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StartseiteKultur heuteDer Verlust eindeutiger Fronten10.03.2011

Der Verlust eindeutiger Fronten

Politische Lyrik in Zeiten des Pluralismus

"Ich glaube, politische Lyrik muss auch eingängig sein." Viele Gedichte seien zu verklausuliert, so die Einschätzung des Schriftstellers Dirk von Petersdorff. Zudem fehle es an klaren politischen Fronten, sodass es diese Art von Lyrik heute schwerer habe als noch zu Heinrich Heines Zeiten.

Dirk von Petersdorff im Gespräch mit Karin Fischer

Heinrich Heine, am 9. November 1827 gezeichnet von Ludwig Emil Grimm (AP Archiv)
Heinrich Heine, am 9. November 1827 gezeichnet von Ludwig Emil Grimm (AP Archiv)
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Gedichte ent-revolutionieren?

Karin Fischer: Neue Gedichte über Politik druckt die Wochenzeitung "Die Zeit" von heute an und das ganze Jahr über. Elf Lyrikerinnen und Lyriker, die durchaus schon einen Namen haben in ihrem Fach, wurden eingeladen, sich explizit mit Politik zu beschäftigen. Bernd Ulrich, Politikchef der "Zeit", beschreibt seine charmante Idee als Versuch, uns aus dem Konzept zu bringen, und begründet sie so:

"Wir haben ja in den letzten Jahren einige Erfahrungen machen müssen, auch mit den Begrenztheiten von politischem Journalismus. Man hat das Gefühl, dass bestimmte Signale aus der Politik beim Volk zwar ankommen, aber von uns nicht komplett verarbeitet werden konnten. Und jetzt hoffen wir, dass durch die Lyriker, die wir mit Politik in Berührung bringen, dass andere Blickwinkel eingeführt werden, dass andere Gefühle, andere Zwischentöne erfasst werden, als wir das tun."

Fischer: Drei Gedichte von Jan Wagner, Marion Poschmann und Monika Rinck sind heute schon abgedruckt. Rinck etwa schreibt, "Selig sind die Lyrikerinnen, denn sie werden die Streitkräfte übernehmen. Sie werden die Befehle verklausulieren, bis sie einschlagen wie Bomben." – Das klingt fast wie eine Utopie in Zeiten, in denen wir täglich über Kampfhandlungen in Afghanistan unter Beteiligung deutscher Soldaten berichten. Aber so eindimensional sind die Bezüge natürlich nicht. Die Frage ging vor der Sendung an den Experten für politische Lyrik, den Schriftsteller Dirk von Petersdorff: Was kann Ihrer Ansicht nach dieses Projekt denn leisten?

Dirk von Petersdorff: Ja, also erst mal finde ich die Idee sehr gut, die dahinter steht, dass man sagt, wir nehmen die Lyriker mit nach Berlin - die haben sich ja offenbar mit Abgeordneten und Politikern getroffen -, um da ganz verschiedene, gesellschaftlich ja meistens getrennte Bereiche zusammenzubringen und auch zu sagen, wer ein politisches Gedicht schreiben will, der tut auch gut daran, einfach diese politische Welt, die ja sonst doch auch verschlossen ist, kennenzulernen. Das ist, glaube ich, erst mal ein sehr, sehr guter Impuls.

Fischer: Nun leben wir heute ja in einer Welt, in der die ideologischen Blöcke sich weitgehend aufgelöst haben. Wenn wir in die Geschichte der Gattung mal schauen, dann hatte es die politische Lyrik im engeren Sinn schon einfacher.

von Petersdorff: Ja, das ist jetzt das zweite. Also nach dem eigentlich sehr guten Impuls hätte ich auch Bedenken und die Frage, ist es eigentlich eine Zeit für politische Lyrik, zumindest in unseren Bereichen. In anderen Weltgegenden kann es ganz anders aussehen. Politische Lyrik entsteht ja doch häufig in Situationen einer sehr starken ja Aufwallung, Begeisterung, benötigt vielleicht auch relativ klare Fronten. Sie haben am Anfang schon gesprochen von einer utopischen Energie. Das alles ist ein Nährboden für politische Lyrik, dann kann sie zünden, dann kann sie begeistern, mitreißen. Ob wir jetzt in einer solchen Situation sind, politisch, das ist die Frage.

Fischer: Jenseits des anderen Blicks, den die Literatur ja grundsätzlich auf die Wirklichkeit bereithält, ist es denn so, dass das politische Gedicht heute komplett fehlen würde? Also haben die Tucholskys und Brechts, die Jandls und Rühmkorfs und Volker Brauns, haben sie keine Nachfolger?

von Petersdorff: Tatsächlich in sehr, sehr geringem Maße. Das ist wohl auch der Impuls der Zeit erst mal gewesen, zu sagen, wo ist das eigentlich geblieben. Und die Autoren, die älteren, die eine Zeit lang politische Lyrik geschrieben haben, haben sich ja teilweise selber auch zurückgezogen. Also Peter Rühmkorf: in seinen späteren Werken spielt das Politische keine große Rolle mehr. Bei Enzensberger spielt es keine große Rolle mehr. Das hat sicherlich mit dem Verlust sehr eindeutiger Frontstellung zu tun. Man muss sich ja auch fragen: Was kann ein politisches Gedicht eigentlich leisten, was es besser und anders kann als ein, sagen wir, Zeitungsartikel, oder als ein Radio-Feuilleton? Dann müsste das Gedicht ja etwas ganz eigenes können, und da braucht es, hat es eine rhythmische Energie, die es einsetzen kann, aber dann muss es auch zünden, dann muss es auch Verse geben, wo man sagt, ja, das reißt auch mit. Also bei Heine zum Beispiel manche politischen Verse, so was wie "Deutschland, wir weben dein Leichentuch, wir weben hinein den dreifachen Fluch", so was, das war gute politische Lyrik, die reißt dann auch mit. Und heute? – Ja, das ist dann teilweise etwas verklausuliert, man muss lange überlegen, versteht es nicht. Ich glaube, politische Lyrik muss auch eingängig sein, das muss sofort sitzen und ziehen.

Fischer: Wie beurteilen Sie unter diesem Blickwinkel die heute veröffentlichten Gedichte?

von Petersdorff: Also diesen ersten Vers, den Sie auch zitiert haben, "Selig sind die Lyriker, denn sie werden die Streitkräfte übernehmen", das ist, glaube ich, ein guter Anfang, weil das so ein Vers ist, ein erster Vers, der nimmt mit hinein in dieses Gedicht. Und dann ist es ein utopisches Gedicht über eine ganz anders gestaltete Welt, in der das Militärische keine Rolle mehr spielt. Es ist vielleicht kein im ganz engen Sinne politisches Gedicht, aber ein schönes Gedicht, was, finde ich, eine ganz anders gestaltete Welt vorstellt.
Dann ist eines da, die zwei Körper der Kanzlerin. Da würde ich sagen, guter Titel, die zwei Körper der Kanzlerin. Ich muss dann zugeben, ich habe das Gedicht nicht so genau verstanden, was diese zwei Körper eigentlich sind. Ich würde sagen, schlicht zu kompliziert für politische Lyrik.
Und das dritte, Jan Wagner: Der macht es ja eigentlich so, dass er sagt, ja, ich erfülle eure Erwartungen nicht, ich schreibe ein Naturgedicht, was man dann indirekt auf Politik beziehen kann, aber es ist kein in direkter Weise politisches Gedicht. Also wenn man sich so Klassiker anguckt aus den 70er-Jahren, meinetwegen von Rühmkorf, wo er dann die Genossen anredet - und das ist in den SPD-Ortsvereinen ja auch gesungen worden, es ist vertont worden -, na ja, davon sind wir ein ganzes Stück weg.

Fischer: Dirk von Petersdorff war das mit einem kleinen Exkurs zum Thema politische Lyrik heute.

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