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StartseiteKalenderblattVom Hundespeichel zum Neuen Menschen27.02.2016

Der Physiologe Ivan Pavlov Vom Hundespeichel zum Neuen Menschen

Der Pavlovsche Hund ist heute beinahe ein Allgemeinplatz, der immer dann gern zitiert wird, wenn es um die Konditionierung menschlichen Verhaltens geht. Entdeckt und erforscht hatte der Physiologe Ivan Pavlov das Phänomen am Speichelfluss von Hunden und stellte damit die Schaffung des Neuen Menschen in Aussicht.

Von Mathias Schulenburg

Schwarz-weiß Foto des russischen Wissenschaftlers und Nobelpreisträgers Ivan Pavlov (Imago/Itar-Tass)
Der russische Wissenschaftler und Nobelpreisträger Ivan Pavlov (Imago/Itar-Tass)
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Er war zweifellos der prominenteste Vortragende des 13. Internationalen Physiologischen Kongresses im August 1929 in Boston: Ivan Petrovich Pavlov. Der kleine alte Mann mit seinem weißen Rauschebart verbeugte sich so tief vor seinem begeisterten Publikum, dass er womöglich vom Podium gestürzt wäre, hätte der Vorsitzende Professor Samojoff ihn nicht an den Rockzipfeln festgehalten.

Die Bostoner Physiologen feierten eine Ikone. Den auf Russisch gehaltenen Vortrag verstanden sie nicht, aber was machte das. Der aus kleinen Verhältnissen aufgestiegene Pavlov, 1849 in Rjasan nahe Moskau geboren, galt als leuchtender Stern am Physiologenhimmel, er hatte einen Nobelpreis für die detaillierte Aufklärung der Drüsenfunktionen des Verdauungssystems bei Hunden erhalten, und er stellte die Schaffung des Neuen Menschen in Aussicht, mit Erkenntnissen, die der Speichelfluss des Hundes preisgegeben hatte.

Erkenntnisse über den neuen Menschen aus dem Speichel von Hunden

Hunde sabbern beim Fressen. Wenn der Fütterung wiederholt ein Zeichen wie ein Schnarren vorausgeht, sabbern sie schon beim Schnarren. Das lässt sich als Zusammenspiel von angeborenen und erlernten, also erfahrungsbedingten, kurz: "bedingten" Reflexen beschreiben. Pavlov versprach sich von der akribischen Analyse dieses Phänomens – unter anderem durch die Bestimmung der Sabberspeichelvolumina – nichts weniger als Erkenntnisse zur Formung auch des menschlichen Geistes und im Gefolge die Kreation eines Neuen Menschen, wie ihn die russische Revolution, und nicht nur die, forderte. Der Biologiehistoriker Thorsten Rüting hat die Ikone Pavlov nach der Öffnung der russischen Archive mit seinem Buch "Pavlov und der Neue Mensch" entstaubt:

"Das war sein großes Ziel … Also er arbeitet ja in einer militärisch- medizinischen Akademie, die haben damals auch die Rekruten zum Beispiel getestet, und für das Testen von Rekruten ließen sich bedingte Reflexe wunderbar einsetzen, um Simulanten zum Beispiel herauszubekommen, also Leute, die behaupteten, sie könnten nicht hören oder nicht richtig sehen, und die konnten kurzerhand konditioniert werden, und dann zeigte sich, ohne dass sie das merkten, dass sie simuliert hatten."

Pavlov untersuchte auch Techniken zur Löschung von bedingten Reflexen:

Waterboarding als Folge einer Überflutung der Hunde-Käfige

"Das war Zufall, dass durch eine Überflutung in Leningrad mal Hunde in ihren Käfigen fast ertrunken wären und dass danach praktisch alle ihre erlernten Reflexe verloren gegangen waren und sie gewisse Erscheinungen zeigten, pathologische Erscheinungen, das hatte er untersucht und auch in gewisser Weise, dass man damit auch Gehirnwäsche durchführen kann, wir kennen das heute als Waterboarding, so etwas war vielleicht für Leute im Geheimdienst interessant."

Pavlovs imposantester Laboratoriums-Komplex waren die sogenannten "Türme des Schweigens" mit schallisolierten Versuchskammern und ferngesteuerten Reiz- und Analysegeräten – die gefesselten Hunde sollten keinerlei ungewollten Einflüssen ausgesetzt sein:

"In diesem Gebäude musste geschwiegen werden, es durfte niemand laut sprechen. Auch als eine Straßenbahnlinie, die vorbeifuhr, gestört hat, da hat Pawlow erreicht, dass die verlegt wurde."

In Daniel P. Todes’ ausführlicher Pavlov-Biographie finden auch die Grenzen vom Pavlovs Methodik Erwähnung:

"Manche Hunde hielten sich unter der High-Tech-Schallisolation der Türme gut, andere heulten und bewegten sich rastlos in ihren Gestellen, machten Experimente unmöglich und zwangen die Experimentatoren, Türen zu öffnen oder andere Kompromisse zu machen. So etwas wie eine neutrale Umgebung gab es einfach nicht."

Der Dichter George Bernhard Shaw – ebenso wenig Fachmann wie die meisten von Pavlovs Bewunderern – spottete: "… dass die Geschichte über Hunde in seinem Buch ein Feuerwerk schreienden Unsinns vom Anfang bis zum Ende ist."

Gleichwohl: Pavlovs Reflexologie fand Eingang in die Wissenschafts- und Industriegeschichte. Torsten Rüting zitiert eine von Pavlov inspirierte Vision des sowjetischen Dichters und Arbeitswissenschaftlers Aleksej Gastev:

"Man sieht keine Aufseher. An Stelle des Aufsehers steht auf dem Tische eine Maschine, die bestimmte Summ- und Knarrlaute gibt, Wortbefehle ersetzend. In vier geschlossenen Reihen marschieren die Arbeiter in militärischer Ordnung auf. Das erste Knarrzeichen der Maschine ertönt. Jeder Arbeiter tritt an seinen Tisch. Ein zweites Knarrzeichen. Jeder Arbeiter ergreift sein Instrument. Das dritte Knarrzeichen. Jeder Arbeiter beginnt zu arbeiten."

Ivan Pavlov starb am 27. Februar 1936 in St. Petersburg.

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