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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin Kirchenmann manövriert sich ins Abseits15.12.2020

Der Streit um Kardinal WoelkiEin Kirchenmann manövriert sich ins Abseits

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki gerät innerhalb der katholischen Kirche immer stärker unter Druck. Grund dafür sind mehrere Fälle von Missbrauch in seiner Diözese. Einen dieser Fälle soll Woelki nicht nach Rom gemeldet haben. Dass er jetzt im Abseits stehe, habe aber vor allem mit seinem Werdegang zu tun, kommentiert Friederike Sittler.

Ein Kommentar von Friederike Sittler

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Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki bei einer ökumenischen Vesper am Vorabend des 1. Advents in der Kölner Basilika St. Aposteln. Kardinal Woelki steht wegen seines Umgangs mit einem Missbrauchsgutachten einer Münchner Kanzlei in der Kritik. (dpa / Christoph Hardt / Geisler-Fotopres )
Kardinal Woelki steht wegen seines Umgangs mit einem Missbrauchsgutachten einer Münchner Kanzlei in der Kritik. (dpa / Christoph Hardt / Geisler-Fotopres )
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Von Köln im Jahr 2011 nach Berlin gewechselt, schien sich der mit den Etiketten "Opus Dei-nahe" und "erzkonservativ" belegte, weitgehend unbekannte Rainer Maria Woelki freizuschwimmen. Das Tischtuch mit seinem Übervater, dem berühmt berüchtigten Kardinal Meisner galt manchen als zerschnitten. Die Hauptstädter rieben sich die Augen ob eines Kardinals auf dem Rad, im Kiez unterwegs genauso wie im Gespräch über Rote Socken mit dem damaligen, schwulen Regierenden Bürgermeister Wowereit. Woelki avancierte geradezu zum Medienliebling, nur wenige wiesen noch auf seine doch eher schlichte Theologie, auf die Konzentration auf Priester und Eucharistie, auf die wenig zukunftsweisenden Konzepte hin.

Köln tut Woelki nicht gut

Schon nach drei Jahren wieder wegberufen nach Köln artikulierte er in Interviews sogar ein Fremdeln mit der alten Heimat und dem Kirchen-Klüngel. Nicht ganz klar war, ob es sich bei der Angst vor dem Rückgang aus der Diaspora in katholisches Kernland um Koketterie handelte.

Die beiden Kölner Kardinäle Woelki (l.) und Meisner (r., 2017 verstorben) auf der Deutschen Bischofskonferenz 2013 (imago stock&people / Michael Gottschalk) (imago stock&people / Michael Gottschalk)Sexueller Missbrauch im Erzbistum Köln - Der Priester, der Kardinal und die Kinder 
Ein Pfarrer, so der Verdacht, soll sich mehrfach schwer an Kindern vergangen haben – zum ersten Mal 1986. Sollte der Vorwurf zutreffen, war die Bestrafung milde: Er war weiter als Seelsorger tätig. Eine Recherche im Hoheitsgebiet der Kardinäle Meisner und Woelki.

Fest steht längst: Die Sorge war berechtigt. Köln tut Woelki nicht gut und er dem Erzbistum nicht. Das mögen die, die auf der Bewahrung heiliger katholischer Traditionen beharren, anders sehen. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung hat der Kardinal ein Glaubwürdigkeitsproblem und weil er den größten Teil seiner Berufsjahre in Köln verbracht hat, ist er auch nicht frei von den Verstrickungen in die lange, elende Vertuschungsgeschichte.

Strengere Regeln unter Papst Franziskus

Vor zehn Jahren begann mit dem Berliner Canisius-Kolleg die breite, öffentliche Aufarbeitung der Missbrauchsfälle. So schleppend der Prozess zunächst war, so sind etliche Fortschritte gemacht worden, haben viele Bischöfe umgedacht, Transparenz versprochen und die Schuld der Kirche bekannt. Woelki handelte anders: Aus vermeintlich gutem Grund der Erkrankung des mutmaßlichen Täters meldet er schon 2015 einen Fall nicht nach Rom und hält nun ein groß angelegtes Gutachten unter Verschluss. Nichts gelernt? Wie viel ist da noch im Verborgenen?

Rainer Maria Woelki bei einem Gottesdienst (picture alliance / AP / Martin Meissner) (picture alliance / AP / Martin Meissner)Kirchenrechtler: "Es ist ein moralischer Tiefpunkt erreicht"
Der Kölner Kardinal Woelki habe entgegen seiner Aussagen keinerlei Anstrengungen für die Aufklärung unternommen, sagte der Theologe Thomas Schüller im Dlf. Der Kardinal versuche, seine Karriere zu retten.

Schon lange ist zu hören, dass der Kardinal sich nur von wenigen beraten und falsch beraten lässt, die Bedenken aus dem nicht gar so nahen Umfeld in den Wind schlägt. Eine verschworene Gemeinschaft. Immer bereit den Kölner Sonderweg einzuschlagen, gegen die Mehrheit der Deutschen Bischofskonferenz, für die Hardliner in Rom, zum Schrecken für die jeweiligen Bischofskonferenz-Vorsitzenden.

Hoffnung macht bei allem Elend, dass unter Papst Franziskus die Regeln strenger geworden sind, auch der Kölner Kardinal nicht selbstherrlich schalten und walten kann, dass der öffentliche Druck groß ist. Denn um wen geht es? Um Menschen, die missbraucht wurden, die nicht geschützt waren, sondern ausgeliefert. Und es geht um die Menschen, denen der Glaube noch etwas wert ist und die ihre Kirche nicht von einem Hirten in die Irre führen lassen wollen.


Anmerkung der Redaktion: Wir haben im Vorspann gegenüber der ersten Textversion in der hier korrigierten Fassung klarer formuliert, dass der Verdacht besteht, dass Kardinal Woelki einen öffentlich bekannten Fall nicht nach Rom gemeldet haben soll.

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