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StartseiteKultur heuteArgentinisches Diktatur-Gedenken03.08.2018

Der "Parque de la Memoria" in Buenos AiresArgentinisches Diktatur-Gedenken

Sommerreihe "Erinnern und Vergessen"

Während der argentinischen Militärdiktatur verschwanden Schüler, Studenten, linke Aktivisten und Künstler. Sie wurden gefoltert oder getötet. Ihrem Andenken dienen Mauern mit den Inschriften der Namen der Opfer.

Von Victoria Eglau

Der "Parque de la Memoria" (Park der Erinnerung) in Buenos Aires zur Erinnerung an die Opfer der argentinischen Militärdiktatur, im Vordergrund eine von fünf Mauern mit den Namen der Opfer, im Hintergrund der Río de la Plata zwischen Argentinien und Uruguay (Deutschlandradio / Victoria Eglau)
Der "Parque de la Memoria" in Buenos Aires zur Erinnerung an die Opfer der argentinischen Militärdiktatur (Deutschlandradio / Victoria Eglau)
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Der Parque de la Memoria befindet sich direkt am Río de la Plata, dem riesigen Gewässer, das Argentinien von Uruguay trennt. Die Lage am Flussufer hat eine hohe Symbolkraft, wie die Koordinatorin des Gedenkorts, Alejandra Gatti, erklärt:

"Dieser Park ist auf Wunsch der Menschenrechtsorganisationen entstanden. Sie wollten einen Ort des Gedenkens an die Diktatur-Opfer, und sie wollten die Nähe zum Fluss, über dem die Todesflüge stattfanden. Aus Flugzeugen haben die Militärs damals viele ihrer Opfer in den Río de la Plata geworfen."

Ein schöner Ort des Erinnerns

Wer heute durch den weitläufigen Park der Erinnerung mit seinen gepflegten Rasenflächen spaziert und den Blick über das an Sonnentagen tiefblaue Wasser schweifen lässt, kann sich das Grauen der Todesflüge nur schwer vorstellen. Kein düsterer, sondern ein schöner Ort sollte der Parque de la Memoria sein – auch das eine Forderung der Menschenrechtsrruppen und Angehörigen der Opfer. Herzstück des Parks sind fünf lange Mauern aus grauem Vulkanstein mit den Namen von fast neuntausend Menschen, die während der Diktatur verschwanden – meist spurlos, ohne dass ihre Familien sie hätten begraben können.

"Wenn wir von weiteren Opfern erfahren oder neue Informationen erhalten, nehmen wir Korrekturen vor, beziehungsweise fügen an dem Mahnmal Namen hinzu. Also, dieser Gedenkort ist ständig im Umbau begriffen", erläutert Koordinatorin Alejandra Gatti. 'Monument für die Opfer des Staatsterrorismus' heißt die Gedenkstätte offiziell. Mitglieder linker Guerilla-Gruppen, Studenten, Schüler, Gewerkschafter und Intellektuelle waren es, die verschleppt und in den meisten Fällen umgebracht wurden: Einige schon vor 1976, die meisten aber nach dem Putsch rechter Militärs am 24. März jenes Jahres.

Fortlaufendes Gedenken

"Nun ließ der Staat systematisch Menschen verschwinden. Staatsvertreter handelten wie Terroristen – daher spricht man von Staatsterrorismus. Mein Sohn Pablo ging noch zur Schule, als er verschleppt wurde, sie haben ihn aus unserer Wohnung und aus dem Bett geholt!" sagt Graciela Fernández Meijide, die wegen des Verschwindens ihres Sohnes zu einer bekannten Menschenrechts-Aktivistin wurde. Sie hat den Verdacht, dass Pablo verschwand, weil Bekannte von ihm einer linksrevolutionären Gruppe angehörten. Die Mutter kommt zuweilen in den Parque de la Memoria, wo Pablos Name in den Vulkanstein eingraviert ist. Manche Angehörige stecken Blumen in die Ritzen der Mauern, die zickzack-förmig angeordnet sind und aus der Luft betrachtet wie eine Wunde wirken. Nora Hochbaum, die Direktorin des Gedenkorts:

"Als wir vor 20 Jahren den Park der Erinnerung planten, gab es in Lateinamerika keine Vorbilder. Wir haben damals auch nach Deutschland geschaut. Zwar war das Thema, der Holocaust, ein anderes, aber uns interessierte die Machart der deutschen Erinnerungsorte. Für unseren Architekten war Daniel Libeskinds Jüdisches Museum in Berlin mit seiner zackenförmigen Struktur eine Inspiration."

Neue Erinnerungskultur

In den mit öffentlichen Mitteln finanzierten Park, in dem eine Reihe von Skulpturen das Thema der Erinnerung aufgreift, kommen viele Schulklassen. Barack Obama, Angela Merkel und andere ausländische Gäste haben hier Blumen in den Fluss geworfen und so die Diktatur-Opfer gewürdigt. Vielen Argentiniern ist der Besuch des Parque de la Memoria ein Herzensanliegen, manche aber würden sich niemals hierher verirren. Denn längst nicht jedem bedeutet das Diktatur-Gedenken etwas, nicht jedem Argentinier ist die Erinnerungskultur wichtig. Und auch nicht jeder Politiker räumt ihr den gleichen Stellenwert ein. Immerhin: Der Park der Erinnerung wurde bisher von Regierungen aller Couleur finanziert, wie seine Direktorin Nora Hochbaum betont. Sie findet vor allem das Interesse vieler junger Menschen an der Erinnerungskultur ermutigend:

"Die Mütter der Verschwundenen mit ihrer Suche, die Menschenrechtsbewegung und die Gedenkpolitik haben in jungen Argentiniern die Überzeugung verankert, dass ein Land ohne Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit keine Zukunft hat."

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