Mittwoch, 19.12.2018
 
Seit 01:30 Uhr Tag für Tag
StartseiteAus Religion und Gesellschaft"Er sah und berührte lebendiges Fleisch"27.04.2016

Der "Ungläubige Thomas" von Caravaggio"Er sah und berührte lebendiges Fleisch"

Der "Ungläubige Thomas" ist eins der berühmtesten Gemälde von Caravaggio. Im Zentrum steht Jesus, der sein Wundmal zeigt. Thomas sticht mit seinem Zeigefinger weit hinein in diese Wunde. Thomas erscheint als der Prototyp des starrköpfigen Zweiflers. Klingt in Caravaggios Bild ein Lob des Zweifels an? Oder zeigt es den unauflösbaren Widerstreit zwischen Glauben und Vernunft?

Von Astrid Nettling

Ein Besucher betrachtet am Donnerstag (11.10.2010) in Berlin Caravaggios "Der ungl (dpa / picture alliance / Tobias Kleinschmidt)
Der ungläubige Thomas des Malers Caravaggio (dpa / picture alliance / Tobias Kleinschmidt)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Tief, unerträglich tief, ist der rechte Zeigefinger in die Seitenwunde eingedrungen. Sein Druck hat den Wundrand hochgeschoben und lidförmig aufgewölbt. Kein Blut fließt, kein Sekret tritt aus, totenblass das offene Fleisch, in dessen Inneres Thomas mit dreistem Finger vorgedrungen ist.

Der "Ungläubige Thomas" ist eins der berühmtesten Gemälde von Michelangelo Merisi da Caravaggio. Das 107 x 146 cm große Bild hängt heute in der Bildergalerie im Park des Schlosses Sanssouci in Potsdam. Es dürfte zwischen 1601 und 1603 entstanden sein. Der 30-jährige Maler lebte seit längerem in Rom, wo er verschiedene Förderer gefunden hatte - etwa den kunstsinnigen Kardinal Francesco Maria Del Monte. Der mit ihm befreundete Kunstsammler Vincenzo Giustiniani soll das Gemälde in Auftrag gegeben haben.

Das helle Gewand, das wie ein antiker Philosophenmantel rechts über Schulter und Arm drapiert ist, hat Jesus mit seiner rechten Hand zur Seite gezogen. Er legt so sein Wundmal frei. Für eine handgreifliche Untersuchung: Thomas sticht mit dem Zeigefinger weit hinein in die Wunde.

"Als wäre es keine Untersuchung, sondern eine Vergewaltigung"

Der Altphilologe Glenn Most spitzt diesen Eindruck zu:

"Thomas' inquisitorische Handgreiflichkeit erhält so einen Einschlag von Derbheit, Ungestüm, ja, fast von Brutalität. Es ist, als wären wir nicht Zeugen einer Untersuchung, sondern einer Vergewaltigung."

Im scharfen Kontrast dazu die Haltung Jesu. Er hat nicht nur bereitwillig seine Seitenwunde bloßgelegt, mit seiner Linken hält er zudem Thomas' Handgelenk umfasst und führt dessen Hand sanft, aber bestimmt an seine Wunde.

Den Kopf hat Jesus nach unten geneigt und blickt auf das Geschehen. Ergebenheit, Nachsicht und Geduld sprechen aus seinen Zügen. Mit aufgerissenen Augen und steil hochgezogenen Stirnfalten hingegen Thomas. Weit nach vorne gebeugt, beobachtet er angestrengt, wie sein rechter Zeigefinger in Jesu Seitenwunde eindringt.

In der bildnerischen Tradition stellt Caravaggios "Ungläubiger Thomas" die bei weitem suggestivste und im wahrsten Sinne eindringlichste Umsetzung der bekannten Thomasgeschichte aus dem "Johannesevangelium" dar. Seine Darstellung ist ganz und gar konzentriert auf die Wundberührung durch Thomas, auf den taktilen Beweis, den der ungläubige Jünger fordert, um an die Auferstehung Jesu zu glauben.

Das "Johannesevangelium" ist das einzige der vier Evangelien des Neuen Testaments, das Thomas' Ungläubigkeit schildert. Von einer Wundberührung ist darin nicht die Rede. So heißt es dort:

"Nach acht Tagen waren die Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, hast du geglaubt. Selig, die nicht sehen und doch glauben."

Eine falsche Darstellung?

Damit endet die Passage. Seltsam jedoch ist nicht nur, dass der Text mitnichten davon spricht, dass Thomas Jesus berührt hat, seltsam ist es zudem, dass "just das einzige, was die meisten Menschen über den ungläubigen Thomas zu wissen glauben, nämlich dass er die Finger in Jesu Wunden steckte, nach dem Text des Johannesevangeliums falsch ist", betont der Altphilologe Glenn Most.

Tatsächlich ist Thomas für uns derjenige, der seinen Glaubenszweifel nur durch Berührung zu überwinden vermochte. Er ist der Prototyp des starrköpfigen Zweiflers, der nur das zu begreifen vermag, was er mit eigenen Händen greifen kann. Ein wackliger Kandidat für jeden Glauben, heißt es doch bei Paulus:

"Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, überzeugt sein von Dingen, die man nicht sieht."

... geschweige denn mit dem Finger berührt. Aber auch Paulus weiß, dass sich die Menschen vorzugsweise Gewissheit von dem versprechen, was ihnen durch sinnfälligen Augenschein oder als handgreifliche Tatsache gegeben ist.

Dass sinnliche Gewissheit mit Blindheit geschlagen ist, davon spricht seit Platon ebenso die Philosophie. Allein das Auge des Geistes - die Vernunft - sei in der Lage, Einblick in das wahre Wesen der Dinge zu gewinnen. Und dorthin können weder der Sehstrahl eines Auges noch die Spitze eines Zeigefingers gelangen. Dennoch sind, wie der Altphilologe Ludwig Friedländer hervorhebt, Philosophie und Christentum -

"... durch eine Kluft getrennt, über die keine Brücke führt. Der Begriff einer absoluten, auf übernatürlicher Offenbarung beruhenden Wahrheit fehlte ganz, und damit das Verständnis dafür, dass der Glaube und vollends die Unterordnung der Vernunft unter den Glauben eine erlösende und beseligende Kraft haben könnte."

Zweifel am "unvernünftigen" Glauben

In diesem Sinne erklärt der spätantike Kirchenvater Tertullian:

"Gottes Sohn ist gestorben: das ist glaubhaft, weil es eine Torheit ist. Er ist begraben und wieder auferstanden: das ist ganz sicher, weil es unmöglich ist."

Denn "credo quia absurdum est", lautet die Wendung, die gleichfalls Tertullian zugeschrieben wird. "Ich glaube, gerade weil es unvernünftig ist." Diese ablehnende Haltung gegenüber der Philosophie und ihrem Streben nach einer vernunftgemäßen Wahrheit wird sich jahrhundertelang durch die Glaubensgeschichte von Christentum und Theologie ziehen.

Aber ebenso hört der Zweifel an diesem "unvernünftigen" Glauben nicht auf, seine Fragen zu stellen. Bohrend wie der Zweifel des ungläubigen Thomas.

"Wenn ich nicht an seinen Händen das Mal der Nägel sehe und meinen Finger in das Mal der Nägel lege und meine Hand in seine Seite lege, werde ich nimmermehr glauben." (Johannesevangelium)

Dazu der Altphilologe Glenn Most: "Statt ein für alle Mal zu verstummen, werden die Fragen immer wieder laut. Es ist, als ob der Riss, den Thomas' hyperbolischer Zweifel im Gewebe des Glaubens verursacht hat, nicht mehr zu schließen, sondern zu einer schmerzhaften unheilbaren Wunde geworden wäre."

Denn von Anfang an steht viel auf dem Spiel. Schließlich übersteigt das christliche Dogma von der Menschwerdung Gottes und der Auferstehung Christi alle Vernunft. Es ist, wie es bereits bei Paulus heißt, für die Vernunft "eine Torheit", für die Berufenen aber "Gottes Weisheit".

Sinnliche Gewissheit führt nicht zum Glauben

Daher nimmt es nicht Wunder, dass die Gestalt des Zweiflers immer wieder ins Spiel kommt. Als könnte seine Geschichte die Begreifbarkeit des eigentlich Unbegreifbaren befördern. So lässt der griechische Kirchenvater Johannes Chrysostomos in einer Predigt Thomas sagen:

"Ich, Thomas, bin gründlich belehrt worden, dass Christus Herr und Gott ist. Ich habe Christus mit meiner Hand berührt, und ich habe die Wahrheit gefunden: Durch die eigenen Finger habe ich mich vergewissert."

Auch Augustinus räumt den Nutzen der Thomasgeschichte ein, da sie der Lehre von der Auferstehung Christi Anschaulichkeit und Nachdruck verleihe. Er verneint allerdings die Möglichkeit einer taktilen Glaubensvergewisserung. Wie für Paulus führt auch für ihn kein Weg von der sinnlichen Gewissheit zum Glauben. In seinem Traktat zum Johannesevangelium stellt er daher klar:

"Thomas glaubte nicht das, was er sah, sondern er sah das eine und glaubte das andere; er sah nämlich einen Menschen, und er glaubte an Gott. Er sah und berührte lebendiges Fleisch, das er hatte sterben sehen, und er glaubte an Gott, der in ebendiesem Fleisch verborgen war."

Aber - so hebt der Theologe Jörg Frey hervor:

"An der tatsächlichen Berührung haben auch die größten Johannesausleger nicht zu zweifeln gewagt. Die Auffassung, dass Thomas tatsächlich die Wunden Jesu berührt habe, wurde zum festen Bestandteil der christlichen Orthodoxie."

Blicken wir noch einmal auf Caravaggios "Ungläubigen Thomas". Dass dessen Finger lebendiges Fleisch berührt, wer wollte das bezweifeln. Schließlich bietet Caravaggio seine ganze Kunst auf, um dies dem Betrachter mit aller Drastik vor Augen zu führen. Er belässt es jedoch nicht bei der Berührung.

Weit schon ist sein Finger in das Innere der Wunde eingedrungen und scheint immer weiter noch eindringen zu wollen. Als suche sich der Ungläubige über das bloße Berühren hinaus, einen Weg hin zu dem zu bahnen, der tief in diesem sterblichen Fleisch verborgen sein soll, um so das Wunder des Glaubens zu erfahren.

Bacon, Bruno und die Gegenreformation

Als Caravaggio zwischen 1601 und 1603 das Bild malt, hatte bereits eine neue Zeit begonnen. Die Welt wurde eine andere. 1543 hatte der Astronom Kopernikus mit seiner Schrift "Von den Umdrehungen der Himmelskörper" das geozentrische Weltbild des Mittelalters ins Wanken gebracht. Der Philosoph Francis Bacon, der als Begründer des Empirismus gilt, hatte den Weg für die Herrschaft des naturwissenschaftlichen Denkens in der Neuzeit gebahnt. Der Dominikanermönch Giordano Bruno hatte in Anknüpfung an die antike Naturphilosophie seine pantheistische Kosmos- und Weltenschau entworfen.

Zugleich ist es die Zeit der Gegenreformation, das heißt der Erneuerungsbewegung der katholischen Kirche, die seit Mitte des 16. Jahrhunderts zunehmend das religiöse und politische Klima in Europa bestimmt. 1592 hatte Clemens VIII. sein Pontifikat angetreten. Ein unbeugsamer Papst, der weder die Wissenschaft noch die Philosophie verschonte. Auf seine Entscheidung hin wird Giordano Bruno nach siebenjähriger Kerkerhaft am 17. Februar 1600 auf dem Campo dei Fiori in Rom als Ketzer verbrannt. Der Schriftsteller Nino Filastò mutmaßt:

"Vielleicht befand sich Caravaggio in der Menschenmenge, die der Hinrichtung beiwohnte. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat Caravaggio nichts von Giordano Bruno gelesen. Dennoch ist es möglich, dass dessen Ideen im damaligen Rom auch unter der geistigen Elite im Rom Clemens' VIII. kursierten, und so auch in dem einen oder anderen philosophischen Zirkel, dem Caravaggio angehörte."

Inwieweit das zutrifft, wissen wir nicht. Auf jeden Fall lag etwas Neues in der Luft. Auch dieser ketzerische Gedanke Giordano Brunos:

"Deus naturaque - Es ist ein und dieselbe Kraft, die man Gott oder Natur nennen kann."

"Deus naturaque" - die Formel verweist fast schon auf die Lehre des niederländischen Philosophen Baruch de Spinoza. Bei Giordano Bruno findet sich die Wendung gleich an mehreren Stellen. Sie besagt: Gott existiert nicht als ein jenseitiger Weltenschöpfer außerhalb seiner Schöpfung, sondern Gott hat sich gerade in seiner Schöpfung verwirklicht - in dem natürlichen Universum mit seinen unendlichen möglichen Welten.

Eine Annahme mit weitreichenden Konsequenzen - ein frühes Stück "Aufklärung", wie der Philosoph Hans Blumenberg betont. Er führt aus:

"An dieses Universum hat sich die Gottheit bereits in der Schöpfung voll ausgegeben. Da sie nichts zurückhielt, bleibt ihr gegenüber keinem Wesen dieser Welt etwas nachzuholen. Das Universum hält keinen designierten Ort und kein ausgezeichnetes Substrat für die göttliche Heilstat mehr bereit - für die Inkarnation, für das auf den Menschen zentrierte und das Universum in Miterlösung ziehende Heilsgeschehen."

Historisches Wissen oder absoluter Glaubensanspruch

Und damit besteht auch keine Veranlassung mehr für das, was die Evangelien des Neuen Testaments als Dogma verkünden. Welche Wahrheit aber können dann die Evangelien noch beanspruchen? Welche Gewissheit, die über das hinausgeht, was sie als bloß historische Dokumente an Glaubensvorstellungen ihrer Zeit abbilden?

Im 18. Jahrhundert, im Zeitalter der Aufklärung, wird der Dichter und Philosoph Gotthold Ephraim Lessing mit ebendiesen Fragen auf die Kluft hinweisen, die zwischen historischem Wissen und absolutem Glaubensanspruch liegt - auf den Graben, den auch die Vernunft nicht zu überbrücken vermag. So schreibt Lessing:

"Man sagt freilich: der Christus hat es selbst gesagt, dass er vom Tode erstanden, dass Gott einen Sohn gleichen Wesens habe, dass Er dieser Sohn sei. Das wäre ganz gut! Wenn nur nicht, dass dieses Christus gesagt, gleichfalls nicht mehr als historisch gewiss wäre. Das, das ist der garstige breite Graben, über den ich nicht kommen kann, so oft und ernstlich ich auch den Sprung versucht habe."

Womöglich ist in Caravaggios "Ungläubigem Thomas", ist in dessen penetrantem Zweifel, bereits etwas von einem solch "garstigen breiten Graben" zu spüren, über den der Ungläubige "nicht kommen kann". Schon gar nicht mit seinem weit ausgestreckten Zeigefinger, der nach einem hieb- und stichfesten Beweis für den Glauben zu suchen scheint.

Denn nicht nur führt kein Weg von der sinnlichen Gewissheit zum Glauben, ebenso wenig wird man auf dem Weg - griechisch "méthodos" - empirisch wissenschaftlicher Vorgehensweise dorthin gelangen.

Unberührt von all dem erscheint Jesus. Voll Nachsicht für die Schwierigkeiten der Menschen auf ihrem Weg, ihm zu folgen. Er hat Thomas' Hand umfasst und führt sie selbst an seine Wunde. Wohlwissend, dass sich die unvergängliche Wahrheit seiner Lehre nur über seinen sterblichen Leib erschließt.

Dazu der Literaturwissenschaftler Mario Dal Bello:

"Heilige und menschliche Geschichte fallen - wie so oft bei Caravaggio - auch hier zusammen. Er vertieft sich in die Erforschung menschlicher Empfindsamkeiten, und es gelingt ihm sogar, die Emotionen des Auferstandenen zu erfassen."

Caravaggios Gemälde - ein Bekenntnis zur Gegenreformation?

Vermutlich hat man deshalb Caravaggios "Ungläubigen Thomas" häufig als ein Bekenntnis zur Gegenreformation gedeutet. Im Unterschied zu den Reformatoren legte die katholische Erneuerungsbewegung wieder großen Wert auf die bildhafte Anschaulichkeit der biblischen Erzählungen. Nicht zuletzt auf die Wundertaten Jesu sowie auf körperliche und seelische Einfühlung als Mittel und Weg zum Glauben - auf Einfühlung vor allem in die Passion.

Am 23. März 1584 hält der Erzbischof von Mailand Karl Borromäus, ein überzeugter Vertreter der Gegenreformation, im dortigen Dom eine glühende Predigt:

"Es muss uns so tief ergreifen, dass wir all die Folterqualen, die der Herr in seinem Fleisch erduldet hat, in unserem eigenen Fleisch verspüren, dass diese Wunden in unserm Innern neu erstehen. "Streck deinen Finger aus", sprach er namentlich zu Thomas. Denn es ist sein Wunsch, dass wir in seine Wunden eindringen und in ihnen lesen, was drinnen geschrieben steht."

Mailand ist auch die Geburtsstadt Caravaggios, der zu diesem Zeitpunkt knapp dreizehn Jahre alt ist. Wie stark das Klima der Gegenreformation den späteren Maler und sein Werk geprägt hat - auch das lässt sich nicht genau sagen.

Was wir aber sehen, ist sein Bild. Wir sehen den ungläubigen Jünger mit den weit aufgerissenen Augen und den hochgezogenen Stirnfalten. Sehen dessen Zweifel, der nicht aufhören kann, immer weiter zu fragen und zu bohren. Und wir sehen Jesus. Keinen verklärten Gott, sondern den Menschen. Einen "maßgebenden Menschen", wie der Philosoph Karl Jaspers Jesus genannt hat. Maßgebend durch seine Lebenswirklichkeit sowie durch seine "Leidensfähigkeit und Leidenswahrhaftigkeit".

"Diese Realität Jesu wurde überlagert. Jesus wurde in Christus den Gottmenschen verwandelt, aus seiner menschlichen Wirklichkeit in einen Gegenstand des Glaubens", fährt Jaspers fort.

Und dieser Glaube, das "credo quia absurdum est", "ich glaube, gerade weil es absurd, weil es unvernünftig ist", bindet an ein Dogma. Das heißt, bindet an ein absolutes Fürwahrhalten, wie es in den Evangelien kanonisiert und als glaubensverbindlich festgeschrieben wurde. Für die Philosophie jedoch, so Jaspers weiter -

"... ist der Gottmensch eine in die Irre führende Absurdität."

Vielleicht deutet Thomas' Zweifel sogar auf diesen Zerreißpunkt im Gewebe des Glaubens. Jedenfalls sehen wir bei Caravaggio keinen Thomas, an dem sich das Wunder des Glaubens vollzieht.

Stattdessen bringt Caravaggio in seinem Bild jene Maßgeblichkeit zum Ausdruck, die in der historischen Gestalt Jesu zu einer geschichtlich singulären Wirklichkeit geworden ist.

Hell und zum Greifen nah ist seine Wunde. Im Halbschatten hingegen liegt sein Gesicht, liegt das zwischen Geduld, Ergebenheit, Nachsicht und Gewissheit changierende Mienenspiel Jesu. Als sammle sich dort das eigentlich Unbegreifbare seiner menschlichen Existenz. Und als müsse dies als ein stets neu zu ergründendes Geheimnis bewahrt bleiben. 

Oder mit den Worten Karl Jaspers': "Es ist wie eine keine Ruhe lassende Frage an uns."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk