Donnerstag, 13.08.2020
 
Seit 16:30 Uhr Nachrichten
StartseiteKalenderblattPatriarch, der niemals gefällig sein wollte22.07.2020

Der Regisseur Fritz Kortner Patriarch, der niemals gefällig sein wollte

Nach dem Krieg war viel „aufzuräumen“ auf deutschen Bühnen: weltanschaulicher Schutt, pathetischer Ton, Konventionen - und Fritz Kortner räumte auf. Sein Motto: besessene Arbeit an jeder Nuance des Textes - ohne Mitsprache der Schauspieler. Vor 50 Jahren ist der "verletzliche Berserker" gestorben.

Von Cornelie Ueding

Fritz Kortner, österreichischer Schauspieler, Theater- und Filmregisseur, Deutschland 1950er Jahre (picture alliance / United Archives / kpa / Grimm)
Analytischer Intellekt, schrankenlose Theaterobsession und leidenschaftliche Ausdruckskraft: Vom erfolgreichen Schauspieler entwickelte sich Fritz Kortner zum leidenschaftlichen Regisseur (picture alliance / United Archives / kpa / Grimm)

"Dass Kortner Schauspieler zu führen versteht wie kein anderer deutscher Regisseur, braucht kaum erwähnt zu werden. Es gibt bei ihm nicht eine konventionelle Theatergeste in vier Stunden. Und es gibt bei ihm vor allem nie Nebenfiguren im Sinne von vergessenen Figuren."

Ein großes Lob des Rezensenten Peter Hamm für Fritz Kortners Hamburger Clavigo-Inszenierung, die der Regisseur - schon im Krankenhaus, einen Tag vor seinem Tod am 22. Juli 1970 - noch einmal sehen konnte, wenn auch nur als Fernsehaufzeichnung.

Damit ging gewissermaßen sein zweites Leben zu Ende. Denn in seiner eigenen Chronologie teilte Kortner die Zeit in zwei Phasen ein, in ein "vor" und ein "nach" Hitler, vor und nach dem Exil in Amerika, wohin er 1937 unter dem Druck der Nazischikanen geflohen war.

Passionierter und erfolgreicher Schauspieler

Geboren 1892 in Wien, geriet er früh in den Sog des Theaters und entschloss sich, fasziniert von damaligen Bühnengrößen wie Josef Kainz, Schauspieler zu werden: 

"Schlagartig wurde ich theaterhörig. Theaterliebeskrank lag ich danach tagelang fiebernd im Bett."

Innerhalb weniger Jahre sollte sich sein Traum erfüllen. Kortners ausdrucksstarker, expressionistischer Stil traf den Puls der Zeit und er eroberte sich große Bühnen im ganzen deutschsprachigen Raum.

Vom Schauspieler zum Regisseur

Dennoch ist es sicher nicht verfehlt zu sagen, dass die eigentliche Bedeutung Kortners erst nach 1947 hervortrat, als der verletzliche Berserker, wie der Spiegel ihn posthum nannte, trotz weiterer antisemitischer Anfeindungen, in seine Sprachheimat Deutschland zurückkehrte. Wobei ihm die Arbeit in Hollywood als Filmschauspieler, Drehbuchautor und besonders erfolgreich als fantasievoller Überarbeiter mäßiger Drehbuchvorlagen sicher dienlich war bei der allmählichen Verwandlung des Schauspielers Kortner zu dem Regisseur Fritz Kortner. Ein Neuanfang ohne Illusionen. Als theatralischer Ruinenbaumeister im Nachkriegsdeutschland.

"Und ich glaube, das ist eine gute Position fürs Theater, in Not zu geraten, in Verzweiflung, sich durchhauen müssen, nicht in diesem Wohlstands-Sattsein, das also die Über-Anstrengung, die die Normal-Anstrengung am Theater sein müsste, scheut. Das Theater ist nicht eine behagliche Erzeugung von Vorstellungen. Es muss schwierig bleiben."

Manische Regiearbeit

Und er machte es sich und anderen schwierig. Der Schauspieler als Rhetor hatte ausgedient. Es galt, den noch immer vorhandenen Ton und Stil der pathetischen Oberflächen in der Art des Sprechens und Spielens zu zerstören, in die Tiefenstruktur des Textes einzudringen. Hier war Kortner in seinem eigentlichen Element. Denn kaum einer verband analytischen Intellekt, schrankenlose Theaterobsession und leidenschaftliche Ausdruckskraft so sehr auch jenseits der Sprache.

"Einen ganz entscheidenden Einfluss hatte Chaplin auf mich. Die Darstellung des unaufheblich Wahnwitzigen. Das Absurde, durch eine Winzigkeit erzeugt, die einen Wahnsinnswirbel auslöst."

Ein kreativer Wirbel, der sich auch in seiner Art seiner manischen Regiearbeit am Text ausdrückte: Konsequenz und Präsenz bis in die letzte Silbe fordernd. Die Frage, warum er selbst nicht mehr spiele, beantwortete er scheinbar mit einem Bonmot:

"Ich pflege zu sagen: Ich spiele nicht mehr, weil ich meiner Regie nicht mehr gewachsen wäre."

Man sah die Affinität zum Komischen, ahnte die Basis eigener Lebens- und literarischer Erfahrungen – und von dem jungen Schauspieler und späteren Regisseur Gerd Heinz gefragt, was das Geheimnis seiner Regie sei, antwortete er in seiner unnachahmlich nasalen Art:

"Man muss alles auseinandernehmen: Arme, Hände, Kopf und Beine - und dann wieder zusammensetzen. Aber nicht richtig!"

Lebenslang Erfahrungen machen – und sie integrieren

Alt war er nie. Trotz seiner Krankheit sah er sich auch im Alter noch als lebenslang Lernender und hatte für‘s Altsein eine sehr überzeugende Definition. 

"Die Erfahrungen, die ich aus der modernen Literatur gewonnen habe, die bleiben natürlich nicht tot während der Aufführungen. Man hört auf lebendig zu sein, wenn Erfahrungen entweder nicht mehr gemacht werden oder sich nicht in einem und in dem, was man tut, durchsetzen. Das heißt alt sein."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk