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StartseiteGesichter EuropasDer Tod wartet in den Feldern16.04.2005

Der Tod wartet in den Feldern

In Bosnien herrscht noch immer Minengefahr

Der Boden Bosnien-Herzegowinas ist gespickt mit gefährlichen Minen und Blindgängern. Die Zahl der Minenopfer wird auf mehrere tausend geschätzt, doch niemand kennt die genaue Zahl. Besonders die Landbevölkerung lebt jeden Tag mit der Angst vor dem lauernden Tod.

Von Thomas Franke

Unsichtbare Gefahr: Minen in Feldern fordern jährlich tausende von Toten und Verstümmelten in Bosnien (AP Archiv)
Unsichtbare Gefahr: Minen in Feldern fordern jährlich tausende von Toten und Verstümmelten in Bosnien (AP Archiv)

Die meisten Opfer sind derzeit Männer zwischen dem 30. und 60. Lebensjahr: Sie gehen hinaus, um Brennholz zu sammeln, oder bestellen ihr Stück Land, besonders jetzt im April, wo die Äcker gepflügt werden ist die Gefahr groß. Treffen kann es jeden, jederzeit, sagt Ahdin Orahovac, stellvertretender Leiter des Minenactionzentrums in Sarajevo.:

"In den ersten Jahren nach dem Krieg waren die Kinder die Opfer, denn die hatten keinen Schimmer, was Minen sind. Dann haben wir verstärkt angefangen, die Kinder aufzuklären, sind in die Schulen gegangen und in die Medien. Jetzt haben wir immer weniger Opfer unter Kindern. Aber damit hört das Problem nicht auf. Nun wartet der Tod in den Risikogegenden auf jemand anderen. Wir tun, was wir können."

In den Bergen schmilzt der Schnee. Bäche sind zu reißenden Strömen geworden. Das Wasser fließt zu Tal in die Drina, füllt den Grenzfluss zu Serbien. Während des Krieges trug sie hunderte Leichen fort, staute die Körper vor der Talsperre bei Zvornik. Das EUFOR-Team geht über eine Hängebrücke. Auch der Bach vor dem Haus der Familie Hassanovic ist schnell, fließt reißend in Richtung der nahen Drina. Über das Stückchen Land der Familie Hassanovics lief im Krieg die Frontlinie. Hassanovics wohnen in einem Holzhäuschen, gestiftet von der österreichischen Hifsorganisation Bauern helfen Bauern. Sträucher überwuchern das Betonfundament ihres zerstörten Hauses. Semsara Hassanovic kommt den Soldaten entgegen, freut sich über den unerwarteten Besuch. Ihr Mann sei gerade nicht da. Komme aber bald. Auf dem Arm hat sie die dreieinhalbjährige Ajla. Semsara Hassanovic will den Besuchern die Kuh zeigen.

Der Tod liegt in der Erde, links und rechts des ausgetretenen Pfades, auf dem Semsara Hassanovic in Hausschuhen zum Bretterverschlag der Kuh geht. Der Tod liegt in der Erde, wartet auf das Kind, wenn es im Frühling anfängt herumzutollen. Sie hätten schon einmal eine Herde Ziegen und auch die Kuh über das Grundstück getrieben, erzählt die 23jährige. Alle hätten überlebt. Doch keiner weiß, ob im Boden noch Minen warten. Im kleinen Stall schauen eine braune Kuh und ihr Kalb, etwas irritiert.

Siebeneinhalb Liter Milch gebe die Kuh am Tag, zu wenig, um etwas davon zu verkaufen. Vielleicht werde sich das ändern, wenn das Kalb groß ist und auch Milch gibt.
Aber die tägliche Milch ist nicht die einzige Sorge, der jungen Bosnierin.

"Natürlich habe ich Angst, ich weiß ja nicht, wo die Frontlinien während der Gefechte verliefen. Mein Mann hat mir das zwar gezeigt, aber natürlich habe ich Angst, weil ich mich hier nicht auskenne."

Im Haus gibt es unten nur einen Raum. Eine kleine Treppe führt nach oben, dort sind zwei Schlafkammern. Hassanovics wohnen mit der Großmutter zusammen. Haska Hassanovic sieht aus wie 70, ist jedoch noch nicht mal 60. Zärtlich nimmt sie ihre Enkelin auf den Arm. An der Wand hängen grünstichige Fotos von jungen und alten Männern, vom Fotografen feierlich in Pose gesetzt. Sie sind alle tot. Vier Brüder und einen Sohn hat Haska Hassanovic beim Massaker von Srebrenica verloren. Ihre Schwiegertochter Semsara setzt einen Kaffeetopf auf den Herd. Sie heizen mit Holz. Ihr Mann kommt. Alivir Hassanovioc ist 25 Jahre alt, er will eine Existenz als Kleinbauer aufbauen.

Der Tod wartet auf Alivir Hassanovic, wenn er das Land bestellt, wenn die Kuh den Pflug durch den Boden zieht, wenn er hinterher geht und die Egge tief in den überwucherten Boden drückt. Er habe immer wieder Granatenteile gefunden und in den Fluss geworfen. Auf der Erde liege nichts mehr, erzählt er.

"Was ich sehe, kann ich wegräumen. Aber was in der Erde liegt nicht. Das ist Glücksache. Es ist normal, dass ich Angst hab. Ich war klein, als der Krieg angefangen hat, jetzt bin ich älter. Aber trotzdem habe ich Angst."

Semsara Hassanovic legt den Arm um ihre Tochter, die steckt den Schnuller in den Mund.

"Wir sind immer bei ihr. Wir lassen sie nicht aus den Augen. Allein geht sie nicht raus. Ich glaube, dass da Minen sind, aber ich habe keine Angst, und ich hoffe, wir bekommen auch keine mehr zu sehen. Und wir reden mit ihr, erklären ihr, dass das gefährlich ist, dass die Hand oder das Bein davon wirklich abgerissen werden. Wir können immer nur reden und reden."

Die beiden EUFOR-Soldaten haben den Kaffee ausgetrunken. In der Tasse bleibt ein dunkler Satz. Reden sei wichtig für ihre Arbeit, sagen Holzer und Ring. Dann gehen die beiden hinter das Haus, quer über das Grundstück. Schritt für Schritt, immer in der Traktorspur.

"Wir sind entlang einer Traktorspur gegangen, und da gibt es keine Probleme, und genau dort, wo wir drüber sind, das ist ein Obstgarten, und das ist 100%ig, dass da nichts liegt.
Wenn wir jetzt nicht wüssten, wo wir jetzt sind, dann würden wir nicht normal über ein Feld gehen, das ist definitriv nicht drin. Es gibt auch sehr viele Gebiete, wo es so steppenmässig ist, und wo wir dann entlangfahren mit dem Auto und dann wirklich nur auf befestigten Wegen und aussteigen nur am befestigten Weg und keinen Schritt hinein."

Hinter dem Grundstück ist ein bewaldeter Hügel. Der Tod kommt im Frühjahr die Hänge hinunter, wenn der Schnee schmilzt und der Boden sich verändert. Die Erde lockert sich, Geröll wird den Hang hinunter gespült, bringt Minen mit. Wege, die gestern noch sicher waren, werden erneut tödlich.

Die Granate steckt diagonal in der Erde. Seit 4 Wochen wissen die EUFOR-Soldaten von dem Blindgänger. Wegräumen müssen ihn die Einheimischen selbst.

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