist bereits entdeckt und bereist, registriert und kartographiert, in Besitz genommen und vielfach auch schon ausgebeutet. Weiße Flecken gibt es auch auf der literarischen Weltkarte nicht mehr: kein Ort, nirgends, der nicht schon einmal zum Schauplatz einer Romanhandlung geworden wäre. In die glühende Wüste und in den undurchdringlichen Dschungel, auf eisige Höhen und in die Tiefen der Meere haben unternehmungslustige Schriftsteller ihre Helden geschickt. Auch die Polargebiete sind, nicht lange nach ihrer physischen Erkundung, literarisch requiriert worden: von Stefan Zweig, der der realen Expedition Robert Scotts bis zu ihrem tödlichen Ende gefolgt ist, bis zur (fiktiven) Grönland-Durchquerung aus der Feder des Österreichers Michael Köhlmeier. Auch die Bewohner der nördlichen Breitengrade, die freiwilligen wie die unfreiwilligen, haben ihre Chronisten gefunden: Warlam Schalamow und Rydzard Kapucinski haben den Zwangsarbeitern in Workuta und auf Kamtschaka bewegende Denkmäler gesetzt, Juri Rytcheu hat es für sein Volk getan, die Tschuktschen.

Martin Ebel

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Die Welt ist also literarisch kartographiert. Die ganze Welt? Nein - ein kleines Eiland im Nordmeer, auf halber Strecke zwischen Norwegen und Spitzbergen gelegen, hat bisher noch niemanden gefunden, der seine Schönheit besingen wollte und die Kühnheit seiner Besucher. Es ist die Bäreninsel, von den Norwegern, denen sie gehört, Björnöya genannt, 16 mal 20 Kilometer groß und von faustkeilförmigem Aussehen, wenn man sie aus der Vogelperspektive betrachtet. Kalt ist es dort, jenseits des 74. Breitengrades, wachsen und gedeihen kann nichts, was die Anwesenheit von Menschen rechtfertigen würde. Die ersten Besucher, von denen wir wissen, waren die Mitglieder der Barents-Expedition, die 1596 hier auf Land stießen, einen Eisbären erschlugen, "nach hartem Kampf", wie es heißt, und die Insel nach ihm benannten. Dreihundert Jahre später nähert sich ein deutscher Journalist dem unwirtlichen Ort. Er heißt Theodor Lerner, und der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach hat ihn zum Helden seines jüngsten Romanes erkoren. Lerner ist voller Erwartungen:

Wie sollte die Bären-Insel eigentlich aussehen? Anders als die Inseln, die sie auf ihrer Fahrt schon so zahlreich gestreift hatten? Bäume, Blumen, Flüsse, Häuser - das gab es nun einmal hier oben nicht. (...) Erwartete er vielleicht eine charakteristische Silhouette, ein fremdartiges Gebirge, eine Art Magnetfelsen wie jenen, an dem Sindbads Schiff auseinanderflog? Im Geheimen mochte er an so etwas gedacht haben: Bärenhöhlen, ein Fels wie ein Eisbärkopf, eine gefährlich ruhige Bucht, die Öffnung einer Grotte, ein Eingang zur Unterwelt, in dem die Brandung sich fing und einen schaurigen Lärm machte.

Aber Lerner wird enttäuscht. Die Bäreninsel ist ohne jeden Reiz:

Grau war der Stein, aber grau kam ihm auch das verkümmerte krautige Gewächs vor, das sich an diesen Stein klammerte. Es gab schon ein gewisses Auf und Ab der Landschaftslinien, aber ohne jedes Geheimnis. Diese Inselwelt war leichtest zu überblicken. Die schwedische Karte hatte durch ihre Legenden den Eindruck einer gewissen Zivilisation erzeugt, beunruhigend genug für herrenloses Land. Da war von einem "Bürgermeisterhafen" die Rede, eine stuga, eine Hütte war eingezeichnet, ein meteorologischer Obsevationsplatz sollte sich oben auf der Anhöhe befinden und in gewisser Entfernung davon ein Grab. Es war auf der Bären-Insel also schon gestorben und beerdigt worden. Auf diesem felsigen Rücken, der von dunklem Wasser umspült war, mussten solche Zeichen menschlichen Lebens wie die Schleifspuren erscheinen, die die Seevögel mit ihren Schnäbeln an den Felsen hinterließen. Selbst mit dem Fernglas war keine Hütte zu erkennen. Der meteorologische Observationsplatz war wohl ein ideeller Punkt, und der Grabhügel mochte sich längst der toten Umgebung anverwandelt haben. War es Wahnsinn, hierher aufzubrechen? (...) Die Angst, die ihn unversehens überfiel, machte ihn zum Philosophen. Ausdruckslosigkeit und offensichtliche Bedeutungslosigkeit waren die Abzeichen des Nichtseins, auch wenn da tonnenweise Materie in der Landschaft herumlag.

Was sucht Theodor Lerner überhaupt an diesem deprimierenden Ort, und warum hat sich Martin Mosebach ausgerechnet diesen Schauplatz ausgesucht? Die Antwort ist einfach. Wo nichts ist, kann sich die Phantasie ungehindert ausbreiten und Wurzeln schlagen. Dieser kümmerliche Steinflecken im Nordmeer, wo sich Eisbär und Polarfuchs gute Nacht sagen, das halbe Jahr in Packeis und Dunkelheit gefangen, ist ein idealer Platz für Projektionen. Martin Mosebachs vorangehender Roman "Eine lange Nacht" machte uns mit einem jungen Mann bekannt, der eine Aufgabe suchte und damit auch seine Identität und sie schließlich als Importkaufmann minderwertiger pakistanischer Textilien fand. Theodor Lerners Lebensaufgabe wird die Bäreninsel sein. Er wird sie besiedeln: mit seinen Träumen. Und die handeln vor allem von ihm selbst, von Theodor Lerner, dem Besitzer, Erschließer und Kultivierer des arktischen Nichts:

"Man könnte...", sagte er leise vor sich hin, aber eigentlich hieß das: "Man kann - man muss - man will." Er sah vor sich, wie sich die Bären-Insel in kurzem entwickelte, wenn sie erst an den Finanzstromkreis der Länder tief in ihrem Süden angeschlossen war, und erlebte Augenblicke solcher Farbigkeit und Glut, wie sie ihm eine fade Liebesgeschichte mit chargierenden, überschminkten Darstellern in leise zitternden Leinwandtapeten niemals schenken konnte. Da lag die Insel, an einem Sonnentag, im überirdischen Geglitzer eines in den Bürgermeisterhafen getriebenen Eisbergs und seiner lichtsprühenden Schluchten. Keine Diamantgrube brachte solch eine Schlacht aus tausend Lichtmesserchen hervor. (...) Der Staub aus den Loren verteilte sich rechts und links von den Schienen, die zum Hafen führten, in den Schnee. Eine Zebralandschaft etnstand, eine Schachbrettwelt, ein dreidimensionaler Stahlstich. Wie stellte man Kohlen im Schnee auf Stahlstich dar? Das war die Sorge der vielen angereisten Pressezeichner. Lerner hingegen beschäftige sich schon mit dem stattlichen Holzhaus für die Jäger und Touristen; zunächst ein einfaches Gebäude, aber bald nach Art der russischen Datschas oder der Schweizer Häuser, die sich die Frankfurter Bürger oben in Königstein bauten, reich mit Schnitzwerk verziert, mit durchbrochenen Veranden, Holzzipfeln und Schabracken, die von der Dachkante als Laubsäge- und Spitzengebilde herabhingen und sich mit immensen lichtdurchglühten Eiszapfen abwechselten. Innen hingen die herrlichsten Trophäen an den Wänden, Eisbären, Schneehühner, Polarfüchse, Silberwölfe, eine reinliche Pelz- und Federpracht auf den Naturholzwänden. Der Boden war dick mit Fellen bedeckt. Es gab ein Klavier mit Messingkerzenleuchtern. Die Sessel im Rauchzimmer waren aus Elchschaufeln zusammengebaut, Rentierstangen trugen auch die hängenden Petroleumlampen, die Fenster waren von Eisblumen der phantastischsten Formation überwachsen. Man nahm einen Silbertaler, wärmte ihn in der Hand, drückte ihn mit dem Finger gegen die Scheibe: ein Kreis schmolz auf und eröffnete einen Schlüssellochblick aus der üppigen kleinen Menschenwelt in die majestätischen unbelebten Eis- und Steinmassen.

Ein Zivilisations- und ein Kolonisationstraum: Der Erde sollen ihre Schätze entrissen und in Annehmlichkeiten verwandelt werden - wobei diejenigen, die in deren Genuss kommen, mit denen, die ihn verschaffen, nichts zu tun haben: Hier sieht Lerner die schwer schuftenden Grubenarbeiter, dort die wohlhabenden Bürger mit Sinn für kühle Exotik. Auch die Traumwelt ist eine Klassengesellschaft. Lerner, der "Nebelfürst" - so nennt ihn ein Zeitungsbericht, und so hat Martin Mosebach seinen Roman betitelt -, Lerner träumt zeitgemäß. Wir schreiben das Jahr 1898, als Deutschland, zu spät in den Kreis der Weltmächte getreten, hektisch und großspurig versucht, sich noch ein paar Landstriche zu sichern, seinen "Platz an der Sonne", wie Kaiser Wilhelm das prägnant formulierte. So wurde das Territorium des Deutschen Reiches kurz vor Ende des kolonialen Wettrennens noch um Kamerun und Togo, Deutsch-Ost- und Südwestafrika bereichert, aber auch - wer weiß das heute noch? - um den Stützpunkt Tsingtao in China und ganze Archipele in der Südsee. Warum dann nicht auch die Bäreninsel? Zumal es dort nachweislich Kohle gab, das Treibmittel der deutschen Industrialisierung. Lerner musste nur den nationalen Traum nähren, um seinen individuellen verwirklichen zu können.

Nur leider denkt die Reichsregierung in Mosebachs Roman nicht im Traum daran, sich zum Hebel des Lernerschen Ehrgeizes herzugeben. Bloß keine unnötigen Konflikte mit England oder Russland, meint man in Berlin und signalisiert dem Möchtegern-Kolonisator, dass er auf keine diplomatische Hilfe rechnen darf, auf militärische schon gar nicht. So bleibt es bei dem symbolischen Akt der Inbesitznahme, der Einzäunung von 50 bis 60 Hektar Land durch schwarz-weiß-rote Pfähle, dazu ein Schild und eine Urkunde, die in einer leeren Cognacflasche Platz findet. Auf dem Schild steht:

"Die Erwerbsurkunde dieses in deutschem Eigentum befindlichen Grundstücks ist im Steinhaufen am Strand einzusehen und wird dem Schutz jedes rechtlich Denkenden anheimgestellt."

Und unter den Augen des neuen Besitzers verwandelt sich auch der Besitz:

So reizlos wie gestern sah die Bären-Insel auch gar nicht mehr aus. Lerner hatte lang genug darauf gestanden, war auf ihr herumgeklettert, hatte den Klang ihrer Steine unter seinen Sohlen gehört und ihre Steilküste hinabgeblickt. Sie war jetzt etwas sehr Eigentümliches geworden, ein unverwechselbarer Platz mit Ausdruck. Ihre Hügel besaßen Masse, ihre Abhänge Schroffheit, ihre Ebenen die leichte Wölbung eines Topfdeckels. Verheißungsvoll hohl klang es manchmal, wenn man mit der Zwinge des Spazierstocks auf den Stein stieß. Und die Kohle (...) fügte dem Anblick des Eilands noch etwas Unsichtbares, für Lerner aber gerade jetzt höchst Sichtbares, die Phantasie zu kühnen Bildern Beflügelndes hinzu. Kohle war schließlich nichts anderes als unter mächtigem Druck in vielen Jahrtausenden zusammengepresstes Holz. Diese Insel war nicht einfach ein Stein im Niemandsland. Sie besaß Geschichte, und zwar eine imposantere als die irgendeiner fragwürdigen Dynastie, und sie hatte Katastrophen erlebt, die weit über Vulkanausbrüche, Hungersnöte und Kriegswirren hinausgingen. Ein tropischer Urwald hatte sich hier erhoben. Riesnpalmen hatten sich hier in lauem Wind schwankend bewegt. Mangobäume hatten ihre Kronen weit ausgebreitet. Von Lianen war jedes herrliche Baumgeschöpf dieses Waldes unentwirrbar mit allen anderen verbunden. Die heutige Kahlheit der Insel war ein Akt unendlicher Tapferkeit. Was über das üppige dampfende Waldesweben hier hinweggewalzt war, hatte das Leben schließlich doch nicht zertrampeln können.

Theodor Lerner ist der Insel verfallen. Sie bleibt seine idée fixe, an der er trotz aller Misserfolge festhält - und die häufen sich -, auf die seine Gedanken gerichtet bleiben wie die Kompassnadel auf den Nordpol, unberührt davon, dass sich die Realisierung seiner Träume ins nebelige Nirgendwo verzieht. Denn - das hat der Leser des Romans ebenso bald gemerkt wie der Hörer dieser Besprechung: Das ganze Unternehmen Bäreninsel ist nichts als Trug und Tand, ein einziges großes Luftschloss. Der Erbauer dieses Luftschlosses ist allerdings nicht der Nebelfürst Lerner, sondern eine Fürstin. Die treibende Kraft, ja die Erfinderin des Unternehmens ist eine Dame fortgeschrittenen Alters und beeindruckender Aufmachung, deren Vornamen der Leser erst auf den letzten Seiten erfährt und die zu den erstaunlichsten Figuren dieses Bücherherbstes gehört: Frau Hanhaus. Die hat ein bewegtes Vorleben, das aber im gnädigen Dunkel bleibt, einen erwachsenen Sohn, so ungeraten wie unverschämt, und eine unerhörte Lebensenergie. Von der wird Lerner erfasst und in eine Art Umlaufbahn gezwungen, die ihn bis über den Polarkreis hinausträgt und wieder zurück, nach Frankfurt und Wiesbaden, Berlin und Mecklenburg, in die Vorzimmer der Macht und in miese Absteigen, aber immer in Abhängigkeit von seinem Gravitationszentrum, von Frau Hanhaus. Die ist Geschäftsfrau und Hochstaplerin, Erfinderin und Betrügerin, eine Virtuosin im Kampf um ihren Platz an der Sonne, den sie über unendlich viele Runden auszutragen imstande ist. Nach jedem k.o. erhebt sie sich mit neuer Frische. Ihr Motto lautet:

Es ist so viel dummes Geld in der Welt, man muss sich nur bücken, um es aufzuheben.

Nun liegt das Geld nicht auf der Straße, sondern auf den Konten und in den Tresoren misstrauischer Eigentümer, denen man es entlocken muss. Und das ist nur möglich, weil eines noch größer ist als ihr Misstrauen: Ihre Gier nach mehr Geld. Diese Gier kitzelt Frau Hanhaus mit Projekten, die ungeheuren Profit versprechen - den Geldgebern, aber natürlich vor allem ihr selbst. Diese Geschäftemacherin betrügt ihre Partner nur insoweit, als sie sich zuallererst selbst betrügt. Nur ist der Schaden für jene größer: Sie haben mit barer Münze gezahlt, Frau Hanhaus nur mit Hoffnungen, und die lassen sich rasch ersetzen: durch ein neues Projekt. Diese Projekte findet sie gewöhnlich in der Zeitung.

"Das Militär putscht in Guatemala", las sie stirnrunzelnd. "Präsident Gomez unter Hausarrest. Gefechte in den Povinzen." Lerner sah sie an. Guatemala war weit weg. "Es ist mir egal, was in Guatemala geschieht", sagte er mürrisch. Aber Alexander war schon mit der Anweisung losgeschickt, die Telephonnummern der wichtigsten Delikatessengeschäfte zusammenzutragen.

Warum das? Nun, damit Frau Hanhaus diese Firmen anrufen und vor einem Kaffee-Notstand warnen kann. Die neue Regierung Guatemalas, behauptet sie schlankweg, habe fürs erste den Export gesperrt. Zufällig habe sie, Frau Hanhaus, eine ganze Schiffsladung des besten Hochland-Qualitätskaffees, große Bohne, an die Hand bekommen.

"Haben sie denn den Kaffee?" fragte Lerner ungläubig. "Dummerchen, bevor ich mich um eine Ware kümmere, muss ich sie doch erst mal abgesetzt haben", sagte sie streng. Was aus diesem revolutionsumgehenden Kaffeegeschäft schließlich wurde, erfuhr Lerner nie. Manchmal gelangen solche Sachen.

Manchmal - oder besser meistens - gelingen sie nicht. Auch die Bäreninsel kommt nach der ersten Expedition nicht aus dem Projektstadium heraus, obwohl Frau Hanhaus die Presse mit falschen Informationen füttert - demnach hätte Lerner bereits Häuser errichtet, Stollen gebohrt und Kohle gefördert - und einen Interessenten nach dem anderen auftreibt: Seriöse und windige Geschäftsleute, den Ehrenpräsidenten des Deutschen Kolonialvereins, einen echten Herzog, und den Berliner Zoodirektor, der unbedingt einen neuen Eisbären braucht. Aber entweder bekommen die potenziellen Kapitalgeber wegen der dürftigen Informationen kalte Füße, oder es kommt zu unglücklichen Zwischenfällen, etwa als Alexander ausgerechnet bei einem wichtigen Treffen wegen Unterschlagung verhaftet wird. Das alles kann eine Hanhaus nicht erschüttern. Sie hat kapiert, wie die Wirtschaft funktioniert. Man braucht Geld, aber noch mehr braucht man ein Projekt, eine Geschäfts-Idee. In heutiger Marketing-Diktion: eine Vision.

Der Anleger . . ., so belehrt Frau Hanhaus den staunenden Theodor Lerner, Der Anleger sitze in seinem Mahagonikontor umgeben von seinen realen Werten und müsse zu dem Schritt geführt werden, diese mit Schmerzen oder List oder Fleiß erworbenen Werte hinzugeben für etwas, das bisher gar keinen Wert besaß, durch diesen Akt der Hinwendung aber plötzlich Form und Namen und Gewicht annahm. In zweierlei Hinsicht gab es die Bären-Insel nun: einmal als Steinhaufen unter der Mitternachtssonne und den Nordlichtern, und mindestens ebenso real, wenn nicht realer auf dem Papier, in Gestalt des "Deutschen Bären-Insel-Unternehmens", einer kurz vor der Eintragung stehenden Gesellschaft aus potenten Investoren.

Auch wenn es nie zu dieser Eintragung kommt, sich alle Interessenten wieder zurückziehen und Lerner schließlich zu einem Bittsteller in aussichtsloser Sache herabsinkt: Frau Hanhaus hat begriffen, wie man in diesen Zeiten Geschäfte macht. Man baut nicht auf soliden Fundamenten, sondern auf Erwartungen. Und die schürt man, mit Hilfe bestellter optimistischer Gutachten und unter geschickter Einbeziehung der Medien, der menschlichen Dummheit und vor allem einer nicht zu stillenden Gier.

Es war auffällig, wie wenig die konkreten Angaben zum Bären-Insel-Vorhaben in Zweifel gezogen wurden. Es schien den Leuten gar nicht darauf anzukommen, wirklich zu wissen, ob auf der Bären-Insel die verheißenen Kohlenvorräte lagen und ob sie so leicht abzubauen und zu verschiffen waren, wie beschrieben.

Sie möchten gerne, dass es so sei, weil es so schön wäre, wenn es so wäre. Der bärenstarke Industriestandort Deutschland ist ins Spekulationsfieber verfallen und lässt sich bereitwillig jeden Bären aufbinden - eine Zeitlang jedenfalls. Davon leben Glücksritter und -ritterinnen wie Frau Hanhaus, mit ihren Trabanten, Strohmännern und Hilfskräften von der Art Theodor Lerners. Und es gehört nicht viel geistige Anstrengung dazu, hinter dieser "New Economy" des ausgehenden Neunzehnten die gleichnamige des ausgehenden Zwanzigsten zu erkennen. Auch hier ist zwischen Hoffnungsträgern und Hochstaplern schwer zu unterscheiden, auch hier kann, was heute wie eine vielversprechende Vision erscheint, schon morgen wie eine Seifenblase geplatzt sein. Der Unterschied bei den offensichtlichen Parallelen, die Martin Mosebach hier zieht, ist allerdings leicht zu erkennen: Frau Hanhaus und Theodor Lerner müssen sich ihr Geld in harter Arbeit besorgen, durch konkrete Überzeugungsarbeit bei jedem einzelnen Leihgeber. Deshalb geht es letztlich auch schief, und Mosebach kostet die Stationen des Scheiterns genüsslich aus. Da haben es die Abenteurer des Neuen Marktes leichter: Sie lancieren ein Projekt, legen Aktien auf, es gibt optimistische Einschätzungen von Analysten, die Medien steigen ein, und die Kurse steigen und spülen ein Kapital von gigantischen Ausmaßen in die Kassen der Jungunternehmer. Aber bei Hanhaus & Co geht es ja auch um Kohlen - im Wortsinne -, nicht um Bits und Bytes. Und wie sie weniger erschnorren können als ihre Nachkommen von der New Economy - ein paar Zehntausend Mark, die für Hotelzimmer, schicke Essen und Droschkenfahrten draufgehen -, so richten sie auch weniger Schaden an.

Schaden, Schnorrer, Hochstapler: Das klingt moralischer, als es von Mosebach gemeint ist und in seinem Roman "Der Nebelfürst" erscheint. Seine Figuren, sowohl der etwas verdutzt dahintreibende Lerner, eher ein Passagier im Lebensschiffchen, als auch die unerschütterliche Hanhaus, sozusagen sein Außenbordmotor, sind als ausgesprochene Sympathieträger angelegt. Zwar entgehen auch sie nicht der Ironie, die den ganzen Roman durchzieht, aber sie werden sanft und freundlich von ihr eingehüllt. Wie kommt es, dass Hochstapler insgesamt eher gut beim Leser ankommen? Mosebach ist ja nicht der erste, dem eine solche Figur in die Finger gerät. Er hat einen berühmten Vorgänger: Thomas Mann. Und auch Carl Zuckmayers Hauptmann von Köpenick hat die Lacher auf seiner Seite. Es ist mehr als Schadenfreude, die diese Sympathie begründet, mehr als das Gefühl: Wer auf den reinfällt, dem geschieht gerade recht. Es liegt ein tieferer Grund vor, der einen Krull, einen Schustermeister Voigt, auch eine Frau Hanhaus so unwiderstehlich macht. Es ist die Bewunderung. Wer nicht gerade unmittelbar selbst auf die Hochstapelware hereingefallen ist, der muss unwillkürlich den Hut vor der Chuzpe und Phantasie ziehen, mit der hier aus dem Nichts eine Welt gebaut wird. Der Hochstapler ist, in der Perspektive des interesselosen Betrachters, ein Schöpfer. Und je größer das Missverhältnis zwischen Schein und Sein, zwischen der Dürftigkeit des realen Fundaments und der Pracht des in die Luft gezeichneten Schlosses, desto größere Bewunderung gebührt dem Hochstapler.

Der Nebel, der oft über der Bären-Insel lag, umgab sie mit einer Art Watte, und diese Watte machte sie ungreifbar und unwirklich.

In solchem Nebel lässt sich alles vermuten, auch eine florierende Kohlenindustrie. Steckte nicht die goldene Zukunft diverser Internet-Unternehmen hinter einer ähnlichen Nebelwand, und glaubte nicht jeder, der Anteile an diesen Start-Ups zeichnete, die Sonnenstrahlen schon zu spüren, die sich dahinter verbergen mussten? Der Pionier ist immer der, der etwas sieht, wo andere nichts sehen. Sein Problem ist nicht der Irrtum, sondern der richtige Zeitpunkt. Wer scheitert, war vielleicht nur zu früh dran. Wer sagt denn, dass eine E-commerce-Geschäftsidee, die jetzt in die Pleite rutscht, nicht unter anderen Umständen voll eingeschlagen wäre? Auch das Bäreninsel-Unternehmen ist ja so unsinnig nicht. Die Kohlenvorräte, die dort real lagern - was seit 1609 bekannt ist - wurden tatsächlich kommerziell gefördert, allerdings erst ab 1916. Tragisch für Lerner - aber eigentlich auch wieder nicht; denn Martin Mosebach ist gnädig mit seinen Figuren, die den Leser so lange vorzüglich unterhalten und auf hintersinnige Weise auch belehrt haben. Frau Hanhaus lernt einen russischen Diplomaten kennen, der sich bald mehr als für die Bären-Insel für deren imposante Propagandistin interessiert, und lässt das Projekt fallen wie eine heiße Kartoffel. Theodor, ebenso brüsk verabschiedet, steigt aus der dünnen Luft der Hochfinanz sofort hinab in profane Regionen: Er heiratet Ilse, eine klassische arme Verwandte, ohne jeden Pfennig, aber mit viel praktischem Verstand und einer Stellung im Reisebüro. Auf diese Weise kann er sogar der Bäreninsel treu bleiben. Für das Reisebüro Riesel, in dem Ilse arbeitet, entwickelt Lerner Gesellschaftsreisen nach Norwegen, Spitzbergen und auf die Bären-Insel.

Wenn in den nächsten Jahren, schreibt Theodor seinem Bruder Ferdinand, den er auch um einen erklecklichen Betrag erleichtert hat, drei vollbesetzte Schiffe zwei bis drei Tage auf der Bären-Insel Station machen, wird sie schnell in den Vordergrund des Interesses in Deutschland gerückt. Außerdem bin ich dabei, ein Handbuch für den deutschen Nordlandreisenden beim August-Scherl-Verlag vorzubereiten, in dem die Bären-Insel, flott beschrieben, natürlich im Mittelpunkt der Empfehlungen stehen wird.

Tourismus statt Eroberung: Da hat Theodor Lerner etwas gelernt. Und in die Zukunft geblickt. Heute gibt es tatsächlich Unternehmen, die abenteuerlustigen Seglern Hochseetörns in die Polarregion anbieten und dabei auch die Bäreninsel anlaufen. Und wenn diese Segler Martin Mosebachs Roman "Der Nebelfürst" gelesen haben, werden sie vielleicht die Bürgermeisterbucht anlaufen wollen, nach schwarz-weiß-roten Pfählen Ausschau halten und in einem Steinhaufen nach einer Cognac-Flasche suchen, in der eine hundert Jahre alte Eigentums-Erklärung steckt. Denn darin gleichen sich der Hochstapler und der Schriftsteller: Beide erschaffen aus dem Nichts eine Welt, die von unseren Phantasien bewohnt wird. Mag die Bäreninsel ein reizloses Stück Felsen im Nordmeer sein: Sie hat Theodor Lerners Leben eine Wendung, einen Sinn, eine Erfüllung gegeben. Und Martin Mosebachs Roman ein schillendes Symbol: für die Nähe von Traum und Täuschung, von Schöpfung und Schindluderei, von Lüge und Literatur.

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