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StartseiteHintergrundDer Preis der Freiheit29.08.2013

Der Preis der Freiheit

Der Freikauf der Rumäniendeutschen

Deutschland soll insgesamt rund eineinhalb Milliarden an das Ceauescu-Regime gezahlt haben. Wie viel es wirklich war, darüber schweigen sich beide Seiten aus. Doch feststeht: Mit diesem Geld wurde auch das sozialistische Rumänien stabilisiert.

Von Karla Engelhardt

Der rumänische Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu (picture alliance / dpa)
Der rumänische Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu (picture alliance / dpa)
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In Reichesdorf in Siebenbürgen - im Herzen der Weißweingegend Rumäniens – geht Johannes Schaas die Dorfstraße entlang:

"Angefangen von Löhs, David, Klos, Greger, Draser, Fröhlich, Hügel - lauter sächsische Namen."

Geblieben sind nur die Namen. Die meisten Siebenbürger Sachsen von Reichesdorf sind weg, viele nach Deutschland. Johannes Schaas hat die Schlüssel zu den leeren Häusern bekommen, der 80-Jährige soll ab und zu nach dem Rechten schauen. Er erinnert sich noch gut, als die Ersten weggingen vor mehr als 35 Jahren - und er meint auch zu wissen, warum sie gingen:

"Der Nachbar zum Beispiel. Morgens, wenn ich rauskam, kam er auch und sagte, ich will ja auch nicht, aber diese Frau macht mich noch närrisch. Kam seine Frau schon schnell herausgelaufen und sagt: Max, bitte komm herein, Du sollst mir helfen. Sollen wir wieder mit der Nase in der Erde wühlen? Hier haben wir keine Zukunft mehr. Es waren wirklich die Frauen, die Jugend an allererster Stelle, die hatte einmal gehört von diesem freien Leben in Deutschland und dann die Frauen mit ihren Problemen."

Ceauşescu wusste um den Wert der Rumänendeutschen

Die aus Rumänien stammende Schriftstellerin Herta Müller posiert anlässlich der Verleihung des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung in Weimar am 16.5.2004 (AP-Archiv)Die aus Rumänien stammende Schriftstellerin Herta Müller. (AP-Archiv)Herta Müller, heute Literaturnobelpreisträgerin, reiste 1987 mit Mutter und Mann nach Westdeutschland aus. Wie sie wollten viele Rumäniendeutsche einfach nur raus, raus aus Rumänien:

"Ich glaube, ein ganzes Dorf will überall auswandern, nur haben sich die Leute das noch nicht einfallen lassen, einen Gruppenpass zu beantragen und als Dorfgemeinschaft die Ausreise zu beantragen."

Evangelische Siebenbürger Sachsen und katholische Banater Schwaben waren die beiden größten Gruppen der Rumäniendeutschen. Rund eine halbe Million lebten nach 1945 noch in Rumänien. Als mutmaßliche Kollaborateure Hitlers wurden sie kollektiv entrechtet, staatlicher Willkür und individuellen Schikanen ausgesetzt. Allvater Ceauşescu erlaubte ihnen, ihre Kultur und die deutsche Sprache zu pflegen, jedoch mit so viel Bekenntnis zum Sozialismus wie möglich und unter Aufsicht des Geheimdienstes Securitate:

"Sie schreiten breit, mit festem Bauerngang auf ihren Äckern schon Geschlechter lang […] in die behäbig, weiten Höfe ein.
Das Elend ist nun längst vorbei, das danken wir unserer Partei!"


"Diese, ich weiß nicht wie viele, Tonnen von Gedichten in den ausgeleierten Reimen, die man schon auswendig kennt, die den Präsidenten besingen. Das will man haben. Und jenseits davon ist alles schon unbrauchbar, lästig und angefeindet."

Der "erste Arbeiter des Landes", Nicolae Ceauşescu, ließ sich preisen und wusste um den Wert seiner Rumäniendeutschen. In einem Gespräch mit einem Securitate-General soll Ceauşescu gemeint haben, dass "Erdöl, Deutsche und Juden Rumäniens wichtigste Exportartikel" seien. Der Führer aller Rumänen ließ sich seinen Staatssklaven teuer bezahlen. Offizielle Verträge zwischen der rumänischen und der deutschen Regierung gab es keine.

Bonn verhandelte über den Freikauf

Kanzler Kiesinger beauftragte Ende der 60er Jahre den Rechtsanwalt und CDU-Politiker Heinz-Günther Hüsch, Jahrgang 1929, mit der heiklen Aufgabe, Rumäniendeutsche freizukaufen – geheim und auf eigenes Risiko.

Blick auf den kleinen Platz von Hermannstadt (Sibiu) (picture alliance / dpa)Blick auf den kleinen Platz von Hermannstadt (Sibiu) (picture alliance / dpa)Der Katholik Hüsch verhandelte 22 Jahre über den Freikauf der Rumäniendeutschen - bis 1989. Der Rheinländer aus Neuss diente den Regierungen Kiesinger, Brandt, Schmidt und Kohl. Ohne Aufhebens und offizieller Unterstützung, die wenigsten wussten von der "Geheimsache Kanal". Erst vor kurzem besuchte Hüsch das ehemalige Herrmannstadt, heute Sibiu, in Siebenbürgen. Dort stellte der Rentier auf einer Konferenz zum ersten Mal seine Sicht der Dinge für die rumänische Seite dar:

"Ich war, wie man so nennt, 'undercover', also 'unter Bedeckung', und von meinem Auftrage wussten nur wenige, nicht mal meine engen persönlichen Freunde wussten was, und ich selbst habe auch keinen Kontakt gesucht mit Rumäniendeutschen, genau genommen sind es ja Rumänen deutscher Nationalität, so war die Definition."

Hüsch verhandelte mit dem rumänischen Geheimdienst Securitate. Er feilschte um den Preis der Freiheit. Bis Ende der 70er-Jahre zahlte die Bundesrepublik rund 1800 D-Mark für einen Unausgebildeten wie Hausfrauen oder Kinder. 5500 für einen Studenten und bis zu 11.000 für einen ausgebildeten Akademiker. Dann einigte man sich auf einen Pauschalpreis: 8000 D-Mark pro Kopf.

"Die verbindliche Absprache, dass wir es machen würden, war im Frühjahr 1968. Sie bezog sich zunächst einmal auf 1000 Personen, aber wir mussten feststellen, sie kamen nicht. Erst Ende 1968 begann sich die Auswanderung langsam zu beleben. 69 wird die Sache dann immer dichter. Es war ein Erfolgs- und ein bisschen Glücksgefühl, aber ich hatte so viel zu tun, da hatten wir gar keine Zeit, Sekt drauf zu trinken. Das ist alles sehr nüchtern auf unserer Seite verlaufen. Ich habe bis heute keine Dankeserklärung bekommen."

Statt Dank kam Kritik – vor allem von den Dagebliebenen. Pfarrer Eginald Schlattner steht vor der 800 Jahre alten Kirche in Rothberg. Über dem Eingang prangt in großen Lettern der Spruch: "Herr, weise mir Deinen Weg!" Für die meisten Siebenbürger Sachsen dieser Gemeinde führte dieser Weg nach Deutschland. Die Gebliebenen kann der pensionierte Pfarrer an einer Hand abzählen. So sehr Schlattner die gewonnene Freiheit seiner Schäfchen schätzt, er ist nicht ohne Kritik:

"Nach diesem Abkommen sind wir für Ceauşescu eine Valuta-Reserve. Wenn er Geld braucht, dann siedelte er eine größere Gruppe mit Schwung aus und kassiert Geld. Wir hörten auch, dass das Kopfgeld gestiegen ist. Man sprach von 8000 pro Person."

Eineinhalb Milliarden gezahlt

Insgesamt soll Deutschland rund eineinhalb Milliarden an das Ceauşescu-Regime gezahlt haben. Wie viel es wirklich war – darüber schweigen sich beide Seiten aus. Doch feststeht: Mit diesem Geld stabilisierte die Bundesrepublik Deutschland auch das sozialistische Rumänien:

"Es waren mal Überlegungen abzubrechen, es gab ja auch Interventionen hier aus Hermannstadt, man sollte die Sache abbrechen, weil die Gemeinden zerbrachen. Da hat sich aber immer wieder die Auffassung durchgesetzt: Wir können diese – brutto - 400.000 nicht im Stich lassen."

Einer der schärfsten Kritiker des Freikaufs von Rumäniendeutschen ist Paul Philippi. Der Theologieprofessor kam noch zu Ceauşescu-Zeiten aus Deutschland nach Rumänien zurück. Heute ist er Ehrenvorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien:

"Natürlich hat jeder einzelne für sich, Wohlstand und Freiheit einkaufen wollen. Aber der sogenannte Freikauf hat uns aber auch vereinzelt. Der Freikauf, wie er jetzt gern in so leuchtenden Farben dargestellt wird, hat auch seine durchaus starken Schattenseiten gehabt, im Hinblick auf die, die bestrebt waren und verantwortlich daran gearbeitet haben, die Gemeinschaften der Banater Schwaben und der Siebenbürger Sachsen im Lande lebendig zu erhalten. Zwischen Bukarest und Bonn sind wir verhandelt worden, wir sind nicht mehr zu eignen Entscheidungen fähig, die haben unser Ausrinnen beschlossen, und so haben wir hier nur zu entscheiden, gehen wir mit den Letzten oder gehen wir besser früher."

Bonn verhandelte über den Freikauf von politisch Unerwünschten, die auswandern mussten und auch über Rumäniendeutsche, die wegen der wirtschaftlichen Not im Lande weg wollten. Der Verhandlungspartner, der rumänische Geheimdienst Securitate, stand dabei kaum im Verdacht humanitär zu handeln und trieb die Preise eher in die Höhe. Ex-Securitate-Oberst Stelian Andronic, der auch mit Hüsch verhandelt hat, blickt recht verklärt zurück:

"Unsere Zusammenarbeit war so, wie sie zwischen zwei zivilisierten Personen zu sein hat, die ideologisch nicht so tief indoktriniert sind, dass es menschliche Umgangsformen ausschließt. Jeder von uns verfolgte natürlich sein eigenes Ziel, denn wir repräsentierten zwei verschiedene Seiten, die nicht immer kooperativ oder freundlich miteinander umgingen. Es war ja die Zeit des Eisernen Vorhangs, aber der hatte auch ein paar transparente Stellen, die es uns ermöglichten, eine ganze Reihe von Problemen zu lösen. Ich möchte auch betonen, dass nicht nur wir Rumänen allein bestimmten, was für die Ausreise bezahlt wurde. Wir haben dann ja auch auf die Einteilung in verschiedene Preiskategorien verzichtet, obwohl wir uns schon gewünscht hätten, dass die Intellektuellen, die Ingenieure, Lehrer oder Rechtsanwälte nicht weggehen. Ich finde es nur gerecht, dass wir für diese Menschen mehr Geld verlangt haben, immerhin haben wir ihnen in Rumänien eine gute Gratisausbildung auf dem Gymnasium oder auf der Universität finanziert. Und für den Verlust, der durch ihren Weggang entstand, haben wir eben eine Entschädigung verlangt."

Auch Schmiergelder sollen reichlich geflossen sein - an Securitate-Leute und an Führer Ceauşescu. So wünschten sie sich sechs deutsche Autos. Ceauşescu bekam einen Mercedes 280 SE. Hüsch kaufte die Sonderausstattung selbst – mit rotem Polster, Kühlschrank und Fernseher. Ein anderes Mal wollte Ceauşescu Gewehre der noblen britischen Firma Holland & Holland für seine Großwildjagd, mit Munition und Ferngläsern. Er bekam alles.

Die Securitate-Leute nahmen, was kam, vor allem Devisen, die eigentlich kein Rumäne privat besitzen durfte, aber gern auch die Häuser von ausgereisten Rumäniendeutschen. Viele ausgewanderte wie gebliebene Rumäniendeutsche machten ihre Erfahrungen mit Schmiergeld an dubiose Leute, wie der auswandernde Theologe Phillipi oder das Ehepaar Schaas:

"Man musste sich kümmern, um das zu wissen, aber es gab auch Leute, die das vermittelt haben, dann wusste man, wohin man gehen kann. Wir nennen das 'taxevirgentare' – 'Beschleunigungstaxe' - und das wusste man, dass man das kann, wenn man es wissen wollte."

Er: "Meinst Du, die Pimmers Eddi hat nichts gezahlt..."
Sie: "Das wissen wir nicht ... "
Er: "Doch, das ist die Wahrheit."
Sie: "Sie wollte zur Mutter ... "

Der Journalist und Buchautor Ernst Meinhard, selbst Rumäniendeutscher aus Temeswar, hat gemeinsam mit seiner Kollegin Hannelore Baier über den Freikauf der Rumäniendeutschen ein Buch veröffentlicht. Er fasst zusammen:

"Dieses Schmiergeldunwesen hat verstärkt in den 80er-Jahren eingesetzt, als der Aussiedlungsdruck immer stärker geworden ist. Es sind immer mehr Leute ausgewandert, es sind immer weniger zurückgeblieben. Die Zurückgebliebenen hatten Angst – oh, wir sind irgendwann die Letzten und müssen hier das Licht ausmachen. Die Situation hat sich erheblich verschlechtert in den 80er Jahren, die Versorgungslage ist immer schlechter geworden, die Freiheitsrechte sind immer mehr eingeschränkt worden, und das hat den Aussiedlungsdruck ständig erhöht."

Und den Preis der Freiheit. Von der "Beschleunigungstaxe", wie Schmiergelder genannt wurden, wusste auch die deutsche Seite.

"Ich habe auftragsgemäß, aber auch weil ich es selbst wollte, darauf hingewiesen, dass das den Vereinbarungen widerspräche. Das haben die rumänischen Partner immer abgestritten, das gäbe es nicht. Na ja, bis wir dann vor der Frage standen - nennen wir Ross und Reiter. Wir konnten nicht mit Sicherheit abschätzen, welche Auswirkungen es haben würde, wenn wir in einem Einzelfall einen Namen nannten. Und uns schien immer wichtiger die Gesamtheit zu regeln, also die Zahl der Ausreisenden - zu erhöhen oder zumindest beizubehalten."

Koste es, was es wolle? Der Freikauf der Rumäniendeutschen klang und klingt in vielen Ohren nach Menschenhandel:

"Das ist ein böses Wort, was soll man den handeln, wer wird denn Eigentümer? Kann ich Eigentümer eines Menschen werden? Aus unserer Sicht war es Kauf von Freiheit."

Rund 230.000 kamen so in den Genuss der Freiheit in Deutschland. 1989 war Schluss mit dem Freikauf. Ende 1989, um die Weihnachtszeit, wurden Ceauşescu und seine Frau – nach einem kurzen Prozess – standrechtlich erschossen. Wer wollte, konnte nun einfach gehen. Diese Freiheit gab es nun umsonst.

Johann und Johanna Schaas sind in ihrem Reichesdorf geblieben.

Johann: "Persönlich war ich nicht im Spiel, ich war irgendwie nicht interessiert."
Johanna: "Wir hatten keine Anverwandten dort."
Johann: "Niemand hatte mehr Anverwandte als Du!"
Johanna: "Die Tante. Aber es ist nicht so wie Geschwister…"
Johann: "Was ich richtigstellen will, es war auch die D-Mark. Die hat auch geholfen. Jeder glaubte, er würde ein ganz großer Industrieller werden, wenn er einmal in Deutschland ist. Doch dann kam er mit einem alten Auto nach Rumänien zu Besuch. Aber es war ein Auto, für uns etwas, was man sich hier gar nicht hätte vorstellen können, wenn man hier geblieben wäre."

In Rumänien leben nur noch rund 36.000 Rumäniendeutsche von einst einer knappen Million.

"Dieser Freikauf mag für die Politik und für Europa wichtig gewesen sein, aber für mich war er eine Katastrophe. Für mich liegt das ganze Geheimnis in dem Wort "Hospitess". Ihr seid nicht Eigentümer dieses Landes, ihr seid Gäste - und ein Gast bleibt, zwei Stunden oder drei, oder er bleibt ein Jahr, oder er bleibt wie wir 800 Jahre - und dann geht er. So sind unsere Leute und wir auch in dem Bewusstsein gegangen, wir waren hier Gäste, wir haben da viel geleistet, das ist unübersehbar in 800 Jahren, aber jetzt gehen wir."

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