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StartseiteCorsoDer virtuelle Mob08.05.2012

Der virtuelle Mob

Thomas Pigor singt das Chanson des Monats Mai

Im Mai besingt Thomas Pigor die Kommentarspaltenwüstlinge, Netzwerkmobber und Webquerulanten. Diesen Ewignörgelnden sei es gelungen, die klassischen Untugenden des analogen Leserbriefschreibers noch um zwei weitere zu ergänzen: schlechtes Deutsch und eine vulgäre Ausdrucksweise.

Thomas Pigor (Rampensau)
Thomas Pigor (Rampensau)

Thomas Pigor ist ein deutscher Kabarettist, Liedermacher, Buchautor und Komponist. Pigor ist seit Ende der 1970er-Jahre als Musikkabarettist mit verschiedenen Bühnenprogrammen unterwegs. Seine Texte beziehen sich vorzugsweise auf aktuelle Ereignisse und er gilt als einer der Erneuerer des deutschen Chansons.

Kritiken belegen, dass er das angestaubte Chansongenre frisch gemacht hat und beweist, dass Kleinkunst mitnichten zweite Wahl sein muss. Er ist die eine Hälfte des Duos "Pigor singt" - "Benedikt Eichhorn muss begleiten". Für ihre "Großstadtsongs des ausgehenden Jahrhunderts" erhielten die beiden den deutschen Kleinkunstpreis. Zum Jahresende 2010 waren sie dann auch die Gewinner des ersten "Deutschen Chanson-Preises". Ihr Erfolgsrezept: "Bei uns", sagt Pigor, "hat nicht die Melodie Vorrang, sondern die Logik der Sprache."


Der virtuelle Mob

Text u. Musik: Thomas Pigor

Ich bin der König aller Foren, ich bin überall präsent
Ich bin unflätig, zotig und impertinent
Mein Deutsch ist erbärmlich, meine Wortwahl vulgär
Orthographie ist mir lästig und zu elitär

Ich gebe ungefragt zu allem meinen Senf dazu
Ich hab von nichts eine Ahnung und ich respektiere kein Tabu
Ich pöble wild drauf los auch ohne triftigen Grund
Reflexartig wie ein Pawlowscher Schweinehund

Ich bin der Abschaum
Ich krieche über deinen Desktop
Hallo!
Ich bin der virtuelle Mob

Ich will alles umsonst und zwar sofort per Mausclick
Ich finde Urheberrechte nerven nicht nur in der Musik
Ich rippe alle neuen Kinofilme und Videoclips
Cool! Und ich liebe Gossips

Ich fordere Freiheit im Netz und das Recht abzufahrn
Auf folternde Marines und auf nackte Taliban
Ich mobbe deine Kinder im virtuellen Schulhof
Baby sieh dich vor, dass ich dich nicht irgendwie doof

Finde, oder provokant gegen meine Norm
Wenn du mir gegen den Strich gehst, werde ich zum Shitstorm
Ironie, ich weiß nicht, wie sowas geht
Ich kapier den Witz nie, wenn kein Smiley dahintersteht

Ich bin der Abschaum
Ich krieche über deinen Desktop
Hallo!
Ich bin der virtuelle Mob

Ich bin immun gegen Logik, die Macht des Arguments
Aufaddierte Ignoranz heißt bei mir Schwarmintelligenz
Im Zweifelsfalle reagiere ich national
Ich bin altersrassistisch und antiliberal

Ich fordere die Todesstrafe für den pädophilen Morast
Die Herausgabe der Täter an den Flashmob vor dem Knast
Ich bin das Mobbingmonster, das unbekannte Ungetüm
Du kannst mich nicht fassen, denn ich bin und bleibe anonym

Thorsten, Essen ist fertig!

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