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StartseiteZeitzeugen im GesprächAufklärer auf Augenhöhe29.04.2021

Der Rabbiner Andreas NachamaAufklärer auf Augenhöhe

Als Sohn jüdischer Holocaust-Überlebender wurde Andreas Nachama 1951 in Berlin geboren. Auch mit schwieriger Geschichte müsse man sich auseinandersetzen, sagte der langjährige Direktor der Stiftung Topographie des Terrors im Dlf. Bis heute setzt er sich als Rabbiner für die interreligiöse Verständigung ein.

Andreas Nachama im Gespräch mit Melanie Longerich

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Rabbiner Andreas Nachama spricht im Rahmen der Zentralen Gedenkveranstaltungen zum Tag der Befreiung im Gedenkort „Station Z“ in der Gedenkstätte Sachsenhausen vor der Figurengruppe von Bildhauer Waldemar Grzimek. Als „Station Z“ bezeichnete die SS ein Anfang 1942 errichtetes Gebäude, das Krematorium und Vernichtungsort war. "Z" als letzter Buchstabe des Alphabets, stand in zynischer Weise für die letzte Station im Leben eines Häftlings. (dpa-Zentralbild / POOL / Soeren Stache)
Rabbiner Andreas Nachama beim Gedenken zum Tag der Befreiung in Sachsenhausen (dpa-Zentralbild / POOL / Soeren Stache)
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Andreas Nachama wurde 1951 in West-Berlin geboren als Sohn jüdischer Holocaust-Überlebender. Sein Spielplatz waren die Ruinen seiner Straße – die Geschichte seiner Familie suchte er sich wie Puzzlestücke zusammen. Seine Mutter Lilli hatte im Nationalsozialismus erst Zwangsarbeit geleistet, wurde dann von mutigen Berlinern versteckt. Sein Ziehvater Estrongo hatte Auschwitz überlebt und wurde dann in den 50er-Jahren in Berlin Vorbeter und Oberkantor der Jüdischen Gemeinde.

Andreas Nachama studierte Anfang der 70er-Jahre Judaistik und Geschichte an der Freien Uni in Berlin und war gleichzeitig bis zum Abzug der US-Truppen aus Berlin Assistent des Rabbiners am Chaplain Center. Im Jahr 2000 ließ er sich dann zum Rabbiner ordinieren – im Fernstudium.

Beruflich eingleisig zu fahren, das war nie sein Ding. Nach 30 Jahren als geschäftsführender Direktor der Stiftung Topographie des Terrors ging Nachama zwar im vergangenen Jahr in den Ruhestand, doch zu tun gibt es für ihn weiterhin genug: Nachama arbeitet als Publizist, wirkt als Rabbiner und leitet die Allgemeine Rabbinerkonferenz in Deutschland. Demnächst wird auch eine große Herzensangelegenheit Wirklichkeit: Das "House of One" in Berlin, ein interreligiöses Gebäude mit Kirche, Moschee und Synagoge unter einem Dach, für das am 27. Mai der Grundstein gelegt werden soll. Für seinen Einsatz um interreligiöse Verständigung erhielt Nachama 2019 die Moses Mendelssohn Medaille.

Kindheit in Berlin

Melanie Longerich: Herr Nachama, wir sitzen hier Corona-bedingt so weit entfernt, da kann wirklich gar nichts passieren, nämlich in unterschiedlichen Städten – Sie im Studio bei Deutschlandfunk Kultur in Berlin, ich hier in Köln, also sehen können wir uns nicht. Umso mehr freue ich mich, dass wir in der nächsten Dreiviertelstunde viel von Ihnen hören werden.

Andreas Nachama: Probier’n wir’s?

Melanie Longerich: Okay! Sie sind ein waschechter Berliner. 1951 wurden Sie geboren, da war der Holocaust gerade mal sechs Jahre her. Was war das für eine Familie, in die Sie da hineingeboren wurden?

Andreas Nachama: Jüdische Überlebende war meine Mutter, die in Berlin untergetaucht, wie sie selber sagen würde, illegal – aber was ist schon legal, was ist illegal –, also untergetaucht überlebt hat, versteckt von einer Nichtjüdin, im Wesentlichen von einer Nichtjüdin, aber natürlich anderen nicht jüdischen Personen. Sie hat dann irgendwie den Versuch unternommen, eine neue Familie in Berlin aufzubauen, und das ist ihr so einigermaßen doch gelungen.

Zwischen Trümmern und Tradition

Melanie Longerich: Die Familie Ihres Vaters, aber auch Ihrer Mutter sind beide im Holocaust umgekommen, nur Ihre Eltern haben überlebt, und Ihre Mutter, haben Sie gesagt, versteckt in Berlin, und Ihr Ziehvater, Estrongo, wurde in Griechenland geboren, in Saloniki, und soll Auschwitz vor allem wegen seiner herausragenden Stimme überlebt haben.

Andreas Nachama: Sein Nickname war sozusagen "der Sänger von Auschwitz", das hat ihn auch sehr geprägt. Er hatte immer seine liebe Not, außerhalb, sagen wir mal, der Gebetsgesänge, die er gesungen hat, also fröhliche Lieder oder so was zu singen, weil ihn das eher an diese Zeit erinnert hat, wo er für die Wachmannschaften Belcanto-Lieder halt singen sollte oder musste.

Der fast 80-jährige Oberkantor Estrongo Nachama während eines Gedenkens an die in der Nazizeit deportierten und ermordeten jüdischen Bürger Berlins (1998). (dpa) (dpa)Claudia Keller: "Lilli und Estrongo Nachama": Der Sänger von Auschwitz
Seine Stimme rettete ihm in Auschwitz das Leben, davon war Estrongo Nachama überzeugt. In dem Buch "Lilli und Estrongo Nachama" erinnert Claudia Keller an den bekannten, vielfach geehrten Berliner Kantor und seine Frau.

Melanie Longerich: Wie haben die beiden sich denn dann kennengelernt?

Andreas Nachama: Na ja, wohl in der Synagoge hier in Berlin.

Melanie Longerich: Also er wollte bleiben in Berlin?

Andreas Nachama: Er wollte sicherlich nicht bleiben. Der war bei Nauen befreit worden auf einem der Todesmärsche, war also nach Auschwitz auch in Sachsenhausen und da auf dem Todesmarsch und ist da von der Roten Armee befreit worden, ist dann zu Fuß nach Berlin zurück. Da hat ihn dann einer seiner Mithäftlinge, einer seiner Kameraden entdeckt und hat gesagt, du bist doch der Sänger von Auschwitz, da kannst du hier bei uns im Synagogenchor singen. Und dann wurde aus diesem Synagogenchor sehr schnell der Vorbeter, und dann haben sich dann irgendwie – so genau ist das nicht überliefert, gibt’s verschiedene Versionen – bei einem Gemeindemitglied beim Abendessen irgendwie kennengelernt.

Melanie Longerich: Aber das muss nicht einfach gewesen sein, in einer Stadt zu bleiben, wo man nicht weiß, wie die Nachbarn denken, wie die gehandelt haben auch in der NS-Zeit. War auswandern nie Thema?

Andreas Nachama: Meine Mutter hat immer gesagt, ich hab nicht überlebt, um Hitlers Testament nachträglich zu erfüllen und Berlin judenrein zu machen. Das war so ihr, wie soll man sagen, ihr Credo, ihr Mantra. Und Estrongo, der ist da geblieben, weil er dann eben in dieser Gemeinde von Holocaustüberlebenden da auch seine Aufgabe gefunden hat, seine Lebensaufgabe, wenn man so will, eben als Vorbeter und als Seelsorger, mit denen gemeinsam irgendwie ein neues Leben nach dem Untergang, nach ihrem fast sicheren Tod aufzubauen.

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Melanie Longerich: Berlin in den 50er-, 60er-Jahren, also welche Erinnerung haben Sie denn an die Stadt Ihrer Kindheit?

Andreas Nachama: Na ja, die vielen Ruinen. In dem Haus, in dem ich mit meiner Mutter gewohnt habe, gegenüber war ein zerstörtes Haus, eine Ruine, darin hab ich natürlich gerne gespielt mit den anderen Kindern der Straße. Das war uns verboten, weil ja da noch immer Munition rumlag und ich weiß was, aber es hat Spaß gemacht, war abenteuerlich. So erinnere ich mich eben an diese Stadt, wo meistens nur die Erdgeschosse mit Ladengeschäften waren, die Wohnungen darüber waren ausgebrannt oder ausgebombt, und so war das eine Stadt, die schon sehr von diesem Zweiten Weltkrieg geprägt war.

Melanie Longerich: Sie haben dann ein Gymnasium besucht, das haben die Eltern bewusst gewählt. Die Direktorin war ja eine katholische Widerstandskämpferin, und Sie haben das alles mal als bunte Truppe beschrieben. Wer kam da alles zusammen?

Andreas Nachama: Na ja, in meiner Klasse waren die Kinder von Zeugen Jehovas, waren die Kinder von Widerstandskämpfern, also kommunistischen Widerstandskämpfern, waren andere jüdische Kinder. Zum Beispiel in meiner Schule, in einer der oberen Klassen, war die Tochter von Hans Rosenthal, dem Quizmaster. Nebenbei bemerkt: Hier dieses Funkhaus, in dem ich jetzt hier gerade sitze, mit dem Blick auf mein Schulgebäude, auf mein altes, von dem wir gerade sprechen, denn der RIAS ist sozusagen auf der Rückseite von diesem Schulgebäude und sogar dieser Glaspalast, in dem ich jetzt hier sitze, ist an der Stelle, wo mein Sportplatz war.

Melanie Longerich: Ach, das ist ja schön, dann sind wir ja gerade mittendrin in Ihrer Kindheit sozusagen.

Andreas Nachama: Ja.

Melanie Longerich: Aber Sie waren da auch Redakteur der Schülerzeitung, hab ich gelesen, und stießen da auch immer wieder auf Spuren der Vergangenheit, etwa wenn Sie Interviews geführt haben.

Andreas Nachama: Na ja, das war so: Hier gegenüber von dem Schulgebäude und auch vom Funkhaus verläuft die Stadtautobahn. Die verlief da natürlich nicht immer, sondern da standen andere Wohnhäuser, und die wurden irgendwann gesprengt. Und dann hieß es, ja, wir hätten einen Tag schulfrei, weil diese Häuserzeile gesprengt wird. Das hat mich dann interessiert. Dann hieß es, der Sprengmeister würde diese und jene Vorkehrung treffen, und dann hab ich mir gedacht, das wäre doch was für die Schülerzeitung: Wie wird man Sprengmeister? Ich hab mich dann da angemeldet irgendwie und bin dann da hin und hab denn gefragt, sagen Sie mal, wie wird man Sprengmeister. Dann hat der gesagt, ach, ich war im Zweiten Weltkrieg, und da hab ich halb Warschau niedergelegt, da hab ich so viele Häuser gesprengt, so viel werde ich hier in Berlin nie sprengen. Na ja, und dann war es natürlich später klar, also ich hab das zu Hause erzählt, da sagten meine Eltern, Gott, das war der Warschauer Aufstand, da haben die die Stadt dem Erdboden gleichgemacht. So war das, so traf man dann auf Leute, die vollkommen arglos über ihre, in Anführungszeichen, Karriere im Dritten Reich berichtet haben.

Die Shoah wurde in der Familie nie direkt thematisiert

Melanie Longerich: War das bei Ihnen zu Hause Thema, also wenn Sie jetzt weiter nachgefragt haben, wurde da über die Shoah geredet?

Andreas Nachama: Eigentlich nicht. Es war schon klar, da ist was passiert, und die waren verfolgt, irgendwie. Und dann gab es eben diese Freunde meiner Mutter, mit denen sie zusammen in der, in Anführungszeichen, Illegalität war, mit denen sie zusammen war, und die erzählten natürlich immer interessante Geschichten. Wenn einer von denen gestorben ist, also sie würden die normalerweise nicht erzählt haben, aber wenn einer von denen starb, dann haben sie erzählt, was sie mit dem zusammen erlebt haben. Das war natürlich viel interessanter als Grimms Märchen oder irgendwas anderes. Und erst sehr, sehr langsam hat sich in meinem Kopf ein Bild von dem ergeben, was da passiert sein muss oder was da passiert ist.

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"Religion gehörte einfach dazu"

Melanie Longerich: Ihr Vater Estrongo Nachama war ja Vorbeter und Oberkantor der Jüdischen Gemeinde in Berlin, und in seiner Familie gab es schon eine lange Rabbi- und Kantor-Tradition. Was hatte bei Ihnen zu Hause die Religion für einen Stellenwert?

Andreas Nachama: Na ja, die war ganz selbstverständlich, die gehörte dazu. Alle Feiertage, auch sagen wir mal das Lernen von biblischen Texten, es gehörte einfach dazu. Andere haben im Radio Fußball gehört, und ich hab am Samstagnachmittag mit meinem Vater da gesessen und Tora gelesen. Das war aber nichts Zwanghaftes, es war so, es gehörte einfach dazu.

Melanie Longerich: Und war denn da für Sie schon in der Kindheit klar, dass Sie mal Ihrem Vater folgen wollen, auch Rabbiner werden?

Andreas Nachama: Na ja, mein Vater hatte da ja andere Ideen für mich, der war immer der Meinung, ein jüdischer Junge sollte nicht Rabbiner werden, das wäre keine Karriere für einen jüdischen Jungen, er sollte nicht abhängig von der jüdischen Gemeinde. Er dachte immer, ich könnte mir einen Laden aufmachen mit Fernsehgeräten – das war damals gerade in den 60er-Jahren en vogue.

Melanie Longerich: Wäre ein anderer Weg gewesen auf jeden Fall.

Andreas Nachama: Wäre ein anderer Weg gewesen, ja, ganz sicher. Aber das war nicht meine Welt.

Melanie Longerich: Warum nicht? Also Fernsehen auch nicht, oder einfach so ein Laden, was hat Sie denn da fasziniert am Rabbiner-Sein, das ist ja auch ein sehr praktischer Beruf.

Andreas Nachama: Technik hat mich jedenfalls nicht interessiert. Mich hat eher Geschichte interessiert, mich hat eher Geschichten und mich hat eher interessiert, sagen wir mal, wie das Estrongo auch gemacht hat, mit Menschen umzugehen, also auch Leute, die traurig sind, zu trösten, oder mit Leuten, die heiraten wollen, sich zu freuen. Also das gehörte irgendwie zu meinem Leben dazu, dass ich, wie soll ich sagen, mit Freud und Leid im Gepäck ganz selbstverständlich aufgewachsen bin.

7-armiger Leuchter, 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland (imago / biky) (imago / biky)

Erwachsen werden in West-Berlin

Melanie Longerich: Sie haben dann, also auch wenn Ihr Vater da ein bisschen kritisch war, Anfang der 70er-Jahre erst mal für kurze Zeit versucht, in London ein Rabbinerseminar zu besuchen.

Andreas Nachama: Ja, das habe ich, und es war ja dann so, damals gab’s diesen legendären Bösewicht an der Spitze des Zentralrats, der hieß Werner Nachmann, und der war dann irgendwie nicht bereit, aus welchen Gründen auch immer, mir ein Stipendium, und zwar nicht für mich selber, sondern für die Studiengebühren zu bezahlen. Er hat gesagt, für diese linke Bazille geben wir nüscht. So musste ich dann einem Vierteljahr oder so, nach ein paar Monaten wieder zurück nach Berlin und hab dann Geschichte und Judaistik studiert an der Freien Universität.

Melanie Longerich: Aber im Jahr 2000, also viele Jahre später, haben Sie sich dann trotzdem zum Rabbiner ordinieren lassen.

Andreas Nachama: Na ja, das hat dann, sagen wir mal, eher in meinem Leben eine größere Rolle gespielt. Ich war neben meiner Tätigkeit als Historiker über viele Jahre hinweg Jewish Chaplain Assistant bei der amerikanischen Armee, bin dem Jewish Chaplain sozusagen zur Hand gegangen.

Von gewachsenen Aufgaben und neuem Denken

Melanie Longerich: Was mussten Sie denn da zur Hand gehen, was waren da so Ihre Aufgaben?

Andreas Nachama: Zum Beispiel wenn der in the fields war, also auf dem Feld war, dann musste ich die Gottesdienste für den abhalten.

Melanie Longerich: Und wo war der da im Feld?

Andreas Nachama: Keine Ahnung, wahrscheinlich war er beim Geheimdienst, aber ich hab keine Ahnung, ich weiß es wirklich nicht. Auf alle Fälle war es so, dass ich dadurch eigentlich ganz selbstverständlich in so eine Rolle reingerutscht bin. Als es dann 1989/90 hieß, die Amerikaner werden doch abziehen, dann sagte der zu mir, na ja, da wird sich auch eines Tages keiner mehr dran erinnern, dass du hier mal über Jahrzehnte hinweg mein Assistant warst, und jetzt musst du dich mal drum bemühen, da was zu machen. Dann hab ich angefangen, in Amerika so ein Fernstudium zu machen, und das ging dann fast zehn Jahre lang, und am Ende wurde ich dann doch ordiniert.

Melanie Longerich: Aber erst einmal begann alles Anfang der 70er-Jahre, also quasi nach dem Exkurs in London, in Berlin. 1972 haben Sie nämlich begonnen, an der Freien Uni Judaistik und Geschichte zu studieren. Wie muss man Sie sich da vorstellen, eine linke Bazille, wie Sie schon von anderen bezeichnet wurden? Die Kleiderfarben waren grell und Disco von Abba und den Bee Gees war Konsens, Willy Brandt war Bundeskanzler, die neue Ostpolitik an der Tagesordnung. Wie waren Sie?

Andreas Nachama: Na ja, an diesem Institut für Judaistik zum Beispiel, da gab es jetzt ein gemeinsames Grundstudium von Islamwissenschaften, evangelischer Theologie, Religionswissenschaften und Judaistik. Es war dann einfach so, dass schon damals ganz genau klar war, dass es irgendwann mal zu einer Situation kommen würde, wo Israelis und Palästinenser Frieden miteinander schließen müssten, weil das in der Geschichte immer so war, dass Feinde miteinander Frieden schließen und nicht Freunde. Mit solchen Ideen bin ich dann nach Hause gekommen oder auch durch die Stadt gegangen, da hab ich mir nicht nur Freunde mit gemacht, das ist doch klar.

"Man hat versucht, durch Denken neue Wege zu finden"

Melanie Longerich: War das eine wilde Zeit für Sie, oder ging das gemeinsame Thora-Lesen da mit Ihrem Vater auch am Wochenende weiter, oder hatten Sie da auch mal was anderes zu tun?

Andreas Nachama: Na ja, ich hatte auch was anderes zu tun, aber das ging auch weiter, und es war gleichzeitig … Es war alles eben. Es war eine Stadt, wo mit den Engländern, Amerikanern, Franzosen, auch den sowjetischen Soldaten, eben ganz viele Ausländer in der Stadt waren. Es war eine Stadt, in der die Freie Universität sozusagen neue Räume des Studierens geöffnet hat. Man hat da einfach nicht nur die alten Lehrbücher zur Hand genommen und sich das angeeignet, sondern man hat versucht, durch Denken neue Wege zu finden. Das war schon total spannend, aufregend, und es war natürlich auch die Steinzeit, in der es öfter mal einen Steinhagel gegeben hat auf der Straße.

Melanie Longerich: Waren Sie da dabei?

Andreas Nachama: Natürlich bin ich auch dabei gewesen, und natürlich war es einfach so, dass man sich dieser Situation in der Stadt gar nicht entziehen konnte.

Melanie Longerich: Aber wie haben Sie denn die Teilung Berlins erlebt, war das für Sie damals ein großes Thema, sind Sie oft vielleicht auch in den Ostteil der Stadt?

Andreas Nachama: Na ja, die Teilung war gegeben, Estrongo war auch Kantor in der Ostberliner Gemeinde, und dadurch hatte ich auch immer Bezüge nach Ostberlin. Als es dann Passierscheine gab – und die gab’s natürlich am Anfang der 70er-Jahre durch die Ostpolitik kontinuierlich, nicht nur von Zeit zu Zeit –, bin ich eben auch öfter nach Ostberlin oder auch nach Brandenburg und habe mir dann Dinge dort angeguckt. Zum Beispiel, ich hab ja promoviert über den Großen Kurfürsten, über die Zeit des Großen Kurfürsten, also wenn es dann heißt, Schlacht bei Fehrbellin, natürlich bin ich dann da mal hingefahren und habe mir angeguckt, wie das da aussieht, sonst kann man gar nicht Geschichte wirklich begreifen, wenn man nicht auch diese Orte mal sich angucken kann.

Am Lehrstuhl in Bochum

Melanie Longerich: 1981 haben Sie dann promoviert, wie Sie sagen, ja schon zu Preußen. War da jetzt Zeitgeschichte, also wie der Nationalsozialismus, das war noch gar kein Thema für Sie.

Andreas Nachama: Na ja, ich hab auch Zeitgeschichte gelernt, und ich war ja Assistent an der Ruhr-Universität in Bochum ab 78, da war ich Assistent für Frühe neuzeitliche Geschichte, aber am Nachbarlehrstuhl bei Hans Mommsen, der damals schon NS-Geschichte gelehrt hat. Und da bin ich in das Doktorandencolloquium natürlich regelmäßig gegangen und habe mir angehört, was meine Kommilitonen, aber auch was er an Neuigkeiten zur Zeitgeschichte da erforscht hat, und das hat mich natürlich schon auch nicht nur interessiert, sondern auch geprägt. Aber mein eigentliches Fachgebiet war bis Mitte der 80er-Jahre, bis ich dann mit der Topographie befasst war, war eben eher 17. Jahrhundert.

Melanie Longerich: Preußen sollte Sie dann auch beruflich wieder zurück nach Berlin bringen.

Andreas Nachama: Na ja, es war so, es gab erst die Stauffer-Ausstellung in Stuttgart und die Wittelsbacher-Ausstellung in München, und Berlin bereitete eine Preußen-Ausstellung vor und suchte händeringend Historiker, die sich in der preußischen Geschichte auskennen, junge Historiker, die sich auf so ein Ausstellungsvorhaben einlassen würden. Das hat mir mein Doktorvater damals erzählt und hat mich vielleicht auch empfohlen, und so bin ich dann aus Bochum zurück nach Berlin in dieses Team der Preußen-Ausstellung bei den Berliner Festspielen. Diese Berliner Festspiele haben mich dann irgendwie auch fasziniert – also Kulturmanagement, das fand ich total spannend. Und so bin ich dann da geblieben, hab dann relativ schnell ab 84/85 die 750-Jahr-Feier Berlins, die 1987 stattfinden sollte, mit vorbereitet. Dazu gehörte dann auch das, was heute Topographie des Terrors genannt wird, also das Gestapo-Gelände, das ich sozusagen vom Vorbeifahren aus meiner Kindheit kannte – meine Mutter hat immer gesagt, ach, Gott, das ist die schrecklichste Adresse hier in Berlin, die fürchterlichste Adresse. Da sind wir da irgendwie dann vorbeigefahren.

"Man hat Geschichte verdrängt"

Melanie Longerich: Zu diesem Zeitpunkt konnte man Auto fahren lernen, glaube ich, da war gar nichts, oder?

Andreas Nachama: Das war ein Schuttabladeplatz und ein Platz …

Melanie Longerich: Direkt an der Mauer auch?

Andreas Nachama: Direkt an der Mauer auch, direkt vor der Mauer, und es war ein Platz, wo man Fahren ohne Führerschein machen konnte. Daneben stand eben der Gropius-Bau, der dann wieder als Ausstellungsgebäude, aber auch noch kriegszerstört, mit der Preußen-Ausstellung in Betrieb ging. Und dann sagte meine Mutter, Gott, da saß die Gestapo drin – da hat sie die Kunstgewerbeschule, wo die Gestapo tatsächlich drinsaß, das Nachbargebäude, und das Kunstgewerbemuseum, was auch über eine Brücke miteinander verbunden war, verwechselt. Das kann natürlich nach 40 Jahren passieren, aber das hat mich dann natürlich total interessiert. Als ich das hörte, bin ich in die Staatsbibliothek gelaufen, hab mir alte Adressbücher und Stadtpläne genommen – damals gab’s ja kein Internet, wo man das hätte schnell recherchieren können –, und tatsächlich, es stimmte dann. So hat mich das dann irgendwie nicht mehr losgelassen.

Anonymisiertes Entlastungs-Zeugnis (Clearance Certificate), ausgestellt am 26.08.1947 von dem Deutschen Entnazifizierungs-Ausschuss im ehemaligen Kreis Detmold in der britischen Zone, aufgenommen am 22.09.2018. Solche Entnazifizierungs-Ausschuesse entschieden die leichteren Faelle, Faelle von Angehoerigen verbrecherischer NS-Organisationen wurden von sogenannten Spruchkammern entschieden. Foto: Matthias Toedt/dpa-Zentralbild/ZB/picture alliance (picture alliance/ZB/Matthias Toedt) (picture alliance/ZB/Matthias Toedt)Entnazifizierung vor 75 Jahren 
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Rückkehr des historischen Bewusstseins

Melanie Longerich: Wie ging das, dass dieser Ort fast vergessen war, obwohl von hier aus der Terror ausging?

Andreas Nachama: Es waren doch fast alle Orte in Vergessenheit geraten. Man hat sozusagen die alten Zöpfe abgeschnitten, man hat auch selbst alte Häuser, die nicht bombenzerstört waren, da hat man die Stuckfassaden abgeschlagen – getautet hieß das –, man hat sie modernisiert, mit Reibeputzfassaden versehen. Dafür hat der Senat dann in den 60er-Jahren Geld gegeben und in den 70er-Jahren, und in den 80er- und 90er-Jahren hat man den Stuck wieder rangeklebt, dann gab’s dafür Geld. Das war einfach so, man hat Geschichte verdrängt und wollte das eigentlich auch gar nicht wissen. Dann kam eben mit diesen historischen Ausstellungen Preußen, mit der 750-Jahr-Feier, mit dieser Topographie des Terrors, also Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt, wo hatten die ihre Hauptquartiere, kam ein historisches Bewusstsein zurück, das meiner Meinung nach nur deshalb zurückkommen konnte, weil die Zeitzeugen, die eigentlichen, die dort agiert haben, weil die tot waren oder außer Gefecht, also nicht mehr im politischen Leben standen. Und so hat sich das, sagen wir mal, in eine ganz neue Zeit hineinbegeben.

30 Jaher als Direktor der Topographie des Terrors

Melanie Longerich: Damals entstand der Wunsch – Sie haben ja erzählt, es gab erst so einen Ausstellungspavillon –, dass da jetzt ein festes Dokumentationszentrum entsteht, auch ein Lernort, der sich eben mit dem Terror der Nationalsozialisten beschäftigte. Was war Ihnen da wichtig? Sie waren ja da seit Anfang dabei.

Porträt von Andreas Nachama, Historiker und Direktor der Stiftung "Topographie des Terrors". (picture alliance / Tagesspiegel / Thilo Rückeis)Andreas Nachama, Historiker und Direktor des Dokumentationszentrums "Topographie des Terrors" in Berlin, wollte Aufklärung auf Augenhöhe. (picture alliance / Tagesspiegel / Thilo Rückeis)

Andreas Nachama: Na ja, mir war wichtig, dass es keine Gedenkstätte wird. Man sollte da nicht mit gesenktem Haupt reingehen, um Geschichte wahrzunehmen, sondern man sollte auf Augenhöhe sich die Geschichte angucken, also möglichst emotionslos und möglichst so, wie man sich auch einen anderen Vorgang der Geschichte angucken würde.

Melanie Longerich: Ist Augenhöhe da wichtig, um etwas mitzunehmen, oder geht man sonst in so eine Verweigerungshaltung, oder warum war Ihnen das wichtig?

Andreas Nachama: Mir war das wichtig, weil ich immer dachte, da, wo so starke Emotionen im Spiel sind, wo Zeitzeugen bei ihren Berichten in Tränen ausbrechen, da kann man das eigentlich gar nicht richtig wahrnehmen. Da kann man nicht verstehen, was ist denn da passiert. Da ist eigentlich was Simples passiert, nämlich polizeiliches Handeln konnte nicht durch unabhängige Gerichte kontrolliert werden, also hatte unendliche Gewalt, und in dieser unendlichen Gewalt kann man dann erkennen, was in so einem Land passiert, in dem polizeiliches Handeln oder Regierungshandeln nicht durch unabhängige Gerichte kontrolliert werden kann. Da kommt ganz schnell jemand unter die Räder. Das war eigentlich das, wo ich gesagt hab, das müsste an so einem Ort der Täter klar werden. Das waren zwar möglicherweise bösartige Charaktere, aber die haben doch gewusst, was sie tun. Das waren Juristen, die haben genau gewusst, was sie tun, und das soll man ganz ruhig sezieren können praktisch und dann verstehen, was bedeutet das für die Gegenwart und für die Zukunft, nämlich dass wir darauf zu achten haben, dass polizeiliches Handeln oder Regierungshandeln immer durch unabhängige Gerichte kontrolliert werden kann und unter Umständen auch korrigiert werden kann.

Stolpersteine im ehemaligen jüdischen Grindelviertel. (imago images / Lars Berg)Stolpersteine im ehemaligen jüdischen Grindelviertel. (imago images / Lars Berg)

Melanie Longerich: Nun sind Sie Nachkomme von Holocaustüberlebenden, das muss nicht einfach gewesen sein, da jeden Morgen zur Arbeit zu gehen und sich jeden Tag mit Tätern zu beschäftigen.

Andreas Nachama: Na ja, die Opfer kannte ich ja, die hab ich ja in meiner Kindheit erlebt, und die Opfergeschichten, das ist eine Geschichte für sich, die ist auch wichtig und die soll auch nicht vergessen werden. Mir ging es schon darum, diese Strukturen deutlich zu machen, weil wir ja heute in der Welt auch immer wieder sehen, dass es Länder gibt – Indonesien könnte jetzt so ein Beispiel sein –, wo auf einmal staatliches Handeln, also in diesem Fall das vom Militär, ohne jede Kontrolle ist. Und was dabei rauskommt, können wir jeden Abend in der Tagesschau sehen – grauenhaft. Ich finde, genau darum geht es, dass wir verstehen, polizeiliches Handeln kann erforderlich sein, aber es muss eben immer verhältnismäßig sein. Stuttgart 21, die beiden Wasserwerferfahrer, die jemanden geblendet haben, sind einer gerichtlichen Strafe zugeführt worden, so muss es sein. Wenn das unverhältnismäßig wird, dann muss der Staat sozusagen in sich selbst einen Kontrollmechanismus haben.

Melanie Longerich: So im Rückblick sieht das ja alles relativ einfach aus, wie das entstanden ist, was man da auch für Ideen hatte oder was Sie für Ideen hatten, aber es war ja doch auch ein langer Kampf, bis dann endlich das richtige Gebäude stand. Wie viel Jahre hat das gedauert?

Andreas Nachama: Na ja, es hat sehr lange gedauert, aber das war nicht ein Kampf, weil das jetzt Berlin war oder Deutschland war. Das war ein Schweizer Architekt, der dort ganz große Kunst realisieren wollte, die aber sozusagen sich nicht realisieren ließ. Dadurch hat sich dieses Bauvorhaben über ein Jahrzehnt in die Länge gezogen. Aber ich würde einfach mal sagen, es hat wirklich nach meinem Dafürhalten nichts mit der NS-Geschichte oder mit der Tradition, die daraus entsteht, zu tun, sondern es ist einfach ein Unglück mit der Berliner Bauverwaltung, und das hat man auch an anderen Stellen gesehen, mit dem Flughafen, und das wird man wahrscheinlich auch in Zukunft an der ein oder anderen Stelle entdecken. Ja, Bauen in Berlin, das ist was Besonderes.

Mit der Lupe auf einzelne Punkte der NS-Geschichte

Melanie Longerich: Also ein langer Prozess auf jeden Fall. Was hat Sie denn dann in Ihrer Arbeit – also Sie waren ja 30 Jahre, letztes Jahr sind Sie in Rente gegangen, 30 Jahre der Direktor –, was hat Sie da durch die Zeit besonders beschäftigt, aber auch in Ihrer Arbeit besonders geprägt?

Andreas Nachama: Na ja, besonders beschäftigt hat mich schon, auf einzelne Punkte dieser NS-Geschichte sozusagen die Lupe draufzulegen, also einen kleinen Mosaikstein ganz groß zu machen. Um ein Beispiel zu nennen: Die Massenerschießungen zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, Holocaust by Bullets wird das auch manchmal genannt, also dass es nicht nur diese Konzentrationslager gegeben hat, sondern dass es eben auch durch die Einsatzgruppen, durch andere, auch durch Kollaborateure, einen großen Erschießungsplan gegeben hat, wo Menschen einfach systematisch erschossen wurden, das, finde ich, war etwas, was nach meinem Dafürhalten im allgemeinen Bewusstsein nicht so präsent war und wo dann die Topographie mit einer großen Ausstellung sowohl die Täter als auch die Opfer als auch die Orte versucht hat zu dokumentieren. Das war eigentlich das, worum es mir immer ging. Wenn man da etwas hatte, aus diesen zwölf Jahren, was vielleicht so im Hinterbewusstsein schon irgendwie schimärenhaft bekannt war, aber eigentlich nicht wirklich. Oder die Olympischen Spiele 1936 in Berlin: Das sind so Themen gewesen, von denen ich immer sagen würde, da lohnte es sich mal, die Lupe draufzulegen und die Details sichtbar zu machen.

Melanie Longerich: Die Deutschen gelten ja als Erinnerungsweltmeister. Man begeht Jahrestage, gedenkt am 27. Januar, dann auch am 8. Mai bald wieder Kriegsende, aber glauben Sie, gucken die Deutschen genug in Ihre Familien rein, also ist das wirklich nicht nur ein reines Abarbeiten, sondern ist das tief in jeder Familie drin, da mal hinzugucken, was da war? Haben Sie das Gefühl, das Bewusstsein für die Zeit ist da, oder ist das alles schon zu lange her?

Demonstranten mit einem Transparent "Entschuldigung sofort - Völkermord verjährt nicht" vor einem Gebäude der Charite in Berlin (dpa/Sören Stache) (dpa/Sören Stache)Erinnerungskultur im globalen Kontext
Wird die Singularität des Holocaust durch die Erinnerung an die Opfer von Völkermord oder Sklaverei in Frage gestellt? Nein, sagt der Historiker Felix Axster. Die stärkere Erinnerung an den Kolonialismus führe in Deutschland aber zwangsläufig zu einer "Neuaushandlung der Erinnerungskultur".

Betrachtung der Opfer- und Täterseite

Andreas Nachama: Na ja, es ist schon so. Viele Leute sind in den letzten Jahrzehnten in die Topographie des Terrors gekommen, um mal zu gucken, wie ist so diese Struktur von Tätern und was haben die gemacht und gab es so was auch in meiner Familie. Das ist schon eine Frage, die uns sehr, sehr häufig gestellt wurde, und wo kann man da nachgucken und wie findet man das raus. Nun gut, dann haben wir auch versucht, solchen Fragen in Seminaren dergestalt nachzugehen, dass die Leute ertüchtigt wurden, ihre eigene Familiengeschichte oder die ihrer Großeltern oder auch von befreundeten Familien herauszufinden. Und das, finde ich, ist auch etwas, wie Geschichte gemacht werden kann – im Positiven wie im Negativen, das kann auf der Opfer- wie auf der Täterseite sein.

Melanie Longerich: Ihnen ist das ja, haben Sie auch gerade ja schon betont, Stichwort Polizeigewalt, den Bezug zu heute aufzuzeigen, aber was denken Sie, wenn heute die Teilnehmer, zum Beispiel von Querdenkerdemos, in Anzügen auf die Straße gehen, die an die von KZ-Häftlingen erinnern oder auch noch den Judenstern tragen? Da hat der Erinnerungsweltmeister Deutschland doch offensichtlich nicht alles richtig gemacht, oder was meinen Sie?

Andreas Nachama: Na ja, erst mal wird’s immer Leute geben, die was auch immer falsch verstehen oder falsch verstehen wollen. Das, finde ich, ist doch auch ein gutes Zeichen, da können die anderen sich wieder dran abarbeiten, können sagen, nee, so geht das nicht. Ich finde, Geschichte ist nicht etwas, auch schwierige Geschichte, auch falsch verstandene Geschichte ist nicht etwas, was man nicht betreten darf, sondern mit dem man sich auseinandersetzt. Ich hab nicht den Eindruck, dass unsere Gesellschaft sich mit solchen Sachen nicht auseinandersetzt, sie setzt sich damit auseinander – und dann ist schon alles richtig. Es ist natürlich falsch, wenn man solche Vergleiche oder solche Gleichsetzungen macht, aber ich finde, die Reaktion darauf, die ist doch klasse.

Melanie Longerich: Gleichzeitig nimmt der Rechtspopulismus auch zu, und auch der Antisemitismus in Deutschland, jeder Vierte soll laut einer Studie Vorurteile gegen Juden haben. Bemerken Sie das in Ihrem Alltag oder in Ihrer Gemeinde?

Andreas Nachama: Auch da, würde ich mal sagen, seitdem es Umfragen über Antisemitismus in Deutschland gibt, also aus den 50er-Jahren heraus, seitdem sind immer zwischen 20 und 25 Prozent der Deutschen Antisemiten gewesen, also es hat sich nicht so furchtbar viel verändert. Was sich verändert hat, ist, dass die Leute das heute offen sagen. Früher wurden die Briefe anonym geschrieben, die Schmähbriefe an die jüdischen Gemeinden, heute sind Klarnamen und Absender drauf. Das ist vielleicht der Unterschied. Aber in der Sache, das ist eben, eine Mehrheitsgesellschaft setzt sich mit solchen Positionen einer Minderheitsgesellschaft auseinander, das gehört ganz unbedingt dazu. Wer meint, in Europa, nicht nur in Deutschland, in Europa gäbe es solche Positionen nicht, der lebt in einer Scheinwelt. Die Auseinandersetzung um richtige Positionen, um menschliche Positionen, um Positionen der Inklusion von allen möglichen Menschen, die möglicherweise von anderen als Minorität empfunden werden, das ist nicht damit getan, dass man sagt, ja, jetzt haben wir den Holocaust verstanden, sondern das ist nur damit getan, dass man jeden Tag versucht, so wie Demokratie leben auch, es neu zu versuchen, weil es kommen immer wieder andere dazu. Es ist nicht so, dass es abgeschlossen ist.

Als Rabbiner im Einsatz um Versöhnung

Melanie Longerich: Sie sind seit einem Jahr in Rente, also theoretisch, Sie sind weiterhin als Rabbiner in Ihrer Gemeinde Sukkat Schalom tätig, stehen aber auch der allgemeinen Rabbinerkonferenz in Deutschland vor, arbeiten aber auch weiter als Historiker an einem neuen Buch, das im Herbst erscheinen soll, und Sie haben mir im Vorgespräch erzählt, Sie haben schon das nächste im Kopf. Wie wichtig ist Ihnen das, beruflich mehrgleisig zu fahren?

Andreas Nachama: Das war mir immer wichtig. Ich finde, man muss immer wieder einen neuen Blick auf das, was man tut, werfen können, und den kann man nur dadurch tun, dass man mal vielleicht zehn Tage, 14 Tage oder einen Monat zum Beispiel nur während der jüdischen Feiertage oder fast ausschließlich sich mit der Gemeinde und mit dem Predigen und mit all dem beschäftigt. Und dann kommt man wieder zurück und hat einen neuen Blick, auf das, was man die elf Monate vorher gemacht hat, und guckt dann auf die Geschichte und kann anders draufblicken. So ist das nebenbei bemerkt auch in der Zeit gewesen, als ich Direktor der Topographie war. Es ist mir immer wieder gelungen, neu auf die Dinge draufzugucken und damit, wie ich hoffe, auch immer wieder neue Einsichten, nicht nur für mich, sondern auch für die Besucherinnen und Besucher, zu initiieren.

"Multitasking ist mir gut bekommen"

Melanie Longerich: Das muss ja in der Zeit als Direktor dann gewesen sein, als Sie auch das Fernstudium gemacht haben, um sich als Rabbiner ordinieren zu lassen. War Ihnen das dann wichtig, also dass Sie auch schon da so wie eine zweite berufliche Perspektive haben oder inhaltlich was anderes im Kopf?

Andreas Nachama: Na ja, es war ja so, es ist nicht ganz so, sagen wir mal, beruflich und das andere zu trennen gewesen. Ich hab ja für die Berliner Festspiele zum Beispiel auch die Ausstellung "Jüdische Lebenswelten" gemacht, wo die Dinge dann sozusagen sehr dicht beieinander waren – hier Topographie, da Jüdische Lebenswelten, und das Ganze hat der Kulturmanager Andreas Nachama dann irgendwie sozusagen zusammengebunden und in dem Kontext dann eben auch angefangen, da noch mal so ein Fernstudium zu machen. Das gehörte ganz einfach ganz selbstverständlich zu meinem Leben dazu, sozusagen Multitasking zu probieren, und ich glaube, es ist mir auch ganz gut bekommen.

Melanie Longerich: Gleichzeitig stelle ich mir das so vor, also Rabbiner zu sein, das ist ja auch ein lebenspraktischer Beruf, da gilt es zu vermitteln, da gilt es, Rat zu geben, und es ist was ganz anderes als wahrscheinlich große Ausstellungen zu konzipieren, es ist was ganz Lebenspraktisches. Was hat Sie daran gereizt und mit welchen Fragen kommen die Menschen zu Ihnen?

Andreas Nachama: Na ja, ich glaube, die meisten, die zu mir kommen, kommen mit eben den Fragen, wie geht mein Leben sozusagen weiter. Ich will mal ein Beispiel aus der Zeit bei der amerikanischen Armee erzählen: Da kam ein junger Rekrut, ein amerikanischer, da zu mir und sagte, ja, er hat sich in eine Christine sowieso verliebt und die kriegt jetzt auch ein Kind, und er weiß gar nicht, wie er das seinen, Klammer auf, jüdischen Eltern und Holocaustüberlebenden in Amerika vermitteln soll. Er meinte da, die werden ihn ausbürgern und ich weiß nicht. Dann war es eben so, dann gab es da ein direktes Telefonkabel nach Amerika, man konnte da telefonieren, und da hab ich gesagt, wann sind die dann zu Hause, ja, weiß nicht, Berliner Zeit morgens um drei. Na gut, hab ich gesagt, dann treffen wir uns um halb drei, und haben die dann angerufen. Und dann hab ich denen eben gesagt, ja, hier ist das Chaplain Center in Berlin und so, ist Ihre Frau auch da, können Sie die mir auch ans Telefon holen, und dann haben die natürlich schon das Schlimmste befürchtet. Da hab ich gesagt, ja, es geht hier nur weiter, wenn Sie auch helfen. Ja, wir werden alles tun für unseren Sohn. Na ja, und dann hab sie ungefähr da gehabt, wo es hin sollte. Also man muss diese Dinge auch immer so zusammenbringen, und das war ja auch spannend, das war ja ein Stück leben. Es hätte natürlich auch schiefgehen können, es hätte mich auch vielleicht diesen Nebenjob als Chaplain Assistant kosten können, wenn sich einer über so was beschwert hätte, war natürlich ein bisschen Holzhammermethode. Aber am Ende hat man den Leuten geholfen, und ich bin auch heute noch mit dem in Kontakt, inzwischen haben die schon Enkelkinder.

Melanie Longerich: Also gut, richtig vermittelt sozusagen.

Andreas Nachama: Ja, hätte auch schiefgehen können.

Melanie Longerich: Aber auch einer Ihrer Söhne wurde Rabbiner. Wie haben Sie versucht, das Judentum zu vermitteln, oder was ist Ihnen da wichtig, dass das Ihre Kinder und Enkel auch mitbekommen?

Andreas Nachama: Na ja, ich hab’s einfach gelebt. Ich meine, ich hab da mich nicht hingestellt und beim Frühstück gesagt, jetzt überleg ich mal, wie ich denen Judentum vermittle, sondern ich hab’s gelebt, das haben die gesehen und haben das irgendwie auch zum Teil ihres Lebens gemacht.

Melanie Longerich: Und die hätten sich auch für was ganz anderes entscheiden können?

Andreas Nachama: Klar, der eine ist Jurist und hat sich für was ganz anderes entschieden, und trotzdem führt er ein, wie ich denke, jüdisches Leben.

Das Projekt "House of One" in Berlin

Melanie Longerich: Im Moment liegt Ihnen aber auch noch ein weiteres Haus am Herzen, das House of One in Berlin, das für alle drei großen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – einen gemeinsamen Begegnungsort schaffen möchte, also quasi drei Gotteshäuser unter einem Dach. Die Bauarbeiten haben sich jetzt Corona-bedingt verzögert, jetzt ist am 27. Mai Grundsteinlegung, und Sie meinen, das geht gut?

Andreas Nachama: Na klar. Es ist ja so, Kadir Sanci, das ist der Imam, Gregor Hohberg, das ist der Pfarrer, und ich, wir machen ja jetzt schon gemeinsame Gebete zum Gedenken oder für Opfer Fürbittengebete. Wir gehen in Schulen und reden mit Schülern – interessante Begegnungen ja dabei auch, Schulklassen in Berlin, in denen vielleicht zwei oder drei, in Anführungszeichen gesetzt, Standarddeutsche drin sind und die anderen alle irgendeinen sehr unterschiedlichen Background haben, und wo wir drei dann da auftauchen und wo es dann heißt, ja, was ist das, ein Rabbiner und ein Imam und ein Pfarrer, die können miteinander befreundet sein und können zusammen essen und können zusammen Dinge voranbringen. Ich finde, genau so muss es sein. Wir machen das ganz selbstverständlich, und wenn das Haus da sein wird, wird es noch mal neue Aufgaben geben, weil wir dann paralleler sozusagen und mehr auf Sicht beieinander sind, aber wir tun das auch jetzt schon.

Rabbiner Andreas Nachama, Pfarrer Gregor Hohberg und Imam Kadir Sanci feiern den Abschluss der Tiefgründungsarbeiten mit dem letzten Bohrpfahl beim Bauprojekt für die interreligiöse Begegnungsstätte "House of One - Bet- und Lehrhaus Berlin" - am Petriplatz in Berlin-Mitte (imago images / snapshot) (imago images / snapshot)House of One in Berlin - Drei Religionen unter einem Dach
Das Christentum, das Judentum und der Islam sollen im House of One unter einem Dach präsentiert werden. Das Konzept klingt einfach, die Umsetzung war aber kompliziert. Am 27. Mai 2021 wird der Grundstein für das Mehrreligionengebäude gelegt.

Melanie Longerich: Wie entstand denn da die Idee überhaupt zu? Es gibt ja auch, wie Sie gerade erzählt haben, viele, die denken, das funktioniert doch nicht.

Andreas Nachama: Die Idee kam von Gregor Hohberg, das ist der Pfarrer. Die Petri-Kirche, auf deren Grund das House of One jetzt errichtet wird, ist im Zweiten Weltkrieg bombardiert worden, da war auch ein bösartiger Nazipfarrer Pfarrer gewesen …

Melanie Longerich: Von der SA, glaube ich, wo es …

Andreas Nachama: Genau. Aber der Punkt ist, es war ein Parkplatz und das Gelände gehört der Stadt, also nicht mehr der Kirche, und Hohberg hatte eben die Idee, da sollte kein Parkplatz bleiben, sondern da sollte etwas Spirituelles entstehen. Und so hatte er diese Idee entwickelt, die sich am Ende natürlich auch daraus speist, dass es ja seit – und ich bin da Teil des Ganzen gewesen – Anfang der 70er-Jahre, 73/74, eine christlich-jüdisch-islamische Begegnung gegeben hat. Die haben aber daran gekrankt, man hat, was weiß ich, die Geschichte des Turmbaus zu Babel, die im Koran und im Alten Testament oder in der hebräischen Bibel vorkommt, sozusagen in den verschiedenen Traditionen interpretiert und dann, dann war das Seminar oder die Summer School vorbei und jeder ging seines Weges, und im nächsten Jahr musste man mit anderen Rabbinern, anderen Pfarrern, anderen Imamen sozusagen wieder von vorne anfangen. Und hier war eben die Idee, das an einem Ort zusammenzubringen, durch das Haus auch eine gewisse Verbindlichkeit zu schaffen, für das wir gemeinsam verantwortlich sind, und dadurch ein Stück Kontinuität in diesen Tridialog zu bringen.

Melanie Longerich: Und gleichzeitig schaut man wahrscheinlich auf so ein Haus dann besonders intensiv, und es gab auch schon viel Kritik im Vorfeld. Der beteiligte Imam soll zum Beispiel Mitglied der Gülen-Bewegung sein, die ja von der Türkei für den gescheiterten Putschversuch von 2016 verantwortlich gemacht wird, und deshalb weigern sich bis heute die großen islamischen Verbände, wie etwa die Ditib, die ja auch wiederum von der türkischen Religionsbehörde abhängig ist, beim House of One mitzumachen. Dann hat die Gülen-Bewegung auch den Ruf, sehr konservativ und türkisch-nationalistisches Islamverständnis zu haben. Kurz gefragt also: Mögen Sie Herausforderungen?

Der Wunsch nach "liebevollem Respekt"

Andreas Nachama: Ja, und ich finde auch, sagen wir mal, wir werden sehen, wie in vier, fünf Jahren, wenn das Haus fertig ist, die Welt aussieht, wer dann auf der Sunny Side of the Street ist und wer nicht. Das betrifft ja, sagen wir mal, die evangelische Kirche oder die jüdische Gemeinde genauso. Überall sind die Dinge im Fluss, überall kann man sagen, ach, der ist da zu sehr an der Stelle engagiert oder ist, wie Nachmann das vor Jahrzehnten gesagt hat, eine linke Bazille. Also, wenn man’s allen recht machen kann, wird man’s gar nicht machen können. Wir fangen damit an, und ich bin optimistisch, dass wir das auch gemeinsam eröffnen. Und dann wird man von Schritt zu Schritt sehen, wer kann mitmachen, wer will mitmachen, wen kann man dafür gewinnen, wie sieht die politische Welt in fünf Jahren aus.

Melanie Longerich: Also das heißt, die Religionen haben viel mehr dann auch gemeinsam, als ihnen die Religiösen zugestehen?

Andreas Nachama: Natürlich. Es gibt viele Dinge, die haben wir gemeinsam, es gibt aber auch viele Dinge, die trennen uns, und ich finde, beides ist total wertvoll. Es ist auch wertvoll, da wo es Unterschiede gibt. Es geht ja nicht drum, Religionsunion nach Leibniz’schem Muster zu machen, wo die Religionen sozusagen ineinander verschmelzen, sondern jeder in seiner Tradition nebeneinander, aber in Respekt und in vielleicht auch liebevollem Respekt zueinander, das wäre doch eine große Sache, und das machen wir jetzt auch schon.

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