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StartseiteInterview"Der sportliche Wert ist in diesem Jahr schon deutlich höher"18.07.2008

"Der sportliche Wert ist in diesem Jahr schon deutlich höher"

ARD-Programmdirektor Struve will Tour de France trotz neuer Dopingfälle weiter übertragen

Günter Struve, Programmchef der ARD, hat die Berichterstattung über die Tour de France in seinem Sender verteidigt. Er lobte zugleich die Schärfe bei den diesjährigen Doping-Kontrollen. In den letzen sechs Tagen waren drei Fahrer der unerlaubten Einnahme leistungssteigernder Mittel überführt worden.

Die 2. Etappe der Tour de France zwischen Auray und Saint-Brieuc (AP)
Die 2. Etappe der Tour de France zwischen Auray und Saint-Brieuc (AP)

Silvia Engels: Am Telefon begrüße ich den ARD-Programmdirektor Günter Struve. Guten Morgen.

Günter Struve: Guten Morgen.

Engels: Herr Struve, wenn sich schon die Fahrer nicht mehr recht freuen, macht es dann noch Sinn, die Tour weiterhin life zu übertragen?

Struve: Ja gut, die Fahrer, die sauber sind, werden natürlich mit jedem Tag wertvoller, an dem Dopingsünder herausgefischt werden. Ich glaube ja, der sportliche Wert nimmt zu, der sportliche Wert ist in diesem Jahr schon deutlich höher als im vergangenen Jahr. Man darf nicht vergessen, da war der Träger des Gelben Trikots, Herr Rasmussen, bereits von seinem eigenen dänischen Verband gesperrt und durfte immer noch auf der Tour fahren. Solche Dinge gibt es in diesem Jahr nicht. Ich habe den Eindruck, erstmals, ja wahrscheinlich erstmals, dass jetzt Ernst gemacht wird. Ein Sport, der ja durchseucht war, und zwar seit den 50er Jahren durchseucht war von Doping, den jetzt doch wieder seinem sportlichen Ursprung zuzuführen. Und in einer solchen Periode, wo man den Eindruck hat, dass Veranstalter, dass vor allem die ja sehr, sehr scharfe Anti-Doping-Kommission, die ja gleich mit Polizei und Gefängniswärtern dasteht, dass die durch ihren abschreckenden Effekt in der Lage sind, den Sport, von Einzelfällen mal abgesehen, den Sport soweit zu reinigen, wie es überhaupt nur geht. Und da bleiben wir dann auch dabei, weil ich für solche Bemühungen Sympathie habe.

Engels: Bleiben wir beim Stichwort Übertragung. Im vergangenen Jahr reichte ja der Fall Sinkewitz vom damaligen Team Telekom für den Abbruch der Lifeübertragung durch die Öffentlich-Rechtlichen. Warum ist dies dieses Mal bei anderen prominenten Fahrern nicht so?

Struve: Weil wir im vergangenen Jahr ein Vorspiel hatten, nämlich mit den deutschen Rennställen. ARD und ZDF haben einen ganzen Tag mit den Rennställen, ich hatte die Ehre oder Freude dabei zu sein, zusammengesessen. Da waren wir uns klar, ja wohl, in einigen Ländern gibt es noch kein so großes Bewusstsein gegen Doping, aber die deutschen Ställe sind absolut sauber. Und Sinkewitz wurde als Beispiel für den neuen sauberen jungen Fahrer dargestellt. Der war ja auch deshalb von einer großen Mineralwasserfirma als der Botschafter von Sauberkeit, von Natürlichkeit, von nicht dopen eingekauft worden. Der war ja Werbeträger, darf man nicht vergessen, für einen sauberen Sport. Und wenn der als erster geschnappt wird und man uns vorher feste Zusagen gibt, dass die deutschen Ställe diesmal, nämlich im Jahr 2007, sauber sein würden, da sind ARD und ZDF übrigens als einzige weltweit aus der Übertragung ausgestiegen und das ist auch aus heutiger Sicht sehr wichtig. Wir wurden verlacht von den anderen wegen unserer Sensibilität. Aber dass jetzt die Kontrollen so scharf geworden sind und ja auch so wirkungsvoll geworden sind und, das will ich hinzufügen, ich schließe nicht aus, dass weitere Übeltäter gefunden werden, und mit jedem, der gefunden wird, wird natürlich die Ernsthaftigkeit deutlicher. Sie sehen übrigens an einem Punkt, eine große süddeutsche Zeitung hat vor drei Tagen geschrieben "na ja, das ist ja gar nicht ernsthaft, denn die suchen immer nur im unteren Mittelfeld. Da finden sie die Sünder und die werden dann ausgeschlossen, aber ernst gemeint ist es ja schon deshalb nicht, weil aus der Spitze niemand genommen wird". Nun wird jemand aus der Spitze genommen und da kann man dann schlechterdings nicht davon sprechen, dass es harmlose Kontrollen sind. Ein ganzes Team ist rausgegangen. Ein Team, das ja vorher schon aufgefallen ist, weil sie bei einer Bergankunft, weil sie die Bergankunft allein unter sich ausgemacht haben. Also, da gibt es schon einen hinreichenden Verdacht, dass da die Seuche noch geherrscht hatte. Also ...

Engels: Herr Struve ...

Struve: Ich habe sehr ambivalente Gefühle, das will ich zugeben, weil ich auch kein Radsportfan bin, persönlich überhaupt nicht. Aber wenn ein Sport so ernsthaft versucht, sich, mit sich ins Reine zu kommen, dann denke ich, sollten wir die Übertragung fortsetzen, wenn nichts ganz Außergewöhnliches geschieht. Beispielsweise, wenn jetzt der Träger des gelben Trikots von seinem eigenen Verband, welcher immer das ist, wegen Dopinghinterziehung oder Dopingverdacht gesperrt wird und er darf trotzdem weiterhin fahren, das würde ich schon für einen wichtigen Grund halten.

Engels: Das ist die Grenze, die Sie ziehen.

Struve: Bitte?

Engels: Das ist die Grenze, die Sie ziehen für den Stopp.

Struve: Das wäre eine Grenze, die auch im letzten Jahr ich in jedem Fall gezogen hätte, selbst wenn es den Fall Sinkewitz im letzten Jahr nicht gegeben hätte. In dem Moment, wo Herr Rasmussen weiterfahren durfte im gelben Trikot, obwohl er alle Dopingkontrollen während des Trainings umgangen hatte durch simple Lügen, wo er sich aufhielt, sodass Kontrollen gar nicht möglich waren, wenn so etwas möglich würde, da würde ich wieder die Grenze ziehen. Aber ich bin sicher, diesmal wären wir nicht die einzigen, sondern da würde es auch andere Stationen geben, die dann nicht mehr mitmachen würden.

Engels: Ein Grund für die Entdeckungen ist ja offenbar ein verbesserter EPO-Test. Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holzer sagte gestern, es gebe unter den Leitern der Tour die Vermutung, es könne eine große Zahl von Fahrern betroffen sein. Andere Stimmen sprechen von 30 bis 40 Prozent. Würde das stimmen, wäre das ein Ausstieg für die Lifeübertragung?

Struve: Nein, es würde ja gerade dann letztendlich derjenige vorne fahren, der sportlich auch tatsächlich am besten ist, nicht, der den besten Mannschaftsarzt hat. Das ist doch das Problem am Doping außer den Schäden, die es zufügt den Sportlern und Spätschäden, die sehr erheblich sind, ist doch die Unfairness, dass nicht der sportlich Begabteste, der am besten Trainierte, derjenige, der topfit ist, gewinnt, sondern derjenige, der am besten gespritzt worden ist. Und wenn es 30 bis 40 Prozent wären, dann wäre das natürlich für die Tour-Veranstalter desolat. Aber ich bin sicher, dass die deutschen Fahrer beispielsweise, was heißt sicher, so sicher man sein kann, dass die deutschen Fahrer jedenfalls vorsichtiger sind als alle anderen. Im letzten Jahr war es erstmals möglich, wenn ich den Namen Vinukurov erwähne, war es erstmals möglich, Eigenblutdoping, also "manipuliertes Eigenblut, das wieder zugeführt wird"-Doping nachzuweisen. In diesem Jahr ist erstmals möglich, EPO 3, also die Weiterweiterentwicklung von EPO, nachzuweisen. Das halte ich für einen riesen Fortschritt. Man darf nicht vergessen, dass EPO 1, also die Urform des EPO-Dopings, Anfang der 90er Jahre acht Jahre lang unentdeckt gewesen ist. Dass das jetzt nicht mehr so lange dauert, macht mir schon einige Hoffnung.

Engels: Herr Struve, dann gehen wir noch mal in diese alten Zeiten zurück und wechseln das Thema ein wenig. Es ist allerdings verwandt. Denn Dopingvorwürfe gibt es auch gegen den früheren Profi beim Festina-Team und jetzigen ARD-Co-Kommentator Marcel Wüst. Der frühere Teamchef des Festina-Rennstalls Bruno Rouselle sagte im Deutschlandfunk wörtlich, "er könne nicht sagen, dass Marcel vom Dopingprogramm bei Festina nicht betroffen war", Zitat Ende. Wüst hat die Vorwürfe ebenfalls im Deutschlandfunk zurückgewiesen. Sie halten weiterhin an Wüst als Co-Kommentator fest?

Struve: Nachdem er eine eidesstattliche Versicherung abgegeben hat, die ja nun wirklich das Strafrecht betrifft, das heißt, er würde sich in strafrechtliche Probleme, und zwar in ernste Probleme, hineinbringen, glaube ich, dass Marcel Wüst das, was er beschwört, nämlich, dass er nicht gedopt sei, dass dies zutrifft. Und es muss ja auch noch eine Unschuldsvermutung geben. Auch wenn die manchmal schwerfällt. Im Fall Wüst fällt sie mir nicht mehr so schwer. Wir hatten ihn ja im letzten Jahr nicht dabei. In diesem Jahr haben wir ihn wieder und seine Versicherungen sind jedenfalls bisher von niemandem widerlegt worden.

Engels: Es gab ja auch Überlegungen, ganz auf ehemalige Profiradfahrer als Co-Kommentatoren zu verzichten. Warum tun Sie das nicht?

Struve: Ja, das war meine persönliche Haltung. Nun kann man auf der anderen Seite, wenn jemand einen Vertrag hatte, und Wüst hatte einen, und der dann das Härteste, was Sie können und wo Sie sich auch in größte Gefahr begeben, wenn das Gegenteil bewiesen wird, nämlich eine eidesstattliche Versicherung abzugeben, und dies auch glaubhaft zu tun, dann können Sie nicht jemanden, nur weil er mal den falschen Beruf hatte, aber ein guter Experte ist, das hört man ja jeden Tag, er ist ein wirklich guter Experte, dann können Sie ihn nicht auf Dauer und auf Lebenszeit von bestimmten Tätigkeiten fernhalten. Aber vom Grunde her ist es, war diese Position schon richtig. Wüst ist die Ausnahme. Bei anderen Sportarten haben wir ja auch Experten. Niemand wird das leichtsinnig erklären gegenüber der ARD. Jeder unserer Experten, die Sie auch im Wintersport hören, musste eine Erklärung abgeben, die durchaus bedeutungsvoll ist, auch für den Menschen selbst, dass er oder sie nicht gedopt hat. Und mehr Sicherung können Sie in einem System wie dem unseren glaube ich nicht einziehen.

Engels: Aber müsste man nicht einen größeren Abstand halten angesichts der ja nicht sehr leichten Historie, die ja von engen Verträgen auch mit dem früheren Tourgewinner Jan Ullrich und der ARD zu reden weiß?

Struve: Ja gut, das waren Jugendsünden, das waren Euphoriesünden der ARD. Sie sind aber viele, viele Jahre nicht mehr da. Auch die, das Sponsoring des Teams Telekom, die ja die Eins stolz auf ihrer Brust trugen, ist jetzt mittlerweile so viele Jahre vergangen, dass wir glaube ich gelernt haben, wie hoffentlich auch die Fahrer gelernt haben, dass sich Doping nicht lohnt, haben wir gelernt, dass man sich bei aktiven Sportlern jedenfalls tunlichst zurückhält, sondern sendet und nicht mitsponsert.

Engels: Günter Struve, ARD-Programmdirektor. Wir sprachen mit ihm über die Tour de France und die Lifeübertragung von ARD und ZDF. Vielen Dank für das Gespräch.

Struve: Herzlichsten Dank.

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