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StartseiteCorsoVom Punk zum Hipster-Chansonnier22.07.2017

Der wandelbare Newcomer Max Richard LeßmannVom Punk zum Hipster-Chansonnier

Max Richard Leßmann macht mit seiner Band Vierkanttretlager seit zehn Jahren düsteren Indierock. Sein erstes Soloalbum ist eher von Dean Martin oder den Comedian Harmonists beeinflusst. Die Gründe? Liegen in seiner Kindheit.

Von Bernd Lechler

Max Richard Leßmann, Sänger der Band "Vierkanttretlager". (Ingo Petramer)
Max Richard Leßmann, Sänger der Band "Vierkanttretlager". (Ingo Petramer)
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Es ist schon eine Verwandlung! 

Zuletzt schickte er mit Vierkanttretlager Schwermut und Zorn und ver­zerrte Gitarren­akkorde von der Nordsee in die Welt. Bei seinem Soloalbum nun reden erste Rezen­senten von Zwanziger-Jah­re-Schla­ger, Dean Martin, Beach Boys, Hildegard Knef.

Und das alles möglicherweise, weil Max Richard Leßmanns Eltern Ende der 90er die Soundtrack-CD zu Joseph Vilsmaiers Film "Co­me­­dian Har­monists" nach Hause brachten.

"Das lief dann bei uns rauf und runter, und vor allem meinetwegen, also ich wollte das immer wieder hören, das hat mich unglaublich begeistert. Ich konnte natürlich den Witz gar nicht wirklich verstehen, aber irgendwie hab ich den wahrge­nom­men - und der Ton hat mir einfach total gefallen. Das ist dann irgendwann wieder so ein bisschen aus mir heraus­gebrochen, als ich angefangen habe, Liebesgedichte zu schrei­ben für meine Freundin, 2012 ungefähr, und da war auf einmal dieser Ton da."

"Liebe auf den ersten Blick"

Die Freundin nämlich war zum Studieren nach Spanien gegangen. Und den Ton, wie auch den von Frank Sina­tra oder Jacques Brel, hatte er sei­nen Bandfreunden noch nie schmackhaft machen kön­nen. Umso schöner, dass er bei den Aufnahmen zum zweiten Album Sebastian Madsen von den gleichnamigen Indierock­kollegen kennen­lernte, der mit Texten wie "Ich wünschte" sehr wohl etwas anfangen konnte.

"Da war irgendwie sofort alles klar. Ich habe mit dem Songs geschrieben, wir haben Künstler erfunden und für die ge­schrieben, haben Biografien erfunden - das war wirklich Liebe auf den ersten Blick. Und dann ist mir das wieder eingefallen, da hab ich ihm dieses Gedicht hingelegt, bin Getränke holen gegangen, und als ich wiedergekommen bin, war das Lied eigentlich schon fertig."

Und wie geht es nun der titelgebenden "Liebe in Zeiten der Follower"?

"Das ist jetzt natürlich ein großes Thema, man könnte da lange und breit drüber reden, was das mit uns macht, dass wir uns über Social Media und Dating-Portale als Ware anpreisen. Und aber auch daran gewöhnt werden, dass wir Liebes­partner wie Ware konsumieren. Gleichzeitig geht es aber auch um die wirk­liche Liebe in Zeiten der Follower, die es immer noch gibt. Also es ist nicht nur kritisch gemeint, sondern auch auffordernd und aufmunternd und - bejahend!"

Sprachleiden­schaft als Triebfeder

Entsprechend besingt er die Liebe als das einzig Relevante zwischen lauter nur eingebildeten Pflichten, schildert mit leichtem Ton schwere Beziehungsnöte oder macht aus einer flapsigen Reimidee eine surreale Utopie.

Noch mehr so verquere Melancholie hätte nicht geschadet, aber Max Richard Leßmann warnt zu Recht, man dürfe nicht wegen je­der witzigen Zeile gleich glauben, es sei einem Sänger mit dem ganzen Lied nicht ernst: Ist es ihm wohl, mit seiner neuen Leich­tigkeit, und wenn mal die Geigen schluchzen und der Chor "Bom-bom" singt, drückt das auch eher stilistische Entdecker­freude aus als Ironie. Vor al­lem aber Leßmanns Sprachleiden­schaft als Triebfeder hebt seine Lieder weit über den gängigen gefühligen Deutschpop hinaus.

"Es fällt mir auch schwer mich als Musiker zu sehen, eigentlich. Wenn mich jemand fragt, da komm ich auch so ein bisschen in die Bredouille, da fragen die mich: 'Und, was machst du so?', und dann sag ich immer: 'Ich schreibe.' Wenn das Gespräch dann weitergeht, ist es immer so: 'Naja, also ich mach Musik, ich schreibe Musik.' Am wohlsten fühl ich mich aber in Worten, in der Sprache." 

Musikalische Furchtlosigkeit und Freiheit

So schließt sich der Kreis, der, vielleicht, vor 20 Jahren am elterlichen Plattenspieler in Husum mit "Veronika der Lenz ist da" begonnen hat. Und vielleicht entwickelt man in der friesi­schen Provinz auch eher musikalische Furcht­losigkeit als in den strengen Szenen von Hamburg oder Berlin, mutmaßt Leßmann.

"Es gab keinen großen Szene-Guru, der gesagt hat: 'Das ist cool, und das ist uncool. Das darfst du anziehen und das nicht. Diese Musik darfst du hören, und das ist doof.' Sondern das ist bei Vierkanttretlager individuell von­einander gewach­sen. Für uns war das toll, dass wir uns da so frei bewegen konnten."

Jetzt müssen nur noch die Rockfans von Vierkanttret­lager den Retrosound und diese scheinbare neue Harmlosigkeit glaubwürdig finden und mögen. Aber Max Rich­ard Leßmann ist da gleich­mütig, wie jeder Über­zeu­gungs­täter.

"Wir haben ja sehr, sehr früh angefangen mit Vier­kant­tretlager; wir waren ja 15, als wir angefangen haben. Wir feiern dieses Jahr unser zehnjähriges Band­jubiläum, was auch völlig wahnwitzig klingt, wenn ich das so sage. Da war einfach unglaublich viel Wut in uns und unglaublich viel Verzweiflung in uns - ich glaube, wenn wir jetzt ein Album machen, dann wird das anders sein, dann wird das auch nicht mehr so bratzen, und ich werde auch nicht mehr so viel rumbrüllen.

Mir war immer wichtig in meiner Musik, dass ich wirklich aufrichtig bin, dass ich er­zähle, wie es mir geht, zwischen den Zeilen zumindest. Unglaubwürdig wird man in dem Moment, in dem man immer wieder dasselbe macht. Das ist eigentlich das Unglaubwürdigste, weil, das kann man niemandem abnehmen. Oder vielleicht macht man sich dann Sorgen und denkt: 'Also wirklich, machst du immer noch dasselbe wie vor 30 Jahren? Was ist denn los mit dir?"

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