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StartseiteHintergrundEin Verbrechen im Auftrag des Kreml?06.10.2020

Der TiergartenmordEin Verbrechen im Auftrag des Kreml?

Mitten in Berlin, im Kleinen Tiergarten, wird am 23. August 2019 ein Georgier ermordet. Der Generalbundesanwalt übernimmt die Ermittlungen und erhebt Anklage gegen den russischen Staatsbürger Vadim Krasikov. Handelte er im Auftrag der russischen Regierung? Nun beginnt der Prozess.

Von Gesine Dornblüth und Sebastian Engelbrecht

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Haftprüfung beim Generalbundesanwalt: Polizisten führen den Tatverdächtigen im Mord an einem Georgier in Berlin über einen Hubschrauberlandeplatz (dpa/Sebastian Gollnow)
Polizisten führen den Tatverdächtigen Vadim Krasikov zur Haftprüfung beim Generalbundesanwalt (dpa/Sebastian Gollnow)
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Der 23. August 2019 ist ein sonniger Tag in Berlin. Zelimkhan Khangoshvili ist auf dem Weg zum Freitagsgebet in seiner Moschee. Der 40-jährige Georgier mit tschetschenischen Wurzeln durchquert den Kleinen Tiergarten, einen Park im Stadtteil Moabit, nicht weit vom Berliner Regierungsviertel. Plötzlich fährt ein Mann auf einem schwarzen Mountainbike auf Khangoshivili zu und schießt auf ihn. Mit drei Schüssen aus seiner schallgedämpften Pistole vom Kaliber neun Millimeter trifft er Khangoshvili, erst in der Brust, dann im Kopf.

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Am selben Tag übernehmen die Berliner Staatsanwaltschaft und eine Mordkommission der Berliner Polizei die Ermittlungen. Oberstaatsanwalt Ralph Knispel informiert im Kleinen Tiergarten die Presse:

"Nach dem bisherigen Ergebnis der Ermittlungen ist hier um 11 Uhr 58 eine Person getötet worden. Es ist eine männliche Person, die noch hier vor Ort befindlich ist. Und jetzt finden umfangreiche Spurensicherungsmaßnahmen statt. Auch der Leichnam wird entsprechend untersucht werden. Die Bekleidung wird, wie es so schön heißt, abgeklippt werden, um etwaige Faserspuren festzustellen, gegebenenfalls auch molekulargenetische Spuren zu sichern. Das wird sich hier längere Zeit hinziehen."

Flucht des mutmaßlichen Mörders scheitert

Der Täter flieht mit dem Fahrrad zum nahe gelegenen Spreeufer. Martin Steltner, Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, berichtet, was dann geschah: "Es wurde beobachtet, wie er Gegenstände, die mutmaßliche Tatwaffe und das mutmaßliche Fluchtfahrrad versuchte in der Spree zu beseitigen, ist also festgenommen worden kurz nach der Tat. Und die weiteren Ermittlungen haben den Tatverdacht gegen ihn erhärten können. Deshalb ist gegen ihn am Samstagabend Haftbefehl wegen Heimtückemordes ergangen."

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Die Flucht funktioniert nicht, wie der Täter sie sich vorgestellt hatte. Auch die Pistole, seine Kleider, eine Perücke und einen Haartrimmer – all das kann er noch in die Spree werfen. Aber zwei Jugendliche beobachten den Mann, wie er sein Äußeres verwandelt und Spuren beseitigt. Ein E-Roller steht für ihn bereit. Die Jugendlichen rufen die Polizei.

Nicht weit vom S-Bahnhof Bellevue nehmen Polizisten den mutmaßlichen Täter fest: "Der Verdächtigte hat, ich sage mal so ein bisschen pauschal, bestritten bei der Polizei und hat dann beim Ermittlungsrichter von seinem Schweigerecht Gebrauch gemacht, sich also nicht geäußert und ist dabei nach dem Eindruck des Kollegen vor Ort äußerst abgebrüht aufgetreten."

Nicht der erste Mord 

Gleich am bevorstehenden Wochenende wollte er nach Russland fliegen. Das Ticket war gebucht. Der Mann, der seit diesem 23. August vergangenen Jahres in Berlin in Untersuchungshaft sitzt, heißt Vadim Krasikov. Bei sich trägt er einen russischen Pass, ausgestellt auf den Namen Vadim Sokolov. Krasikov muss in Berlin Helfer gehabt haben, die Khangoshivilli ausspähten und ihm die Mordwaffe, das Mountainbike und den E-Roller zur Verfügung stellten. Denn er war erst am Tag vor der Tat aus Warschau nach Berlin gereist.

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Nach Recherchen des "Spiegel" und seiner Recherche-Kooperationspartner handelte es sich nicht um den ersten Mord des mutmaßlichen Täters Vadim Krasikov. Nach demselben Muster soll er bereits im Sommer 2013 vom Fahrrad aus einen russischen Geschäftsmann getötet haben. Nach Informationen des Berliner Landeskriminalamts wurde 2013 über Interpol nach Vadim Krasikov gefahndet, dem mutmaßlichen Täter in beiden Fällen.

Aber zwei Jahre später, im Juli 2015, beendete Russland die Fahndung nach Krasikov. Schon zwei Monate danach stellten russische Behörden den Reisepass auf den Namen "Vadim Sokolov" aus. Es wäre denkbar, dass ein russischer Geheimdienst Krasikov Straffreiheit zusicherte, um ihn später selbst zu beauftragen.

Neue Identität nach erstem Mordanschlag

In Berlin kümmert sich Ekkehard Maaß um geflüchtete Tschetschenen. Seine Deutsch-Kaukasische Gesellschaft ist Anlaufstelle für viele Schutzsuchende. Er berät sie im Umgang mit den deutschen Behörden, dolmetscht für sie, trinkt mit ihnen Tee, nimmt sich Zeit. Im Januar 2017 kam auch Zelimkhan Khangoshvili zu ihm: "Wir haben uns sofort angefreundet, und er war ein ungemein stiller, sympathischer Mensch, der sich also mehr um seine Familie gesorgt hat als um sich selber. Und er hat mich seit dieser Zeit fast jede Woche dann besucht." 

Russische Soldaten stehen mit ihren Panzern und Minenräumgeräten etwa 40 Kilometer vor der tschetschenischen Hauptstadt Grosny. In der abtrünnigen Kaukasus-Region Tschetschenien sollen bei Gefechten zwischen den russischen Invasionstruppen und den Tschetschenen am 13.12.1994 etwa 70 russische Soldaten getötet worden sein. (AFP / Shlamow) (AFP / Shlamow)Kriegsbeginn vor 25 Jahren - Tschetschenien und die Folgen 
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Khangoshvili habe ihm seine Unterlagen aus Georgien gezeigt, erzählt Maaß, mit denen er seinen Asylantrag in Deutschland begründete. "Auf ihn wurde ja dort schon ein Mordanschlag verübt, den er nur durch Zufall, weil er den Arm gehoben hatte und die Schüsse in seinen Arm gingen, überlebt hat." Zu seinem Schutz erhielt Khangoshvili in Georgien eine neue Identität, einen Pass auf den Namen Tornike K. "Aber eine wirkliche Aufklärung des Falles erfolgte nicht. Und das war dann der Grund, warum dann doch Zelimkhan Khangoshvili sich dort nicht mehr sicher fühlte in Georgien, und er dann über die Türkei und die Ukraine dann nach Deutschland flüchtete."

Rache an tschetschenischen Kommandeuren?

Khangoshvili wurde in Georgien geboren, im abgelegenen Pankisi-Tal. Dort siedeln Tschetschenen seit 200 Jahren. Das Tal grenzt an die russische Teilrepublik Tschetschenien. Als die sich in den 90er Jahren von Russland lossagte, intervenierte die russische Armee. Sie ging mit äußerster Brutalität auch gegen Zivilisten vor. Khangoshvili zog es daraufhin in die Heimat seiner Vorfahren. Er schloss sich den tschetschenischen Kämpfern an und brachte es, so Ekkehard Maaß, bis zum Feldkommandeur. 

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Später ging er zurück nach Georgien. Als auch dort 2008 ein kurzer Krieg mit Russland ausbrach, stellte Khangoshvili eine Gruppe tschetschenischer Kämpfer zusammen, um das georgische Militär gegen Russland zu unterstützen. Die Gruppe kam aber nicht zum Einsatz. Maaß nimmt an, dass es Khangoshvilis Tätigkeit als Feldkommandeur im Tschetschenienkrieg war, der ihn in Berlin das Leben kostete. Zumal in den letzten Jahren bereits mehrere tschetschenische Kommandeure im Exil umgebracht wurden, unter anderem in Istanbul.

"Wenn man jetzt diese Mordliste ansieht, der ehemals tschetschenischen Kommandeure, man hat den Eindruck, als wäre das auch eine Sache der russischen Offiziersehre, dass man sagt: Also in Russland sind so und so viele russische Generäle und Offiziere getötet worden, jetzt sollen auch diese tschetschenischen Offiziere, die dafür verantwortlich sind, dafür bezahlen und getötet werden." 

Morddrohungen per SMS und Telefon

Aus russischer Sicht wäre das sogar legal. Denn seit 2006 gibt es in Russland ein Gesetz, das dem Präsidenten erlaubt, Terroristen auch im Ausland von Soldaten oder Geheimdienstlern bekämpfen zu lassen. Und die russischen Behörden betrachten tschetschenische Kämpfer als Terroristen, egal, ob diese tatsächlich dem islamistischen Untergrund angehörten und Anschläge verübten oder nicht.

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Khangoshvili habe sich auch in Deutschland nicht sicher gefühlt, erzählt Maaß von der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft. Er habe weiterhin Morddrohungen bekommen, per SMS, per Telefon. Auch die habe er ihm, Maaß, gezeigt:

"Wir finden dich, wir ermorden dich, und du entkommst uns nicht. Wir wissen genau, wo du bist. Was eben in solchen Drohtexten immer drinnen ist. Aber als er mich dann fragte, hältst du das für möglich, dass man hier einen Mordanschlag auf mich ausübt? Dann habe ich immer gesagt: Also, weißt du was, hier, mitten in Europa, mitten in Berlin, in Deutschland, also das halte ich eher für unwahrscheinlich, dass also Russland das wagt. Ich habe mich da geirrt."

Angst vor der Abschiebung

Was Maaß hingegen befürchtete, war eine Abschiebung Khangoshvilis. Deshalb schrieb er an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Der Brief, datiert auf den 13. Januar 2017, liegt dem Deutschlandfunk vor. Darin heißt es: "Ich bitte Sie um Rat und Hilfe für den oben genannten Zelimkhan Khangoshvili alias Tornike K. Er wird so massiv von der russischen Seite verfolgt, dass sein Leben in Gefahr ist und er des besonderen Schutzes bedarf. Ich halte die Bedrohung Zelimkhan Khangoshvilis für so relevant, dass ich dringend darum bitte, ihn besonders zu schützen und ihn nicht dorthin zu schicken, wo er für den langen Arm Putins erreichbar ist."

Schon mehrfach sind Tschetschenen, die aus der EU nach Russland abgeschoben wurden, dort misshandelt worden oder verschwunden. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge habe sein Schreiben an das Bundesinnenministerium weitergeleitet, sagt Maaß. Weitere Reaktionen habe er nicht bekommen. Der Deutschlandfunk hat beide Behörden um eine Stellungnahme gebeten. Beide teilten mit, sie äußerten sich nicht zu Einzelfällen.

Generalbundesanwalt: "Auftrag von staatlichen Stellen"

Nach dem Mord im Tiergarten herrschte zunächst ein Vierteljahr lang Schweigen im politischen Berlin. Die Bundesregierung wartete auf Ermittlungsergebnisse. In den deutsch-russischen Beziehungen gab es Zeichen von Entspannung. Allmählich allerdings wurde bekannt, dass die russischen Behörden nicht bereit waren, bei der Aufklärung mit deutschen Geheimdiensten zu kooperieren.

Die Lage änderte sich, als der Generalbundesanwalt am 4. Dezember 2019 mitteilte, er habe die Ermittlungen übernommen. Am selben Tag bestellte die Bundesregierung den russischen Botschafter ein. Zwei russische Diplomaten wurden ausgewiesen. Bundeskanzlerin Merkel blieb allerdings vorsichtig im Ton: "Wir haben im Augenblick einen Anfangsverdacht des Generalbundesanwaltes. Nicht mehr und nicht weniger. Ich gehe davon aus, dass die russische Seite ihre Informationen uns zur Verfügung stellt. Jedenfalls fände ich das gut."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht in der Bundespressekonferenz während ihrer traditionellen Sommer-Pressekonferenz zu aktuellen innen- und außenpolitischen Themen. (Reuters-Pool/Michele Tantussi)Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Ich gehe davon aus, dass die russische Seite ihre Informationen uns zur Verfügung stellt." (Reuters-Pool/Michele Tantussi)

Wesentlich schärfere Worte wählte die Bundesanwaltschaft. Es bestünden "zureichende tatsächliche Anhaltspunkte", dass die Tötung des Georgiers "im Auftrag von staatlichen Stellen der Russischen Föderation oder solchen der Autonomen Tschetschenischen Republik" erfolgt sei. Weiter heißt es: "Anhaltspunkte dafür, dass die Tat im Auftrag eines nichtstaatlichen Akteurs erfolgt ist, liegen bislang nicht vor. Bezüge der Tat zur organisierten Kriminalität oder zum Phänomenbereich des islamistischen Terrorismus liegen ebenfalls nicht vor."

Für Zelimkhan Khangoshvilis Frau, Manana Zatijewa, durch den Mord zur Witwe geworden, war das eine gute Nachricht: "Ich habe mich sehr gefreut, dass der Generalbundesanwalt sich jetzt dieser Sache annimmt. Ich hoffe so sehr, dass sowohl der Mörder als auch die Hintermänner zur Verantwortung gezogen werden. Ich hoffe, dass Deutschland jetzt diesen Weg des Rechtsstaates jetzt weitergeht." Für Zatijewa steht das Ergebnis der Ermittlungen zu diesem Zeitpunkt, im Dezember 2019, schon fest: "Ich habe es immer gesagt und sage es noch mal: Hinter all dem steht nur Russland."

Verbaler Schlagabtausch zwischen Maas und Putin

Sogar der sonst stets vorsichtige deutsche Außenminister Heiko Maas kannte nun keine Zurückhaltung mehr. Er begründete die Ausweisung der russischen Diplomaten: "Der Fall ist für uns relativ klar. Der Generalbundesanwalt hat die Ermittlungen in diesem Mordfall an sich gezogen. Das ist sehr ungewöhnlich. Der Generalbundesanwalt ermittelt in Terrorismusfällen oder auch wenn Auftragsmorde eben von einem Staat ausgehen. Und darauf mussten wir reagieren, vor allen Dingen aber auch deshalb, weil die russischen Behörden, die ja ihren Beitrag hätten leisten können, wenn das nicht so ist, keinerlei Informationen weitergegeben haben."

Russlands Präsident Putin zeigte sich öffentlich gut informiert über den Fall. Bei seiner Jahres-Pressekonferenz Ende Dezember 2019 vor mehr als tausend Journalisten sagte er über den getöteten Khangoshvili: "Das war ein absolut blutiger Mörder. Bei einer einzigen Aktion im Kaukasus hat er 98 Menschen vernichtet. Er war an der Organisation von Anschlägen in der Moskauer Metro beteiligt. Und das ist nicht die ganze Liste seiner Schandtaten."

Anschläge in der Moskauer U-Bahn im Jahr 2010 (dpa/ picture alliance/ EPA) (dpa/ picture alliance/ EPA)Vor zehn Jahren - Zwei Sprengstoffanschläge in der Moskauer U-Bahn 
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Zur Identität des mutmaßlichen russischen Killers sagte Putin nichts. Aber natürlich seien die russischen Behörden zur Kooperation bereit: "Es wäre übrigens sehr gut, wenn wir nicht nur bei so tragischen Umständen zusammenarbeiteten, sondern schon vorher. Die russische Seite hat die deutschen Kollegen mehrfach aufgefordert, diesen Banditen, diesen Mörder auszuliefern. Leider sind wir auf kein Verständnis gestoßen."

Außenminister Maas konterte verwundert Putins Vorwurf, Deutschland habe mit Khangoshvili einen gewalttätigen islamistischen Terroristen beherbergt: "Es ist relativ schwierig, im Nachhinein das zu klären. Es gab keine Ermittlungen, es gab auch keine Informationen. Wir sind auch nicht angefragt worden, jemanden auszuliefern. Und es ist auch nicht gesagt worden, was ihm vorgeworfen wird. Das kommt jetzt alles so im Nachhinein. Das hört sich ein bisschen nach Rechtfertigung an. Also es klingt schon komisch."

Außenminister handelt gleichzeitig mit Generalbundesanwalt

Fünf Monate später, am 18. Juni dieses Jahres, erhob die Bundesanwaltschaft Anklage gegen Vadim Krasikov. Staatliche Stellen der Zentralregierung der Russischen Föderation hätten bereits vor dem 18. Juli 2019 den Auftrag erteilt, Khangoshvili zu töten. Vadim Krasikov habe den Tötungsauftrag gegen Khangoshivili angenommen.

Der Hintergrund aus der Sicht der Bundesanwaltschaft deckt sich mit dem, was Khangoshvili Ekkehard Maaß von der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft in Berlin erzählte: Der Georgier habe laut Anklage des Generalbundesanwalts in den Jahren 2000 bis 2004 im zweiten Tschetschenienkrieg gegen Russland gekämpft – als Anführer einer tschetschenischen Miliz. Zudem habe er im Jahr 2008 von der georgischen Regierung den Auftrag erhalten, eine Einheit von Freiwilligen im Krieg gegen Russland zusammenzustellen. Die russischen Behörden, so der Generalbundesanwalt, hätten den Georgier als Terroristen eingestuft.

Wieder handelte der deutsche Außenminister gleichzeitig mit dem Generalbundesanwalt, wie schon im Dezember bei der Übernahme der Ermittlungen: "Wir haben heute den russischen Botschafter erneut zu einem Gespräch ins Auswärtige Amt eingeladen, um der russischen Seite unsere Haltung noch einmal unmissverständlich darzulegen, und die Bundesregierung behält sich weitere Maßnahmen in diesem Fall ausdrücklich vor."

"Es geht darum, Tschetschenen Angst zu machen"

In der tschetschenischen Diaspora verstärkte der Mord an Zelimkhan Khangoshvili ohnehin schon bestehende Ängste. Nasrudin Magamadow floh vor zehn Jahren nach Deutschland. In Tschetschenien hatte er für eine Menschenrechtsorganisation gearbeitet. Jetzt lebt er in Berlin. Auch für ihn besteht kein Zweifel daran, dass der russische Staat hinter dem Mord im Tiergarten steckt: "Das ist eine Einschüchterungsmaßnahme. Es geht darum, Tschetschenen Angst zu machen."

Schätzungen zufolge leben zweihundert- bis dreihunderttausend Geflüchtete aus Tschetschenien in der Europäischen Union, etwa 40.000 davon in Deutschland. Die meisten haben ihre Heimat während der Kriege verlassen. Andere sind erst danach geflohen, unter anderem vor dem vom Kreml eingesetzten Republikchef Ramsan Kadyrow und seinen Schergen. Kadyrow herrscht autoritär und willkürlich. Er lässt Kritiker foltern, und er droht sogar denen, die in der EU Schutz suchen.

Ramsan Kadyrow, Chef der russischen Teilrepublik Tschetschenien. (picture alliance / Ria Novosti / Said Tcarnaev) (picture alliance / Ria Novosti / Said Tcarnaev)Abgeschieden in Europa - Tschetschenen unter sich 
Zigtausende Tschetschenen sind nach Europa geflohen. Entweder vor den blutigen Kriegen in der Heimat oder vor Republikchef Ramsan Kadyrow. In den Aufnahmeländern leben sie extrem abgeschieden.

Es blieb nicht bei Drohungen. Allein in diesem Jahr wurden in der EU zwei tschetschenische Blogger ermordet: Einer im Januar 2020, ein Mann im französischen Lille, der andere im Juli in Österreich in der Nähe von Wien. Beide hatten Russlands Politik und den tschetschenischen Machthaber Kadyrow kritisiert. Ein dritter Gegner Kadyrows, der YouTuber Tumso Abdurachmanow, überlebte im Februar in Schweden nur knapp ein Attentat. Ein Mann überfiel ihn im Schlaf mit einem Hammer.
 
Es gebe noch viel mehr Morde an Tschetschenen, von denen allerdings kaum jemand erfahre, erzählt der Flüchtling Nasrudin Magamadow: In Tschetschenien selbst, in anderen Regionen Russlands, auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Er hofft, dass der nun beginnende Prozess um den Tiergartenmord in Berlin für mehr Aufmerksamkeit für die Situation der Tschetschenen insgesamt sorgt:

"Ich erwarte einen sehr transparenten und ehrlichen Prozess, der vielen Politikern die Augen öffnet dafür, wer Putin und seine Meute wirklich sind. Dafür, dass es in Russland nach Demokratie nicht mal riecht. Und ich hoffe, dass die Entscheider in Deutschland endlich verstehen, dass die tschetschenische Frage besondere Aufmerksamkeit erfordert, dass man Tschetschenen nicht abschieben darf, dass es dort sehr gefährlich ist."

Prozess in Coronazeiten

Der Prozess um den Tiergartenmord stellt die Berliner Justiz vor besondere Herausforderungen. Trotz Coronazeiten müssen im Gerichtssaal besonders viele Beteiligte Platz finden: fünf Berufsrichter, zwei Vertreter der Bundesanwaltschaft, zwei Dolmetscher und bis zu sieben Nebenkläger, nämlich zwei Geschwister und fünf Kinder von Zelimkhan Khangoshvili. Nicht zu vergessen der Angeklagte und sein Verteidiger. Der Präsident des Berliner Kammergerichts, das den Rang eines Oberlandesgerichts hat, lässt zudem 15 Journalistinnen und Journalisten im Gerichtssaal zu. Hinzu kommen Protokollführer, Wachleute und eine begrenzte Zahl von Zuschauern.

Der Saal wird gut gefüllt sein, weiß Gerichtssprecherin Lisa Jani: "… zumal in dem Saal nicht besonders gut gelüftet werden kann. Nämlich aus RAF-Zeiten haben wir da Panzerschutzglas vor den Fenstern, sodass, selbst wenn man die Fenster öffnet, die Luft nicht automatisch zirkulieren kann. Das müssen wir alle berücksichtigen. Es wird deswegen auch häufiger Unterbrechungen geben als üblich, nämlich um zu lüften. Das also auch schon mal vorab."

Das Gericht wird voraussichtlich zwei Mal in der Woche verhandeln. 25 Hauptverhandlungstermine sind angesetzt, bis in den Januar 2021 hinein. Außer den 15 im Gerichtssaal zugelassenen Journalisten werden 32 zumindest den Ton der Verhandlung in einem Medienraum im Gerichtsgebäude verfolgen dürfen.

Das Urteil im Prozess um diesen politisch so folgenreichen Mord wird in der Nähe des Tatorts gesprochen. 300 Meter entfernt vom Gründerzeitgebäude der Justiz in Berlin-Moabit beginnt der Kleine Tiergarten.

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