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StartseiteUmwelt und VerbraucherDer Scorewert und seine Folgen30.03.2011

Der Scorewert und seine Folgen

Ein Autor im Schufa-Selbsttest

Seit einem Jahr müssen Auskunfteien wie die Schufa einmal im Jahr kostenlos die Gründe für Bonitätsbewertungen nennen. Das heißt: Sie müssen auf Anfrage den sogenannten Scorewert übermitteln, der im Zweifel darüber entscheiden kann, ob man einen Kredit bekommt oder nicht. Ermittelt wird dieser Prozentwert aufgrund bei der Schufa oder anderer Auskunftsdateien gespeicherter Daten. Sie umfassen laufende Kredite zum Beispiel oder auch die Bank, bei der man sein Konto führt. Daten über das Einkommen werden nicht gespeichert. Der so ermittelte Scorewert sagt mithin nichts über die Zahlungsmoral eines potenziellen Kreditnehmers aus, sondern darüber, wie wahrscheinlich es ist, dass er oder sie einen Kredit zurückzahlen kann.

Von Stefan Römermann

Der Scorewert entscheidet über die Kreditwürdigkeit. (AP)
Der Scorewert entscheidet über die Kreditwürdigkeit. (AP)

Autor Stefan Römermann wollte wissen, wie das in der Praxis funktioniert, und hat bei der Schufa und ähnlichen Unternehmen um eine Selbstauskunft gebeten. Die erste Antwort kam vom Bürgel-Informationsdienst, der nach - so wörtlich - "eingehender Prüfung" mitteilte.

"Dass zu ihrer Person unter der von Ihnen angegebenen Anschrift keine Daten auf der Bürgel-Datenbank gespeichert werden."

Ähnliche Schreiben kommen in den nächsten Tagen auch von den Auskunfteien Deltavista und EOS. Keine der beiden Firmen teilt mir einen Scorewert mit, obwohl sie auf Ihren Webseiten damit werben, auch Bonitätsauskünfte über Privatpersonen zu liefern. Einen Scorewert liefert dagegen die CEG Consumer Reporting. Doch der ist alles andere als erfreulich: Eingeordnet werde ich in die zweitschlechteste von zehn Bonitätsklassen. Noch schlechter einsortiert werden nur Menschen, über die schon tatsächlich Zahlungsschwierigkeiten bekannt sind. Mit solch einer Einstufung bekäme ich einen Kredit nur mit einem sogenannten Risikozuschlag - also zu erheblich höheren Zinsen - wenn überhaupt. Die Erklärung zur Berechnungsmethode bleibt dabei äußerst dürftig:

"Dieser Wahrscheinlichkeitswert wird errechnet unter Einbeziehung von Daten zur Person - das heißt Alter und Geschlecht - und von Adressdaten."

Der Scorewert bei CEG errechnet sich also einzig und allein aus der Häufigkeit, mit der meine Altersgenossen, also Männer Mitte 30 im Allgemeinen in Zahlungsschwierigkeiten kommen und aus meiner Wohngegend. Hätte ich also vor einem Jahr doch lieber in eine andere Straße und eine teurere Wohnung ziehen sollen? Ähnlich schlecht fällt meine Bonitätsbewertung nämlich auch bei Informa Arvarto aus.

Dieser Wirtschaftsauskunftei zufolge liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ich einen Kredit ordentlich zurückzahle, nur bei 86 Prozent. Das klingt für Laien vielleicht nicht schlimm- doch tatsächlich gehöre ich damit auch für Informa zu den Risikokandidaten. Das erklärt auch, warum mich manche Versandunternehmen nur per Vorkasse und nicht auf Rechnung beliefern wollen. Das Risiko, dass ich die Ware nicht bezahle, ist laut Informa-Scorewert offenbar zu groß. Dabei ist die Datengrundlage für dessen Berechnung wieder äußerst dünn. Informa hat lediglich meine Anschrift und mein Geburtsdatum gespeichert. Aber im Notfall reicht der Firma sogar die Anschrift, um einen Scorewert zu ermitteln. Wenn kein Geburtsdatum vorliegt, wird das Alter nämlich kurzerhand geschätzt - und zwar anhand des Vornamens. Agathe und Adolf sind deshalb vermutlich kreditwürdiger als Kevin oder Chantalle. Bankenexperte Frank-Christian Pauli vom Verbraucherzentrale Bundesverband findet solche Praktiken mehr als bedenklich.

"Weil sich Eltern bei diesem Vorgehen natürlich Gedanken darüber machen müssen, wie sie ihre Kinder noch benennen dürfen und können. Wenn Sie also zum Beispiel einen älteren Vornamen für Ihr Kind wählen, könnte es passieren, dass es zu einer völlig falschen Alterszuordnung kommt, bei solchen Bewertungen. Das ist eigentlich nicht in Ordnung, wenn man auf solchen Angaben eine Bewertung durchführt."

Erheblich besser sieht die Datengrundlage bei der Schufa aus. Sie hat außer Name, Geburtsdatum und Vor-Anschriften auch Informationen über meinen Handyvertrag, meine Girokonten und meine Kreditkarte gespeichert. Daraus errechnet die Schufa allerdings gleich acht unterschiedliche Scorewerte, speziell aufgeschlüsselt für einzelne Branchen wie Versandhandel, Banken oder Telefongesellschaften. Und diese Scorewerte fallen je nach Branche auch noch höchst unterschiedlich aus. Für Verbraucherschützer Pauli ist das alles kaum nachvollziehbar.

"Da haben wir auch Verbraucheranfragen rein bekommen, die gesagt haben: Wir verstehen das eigentlich überhaupt gar nicht. Wieso bin ich für diesen Bereich auf einmal ein ganz anderes Risiko, während ich für den anderen Bereich gut eingestuft werde."

Insgesamt zieht der Verbraucherschützer ein Jahr nach Einführung der kostenlosen Selbstauskunft deshalb eine sehr gemischte Bilanz. Bei einer Umfrage der Verbraucherzentrale beklagten sich viele Bürger über unvollständige oder falsche Informationen in den gespeicherten Daten der einzelnen Auskunfteien. Das größte Problem sei aber die Verständlichkeit der Selbstauskünfte.

"Wir haben den Eindruck, dass die meisten Verbraucher mit diesen Angaben noch nichts anfangen können. Selbst für den informierten Verbraucher ist es schwierig nachzuvollziehen, was die Bewertungsmaßstäbe die dort gezeigt werden, was die im Konkreten bedeuten."

Und ich? Ich habe zumindest erfahren, dass ich offenbar kaum kreditwürdig bin - zumindest nach Ansicht der Firmen, die außer meiner Anschrift und meinem Geburtsdatum keine weiteren Informationen über mich haben. Eine Glaskugel hätte vermutlich ähnlich genaue Auskünfte geliefert.

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