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StartseiteKalenderblattGroßonkel des Rundfunks07.05.2020

Der Physiker Alexander Popow Großonkel des Rundfunks

Radio kann man auch per Internet hören - doch der traditionelle Weg ist der gute alte UKW-Empfänger. Auf wen die Erfindung des Radios zurückgeht, ist unter Fachleuten umstritten. Manchen gilt der Russe Alexander Popow als Pionier, der vor 125 Jahren einen ersten primitiven Empfänger präsentierte.

Von Frank Grotelüschen

Frequenzsuche auf einem alten Radiogerät (sutulo/Pixabay)
An der Erfindung des Radios sind viele beteiligt (sutulo/Pixabay)
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Fragen Sie einen Amerikaner, wer das Radio erfunden hat, wird er wahrscheinlich sagen: ‚Marconi‘. Fragen Sie einen Russen, dürfte er antworten: ‚Popow‘. Wer hat Recht? Darf Marconi als Erfinder des Radios gelten oder war es Popow?"

Das fragte sich 1960 der US-Geheimdienst NSA in einem seiner Journale. Ende des 19. Jahrhunderts war eine Erfindung gelungen, die unsere Welt bis heute prägt – die drahtlose Telegraphie, das Radio. Nur: Auf wen genau sie zurückgeht, war lange umstritten. Für viele war es der Italiener Guglielmo Marconi. 1896 hatte er das erste Patent zur Signalübermittlung kraft elektromagnetischer Wellen eingereicht und später dafür den Physiknobelpreis erhalten.

Physiker statt Priester

Doch schon im Jahr zuvor war es einem anderen gelungen, einen Empfänger für Radiowellen zu konstruieren – dem russischen Physiker Alexander Stepanowitsch Popow. Geboren wurde Popow 1859 in einer Kleinstadt im Ural als Sohn eines Dorfpriesters. Der schickte seinen Sprössling zunächst aufs Priesterseminar nach Jekaterinburg. Dort aber entwickelte der junge Alexander bald ein Interesse für die Naturwissenschaften und wechselte an die Universität von St. Petersburg, um dort Physik zu studieren. 1883, nach dem Examen, heuerte Popow bei der russischen Marine an, als Leiter des Labors zur Torpedoentwicklung.

Von Heinrich Hertz inspiriert

Doch vier Jahre später wird er auf eine sensationelle Entdeckung eines deutschen Physikers aufmerksam – Heinrich Hertz. 1887 hatte dieser in einem Fachaufsatz notiert:

"Ich glaube, dass hier zum ersten Mal die Wirkung geradliniger ungeschlossener Ströme aufeinander tatsächlich in die Erscheinung gerufen ist."

Hertz hatte herausgefunden, dass sich Elektrizität durch Raum und Zeit ausbreiten kann – und zwar als elektromagnetische Welle. Wie andere auch begann Alexander Popow umgehend, sich dem neuen Phänomen zu widmen. Seine Vision: ein Apparat, der elektromagnetische Wellen aus der Atmosphäre auffängt.

"Mein Instrument könnte jene elektrischen Schwingungen registrieren, die während eines Gewitters vorhanden sind, und auch schwache elektrische Störungen zur Winterzeit."

Erste Funkversuche geglückt

Eine Art Frühwarnsystem für Blitze, an dem Popow mehrere Jahre lang tüftele. Am 7. Mai 1895 war es soweit: Vor der Russischen Gesellschaft für Physik und Chemie präsentierte er einen Apparat mitsamt Antenne, der, sobald er eine elektromagnetische Welle aufspürte, eine Klingel ertönen ließ. Im Anschluss an die Vorführung umriss Popow eine Idee, die noch deutlich weiterging:

"Ich hoffe, dass mein Instrument nach gewissen Verbesserungen genutzt werden kann, Signale über beträchtliche Entfernungen zu übertragen, und zwar mithilfe von schnellen elektrischen Schwingungen. Es muss dafür nur eine Quelle von ausreichender Energie für solche Schwingungen geben."

Dieser Vision kam Popow im März 1896 ein gutes Stück näher: An der Petersburger Universität gelang es ihm über eine Strecke von 250 Metern, per Morsealphabet den Namen seines Vorbilds zu funken: Heinrich Hertz.

Russe hält geheim - Italiener meldet Patent an

Nur: Veröffentlichen durfte Popow seinen Erfolg nicht, die Marine zwang ihn zur Geheimhaltung. Doch damit schien der patriotisch gesinnte Ingenieur nicht weiter zu hadern.

"Ich bin stolz darauf, dass ich als Russe geboren wurde. Und alle meine Kenntnisse, all meine Arbeit, all meine Erfolge darf ich rechtens nur meiner Heimat geben."

Dafür reichte im Juni 1896 der Italiener Guglielmo Marconi ein Patent zur drahtlosen Signalübertragung ein, gründete diverse Firmen und machte lukrative Geschäfte. Fortan galt er als der Radiopionier schlechthin – zumindest in der westlichen Welt. Der ehemalige Ostblock reklamierte die Großtat für sich und sah Alexander Popow als den großen Innovator. 1945, zum 50. Jahrestag der Erfindung, fasste der Oberste Sowjet der UdSSR folgenden Beschluss:

"Angesichts der überaus wichtigen Rolle, die das Radio im kulturellen und politischen Leben der Bevölkerung und für die Landesverteidigung spielt, und zu dem Zweck, die Errungenschaften der vaterländischen Wissenschaft und Technik im Radiowesen zu popularisieren, wird der 7. Mai alljährlich als Tag des Radios gefeiert werden."

Radio hat viele Erfinder

Doch wer hat denn nun das Radio erfunden? Im Grunde nicht nur einer, meinen viele Fachleute heute – es waren mehrere Geister beteiligt: darunter Heinrich Hertz, der Brite Oliver Lodge, der serbisch-stämmige US-Erfinder Nikola Tesla und der Inder Jagadish Chandra Bose. Und mit seinem umfunktionierten Blitzdetektor hat natürlich auch Alexander Popow in dieser Ahnengalerie einen festen Platz.

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