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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDer redlich arbeitende Mensch im Fokus25.07.2011

Der redlich arbeitende Mensch im Fokus

Norbert Blüm: Ehrliche Arbeit: Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier, Gütersloher Verlagshaus

Norbert Blüm hatte seinen letzten großen Auftritt 2003, als er vehement gegen die von der CDU geplante Gesundheitsprämie plädierte. Inzwischen ist der ehemalige Arbeits- und Sozialministerminister Gastdozent in Aachen und hat ein Buch über den Wandel der Arbeit nach der Banken -und Finanzkrise geschrieben.

Von Volker Mauersberger

Der ehemalige Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüm. (AP)
Der ehemalige Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüm. (AP)

Dieses Buch trägt einen Titel, der aus der Mottenkiste der Sozialpolitik stammen könnte. "Ehrliche Arbeit". Darunter steht die Unterzeile: "Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier." Der Autor dieses bemerkenswerten Buches heißt Norbert Blüm, der sechzehn Jahre Bundesminister für Arbeit und Soziales unter Helmut Kohl war. Ein Politiker, der auf die provozierende Frage, ob er ein Linker sei, sogar einmal sagte:

Ich hoffe, ja.

Norbert Blüm ist bis heute ein Freund klarer Worte geblieben. Auch in seinem vorliegenden Buch redet der Katholik und Schüler des Religionsphilosophen Nell-Breuning nicht lange um den heißen Brei herum. Er beschreibt die Hochstapeleien eines Finanzkapitalismus, vor dem die Politik überall gefügig kuschte. Auch für ihn hat eine globalisierte Industrialisierung das Bild von der geordneten Arbeit in einer geordneten Welt für immer zerstört. Der arbeitende Mensch sei in einem System von Cashflow, Carry Trade und Shareholder nur als "Homo oeconomicus" vorgesehen, der nach Herzenslust manipuliert und ausgeplündert werden könne. Blüms Absage an eine solche Form von Entfremdung ist klar und eindeutig: Geld verkauft Geld und kauft es wieder zurück. Aber Geld generiert nicht von sich heraus Geld. Alle Formen von Kredit, auch die allerneuesten Finanztricks, sind Inkarnationen eines raffiniert gedehnten Abstands zwischen Geben und Nehmen, Kaufen und Bezahlen, also "heckendes Geld", wie es schon Karl Marx nannte: Über 99 Prozent der den Erdball umkreisenden Dollarbillionen haben deshalb mit der Realität von Waren und Arbeit nichts zu tun. Es sind Geschäfte ohne Inhalt, die zum weltweiten Fiasko der Immobilienkrise führten. Hemmungslose Gier brach sich Bahn.

Eine durch geknallte, im Grunde pathologische Geldwirtschaft.

Aber der redlich arbeitende Mensch, nicht das kalte Kapital sollte im Mittelpunkt allen Wirtschaftens stehen. Dieser Grundsatz zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, wobei dem philosophisch ambitionierten Autor natürlich bewusst ist, dass Unternehmer auch eine Verantwortung für das Kapital tragen müssen. Aber dieses Kapital habe nur dem Menschen zu dienen, nicht umgekehrt. Was Blüm als "Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier" beschreibt, hat man selten von einem Unionspolitiker in dieser Deutlichkeit gelesen. Da schreibt sich ein Ehemaliger, der immer einen Standpunkt hatte, seinen Ärger von der Seele. Nach Blüm gab es vor der Krise Fehleinschätzungen, wohin man auch sah. Von Ackermann, über Schröder und Fischer bis zum Talk-Show-Dauergast Hans-Olaf Henkel bekommen alle ihr Fett ab, eingelullte Journalisten und gefügige Professoren allemal.

Nie hat sich eine Zunft, die beansprucht, eine strenge Wissenschaft zu vertreten, mehr blamiert, als die Ökonomen.

Vielleicht schießt Blüm mit seiner Polemik manchmal über das Ziel hinaus. Oft baut er Buhmänner auf, die er wieder umwerfen muss. Aber das Buch des ambitionierten Autors bleibt ein Lesevergnügen, weil nicht nur abgerechnet, sondern um plausible Antworten gerungen wird. Gerade das Fiasko des Turbokapitalismus ist für Blüm die Negativfolie, auf der er sein Modell einer christlichen Sozialethik wieder auferstehen lässt.

Ehrliche Arbeit ist die, die tatsächlich etwas herstellt und nicht mit Seifenblasen handelt, Nur diejenigen, die auch sehen, was sie machen, strengen sich an. Solche Arbeit ist ihres Lohnes wert.

Ohne Arbeit ist für Blüm alles nichts. In seinen auto-biografischen Passagen porträtiert er werktätige Menschen, die ihr Selbstbewusstsein alle aus Arbeit bezogen. Dazu gehörte Blüm, der bekennende Opelaner; aber auch der Vater, der ein erfülltes Leben hatte, weil er trotz harter Existenzkämpfe stets ehrlich, solidarisch und selbstbewusst war. Er blieb bis zu seinem Tod ein geachteter Mann.

Der humane Kern der Arbeit wird sich in immer neuen Formen zeigen, ob nun als Arbeit für Lohn oder Arbeit für Anerkennung, ob als Arbeit für sich oder andere, Fern- oder Naharbeit, Kopf- oder Handarbeit, ob als herstellende Arbeit oder als handelnder Dienst. Es sind nur verschiedene Masken der einzigen Grundentscheidung, Widerstände in der Arbeit zu überwinden und uns dabei selbst zu finden.

Was der streitbare Autor mit derben Rundumschlägen einfordert, ist aktuell. Es kann nicht geleugnet werden, dass die lebenslangen und gesicherten Lebensverhältnisse, auf die sich die christliche Lehre einst bezog, längst verschwunden sind. Was der Unionschrist Blüm, vielleicht in sentimentaler Anspielung auf die gute alte Soziale Marktwirtschaft, als "Humanität der Arbeit" idealisiert, existiert nicht mehr. Aber liegt darin nicht auch eine Chance? Darf sich die Politik, die sich neuer Gestaltungskraft rühmt, nicht anmaßen, auf diesem Feld wieder ernsthaft Politik zu machen, für Mindestlöhne, eine gerechte Tarifautonomie, gegen prekäre Arbeitsverhältnisse, für qualifizierte Arbeit, eine geordnete Arbeitszeit und sogar für die "Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand" zu streiten, die ein Akt partnerschaftlicher Umverteilung geblieben ist? Oder ist die Politik nur dazu da, einer wieder auftrumpfenden Wirtschaft den Weg freizuräumen? Man glaubt den Optimismus des Autors zu spüren, dass gerade jetzt einiges gelingen könnte. Auch ihm geht es nicht nur darum, die nähere Zukunft eines Arbeitsmarktes zu analysieren, der vor rasanten Veränderungen steht. Hier plädiert ein Mann mit politischer Erfahrung um eine neue Ethik und Moral, die immer dann die Würde des Einzelnen einfordern soll, sobald es um gerechten Lohn, um bessere Arbeitsbedingungen oder die Teilhabe an einem Arbeitsmarkt geht, über dem das Unwort "Entlassung" wie ein böses Menetekel steht. Im Prinzip fordert Blüm mit seinem Plädoyer mehr Solidarität, Gerechtigkeit und christliche Ethik. Keinen Tanz mehr um das Goldene Kalb. Mehr Mensch, weniger Kapital. Nur ehrliche Arbeit schafft einen verlässlichen Wert. Bei Norbert Blüm kann man nachlesen, warum.

Norbert Blüm: Ehrliche Arbeit: Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier. Gütersloher Verlagshaus; 319 Seiten; € 19,99
ISBN: 978-3-579-06746-9

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