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StartseiteForschung aktuellDer "Wahrheit" verpflichtet02.04.2012

Der "Wahrheit" verpflichtet

Neuer Lügendetektor kombiniert Wärmebilder mit Mimik-Analysen

Technologie.- Lügendetektoren sind heute vor den meisten Gerichten der Welt nicht als Beweismittel zugelassen. Sie sind zu unzuverlässig und zu unpraktisch. Ein britischer Wissenschaftler hat nun ein Gerät entwickelt, das versucht, beide Probleme gleichzeitig anzugehen.

Von Fanny Jimenez

Ein herkömmlicher Lügendetektortest in Mexico City (AP Archiv)
Ein herkömmlicher Lügendetektortest in Mexico City (AP Archiv)
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Wer lügt, wird nervös. Das Herz beginnt schneller zu schlagen, die Atmung verändert sich, die Hände schwitzen. Ein klassischer Lügendetektor, auch Polygraf genannt, misst diese physiologischen Parameter kontinuierlich und zeichnet sie auf. Für Experten liefern diese Muster Hinweise darauf, wann jemand während einer Befragung angespannt reagiert. Doch es gibt zwei grundlegende Probleme. Bedeutet Nervosität automatisch, dass der Befragte lügt? Und wie soll man das Gerät praktisch einsetzen, wenn man jede Person für den Test erst langwierig verkabeln muss? Hassan Ugail vom "Centre for Visual Computing" an der britischen University of Bradford, arbeitet derzeit an einem neuen Lügendetektor. Einem, der alltagstauglich ist - und der zuverlässiger unterscheiden soll, ob jemand tatsächlich lügt oder einfach aufgeregt ist.

"Unsere Idee war es, eine Alternative zum klassischen Polygrafen zu entwickeln. Das größte Problem dabei ist, dass die getestete Person einverstanden sein muss mit der Messung der Durchblutung, des Herzschlags, der Hautleitfähigkeit und so weiter. Außerdem muss man die Messgeräte direkt am Körper der Person anbringen. Deshalb war unsere Idee, einen Lügendetektor zu entwickeln der nicht invasiv ist."

Für seine Entwicklung kombiniert der Mathematiker eine normale Videokamera mit einer Wärmebildkamera. Während Hassan Ugail die Probanden befragt, zeichnet die hochauflösende Wärmebildkamera die Durchblutung rund um die Augen auf – so genau, dass der Forscher einzelne Blutgefäße analysieren kann.

"Wir schauen uns erst eine normale Situation an, wenn eine Person entspannt ist und die Wahrheit erzählt – und dann schauen wir uns die Durchblutung rund um die Augen an und erstellen ein Temperaturprofil für diesen Teil des Gesichtes. Dann prüfen wir den Blutfluss wieder, in einer Situation, wo die Person uns möglicherweise belügt, und berechnen die Differenz. Wenn wir das tun, schauen wir nicht nur auf eine Temperaturerhöhung – es könnte auch ein Abfall sein – sondern wir schauen auf die Variation."

Dieser Vergleich verringert das Risiko, reine Aufregung mit einer Lüge zu verwechseln. Das individuelle Temperaturprofil ergänzt Hassan Ugail durch eine von Psychologen entwickelte Methode zur Gesichtsanalyse. In den Aufnahmen der Videokamera untersucht der Wissenschaftler jeden Ansatz eines Gefühlsausdrucks in der Mimik der Teilnehmer – und kann sie oft selbst dann entdecken, wenn eine Emotion unterdrückt wird und nur für Millisekunden zu sehen ist. Der Einsatz der Kameras ist praktisch, denn der Mathematiker kann sie unauffällig oder sogar unsichtbar positionieren. Das verhindert, dass der Befragte durch die Messtechnik selbst nervös wird oder versucht, sein Verhalten zu kontrollieren– häufige Vorwürfe an den alten Polygrafen. Die Kombination beider Techniken schützt zusätzlich vor Betrug.

"Einige Schauspieler könnten vielleicht unsere Gesichtsanalyse an der Nase herum führen – aber deshalb verwenden wir zwei Systeme und verlassen uns nicht nur auf den visuellen Bereich. Dort ist eine Täuschung noch möglich, man kann etwa versuchen gar keinen Gesichtsausdruck zu zeigen und nur zu reden. Aber wir sehen gleichzeitig das Wärmebild, und es ist sehr schwierig, den Blutfluss im Gesicht zu kontrollieren, den Herzschlag und so weiter.. Da sieht man die Diskrepanz im Wärmebild dann recht einfach, recht schön."

Bisher hat Hassan Ugail 40 Probanden im Labor getestet. 75 Prozent derjenigen, die logen, konnte er korrekt identifizieren. Doch einige wurden auch zu Unrecht der Lüge bezichtigt, während andere unerkannt mit einer Lüge davon kamen. Der Mathematiker arbeitet derzeit an der Verfeinerung seiner Methode.

"Der nächste Schritt für uns ist die Erfolgsquote auf 90 Prozent anzuheben - also noch mehr Versuchsergebnisse zu sammeln und unseren Algorithmus zu verbessern. Und dann möchten wir daraus ein kommerzielles Produkt entwickeln, das hoffentlich bei der Polizei, Grenzkontrollen oder in anderen Interview-Situationen Anwendung findet."

Momentan unterstützt der neue Lügendetektor bereits auch probeweise die englische Grenzpatrouille auf einem Flughafen. Details dazu darf Hassan Ugail nicht verraten. Doch er weiß, dass auch sein Detektor zukünftig trotz aller Bemühungen nicht fehlerlos Wahrheit und Unwahrheit voneinander unterscheiden können wird. Denn beide sind relative Größen, nicht nur für die Messgeräte, sondern auch für Menschen selbst. Sein Ziel ist es deshalb nicht, den neuen Lügendetektor als Beweismittel zu etablieren. Seine Entwicklung soll eine Entscheidungshilfe sein – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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