Mittwoch, 21.11.2018
 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteHintergrundDer schwankende Gigant20.04.2007

Der schwankende Gigant

Siemens in der Dauerkrise

Für manche Beschäftigte des Siemens-Konzerns dürfte es ein weiterer Schock gewesen sein, als sie heute Morgen die Nachrichten im Radio hörten. Der einstmals von vielen Seiten hoch gelobte frühere Vorstands-Chef Heinrich von Pierer nimmt den Hut und tritt kommende Woche vom Vorsitz des Aufsichtsrates zurück.

Von Nikolaus Nützel und Stephan Lina

"Ein sehr schwieriges Thema",  Klaus Kleinfeld, Vorstandsvorsitzender bei Siemens. (AP)
"Ein sehr schwieriges Thema", Klaus Kleinfeld, Vorstandsvorsitzender bei Siemens. (AP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

(Nachrichten Bayerischer Rundfunk):
"München - Siemens-Aufsichtsrats-Chef, von Pierer, tritt zurück. Von Pierer zieht mit seinem Rücktritt die Konsequenz aus den Affären um Schmiergelder und dubiose Zahlungen an die Arbeitnehmerorganisation AUB…"

Für viele Siemens-Mitarbeiter und auch Aktionäre könnte die Nachricht aber auch eine Erlösung gewesen sein – denn von Pierer ist es als Aufsichtsrats-Chef nicht gelungen, die Schlagzeilen über Affären und Verhaftungen abzustellen, die vor allem in den vergangenen Monaten Siemens immer wieder von Neuem erschüttert haben:

(Nachrichten Bayerischer Rundfunk)
"München – Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen sechs Mitarbeiter des Siemens-Konzerns. Ihnen wird vorgeworfen, Summen in zweistelliger Millionenhöhe veruntreut zu haben…" "München – In der Korruptionsaffäre bei Siemens ist nun ein ehemaliger Top-Manager verhaftet worden…"

Es scheint, als gerate Deutschlands wichtigster Technik-Konzern unter den ständig neuen Hiobs-Botschaften täglich mehr ins Wanken. Die Öffentlichkeit interessiert sich immer weniger dafür, dass Siemens mit 475 000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mehr als 87 Milliarden Euro zur internationalen Spitzengruppe der Industrie-Konzerne gehört. Weit mehr Aufmerksamkeit erregen die immer neuen Skandal-Schlagzeilen. Doch der Vorstands-Chef Klaus Kleinfeld zeigt sich nach außen weiterhin ruhig. Es gehört zur Tradition von Siemens, dass die Konzernspitze nur selten in die Mikrofone von Journalisten spricht – bei einer dieser seltenen Gelegenheiten zeigte sich Klaus Kleinfeld aber vor kurzem noch sehr selbstbewusst.

"Wir sind im letzten Jahr 16 Prozent gewachsen und das entspricht in absoluten Größenordnungen 12 Milliarden Euro. Es gibt wenige Unternehmen auf der Welt, die so was überhaupt leisten können. Wir sind darüber hinaus auch von der Ergebnis-Seite gut voran gekommen, obwohl wir eine ganze Reihe von Umbau-Themen hatten, die auch ordentlich Geld gekostet haben. Wir haben im letzten Jahr 900 Millionen für Restrukturierung zahlen müssen und trotzdem eine 35-prozentige Steigerung des Ergebnisses geleistet. Also ich glaube insofern können wir uns sehen lassen."

Und der Siemens-Vorstands-Chef steht nicht alleine da mit der Einschätzung, dass sein Konzern - zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht - erfolgreich ist. Auch von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, die sich die Interessen der Aktionäre auf ihre Fahnen geschrieben hat, ist nur vergleichsweise verhaltene Kritik an der Unternehmenspolitik zu hören. Daniela Bergdolt, Sprecherin der Schutzvereinigung, nimmt die Konzernleitung von Siemens sogar in Schutz:

"Wir müssen eines sehen: die Zahlen werden immer besser, das Unternehmen läuft operativ sehr gut, die Ergebnisse sind gut und auf der anderen Seite gibt's halt eine Affäre nach der anderen und das wirft ein Licht und Schatten auf dieses Unternehmen, das sehr schwierig zu beurteilen ist."

Die guten Zahlen der letzten Zeit verdankt Siemens einer Unternehmens-Strategie, die völlig anders aussieht als noch vor zwanzig oder dreißig Jahren. Lange Zeit war der Konzern, der dieses Jahr 160jähriges Jubiläum feiert, eine Art Mischform aus Staatsbetrieb und Privatwirtschaft. Jahrzehntelang konnte sich die Konzernleitung beispielsweise auf garantierte Umsätze im Telefonbereich verlassen – Denn Siemens war der Haus-Lieferant der Bundespost, und die wiederum hatte das Monopol auf alle Telefon-Dienstleistungen in Deutschland.

Ganz ähnlich sah es lange Zeit in vielen anderen Bereichen aus: Die öffentliche Hand erteilte Aufträge, auf die sich Siemens verlassen konnte, und auch dort, wo halbwegs freier Wettbewerb herrschte, war die Stellung des Giganten so stark, dass er die Konkurrenz kaum fürchten musste.

Doch in den letzten Jahren hat sich das Klima radikal gewandelt. Siemens muss sich nicht nur in Deutschland einem weitaus schärferen Wettbewerb stellen. Bereits als Heinrich von Pierer noch den Vorstand leitete, reagierte deshalb die Konzernführung mit Maßnahmen, die die Belegschaft früher nicht gewohnt war: Bereiche wurden komplett umstrukturiert, große Unternehmensteile mit Tausenden Beschäftigten wurden ausgegliedert. Klaus Kleinfeld hat seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren diesen Managementstil nach amerikanischem Vorbild noch verschärft.

Zum Entsetzen vieler Mitarbeiter hat er beispielsweise dafür gesorgt, dass die Handy-Sparte an die taiwanesische Firma BenQ abgegeben wurde. Viele Mitarbeiter fühlten sich im Stich gelassen, als sie erklärt bekamen, ihre Arbeitsplätze würden ausgegliedert oder sogar gestrichen.

Nach Ansicht von Aktienanalysten aber auch nach Einschätzung der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz war die Abtrennung der Siemens-Handy-Sparte allerdings längst überfällig. Dass später die komplette Pleite folgte, sei dafür der letzte Beweis gewesen, glaubt Daniela Bergdolt von der Schutzvereinigung. Sie wünscht sich, dass Siemens künftig notfalls noch schneller und radikaler harte Schnitte vornimmt:

Die Haltung der Aktionärsschützerin macht allerdings auch eines deutlich: Nicht nur die Strategie der Konzernleitung nach außen hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend geändert Auch die innere Firmenkultur bei Siemens hat sich radikal gewandelt. Lange Zeit hatten Konzernleitung, Aktionärsschützer und die Mehrheit der Belegschaft im Großen und Ganzen ähnliche Einschätzungen darüber, was gut ist für das Unternehmen. Die neue Firmenpolitik, den Konzern ständig umzustrukturieren, große Teile bei Bedarf abzustoßen und neue Teile zuzukaufen, stößt bei vielen Beschäftigten inzwischen allerdings auf Unverständnis.

In den Stadtteilen Münchens, in denen besonders viele Siemens-Mitarbeiter leben, hat sich vor allem seit dem Sommer vor fünf Jahren die Stimmung gedreht. Damals kündigte Siemens einen umfangreichen Stellenabbau an. Über 2000 Arbeitsplätze sollten gestrichen werden – und zwar nicht nur durch die sogenannte "natürliche Fluktuation". Die Personalabteilung verschickte vielmehr auch hunderte von Kündigungsschreiben. Auch der Ingenieur Rolf Block erhielt eine Kündigung. Der Brief kam fast zeitgleich mit einer Gratulation zum 20jährigen Firmenjubiläum, was er als besonders zynisch empfand. Damals habe sich innerhalb kürzester Zeit das Klima bei Siemens radikal verändert, erinnert sich der Ingenieur:

"Da habe ich gemerkt, hier ist bei Siemens etwas ganz Merkwürdiges passiert in letzter Zeit. Die Siemens-Leitung betrachtet den Mitarbeiter von heute auf morgen plötzlich als Feind, der bekämpft werden muss. Das äußerte sich in einer Bemerkung, dass Siemens keine Kosten und Mühen scheuen wird, um den gesamten juristischen Apparat mir zur Verfügung zu stellen, also mit anderen Worten: mich fertig zu machen."

Wie viele seiner Kollegen habe er sich lange Jahre stark mit seinem Arbeitgeber identifiziert, erzählt Rolf Block. Man fühlte sich bei Siemens wie in einer großen Familie. Wie in jeder Verwandtschaft gab es zwar auch mal Streit, aber die Zugehörigkeit zur Familie wurde nicht in Frage gestellt. Der Ingenieur war nie Mitglied einer Gewerkschaft, er hat sich auch nie groß Gedanken gemacht, ob die Einkommen der Spitzenmanager von Siemens angemessen sind. Als er und hunderte andere ihre Kündigungsschreiben erhielten, änderte er seine Meinung.

"Was mich im Endeffekt auch sehr bestärkt hat, den Klageweg einzuschreiten, das war, dass ich es als eine unendliche Sauerei empfunden habe, dass unser oberster Chef ich glaube 400 000 Euro Gehaltserhöhung bekommen hat in dem Jahr, in dem die Kündigungswelle losgelaufen ist. Also der Vorstand erhöht sich die Bezüge, dass es nur so kracht, und unten werden die Leute rausgeschmissen. Und das in dem Jahr, in dem Siemens das zweitbeste Ergebnis der Firmengeschichte gemacht hat. Das habe ich als Kriegserklärung gegenüber den Mitarbeitern verstanden."

Im Herbst vergangenen Jahres hat der Siemens-Vorstands-Chef Klaus Kleinfeld gemeinsam mit seinen Kollegen auf eine geplante Anhebung der Bezüge um durchschnittlich 30 Prozent erst einmal verzichtet – Im Zusammenhang mit dem Desaster bei der früheren Handy-Sparte hätte ein solcher Gehaltssprung in der Öffentlichkeit nicht gut ausgesehen. Zum 1. April dieses Jahres ist die Anhebung der Vorstandsbezüge aber nachgeholt worden.

Solche Geschehnisse bestärken den Ingenieur Rolf Block rückblickend darin, dass es richtig war, gegen seine Kündigung zu klagen. Er hatte vor Gericht Erfolg – so wie weit über hundert andere Mitarbeiter auch. Dass ein Unternehmen eine solche Welle von Schlappen vor Gericht einstecken muss, war bis dahin beispiellos in der Geschichte des deutschen Arbeitsrechts. Rolf Block verzichtete letzten Endes aber darauf, zur Siemens AG zurückzukehren – er einigte sich stattdessen mit der Personalabteilung auf eine Abfindung. Sein Arbeitsplatz sei nicht mehr wieder zu erkennen, meint er.

"Ich sehe bei den Ex-Kollegen von mir eigentlich nur Resignation und wie bereite ich meinen Abgang vor, wann kommt die nächste Krise, wann gibt es die nächsten Absprungsangebote, bin ich dann alt genug, passt alles, dass ich gehen kann. Das führt dazu, dass die Leute teilweise 50 Prozent ihrer Arbeitszeit damit verbringen, sich zu überlegen, wie schaffe ich den Absprung, und sich nicht mehr um die Arbeit selbst kümmern, sondern nur noch um ihr eigenes Überleben."

Das Management von Siemens hält solchen einzelnen Stimmen aus der Belegschaft immer neue Zahlen entgegen, die zeigen, dass Umsatz und Gewinn steigen. Auch bei der Präsentation der Halbjahres-Zahlen kommende Woche wird der Vorstand sicherlich voller Selbstbewusstsein die neueste Bilanz vorlegen. Eines allerdings wird der Konzernchef Klaus Kleinfeld auch bis dahin nicht bereinigt haben – den massiven Image-Verlust, den Siemens im letzten halben Jahr zu verkraften hatte. Der Skandal um Schmiergeldzahlungen in dreistelliger Millionenhöhe sei aber im Griff, beteuert Kleinfeld immer wieder:

"Wir haben in dem Moment, wo diese Anschuldigungen aufkamen, das getan, was in unserer Macht stand, nämlich hier wirklich ein hervorragendes Team zusammengestellt, bestehend aus den wirklich Weltexperten in diesem Feld. Wir haben zusammen mit dem Aufsichtsrat und dem Prüfungsausschuss hier eine unabhängige Anwaltskanzlei beauftragt. Wir haben unser Compliance Office hier verstärkt. Wir haben Herrn Noah gewonnen, einen der bekanntesten und erfahrensten Staatsanwälte im Bereich von Wirtschaftskriminalität…"

Und der Siemens-Chef ist überzeugt, dass die öffentliche Empörung deshalb besonders groß sei, weil Siemens eigentlich ein besonders großes Ansehen genieße:

"Das ist ein sehr schwieriges Thema und ich muss gestehen, wir leiden da glaube ich alle als Mitarbeiter von Siemens, das ist unabhängig vom Rang. Schwierig vor allem deshalb, weil das Unternehmen wird dieses Jahr 160 Jahre alt. Es hat viele Veränderungen auf der Welt, viele Stürme, die über die Welt gegangen sind, gut durchstanden und ich glaube auch, dass wir immer wieder auch in der Öffentlichkeit gesehen werden als ein Unternehmen mit deutlich positiven Werten und dass das auch erklärt, warum ein so massiver Aufschrei gerade auch in der deutschen Öffentlichkeit da war, weil man eben diese beiden Dinge so wenig in Einklang bringt."

Es hat allerdings den Anschein, als ob immer zu den alten Anschuldigungen weitere dazu kommen. Nach der Affäre um mutmaßliche Schmiergeldzahlungen in dreistelliger Millionenhöhe, die im vergangenen Winter hoch kochte, schien zunächst Ruhe eingekehrt zu sein. Doch im Februar gab es neue Negativ-Schlagzeilen, mit einer besonderen Qualität:

Die Nürnberger Staatsanwaltschaft nahm den früheren Siemens-Manager Wilhelm Schelsky in Haft. Nach einigen Jahren bei Siemens hatte der das Unternehmen verlassen und sich als Unternehmensberater selbständig gemacht. In dieser Rolle als Berater habe er zwar zweistellige Millionensummen von Siemens erhalten, ohne sie ordnungsgemäß zu versteuern, und ohne dass er dafür nennenswerte Leistungen erbracht habe, so lautet bis heute der Vorwurf der Staatsanwaltschaft.

Die Anschuldigungen haben einen besonders brisanten Hintergrund. Denn Schelsky hatte sich zu der Zeit, als er noch als Angestellter für Siemens arbeitete, in den Betriebsrat wählen lassen. Mit DGB-Gewerkschaften wie der IG Metall hatte er allerdings nichts am Hut – im Gegenteil. Er baute gemeinsam mit anderen Betriebsräten die "Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger", kurz AUB, auf. Unter Schelskys Führung wuchs die AUB rasant – zuletzt organisierte sie nach eigenen Angaben 19 000 Betriebsräte in verschiedensten Unternehmen. Doch nicht nur der langjährige AUB-Chef kam wegen der dubiosen Millionenzahlungen in Untersuchungshaft.

Ende März wurde auch das Siemens-Vorstandsmitglied Johannes Feldmayer festgenommen. Damit schlug die Staatsanwaltschaft erstmals im engsten Führungskreis des Weltkonzerns zu. Johannes Feldmayer habe die Millionen-Zahlungen an den AUB-Chef Schelsky genehmigt und dabei gegen Gesetze verstoßen, erklärt der Justizsprecher Andreas Quentin:

"Der Vorwurf lautet Untreue. Die Staatsanwaltschaft meint hinreichende Erkenntnisse zu haben, dass die Beschuldigten verantwortlich sind für Zahlungen an eine Unternehmensberatung aus dem Vermögen der Firma Siemens, denen keine werthaltigen Gegenleistungen gegenüber gestanden haben."

Von der IG Metall kommen noch ganz andere Vorwürfe. Über Jahre hinweg seien Millionen an Wilhelm Schelsky geflossen, damit der die AUB als eine Art Anti-Gewerkschaft habe finanzieren können, glaubt der IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Peters. Er und seine Kollegen haben deshalb zusätzlich Anzeige wegen eines Verstoßes gegen das Betriebsverfassungsgesetz erstattet. Der IG-Metall-Chef Peters sieht in der Schelsky-AUB-Affäre eine neue Dimension:

"Das ist ein ganz ungewöhnlicher Fall, ich glaube, einmalig in der Geschichte, wo ein Unternehmen herangeht, sich eine Organisation schafft, sie finanziert, die das Ziel hatte, die IG Metall und die betriebliche Interessenvertretung in Schach zu halten oder ihnen zumindest das Leben zu erschweren."

Aber auch bei Siemens-Mitarbeitern, die mit der IG Metall nicht nahe stehen, hat die Verhaftung des Zentralvorstands Feldmayer und des langjährigen AUB-Chefs Schelsky ein Erdbeben ausgelöst. Die AUB genießt unter den Mitarbeitern des Technik-Konzerns eine vergleichsweise breite Unterstützung. In einer ganzen Reihe der Betriebsräte an den verschiedenen Siemens-Standorten stellt die AUB die Vorsitzenden. Nach den Festnahmen im Februar und März verharrte der Verband jedoch wie gelähmt und gab nur wenige Stellungnahmen ab. Umso deutlicher äußerte sich gleichzeitig die IG Metall. Dort ist man überzeugt, dass es in der AUB und an vielen Stellen des Siemens-Konzerns sehr wohl Kenntnisse gegeben habe, welche Summen an den früheren AUB-Vorsitzenden Schelsky geflossen sind, und zu welchem Zweck die Millionensummen gezahlt wurden.

Michael Leppek, der bei der bayerischen IG Metall den Siemens-Konzern betreut, erhob den Vorwurf, dass auch Heinrich von Pierer von den Vorgängen gewusst haben müsse. Denn in seiner Amtszeit als Vorstands-Chef sind die Gelder geflossen – und Zentrum der Schelsky-Affäre ist der Siemens-Standort Erlangen, wo Heinrich von Pierer einen Großteil seiner Karriere gemacht hat. Das lasse nur einen Schluss zu, meint der Gewerkschafter Leppek:

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mitglied des Zentralvorstandes und natürlich auch das frühere Zentralvorstands-Mitglied Heinrich von Pierer, von diesem ganzen System überhaupt nichts gewusst hat."

Heinrich von Pierer zieht sich jetzt von seinem Posten als Vorsitzender des Siemens-Aufsichtsrates zurück. Das heiße aber nicht, dass er von den diversen Affären etwas gewusst habe, betont die Konzernleitung. Vielmehr wolle er die Voraussetzung für eine personelle Neuausrichtung geben, erklärte Siemens in einer schriftlichen Stellungnahme.

Eines allerdings ist sicher: Mit dem Rücktritt von Pierers wird die Ära des Siemens-Konzerns als Bindeglied zwischen Staat und Privatwirtschaft endgültig abgeschlossen. Von Pierer hatte einen neuen, eher amerikanisch ausgerichteten Management-Stil zwar noch mit eingeführt. Aber er stand auch für die enge Verbindung des Siemens-Konzerns zur Politik. Er saß für die CSU im Stadtrat von Erlangen und pflegte nicht nur zur Bayerischen Staatsregierung gute Kontakte – Auch Bundeskanzlerin Merkel holte von Pierer in ein wirtschaftspolitisches Beratergremium, in dem er auch weiterhin bleiben soll.

Klaus Kleinfeld, der seit gut zwei Jahren den Siemens-Vorstand führt, hat solche Ambitionen bislang nicht. Er betont gerne, dass er zu 100 Prozent Manager sei. Und er pflegt die Manager-Tugend, stets optimistisch zu sein. Besonders optimistisch zeigt er sich bei der Frage, ob die Affären und der Imagewandel seines Unternehmens dem Konzern langfristig schaden. In dem Bereich, der für Siemens letzten Endes am wichtigsten sei, nämlich beim Gespräch mit Kunden, spielten die Affären nur eine geringe Rolle, sagt Kleinfeld:

"Das Thema ist sicherlich ein Gesprächsthema und zwar in Deutschland als aller erstes aber auch bei einigen der internationalen Kunden und üblicherweise läuft es nach dem Muster ab, dass die Kunden wissen möchten, was sind die Anschuldigungen, was habt ihr unternommen, wenn man das dann im Detail schildert, dann ist nach etwa 15 Minuten das Gespräch so weit, dass der Kunde sagt, OK, jetzt reden wir über das, was wir gemeinsam machen wollen."

Viele andere Spitzenmanager, die bislang noch seine Konkurrenten waren, sind inzwischen durch die diversen Affären angeschlagen – Kleinfeld hingegen hatte noch keinerlei Ärger mit der Staatsanwaltschaft. Und nach dem Rücktritt des Aufsichtsrats-Chefs Heinrich von Pierer ist Kleinfeld auch in dieser Hinsicht von einer personellen Altlast befreit.

Der Siemens-Chef wird sich allerdings nun auch ganz alleine daran messen lassen müssen, ob es ihm gelingt, der Skandalserie ein Ende zu machen – und ob er es schafft, den schwankenden Giganten Siemens wieder zu stabilisieren.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk