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StartseiteInterview"Der Streik kommt jetzt auch schon zur Unzeit"10.03.2011

"Der Streik kommt jetzt auch schon zur Unzeit"

DIHK-Hauptgeschäftsführer bewertet Folgen des Ausstands bei der Bahn

Der Streik der Lokführer sei nicht zu unterschätzen, sagt Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Dass eine relativ kleine Gruppe einen wichtigen Nerv lahmlegen könne, zeige die Abhängigkeit der Wirtschaft von der Verkehrsinfrastruktur.

Martin Wansleben im Gespräch mit Peter Kapern

Martin Wansleben, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) (AP)
Martin Wansleben, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) (AP)

Peter Kapern: Am wenigsten Schaden dürfte der Bahnstreik bei der Berliner S-Bahn angerichtet haben; die Hauptstädter sind ja ohnehin daran gewöhnt, dass die beige-roten Züge allenfalls unregelmäßig, häufig aber auch überhaupt nicht fahren. Andernorts dürften die Folgen als gravierender wahrgenommen worden sein, und zwar sowohl im Personenverkehr als auch und vor allem im Güterverkehr. Das feiert die Bahngewerkschaft GDL heute als Erfolg, fügt aber hinzu, dass sie auch positive Reaktionen von Bahnkunden auf die Arbeitsniederlegung erhalte. Das klingt defensiv, wenn nicht gar kleinlaut.

Mitgehört hat Martin Wansleben, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Guten Tag!

Martin Wansleben: Hallo, Herr Kapern. Guten Tag!

Kapern: Herr Wansleben, die Lokführer haben ja vor allem heute den Güterverkehr lahmgelegt. Wir haben das gerade gehört. Zittert die deutsche Wirtschaft schon?

Wansleben: Vielleicht erst mal vorab: Wir hatten hier in Berlin auch unsere Probleme. So manch einer kam heute Morgen entweder früher, oder mit etwas griesgrämigem Gesicht.

Kapern: Das ist aber fast Standard in Berlin bei dieser S-Bahn.

Wansleben: Ja, da gebe ich Ihnen recht. Ich glaube, wir müssen zwei Dinge auseinanderhalten. Konjunkturell bricht nicht gleich der Himmel ein, wenn jetzt mal ein Streik stattfindet. Ich meine, das ist die Welt gewohnt, das gibt es immer mal wieder. Ich glaube, das ist auch am Ende keine Rufschädigung Deutschlands, dass so was ist, und die Freiheit dazu ist ja auch ein Teil unseres demokratischen Gemeinwesens. Auf der anderen Seite ist es so, dass wir schon mit unserem Wohlstand davon abhängig sind, hoch produktiv und vernetzt zu agieren in Deutschland, europaweit und weltweit. Insofern gehört die Verkehrsinfrastruktur schon zu einem ganz sensiblen Teil unseres Nervensystems, wenn Sie so wollen, unserer Volkswirtschaft, und wenn dann eine relativ kleine Gruppe, also in diesem Falle ja "nur" die Lokführer, einen solchen Nerv lahmlegen können, ist das immer wieder die Erinnerung daran, dass wir ganz schöne Abhängigkeiten haben, und insofern ist das Thema nicht zu unterschätzen.

Kapern: Nun sagen die Binnenschiffer beispielsweise, sie könnten die Bahnausfälle kompensieren im Dienste der Wirtschaft, und vielleicht können ja auch die LKW-Spediteure einspringen. Stimmt Sie das gelassener?

Wansleben: Wenn man sich mal anguckt, was da eigentlich geschieht, das sind ungefähr eine Million Tonnen, die so jährlich über die Schiene laufen, und wenn sie täglich eine Million haben, dann brauchen sie ungefähr 30.000 LKW, die das kompensieren. Die Lkw gibt es im Moment gar nicht. Die Spediteure sind Gott sei Dank ausgelastet, dank der guten Konjunktur. Und die Schiffe? – Nicht jede Stadt liegt am Wasser, am Kanal oder an einem Fluss, und am Ende brauchen sie immer beim Schiff auch Lkw und oder Schiene. Da wird sicherlich einiges zu machen sein, aber nicht wirklich der vollständige Ersatz. Also es führt kein Weg daran vorbei, der Streik kommt jetzt auch schon zur Unzeit.

Kapern: Wenn Sie sagen, dass die deutsche Wirtschaft bei einem solchen Lokführerstreik mal wieder erinnert wird an ihre starke Vernetzung und Abhängigkeit von Verkehrsinfrastruktur, wäre es dann nicht auch an der Zeit, mal dieses just in time-Konzept zu überdenken, also die Tatsache, dass viele Unternehmen ihre Produktion nur noch aufrecht erhalten können, wenn der Lkw mit den Ersatzteilen, mit den Bauteilen gerade im richtigen Moment auf den Parkplatz fährt?

Wansleben: Herr Kapern, die Diskussion gibt es ja. Die gibt es ja nicht nur wegen Streiks, sondern die gibt es auch für Behinderungen, was Sicherheitsfragen angeht, und all die ganzen Dinge. Aber es muss jedem von uns klar sein: Je arbeitsteiliger wir arbeiten können, gerade hier in Europa – das ist ja ein Riesenvorteil Europas, diese große Fähigkeit und Möglichkeit zur Arbeitsteilung -, je weniger wir arbeitsteilig tätig sein können, desto teurer wird es und desto weniger Wohlstand können wir produzieren. Ich meine, das muss jedem klar sein. Das ist nicht irgendwie so was, was man aus lauter Chuzpe oder zufällig tut, sondern das ist schon Teil einer rationalen, hoch produktiven Arbeitsteilung. Insofern kostet es, wenn wir also just in time aufgeben. Dann müssen Läger finanziert werden, das bedeutet Gebäude, das bedeutet Kapitalbindung, und am Ende ...

Kapern: Aber man kann produzieren, wenn der Nachschub mal ausbleibt. Ist ja auch ein finanzieller Vorteil.

Wansleben: Ja, das ist genau die Diskussion. Aber am Ende kosten höhere Läger auch Spielraum für Lohnverhandlungen. Ich meine, das passt ja jetzt gerade richtig zum Thema. Also ich glaube, dass man aufpassen muss, jetzt nicht vordergründig zu sagen, ist die Wirtschaft doch selbst schuld, wenn sie diese Abhängigkeiten eingeht. Das ist, wenn Sie so wollen, eine Grundspielregel einer entwickelten Volkswirtschaft, die auch alles daran setzen will und muss, hier im Deutschland höhere Löhne bezahlen zu können, als das in den meisten Ländern möglich ist.

Kapern: Nun widerspricht ja die Deutsche Bahn den Angaben der Gewerkschaft und sagt, dass nur relativ wenige Züge, nämlich weniger als 300, ausgefallen seien, weil sie auch vorgesorgt hat und zusätzliche Lokführer beschafft hat für diesen Tag des Streiks. Sind Sie zufrieden mit dem, was die Bahn unternimmt?

Wansleben: Also ich finde es erst mal großartig, dass die Bahn alles daran versucht zu setzen, Engpässe zu vermeiden, also dass die Kraftwerke versorgt sind. Stellen Sie sich mal vor, wir hätten hier Stromausfall. Ich finde es völlig richtig, dass die Bereiche, die mit Massenströmen arbeiten, nehmen Sie einen Hochofen, oder auch bis hin zur Automobilindustrie, dass die bevorzugt behandelt werden, denn da fällt natürlich jeder Zug sofort ins Gewicht. Auf der anderen Seite führt einfach kein Weg daran vorbei, dass das Notmaßnahmen sind, und gerade in einer Situation, wo Deutschland doch sehr beispielgebend für die Welt in einer freiheitlichen Konstellation eine unglaubliche wirtschaftliche Performance hinlegt, und das noch in Europa, das ist eigentlich eine wunderbare Konstellation. Also ich würde jetzt mal sagen, der Streik passt im Moment wie die Faust aufs Auge.

Kapern: Was erwarten Sie dann von den Kontrahenten?

Wansleben: Es ist, glaube ich, weise, Verhandlungspartnern keine Tipps zu geben. Die müssen das am Ende in ihrer Verantwortung und auch in Freiheit tun. Aber betonen, glaube ich, muss man schon die Verantwortung für das Gesamte, und wir leben schon auch in Deutschland davon, dass gewerkschaftliches Handeln und Handeln der Arbeitgeberverbände in der Gesellschaft Akzeptanz findet, und wir leben im übrigen auch davon, dass die Bahn Akzeptanz findet, denn das ist ja nicht zuletzt auch ein wichtiger Bestandteil einer umweltorientierten Verkehrspolitik und auch einer Verkehrspolitik, die Mobilität in Ballungsräumen ermöglicht.

Kapern: Martin Wansleben, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, heute Mittag im Deutschlandfunk. Danke und auf Wiederhören.

Wansleben: Ja, bitte sehr. Auf Wiederhören.

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