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StartseiteKalenderblattDer unpeinliche Illustrator der Politik18.09.2008

Der unpeinliche Illustrator der Politik

Vor 50 Jahren starb "Simplicissimus"-Karikaturist Olaf Gulbransson

Alle liebten ihn: die Frauen, der Kronprinz Rupprecht von Bayern, Karl Valentin, Hermann Hesse - die Liste ist lang. Der aus Norwegen stammende Maler, Zeichner und Karikaturist Olaf Gulbransson karikierte sie alle, Freund und Feind gleichermaßen. Berühmt wurde er durch seine Tätigkeit für den "Simplicissimus", das erste satirische Massenblatt in Deutschland.

Von Carmela Thiele

Sein Leben ist überliefert als eine Anekdotensammlung, und er selbst hat mit seinen gezeichneten Erinnerungsbüchern dazu beigetragen. Olaf Gulbransson war einer der berühmtesten Zeichner des von Albert Langen gegründeten "Simplicissimus", die seit 1896 Politik und Gesellschaft den Spiegel der Satire vorhielt. Wie der Zeichner nach München in die Redaktion des "Simpl" kam, gab Gulbransson während eines Interviews anlässlich seines 80. Geburtstags zum Besten:

"Da schreit einer runter zu mir: Du, da ist ein Telegramm für Dich hier! Also gut, plumpste ich runter. Telegramm war von Langen, den kannte ich nicht, hatte ich nie gesehen, der bietet mir ein festes Fixum, so und so und so. Und wenn du es tun kannst, warum denn nicht. Es kost mich ja nix."

Das war 1902. Gulbransson war 29 Jahre alt und in Norwegen bereits ein gesuchter Illustrator. Als er nach München kam, sprach er kein Wort deutsch. Die Texte zu seinen Karikaturen kamen von den Redakteuren der Zeitschrift, von Ludwig Thoma oder Korfiz Holm, der 1932 rückblickend das Erscheinen des Norwegers in der Schwabinger Bohème beschrieb:

"Den untersetzten Leib umspannte ... ein graugrüner Anzug von der Mode völlig abgewandtem Schnitt ... Vereint mit einem sehr breitkrempigen Schlapphut, hätte ihm diese Tracht vielleicht etwas von einem Quäkerprediger gegeben, wäre der Mensch, der darin stak, nicht ein muskelstarrender Athlet, und wäre sein, nach eigenem Ausdruck "eskimoisches Gesicht" nicht so ungeistlich gewesen ... ""

Sich selbst karikierte Gulbransson als massigen Seehund. Er arbeitete gerne mit der geschlossenen Umrisslinie wie sie - vermittelt über den japanischen Holzschnitt - in Europa Mode geworden war. Kontur und Binnenzeichnung reduzierte er auf ein absolutes Minimum. Treffender als andere überzeichnete er Körperhaltung und Mimik. Die pazifistische Schriftstellerin Annette Kolb sah sich von der krassen Darstellung ihres zerklüfteten Gesichts "wie ins Herz getroffen" und dankte Gulbransson für das Cover ihres Essaybandes "Kleine Fanfare". Die Autoritäten des Kaiserreichs dagegen waren gar nicht erfreut über die freche Feder des Humoristen. Berühmt ist das Blatt "Kaisermanöver - Seine Majestät erklären dem Prinzen Ludwig von Bayern die feindlichen Stellungen", das 1909 im Simplicissimus erschien. Während der Kaiser sich schneidig in Positur wirft, steht der alte Bayer verdruckst da. Ein Rezensent der Hamburger Nachrichten 1912 über die Illustrationen Gulbranssons:

"Seine komischen Typen sind jeglichen Erdenballastes entkleidet, wir sehen gleichsam durch Kleidung und Fleisch hindurch und gewahren so im Grunde der Menschen die traurige Vogelscheuche in ihrer ganzen Nichtigkeit."

Gulbransson begriff sich vor allem als Künstler. 1929 wurde er Professor an die Münchener Akademie, ein Amt, das er bis zu seiner Emeritierung 1943 inne hatte. 1933, mit der Machtübernahme der NSDAP, kam die Kehrseite seines heiteren Wesens zutage: Seine politische Naivität. So ließ er sich dazu verleiten ließ, einen "Offenen Brief" gegen Thomas Mann zu unterschreiben. Das kostete ihm die Sympathie einiger Freunde. Golo Mann jedoch, Historiker und Sohn des Schriftstellers, beschwichtigte 1967 die Frau Gulbranssons:

"Dass Sie eine Biografie Olaf Gulbranssons schreiben, finde ich sehr schön. Aber mit der Rechtfertigung seiner Haltung im Dritten Reich, darauf würde ich nicht viel Zeit verwenden ... Die Gestalt des großen Künstlers ist doch über diesen Dreck erhaben ... "

Es kursierten sogar Gerüchte, Gulbransson hätte Simpl-Kollegen denunziert. Daraufhin wandten sich der Maler Max Liebermann und die Musiker Adolf Busch und Rudolf Serkin von ihm ab. Gulbransson versuchte die Missverständnisse aus dem Weg zu räumen - ohne großen Erfolg. Die zweite Hälfte seines Künstlerlebens verlief recht prosaisch. Seit 1929 wohnte die Simpl-Legende auf dem Schererhof bei Tegernsee, wo er weiterhin zeichnete und Gäste empfing. Dort starb er am 18. September 1958 im Alter von 85 Jahren. Bis zum Schluss hatte die norwegische Urgewalt das Leben des unangepassten Bohemiens zelebriert. Dagny Gulbransson beschrieb ihren Mann, der einmal bissige Satiren zeichnen und dann wieder völlig unpolitisch sein konnte:

"Er ist ja wie eine Insel. Er lässt ja nichts an sich herankommen."

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