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StartseiteHintergrundSchatztruhe biologischer Vielfalt04.10.2015

Der Saatguttresor von SpitzbergenSchatztruhe biologischer Vielfalt

Die Idee klingt richtig: Damit die Menschheit nach einer möglichen Katastrophe noch eine Zukunft hat, wird aus der ganzen Welt Saatgut sicher gelagert. Tief in einem Berg auf Spitzbergen werden in arktischer Kälte Samen von Zigtausenden Pflanzenarten gehortet. Aber das Projekt des Saatgut-Tresors ist keineswegs unumstritten.

Von Michael Marek

Eingang zur Saatgutdatenbank auf Spitzbergen (picture alliance / dpa / Photopqr / La Provence / Launette Florian)
Eingang zur Saatgutdatenbank auf Spitzbergen (picture alliance / dpa / Photopqr / La Provence / Launette Florian)
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"Das ist ein wunderbarer Ort; sieht aus wie eine Mondlandschaft."

"Das ist wieder eine dieser tollen Lösungen: Technisch ist alles machbar! Aber die Konzentration auf das, was wirklich notwendig ist, um Saatgut weltweit auch kleinen Landwirten zur Verfügung zu stellen, ist mit diesem Tresor alleine nicht zu bewältigen." 

"But of course the peacefulness of the region, the testability of the region is another important reason for the seed vault being exactly here."

Der Saatgut-Tresor ist hier auf Spitzbergen, weil die Gegend so friedlich ist.

"Ein total futuristisches Unternehmen, eine Kommunikation in eine Nachwelt hinein, von der wir uns überhaupt nicht vorstellen können, wie sie aussieht."

Die Vielfalt an Saatgut bewahren

Stille. Plötzlich beginnen die Ventilatoren der Kühlanlage zu toben. Von außen ist nur der betonierte, schmale Eingang sichtbar, der aus dem schneebedeckten Berg zu wachsen scheint. Auf die Nutzung des Platåberget weist ein improvisiertes, an Holzpfählen angebrachtes Schild auf der Zufahrtsstraße hin: "Svalbard Global Seed Vault - Weltweiter Saatgut-Tresor Spitzbergen". So lautet die offizielle Bezeichnung für diese moderne Arche Noah.

"So, welcome this is the entrance hall of the vault. For the protocol please put a helmet, put it on."

Siedlung Longyearbyen auf Spitzbergen (Deutschlandradio / Kerstin Hildebrandt )Siedlung Longyearbyen auf Spitzbergen (Deutschlandradio / Kerstin Hildebrandt )Brian Lainoff öffnet die zweiflügelige Stahltür am Eingang. Dahinter ein erster betonierter Vorraum zum Anlegen der blauen Sicherheitshelme und -kleidung. Der großgewachsene US-Amerikaner arbeitet für den "Global Crop Diversity Trust". Der Welttreuhandfond für Kulturpflanzenvielfalt ist eine unabhängige internationale Organisation mit Sitz in Bonn und zuständig für den Global Seed Vault auf Spitzbergen. Ziel des Crop Trust: die Vielfalt an Saatgut zu bewahren und verfügbar zu halten.

"You see the cooling system here, be carefully."

Kühle, aber trockene Luft schlägt uns entgegen. Dann, nach circa zehn Metern, die zweite Stahltür. Dahinter führt ein röhrenartiger 120 Meter langer, sanft nach unten abfallender Tunnel in den Berg. Kaltes Neonlicht wird vom geweißten Boden reflektiert. Die Schritte hallen an den Wänden aus gewelltem Metall wieder. An der Decke hängt das silbrig schimmernde Leitungssystem, unter anderem für die Kühlanlage. Die Temperatur beträgt in diesem Bereich konstant minus sieben Grad Celsius – Sommer wie Winter.

Geschützt vor Seuchen und Zerstörungen

Longyearbyen im norwegischen Spitzbergen ist gut 1.200 Kilometer vom Nordpol entfernt: Wo früher Braun- und Steinkohle abgebaut wurde, lagern heute in einem eisigen Berg knapp 865.000 Samenproben von Mais, Reis, Weizen und anderen Nutzpflanzen. In Plastikboxen verpackt, geschützt vor Erdbeben, saurem Regen und radioaktiver Strahlung. Sie sollen nach einem Katastrophenfall helfen, die Erde wieder zu kultivieren - wenn Seuchen, Tsunamis oder Vulkanausbrüche Ackerland vernichtet haben. 

"I think it is a very symbolic … that’s it!"

Der Vizegouverneur von Spitzbergen Jens Olav Sæther: "Der Saatgut-Tresor hat uns in der ganzen Welt bekannt gemacht. Er ist zu einem Symbol für Longyearbyen geworden." Sæthers Botschaft ist auch in seinem gebrochenen Englisch unmissverständlich: Der Abbau des schwarzen Goldes passe nicht mehr zum heutigen Image von Spitzbergen! In den letzten Jahren hat sich nämlich die Region zu einer Drehscheibe für die internationale Klimaforschung entwickelt.

Baukosten hat Norwegen übernommen

2006 hatte man mit dem Bau der Einlagerungsstätte begonnen, 2008 wurde sie in Betrieb genommen. Der Ort ist nicht gedacht, um Pflanzen zu lagern, hier wird ausschließlich Saatgut aufbewahrt - von Amaranth aus Ecuador, Wildbohnen aus Costa Rica, Tomaten aus Deutschland, Gerste aus Tadschikistan, Kichererbsen aus Nigeria, Mais aus den USA oder Reis aus Indien. Die 865.000 Samenproben von 5.103 Pflanzenarten stammen aus der ganzen Welt.

"Come on everybody. The walls his way of can be plastered substance."

Reihen mit Regalen in der grünen Genbank auf Spitzbergen (Deutschlandradio / Christiane Habermalz)Reihen mit Regalen in der grünen Genbank auf Spitzbergen (Deutschlandradio / Christiane Habermalz)Für Betrieb und Verwaltung des "Svalbard Global Seed Vault" ist "NordGen" verantwortlich, das Nordische Zentrum für Genetische Ressourcen, einem Zusammenschluss von Genbanken der skandinavischen Länder und Islands. Zuständig für die finanzielle Ausstattung ist der Crop Trust, der die Hälfte der jährlichen Betriebskosten von mindestens 100.000 Euro trägt. Der norwegische Staat zahlt den anderen Teil. Die Baukosten von etwa 6,3 Millionen Euro hat Norwegen übernommen. Warum unterstützt das Land den Global Seed Vault?

"Der Klimawandel schreitet voran. Deshalb ist es wichtig, eine Sicherheitskopie des Saatgutes hier auf Spitzbergen zu haben." Norwegens Klima- und Umweltministerin Tine Sundtoft: "Mit unserem Engagement übernehmen wir Verantwortung, um die Artenvielfalt zu gewährleisten."

Platz für 4,5 Millionen verschiedene Arten

Spitzbergen sei aus mehreren Gründen ein idealer Standort für die Samenlagerung, erklärt Brain Lainoff: "Svalbard ist eine entmilitarisierte Zone und der nördlichste Punkt der Erde, den man mit einem Linienflug erreichen kann. Norwegen führt keine Kriege, betreibt keine Atomkraftwerke, das Land genießt weltweit einen guten Ruf. Dies ist wahrscheinlich der sicherste Ort auf unserem Planeten."

Nach 120 Metern im gut beleuchteten und belüfteten Stollen die nächste Stahltür. Eiskristalle überwuchern sie ebenso wie die Wände und Rohre in deren Nähe. Lainoff kratzt das Eis weg. Dahinter befindet sich das Herz der Anlage: drei Tresore, jeweils mit zwei Sicherheitsstahltüren hintereinander versehen. Die Lagerräume verfügen zusammen über eine Gesamtkapazität für 4,5 Millionen verschiedene Arten von Kulturpflanzen. Jede Art umfasst im Durchschnitt 500 Samen. Also könnten über 2,25 Milliarden Samen gelagert werden. Im Augenblick wird aber nur der mittlere Tresorraum benutzt. 

"We are going from this empty vault room." 

Durchschnittlich dreimal im Jahr herrscht im Global Seed Vault geschäftiges Treiben. Dann werden die Samen angeliefert und verschwinden im Stollen. Der Hauptlagerraum ist zehn Mal 27 Meter groß, in Längsreihen stehen blau-rot-graue Hochregale - alles Marke Billigbaumarkt. Draußen die Schönheit der Landschaft, innen ein langer betonierter Korridor und ein kleiner Raum mit Regalen. Das war es. Nicht originell, nicht verwunschen hergerichtet, kein Wachmann mit Gewehr, der sich einem in den Weg stellt. Inmitten des "Global Seed Vault" ist alles sehr nüchtern und schlicht. 

Samen auch aus Syrien

"Das hier sind die Boxen mit den Samen. Schwarze Plastikbehälter, das ist alles. Die  Boxen sind nicht dafür gedacht, geöffnet oder verschickt zu werden. Dafür sind sie extrem widerstandsfähig und hart. Sie dürfen nur dem Eigentümer ausgehändigt werden. Niemandem sonst. Braucht ein Land seine Samen, vielleicht weil es ein Problem mit der eigenen Samen-Bank gibt, dann können die Samen von hier zurückgeholt werden."

Die Kirche von Longyearbyen, offzieller Name ist Svalbard Kirke, am Rande von Longyearbyen (Norwegen) auf Spitzbergen ist am 10.04.2015 zu sehen. Foto: Jens Büttner                    (picture alliance / dpa / Jens Büttner)Die Svalbard Kirke am Rande von Longyearbyen auf Spitzbergen (picture alliance / dpa / Jens Büttner)Sogar aus Syrien gibt es Samenproben. Das in Aleppo beheimatete "International Center for Agricultural Research in the Dry Areas" ist zwar völlig zerstört, aber fast alle Proben, insbesondere Gerste und Weizen, werden hier sicher verwahrt und warten - auf Assad, seinen Nachfolger, den IS, die syrischen Rebellengruppen? Auf Alawiten, Christen, Kurden, Muslime? Wem gehören die winzigen Schätze überhaupt? Brian Lainoff: "Der Samentresor wurde für jeden von uns gebaut. Wir alle brauchen Nahrungsmittel! Wir brauchen diesen Ort auch für unsere Kinder, unsere Enkel, für Menschen auf der ganzen Welt! Ganz klar: Der Global Seed Vault wurde für unsere Gegenwart gebaut - und für die Zukunft. Es kann Kriege wie in Syrien geben, Umweltkatastrophen - man weiß nie, wann als Nächstes etwas passiert. Deshalb brauchen wir diese Sicherheitskopie des Saatgutes."

217 Länder haben ihre Saatgutproben bislang gesichert. Sogar nicht mehr existente Staaten wie die Sowjetunion, die DDR und Jugoslawien sind im "Global Seed Vault" vertreten - da deren Proben von den Nachfolgestaaten übernommen wurden. "Alles eine Frage der Definition", meint Lainoff. So sei zum Beispiel Saatgut aus den besetzten palästinensischen Gebieten dabei. Die Vereinten Nationen bringen es derzeit gerade einmal auf 193 Mitglieder und selbst der Weltfußballverband FIFA "nur" auf 209.

Rettung für die Verfehlungen der Menschheit

"Das stimmt! Und wissen Sie warum? Staaten können sind verändern. Alle Staaten der UN können hier im Global Seed Vault einlagern. Wir haben Samen aus Nordkorea, das ist doch faszinierend. Die liegen neben denen von Südkorea. Den Samen ist es doch völlig egal, ob Staaten befreundet oder verfeindet sind. Die Menschen brauchen Nahrung, und viele verstehen das. Politik spielt hier im Saatgut Lager im arktischen Eismeer überhaupt keine Rolle."

Längst ist der Ort zum Mythos geworden. Die Medien preisen ihn seit seiner Fertigstellung in religiöser Metaphorik als letzte Zufluchtsstätte biologischer Vielfalt, als Harmagedon und "Doomsday vault", als Tresor für das jüngste Gericht, als Ort der allerletzten Rettung, wenn über die Verfehlungen der Menschheit Gericht gehalten wird. 

"Tresor des Jüngsten Gerichts, das klingt doch irgendwie sexy. Die 865.000 Arten von Samen, das sind lebende Organismen. Man vergisst das, wenn man hier herumgeht. Man denkt: Sind doch alles nur schwarze Plastikboxen! Falsch. Vor den Menschen gab es Pflanzen. Und um weiter zu existieren, brauchen wir diese Pflanzen und ihre Samen."

Allerdings gibt es auch grundsätzliche Einwände gegen die Saatgut-Bank auf Spitzbergen: Wäre es nicht sinnvoller, Energie, finanzielle und politische Ressourcen dafür einzusetzen, Ökosysteme durch Schutzgebiete für Nutzpflanzen zu sichern? Muss man nicht die globalen Umweltprobleme bekämpfen und dafür sorgen, dass Nutzpflanzen gar nicht erst aussterben, bevor man ihre Samen im Permafrost Spitzbergens einlagert? 

"Die Samen vor uns selber schützen"

"Wir müssen beides tun! Denken Sie nur an Syrien! Dort hat nicht der Klimawandel zu all den Zerstörungen einschließlich der Genbank geführt. Dafür waren Menschen verantwortlich", sagt Kim Holmén, der schwedische Direktor des "Norwegischen Polarinstituts" auf Spitzbergen. "Die Menschen zerstören ihre eigene Lebensgrundlage. Unglücklicherweise verlieren wir jeden Tag ein Stück Natur, zum Beispiel aus Profitgründen. Pflanzenarten sterben aus. Deshalb müssen wir die Samen vor uns selber schützen!"

Für Matthias Meißner vom "World Wide Fund For Nature" Deutschland, kurz WWF, ist Spitzbergens Saatguttresor zwar eine Möglichkeit, Samen zu schützen, denn "viel wichtiger ist es, die Pflanzen und das Saatgut in-situ, also direkt bei den Landwirten oder auch in Schulen zu bewahren. Damit geben wir dem Saatgut und der Nutzpflanze die Möglichkeit, sich den Veränderungen im Klima anzupassen."

Ein Eisbär treibt auf seiner Scholle vor Spitzbergen. (picture alliance / dpa / Hinrich Bäsemann)Weit weg von Kriegen und Zerstörung: Ein Eisbär treibt auf seiner Scholle vor Spitzbergen. (picture alliance / dpa / Hinrich Bäsemann)Diese Methode sei zwar arbeitsintensiver, aber: Die Widerstandsfähigkeit einer Pflanze oder eines ganzen Ökosystems sei im Wesentlichen von der genetischen Vielfalt abhängig – von der Fähigkeit, mit Einschränkungen umzugehen, die Folgen von Umweltveränderungen wie Hitze, Trockenheit und Versalzung zu bewältigen. Anpassung sei ein Prozess, der eben nicht in einem "Kühlfach" wie auf Spitzbergen gelingen könne: "Es ist einfach so, dass Pflanzen auf Veränderungen in der Umgebung reagieren. Und wenn wir es nicht schaffen, im wirklichen Leben, in der Natur, Ort zu bewahren, wo diese Pflanzen nachgebaut werden können, sind sie auch aus dem Wissen der Bevölkerung vor Ort verloren. Sie sind dann nicht wieder abrufbar. Wir sehen das zum Beispiel in Projekten wie in Sambia, dass sich die Bevölkerung nur noch auf eine Kultur konzentriert, aber nicht mehr alle Varianten, die es heute schon bedarf, um sich anzupassen, zum Beispiel auf den Klimawandel, zur Verfügung haben. Das heißt, Wissen geht verloren, wie man mit Kulturpflanzen, mit Saatgut adäquat umgeht." 

Auch Saatgutkonzerne sind beteiligt

Bis heute haben in den Crop Trust einzelne Länder, Stiftungen und Unternehmen rund 400 Millionen US-Dollar eingezahlt. Zu den Unterstützern des Crop Trust gehören Ägypten, Australien, Brasilien, Deutschland, Kolumbien und die USA. Aber auch umstrittene Firmen wie DuPont/Pioneer und Syngenta. Kritiker werfen Syngenta unter anderem sein Engagement auf dem Gebiet der Gentechnik vor. Zudem wird das Schweizer Unternehmen verantwortlich gemacht, durch den Verkauf des Herbizids Paraquat Vergiftungs- und Todesfälle von Landarbeitern in Kauf zu nehmen. Und Pioneer Hi-Bred war das erste Unternehmen, das transgenen Mais entwickelt hat. Stehen die Unternehmensziele solch multinationaler Konzerne dem Projekt Samenbank entgegen? Der WWF jedenfalls hält die Verstrickung von Wirtschaft und Crop Trust für problematisch:

"Man muss in meinen Augen, wenn man ein solches Projekt durchführt, kritisch hinterfragen, inwieweit uns das die biologische Vielfalt erhält. Ich glaube, dass in solchen Projekten eine blitzsaubere Beteiligung von den Geldgebern da sein muss! Ich würde es für nicht förderlich sehen, wenn solche Unternehmen wie Pioneer oder Syngenta das fördern. Ich glaube, dass das im Gegensatz zu der Idee steht, das für die gesamte Menschheit und nicht im Zweifelsfall für industrielle Interessen zu bewahren."

Schon jetzt kontrollieren einige wenige Konzerne mehr als die Hälfte des Saatgutmarktes. Fern ab von Spitzbergen streiten Agrarkonzerne, Bauern und unabhängige Pflanzenzüchter darüber, wer überhaupt das Recht hat, Saatgut zu vermehren, und wer befugt ist, es in den Handel zu bringen. Und dabei gehe es auch um völlig unterschiedliche Vorstellungen von Agrarwirtschaft, so Meißner: "Es ist völlig klar, dass diese Unternehmen, die den Crop Trust unterstützen, für ein bestimmtes Agrarmodell stehen. Pioneer, Syngenta stehen natürlich für eine intensive Landwirtschaft, die darauf aus ist, auch aus eigenem Interesse, ich denke, dass da wenig humanistisches Interesse bei ist, aber aus einem eigenen wirtschaftlichen Interesse ein Modell am Laufen zu halten, wo wir großen Einsatz von chemisch-synthetischen Düngemitteln bzw. auch Pestiziden brauchen. Und da ist ein Eigeninteresse da, ja!"

Nirgends eine Gebrauchsanleitung

Selbst wenn die globalen Unternehmen nicht am Crop Trust beteiligt wären, so bliebe doch eine andere Tatsache bestehen: dass der "Global Seed Vault" nur einen Abglanz unserer Agrarkultur der Nachwelt überliefern  kann. Die Überlebenden einer Katastrophe wüssten ja nicht, ob das Saatgut bei veränderten Klimabedingungen überhaupt gedeihen würde. 

"Auf der einen Seite ist es so etwas, wie eine Flaschenpost an die Zukunft. Es ist die Einbeziehung der Möglichkeit einer nuklearen Katastrophe, die alles Leben, alle Kultur auslöscht und sich an eine postkulturelle oder posthumane oder was noch übrig bleiben mag, Nachwelt richtet." Aleida Assmann, Professorin für Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Fragen des kulturellen Gedächtnisses: "Ein total futuristisches Unternehmen. Erinnert so ein bisschen an die Botschaften, die per Satellit im Weltall deponiert wurden, die Mitteilung an irgendwelche außerirdischen Wesen geben sollen, über das, was sich auf der Erde abgespielt hat. Eine Kommunikation in eine Nachwelt hinein, von der wir überhaupt nicht uns vorstellen können, wie sie aussieht."

Wofür wird man den unterirdischen Samenbunker fern der Zivilisation in 1.000 Jahren halten? Nirgendwo findet sich eine Benutzerordnung oder eine Gebrauchsanleitung, nur Kunststoffboxen voller Samen. Wer weiß den geheimen Schatzort noch zu nennen, wenn die Herkunftsländer einmal von der Landkarte verschwunden sein sollten? Wer soll die Eingangstür zum "Svalbard Global Seed Vault" öffnen - nach der Katastrophe?

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