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StartseiteHintergrundDer Tag, an dem die alte Welt einstürzte01.11.2005

Der Tag, an dem die alte Welt einstürzte

Das Erdbeben von Lissabon 1755 und die Nachbeben in Politik und Gesellschaft

" Über sieben Hügel, die genauso viele Aussichtspunkte sind, von denen man die großartigsten Panoramen genießen kann, dehnt sich das weite, ungleichmäßige und vielfarbige Häusermeer, dass die Stadt Lissabon bildet. Für den Reisenden der vom Meer her kommt, zeichnet sich Lissabon schon von weitem wie eine schöne Traumvision gegen einen leuchtend blauen Himmel ab, über den die Sonne ihr Gold strahlt. Und die Kuppel, die Denkmäler, die alte Burg, ragen aus dem Häusermeer wie ferne Herolde dieses lieblichen Orts, dieses gesegneten Landstrichs. "

Von Henning von Löwis

Der Turm von Belem in Lissabon (AP Archiv)
Der Turm von Belem in Lissabon (AP Archiv)
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Lissabon beschrieben von Fernando Pessoa, besungen von Amália Rodrigues.

Eine Stadt wie gemalt - zu schön um real zu sein. Auf den ersten Blick erinnert nichts an das, was hier vor 250 Jahren geschah. Man muss genauer hinschauen, um zu erkennen, dass ein Gebäude hoch über jenem "leuchtenden Meer von Häusern" eine Ruine ist. Im Juli des Jahres 1389 war der Grundstein zum Convento do Carmo gelegt worden. Am 1. November 1755 versinkt das Kloster in Schutt und Asche - am Tag als der Himmel einstürzt über Europas reichster und prächtigster Metropole.

" Am Allerheiligen Tage 1755 betraf die reiche Stadt Lissabon und überhaupt fast ganz Portugall ein trauriges Schicksal. An diesem Tage Morgens um neun Uhr entstand bey stillem und heiterm Wetter eines der fürchterlichsten Erdbeben. In zehn Minuten lagen die größten Kirchen und ansehnlichste Gebäude über einen Haufen. Gleich bey der erßten Erschütterung fiel das Haus der Inquisition. Den königlichen Pallaste gieng es nicht beser … Das prächtige Jesuiten-Kollegium stürzte ein, und begrub alle darin befindliche Mitglieder der Gesellschaft Jesu. Alle Menschen, die noch lebendig davonkommen konnten, flüchteten sich auf das freie Feld, großentheils halb nackend, und ohne Lebensmittel; denn Niemand getraute sich, wieder in die Stadt zu gehen, da das Erdbeben den ganzen Tag anhielt. Dieses betrübte Schicksal betraf fast das ganze Königreich Portugall, insonderheit wurden die Städte Braga und Koimbra hart mitgenommen, und der wegen des Salzhandels so bekannte Haven Setúbal, durch die über alle Vorstellung auflaufende See, bynahe gänzlich verwüstet. Doch war die Verwüstung in der Hauptstadt am größten, und der päbstliche Nuncius, welcher sich noch glücklich auf ein Schiff geflüchtet hatte, unterschrieb mit allem Recht seinen Brief: Von dem Platze wo ehemals Lissabon gestanden ist. "

Nirgendwo anders ist er so eindrucksvoll: der Blick in den Himmel über Lissabon - wie hier im Karmeliterkloster. Hoch aufragende Säulen und Torbögen - von der Sonne geweißt - vor einem tiefblauen Firmament. Eine historische Kulisse in atlantisches Licht getaucht.

" Als Folge des Erdbebens stürzten die Dächer des Hauptschiffes der Kirche und der angrenzenden Kapellen ein. In der gesamten Kirche und besonders in den Kapellen brach ein Feuer aus. Es war der erste November. Viele Kerzen brannten. Und die Kirche war angefüllt mit leicht brennbaren Gegenständen. Die Altäre, die Gemälde an den Wänden, alles fing Feuer. Der Überlieferung nach brannte Lissabon drei Tage und drei Nächte lang. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass es tatsächlich so war. "

José Morais Arnaud ist Vorsitzender der Vereinigung der Portugiesischen Archäologen - und Herr über Lissabons berühmteste Ruine, das einstige Karmeliterkloster - heute Archäologisches Museum.

Der ursprünglich geplante Wiederaufbau des Klosters blieb in Ansätzen stecken. Es fehlte an Mitteln und Menschen. Zahlreiche Mönche waren beim Erdbeben ums Leben gekommen. Und die Überlebenden hatten nicht die Kraft und den nötigen Rückhalt, um ihr Vorhaben zu verwirklichen. Der mächtigste Mann am Tejo verfolgt andere Ziele, will das Wirtschaftsleben wieder in Schwung bringen - und vor allem so schnell wie möglich ein neues Lissabon aufbauen.

Der mächtigste Mann damals ist nicht König José I., sondern sein "Superminister" Sebastião José de Carvalho e Mello, der spätere Marquês de Pombal.

Während man draußen in der Welt über das Erdbeben von Lissabon zu philosophieren, zu spekulieren, zu argumentieren beginnt, fackelt man vor Ort nicht lange und packt an.

" Hier im Lande selber war wohl das Wichtigste der Wiederaufbau der Stadt. Und da war es im Wesentlichen diese doch charismatische und auch umstrittene Figur des aufgeklärten Absolutisten. Wobei man aufgeklärt wahrscheinlich in Anführungszeichen setzten sollte, des Absolutisten Marquês de Pombal der die Gunst der Stunde, um es mal so zu nennen, genutzt hat, um seine Widersacher, die Jesuiten auszuschalten. Entbrannt ist der ganze Streit im Wesentlichen um die Interpretation des Erdbebens. Also die Jesuiten haben von Gottes Zorn gesprochen und von der Lasterhaftigkeit der Stadt, die dort bestraft worden sei, wohingegen der Marquês de Pombal eindeutig naturwissenschaftliche Phänomene favorisiert hat und ja auch mit einem gewissen Recht bis heute als einer der Begründer der modernen Seismologie gilt. Und er hat dann eben ganz zügig, relativ zügig und nach absolutistischen und aufgeklärten Kriterien die Lissabonner Unterstadt, die Baixa neu aufgebaut und was ganz wichtig ist, er hat sie erdbebensicher aufgebaut. "

Mit eiserner Hand hat Minister Carvalho e Mello durchgegriffen und aufgeräumt - in der Stadt und unter seinen Widersachern. Für Gerd Hammer, Professor an der Universität Lissabon, besteht kein Zweifel, dass er - in heutiger Terminologie - ein guter Krisenmanager war:

"Was man zumindest sagen kann ist, dass der Marquês de Pombal eben diesen berühmten Satz, der ihm zugesprochen wir, man weiß nicht genau, ob er ihn gesagt hat, aber das hieß eben sich um die Lebenden kümmern und die Toten begraben. Das hat er sehr zügig umgesetzt. Das heißt, wenn irgendjemand versucht hat zu plündern oder zu rauben wurde sofort mit der Todesstrafe bestraft. Und er hatte Lebensmittel ranschaffen, lassen, hat Wasser ranschaffen lassen, hat sofort die Bevölkerung versorgt und das hat ihm eine ungeheuere Popularität gebracht. So gesehen, kann man sagen dass die Lissabonner der damaligen Zeit sicherlich besser betreut wurden, als große Teile der Bevölkerung von New Orleans etwa. "

Noch bevor sich das 18. Jahrhundert seinem Ende zuneigt, ist der Trümmerhaufen Lissabon wieder eine ansehnliche Stadt, die Besucher von auswärts beeindruckt.
Der Brite James Murphy 1795:

" Alle neuen Straßen in Lissabon sind breit, regelmäßig und gut gepflastert, mit bequemem Seitenpflaster für die Fußgänger, wie in London. Die Häuser sind hoch, gleichförmig und stark. Die Art, wie sie erbaut werden aber ist ziemlich sonderbar. Der Zimmermann wird zuerst gebraucht. Sobald er das Gerippe von Fachwerk aufgerichtet hat kommt der Maurer und füllt die Zwischenräume mit Steinen oder Ziegeln aus. Diese Bauart, oder die Verbindung des Holzwerks mit Mauerwerk soll den leichten Stößen des Erdbebens am besten widerstehen, die man hier häufig empfindet. "

Die Operation Wiederaufbau ist ein Mammutprojekt - Zukunftssicherung für eine Stadt auf schwankendem Boden.

Die neue Stadt wird zum Fanal einer neuen Welt - hatte doch das Erdbeben von 1755 mehr zum Einsturz gebracht als Hütten und Paläste am Tejo.

" Die Struktur der Gesellschaft und das Weltbild wurden nachhaltig erschüttert. Das Erdbeben zerstörte das Weltbild der damaligen Zeit. Es musste ein neues Bild geschaffen werden. Und dieses neue Bild manifestiert sich in der Baixa Pombalina, der von Pombal errichteten neuen Stadt. Die Monarchie, die Zentralmacht wird zur alles beherrschenden Kraft. "

Professor José Sarmento Matos - profunder Kenner der Stadthistorie - verweist auf die von der Naturkatastrophe ausgehende politische Dynamik. Es sei zu einer revolutionären Umgestaltung gekommen - vergleichbar mit dem, was sich im 20. Jahrhundert im Nationalsozialismus in Deutschland oder im sozialistischen Urbanismus in der Sowjetunion manifestiert hätte.

" Der Städtebau wird von oben diktiert. Eine für damalige Zeit sehr moderne Konzeption die nur dadurch realisierbar war, dass man praktisch bei Null beginnen konnte. "

Ein völlig ungeordnetes Häusermeer - ein Gewirr von verwinkelten und verschachtelten Gassen und Gässchen, so eng, dass Kutschen und Fuhrwerke Mühe hatten, sich einen Weg zu bahnen - das war die Baixa - Lissabons Unterstadt - vor dem Erdbeben.

" Was der Herzog macht, was der pombalinische Urbanismus bewirkt, Lissabon hatte zwei zentrale Plätze, den Rossio und den Terreiro do Paço. Und der Herzog verbindet diese beiden großen Plätze durch gerade Straßen. Er macht völlig Tabula Rasa. Man dachte nicht daran, Lissabon so wieder aufzubauen wie es war. Von Anfang an verfolgt man das Ziel, völlig neu aufzubauen, die Chance zu nutzen. "

"Lisboa Antiga" - Lissabon, die "hübsche Prinzessin" am Tejo auferstanden aus Ruinen, und das am gleichen Ort, wo die Stadt am 1. November 1755 vom Erdbeben zertrümmert und von einer gigantischen Flutwelle überrollt worden war.
Dabei hatte der junge Kant im fernen Königsberg ausdrücklich gewarnt:

" Wenn in so schrecklichen Zufällen den Menschen erlaubt ist, einige Vorsicht zu gebrauchen, wenn es nicht als eine verwegene und vergebliche Bemühung angesehen wird allgemeinen Drangsalen einige Anstalten entgegen zu setzen, die die Vernunft darbietet, sollte nicht der unglückliche Überrest von Lissabon Bedenken tragen, sich an dem selben Flusse seiner Länge nach wiederum anzubauen, welcher die Richtung bezeichnet, nach welcher die Erderschütterung in diesem Lande natürlicherweise geschehen muss? "

Im Jahre 250 nach dem Erdbeben ist das Tejo-Ufer am Terreiro do Paco Grossbaustelle - Dauerbaustelle. Der Ausbau des Metro-Netzes - ausgerechnet an diesem neuralgischen Punkt - lässt die Wellen hochschlagen. Gerd Hammer:

" Also, es ist sehr deutlich, wo, wenn überhaupt noch mal ein Erdbeben käme, wo die Gefahrenzone liegt. Und die, die läge ja immer noch am Fluss. Und es gibt auch eine Diskussion um eben den Metrobau unten eben an der Prasso der Comericio eben da, wo damals das große Beben war, und da gibt es eine ziemlich heftige Diskussion drum. Nicht nur um das Eindringen, permanente Eindringen von Wasser in die Baustelle, die ja schon seit Jahren nicht funktioniert muss man sagen und nicht abgeschlossen werden kann. Sondern es gibt eben auch genau die Idee, wenn es irgendwo beben würde in Lissabon, wieder einmal, dann wäre dort eben gerade die U-Bahn betroffen. "

Haben die Menschen am Tejo Angst vor einem neuen Beben?

" Nein, also, soweit ich das beurteilen kann gibt es da überhaupt gar keine Angst davor. Das Erdbeben von vor 250 Jahren ist nun überhaupt nicht so im Bewusstsein verankert, dass irgendjemand sich jetzt Sorgen machen würde. "

António Santos ist Bauleiter - überwacht den Aufbau des riesigen stählernen Weihnachtsbaumes auf der Praca do Comércio, direkt neben dem monumentalen Reiterstandbild von König José I.
Befürchtet er ein neues Erdbeben?

" Das Erdbeben liegt ja lange zurück. Es heißt, dass es wieder passieren könnte. Aber das sind Naturkatastrophen. Die können sich jeden Augenblick ereignen, wie ein Taifun oder der Orkan kürzlich in den USA. Wir müssen den Alltag in den Griff bekommen und können nicht an mögliche Katastrophen denken. Es gibt so viele Probleme hier in Lissabon. Der Verkehr, das Wohnungsproblem, die nicht fertig gestellte U-Bahn. "

Der Verkehr ist das Hauptproblem der portugiesischen Hauptstadt 250 Jahre nach dem Erdbeben. Auch die vergleichsweise breiten Straßen des Marquês de Pombal sind längst viel zu schmal für die Fahrzeuglawine, die sich Tag für Tag durch Lissabon wälzt.

Lissabon 2005 - ist eine Boomtown, geprägt von mehr und mehr Autos, glitzernden Fassaden, vielen alten mehr oder minder baufälligen Häusern, und einem Heer von Kränen - die gelben Giraffen gleich - ihre Hälse gen Himmel recken, um immer neue Hotels und Geschäftshäuser aus dem Boden zu stampfen.

" Der Verkehr und diese unwahrscheinliche Bauwut, das ist schon ein wahnsinniges Problem. Weil es ja noch diese Mietgesetze gibt. Diese alten Häuser haben ja noch Mieten wie vor 50 oder 100 Jahren praktisch, also enorm kleine Mieten. Und der Besitzer des Hauses, der kann einfach diese Häuser nicht renovieren oder neu machen, weil die Mieten so wahnsinnig klein sind, und dann lässt er das Haus dann irgendwie verkommen und irgendwann wird es dann abgerissen und dann entsteht ein Bürohaus, teuer, und dann dieser wahnsinnige Verkehr. "

Ursula Jagemann Machado de Faria e Maia - seit Jahrzehnten am Tejo zu Hause - ist der Ansicht, dass die Portugiesen heutzutage durchaus etwas lernen könnten vom Krisenmanagement anno 1755:

" Ich glaub’ schon, weil momentan bei uns also mit Management gar nichts läuft. Es ist also wirklich ein ziemliches Durcheinander. Politisch … und unstabil … sozial, es ist relativ viel Chaos. "

Samstagnachmittag auf der Praça da Figueira im Herzen Lissabons. Afrikanische Einwanderer protestieren gegen den geplanten Abriss ihrer behelfsmäßigen Behausungen vor den Toren der Stadt.

" Das ist eine nationale Demonstration gegen die Abrisse von den Blechsiedlungen am Rande Lissabons, und die Leute, die in den Baracken leben, die abgerissen werden, sind teilweise nicht in diesem PER berücksichtigt, das ist der Plano Especial de Realojamento, in den sich Familien eintragen mussten bis 1993 um im Falle des Abrisses der Hütten, der jetzt beginnt, um dann umgesiedelt werden zu können in Sozialwohnungen. "

Dass in dieser Stadt vor 250 Jahren die Erde bebte, davon haben einige der Afrikaner gehört. Auch von den verheerenden Folgen der Naturkatastrophe. Vor einem neuen Erdbeben hat niemand Angst. Aber davor, dass vielleicht schon morgen die Bulldozer kommen und ihr Dach über dem Kopf zerstören.

" Das Gefühl für die Leute die da entsiedelt werden ist sicher ein bisschen so ähnlich, weil ohne Haus zu sein, zwischen Trümmern zu leben und im Müll ist wohl vergleichbar. Also es geht halt auch an die Substanz. "

Café Restaurante Martinho da Arcada an der Praca do Comércio - einen Steinwurf vom Ufer des Tejo entfernt. Ein Ort mit Geschichte.

" Dieses Café war von Anfang an Café schon zu Zeiten des Marquês de Pombal. Es existiert seit 223 Jahren und ist immer Café gewesen. Es ist die einzige private Einrichtung auf der Praca do Comércio die alle Stürme der Zeiten in zwei Jahrhunderten überstanden hat. "

António Barbosa de Sousa ist sichtlich stolz auf sein Café, in dem zahlreiche Dichter und Schriftsteller ein- und ausgingen - nicht zuletzt Fernando Pessoa, und in dem sich heute auch die politische Prominenz trifft.

Dass vor 250 Jahren der Himmel einstürzte und sich die Erde auftat an diesem Ort, darüber spricht niemand im Martinho. Dass es morgen wieder passieren könnte, wissen alle.

Auch der Afrikaner aus Guinea-Bissau, der hier in der Baixa - in der Stadt des Marqês de Pombal - Aquarelle an Touristen verkauft, ist sich bewusst, auf welchem Boden er sich bewegt. Doch das beunruhigt ihn in keiner Weise. Er lebt gerne unter dem Himmel von Lissabon.

" Das Erdbeben ereignete sich ja irgendwann, 17hundert soundso. Heute habe ich keine Angst. Keiner weiß, ob wieder etwas passiert unser Schicksal liegt in Gottes Hand. "

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