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StartseiteSport am WochenendeWie der Fußball in Brasilien den Rassismus überdeckt04.07.2021

Der Sport auf der Suche nach dem Wir (10)Wie der Fußball in Brasilien den Rassismus überdeckt

Beim Gastgeber der Copa América in Brasilien betrachten viele Menschen ihr Nationalteam als Symbol für gesellschaftliche Diversität. Tatsächlich aber verdeutlicht gerade der Fußball seit Jahrzehnten den strukturellen Rassismus. Viele Spieler unterstützen den rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro.

Von Ronny Blaschke

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17th June 2021 Nilton Santos Stadium, Rio de Janeiro, Brazil Copa America, Brazil versus Peru Players of Brazil listen to their anthem before the match PUBLICATIONxNOTxINxUK ActionPlus12297180 MarcelloxDias  (IMAGO / Action Plus)
Die brasilianische Fußball-Nationalmannschaft bei der Copa America. (IMAGO / Action Plus)
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Im vergangenen Dezember verbreitet sich ein Video aus dem brasilianischen Bundesstaat Goiás in sozialen Medien: Ein elf Jahre alter Fußballer sitzt verängstigt auf dem Rasen und weint. Mehrfach war er vom gegnerischen Trainer rassistisch beleidigt worden. Vorfälle wie diese werden regelmäßig im brasilianischen Fußball diskutiert, im Breitensport und in den Profiligen.

Unter dem rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro, der seit 2019 im Amt ist, habe der Rassismus nicht wesentlich zugenommen, sagt der brasilianische Sportsoziologe Carlos Henrique Ribeiro. Doch durch das feindselige gesellschaftliche Klima fühlen sich viele Menschen zu Hassaussagen ermutigt, die sie zuvor für sich behalten haben: "Viele Kinder aus benachteiligten Familien träumen in den Fußballschulen von einer großen Karriere. Ihre Eltern investieren viel Geld in die Internate, sie sehen im Fußball eine Chance für den sozialen Aufstieg. Dadurch entsteht Konkurrenz zwischen den Jugendlichen. Bei Spielen gehen häufig Familien aufeinander los, manchmal mit rassistischen Aussagen."

Zunehmende Repression wegen WM und Olympia

Der Rassismus in Brasilien ist eng mit der sozialen Ungleichheit verknüpft. 51 Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich als Schwarz. Afrobrasilianer sind überdurchschnittlich von Armut betroffen, sie haben eine geringere Lebenserwartung und schlechtere Bildungschancen. Im Kongress sind nur 17 Prozent der Abgeordneten schwarz. In den vergangenen Jahren ist die staatliche Repression vor allem in den Favelas stark ausgeweitet worden, auch wegen der heimischen Fußball-WM 2014 und wegen der Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro.

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Der Journalist Niklas Franzen hat lange in Brasilien gelebt und sagt: "Die Opfer von dieser Polizeigewalt sind fast immer schwarz. Für schwarze Brasilianer ist das Risiko, eines gewaltsamen Todes zu sterben, 2,7 Mal höher als für weiße Landsleute. Es gibt aber bestimmte Bereiche, wo Schwarze Anerkennung erfahren. Das ist vor allem im Sport, gerade auch im Fußball, und in der Musik. Aber diese gesellschaftliche Konstruktion von schwarzen Helden dient oft als Feigenblatt für den strukturellen Rassismus."

Fußballer wollen mit Reismehl heller wirken

Dieser Rassismus hat eine lange Vorgeschichte: Als letzter Staat schafft die ehemalige portugiesische Kolonie Brasilien 1888 die Sklaverei ab. Der britische Import Fußball ist damals ein Spiel der weißen Elite. Der Fußballverband Brasiliens lässt schwarze Spieler erst 1918 zu. Staatspräsident Epitácio Pessoa fordert 1921 ein Nationalteam mit ausschließlich weißen Spielern. Viele Politiker glauben, dass Brasilien dadurch fortschrittlicher erscheinen würde. Einige Vereine folgen dieser Haltung bis in die Fünfziger Jahre. Der Publizist Martin Curi hat lange in Brasilien gelebt und über den dortigen Fußball ein Buch geschrieben: "Beim Verein Fluminense in Rio de Janeiro ist es so überliefert, dass, als dann zum ersten Mal dunkelhäutige Spieler aufgenommen wurden, dass die sich eben bepudert oder sich eben Reismehl aufs Gesicht getan haben, um heller zu erscheinen. Und dass das bei den Fans eben zum Spott wurde. Deswegen wird Fluminense bis heute auch ,Reismehl‘ genannt."

Tractor Sazi edged past Esteghlal 1-0 with Ashakan DejagahÖs goal in the 53rd minutes in Iran Professional League (IPL). More than 100k people watched the game at TabrizÖs Yadegar-e Emam Stadium under the cold and rainy weather. Sepahan now leads the table with 38 points while Persepolis (37), Padideh (35) and Tractor Sazi (33) stand next. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xVahidxAbdix   (IMAGO / Mehrnews Agency) (IMAGO / Mehrnews Agency)Fußball im Iran: Rassismus gegen Minderheiten
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In den 1920er und 30er Jahren werden schwarze Spieler oft brutal gefoult. Das bekommt auch Arthur Friedenreich zu spüren, Sohn eines deutschen Kaufmanns und einer afrobrasilianischen Wäscherin. Der Stürmer schießt mehr als 1.300 Tore. Immer wieder muss er seine Haare glätten, um "weißer" zu wirken. Ab den Vierziger Jahren äußert sich Staatspräsident Getúlio Vargas positiver zur gesellschaftlichen Vielfalt. Fortan sollen auch afrobrasilianische Einflüsse aus Karneval oder Samba ein neues Nationalgefühl prägen. Bald betrachten viele Brasilianer den Fußball als ein Symbol gegen Rassismus. Doch diese Wahrnehmung überdecke die strukturelle Ungleichheit, sagt der Forscher Carlos Henrique Ribeiro: "1950 war Brasilien zum ersten Mal Gastgeber der WM. Wir haben das letzte Spiel gegen den späteren Weltmeister Uruguay 1:2 verloren. Für viele Zuschauer und Medien war der Sündenbock Moacir Barbosa, unser schwarzer Torhüter. Barbosa hatte keinen Fehler gemacht, doch er fühlte sich noch vierzig Jahre nach dem Finale ausgegrenzt. Vielleicht haben wir auch deshalb noch heute so wenige schwarze Torhüter."

Neymar erlebt Rassismus und unterstützt Bolsonaro

Schwarze Spieler wie Pelé oder Garrincha prägen die Blütezeit des brasilianischen Fußballs ab den späten Fünfziger Jahren. Doch über Rassismus jenseits des Rampenlichts sprechen Vorbilder wie Pelé nicht. Das ist nicht verwunderlich, denn auch über die langfristigen Folgen von Sklaverei und Kolonialismus wird selten diskutiert. Bis heute gibt es so gut wie keine schwarzen Cheftrainer und Spitzenfunktionäre im Fußball, sagt der langjährige Brasilien-Korrespondent Niklas Franzen: "Aufgrund dieser gesellschaftlichen Diskriminierung verstehen sich viele Brasilianerinnen und Brasilianer selbst nicht als schwarz. Oder versuchen, sich irgendwie weißer zu machen. Das war auch bei Neymar so. Der hat früher immer gesagt, dass er niemals Rassismus erlitten hätte, weil er selbst nicht schwarz sei. Und dann ist er nach Europa gewechselt, hat in Spanien gespielt. Dann haben einige Fans Affenlaute gemacht, und dann hat er sich immer mehr mit dem Thema auseinandergesetzt, auch mit seiner eigenen Identität. Und hat sich zum Beispiel auch an Antirassismus-Kampagnen beteiligt."

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Auf der anderen Seite unterstützen Spieler wie Neymar den rechtsextremen Präsidenten. Jair Bolsonaro hat sich mehrfach rassistisch geäußert. Und er verantwortet Kürzungen bei Sozialleistungen oder Wissenschaftsstipendien, worunter vor allem Afrobrasilianer leiden. Im vergangenen Jahr haben hunderte Fußballfans gegen diese Politik protestiert. Weniger im Fokus steht die unterschwellige Diskriminierung. Der Name des früheren Wolfsburger Profis Grafite etwa geht auf das dunkle Mineral Graphit zurück. Darüber hinaus gebe es häufig positiv gemeinten Rassismus, sagt der Brasilien-Kenner Martin Curi: "Solche Kosenamen gibt es ganz oft. Man sagt ,Neguinho‘, ,der kleine Schwarze‘. So ähnlich wie: Dunkelhäutige würden gut tanzen können. Und vielleicht dann eben gut Fußball spielen. Das ist schon sehr verbreitet."

In Deutschland, Großbritannien und in den USA sind etliche langfristige Kampagnen gegen Rassismus im Sport entstanden, oft in Zusammenarbeit mit Politik und Menschenrechtsorganisationen. In Brasilien ist das unter Jair Bolsonaro aktuell kaum möglich. 

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