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StartseiteFirmenporträtDer Wert der Älteren01.07.2011

Der Wert der Älteren

Den demografischen Wandel gestalten, Teil 1

Der demografische Wandel stellt Firmen vor Herausforderungen, die aber auch Chancen sein können, wie der Landmaschinenhersteller Lemken beweist. Hier legt man viel Wert darauf, die älteren Mitarbeiter und damit das Know-how im Unternehmen zu halten - auch dort, wo Arbeit noch richtige Knochenarbeit ist.

Von Mirko Smiljanic

Endkontrolle eines Pflugs beim Landmaschinenhersteller Lemken (Lemken GmbH)
Endkontrolle eines Pflugs beim Landmaschinenhersteller Lemken (Lemken GmbH)
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Lemken GmbH

Alpen bei Krefeld, in den Produktionshallen des Landmaschinenherstellers Lemken. Zwei Arbeiter stehen vor einem erdgasbetriebenen Ofen, der Teile eines Pfluges auf 900 Grad Celsius erhitzt. Ein Handzeichen, und die schmale Ofenklappe fährt nach oben, schlagartig sind beide enormer Hitze ausgesetzt. Mit einem Flachstahl bugsiert einer die rot glühenden Schmiedeteile heraus und trägt sie vorsichtig zum Härtebad. Kein leichter Job, es ist laut, es ist heiß - und schon deshalb kein guter Arbeitsplatz für ältere Kollegen. Trotzdem sind die beiden Arbeiter etwa Mitte 50 Jahre alt.

"Schmiede, das ist unsere Kernkompetenz, da steckt ja viel mehr dahinter, als der Einzelne zu sehen vermag", "

sagt Christel Bühren, Personalleiterin bei der Lemken GmbH & Co KG.

" "Diese Mitarbeiter, die sehr häufig lange bei uns sind, 20, 30 bis zu 40 Jahren, die haben ein enormes Wissen, das können wir draußen so schnell nicht einkaufen. Deshalb sind wir darauf angewiesen, dass sie möglichst lange arbeiten können, sehr viel Spaß an der Arbeit, gerne arbeiten, und dafür versuchen wir alles zu tun."

Die Produktpalette des Landmaschinenherstellers reicht von Eggen, Kultivatoren, Sämaschinen und Feldspritzen bis hin zum klassischen Pflug, der, sagt Geschäftsführer Franz-Georg von Busse, mit dem Pflug früherer Zeit aber nichts mehr zu tun hat:

"Heute kann man ihn vom Traktor aus steuern, man kann ihn vom Traktor aus einstellen. Und über den Pflug hinaus, Landmaschinen sind heute GPS-gesteuert. Anders als beim Auto, was einem ja bloß sagt, wo man ist, reagiert die Landmaschine auf bestimmte Stellen auf dem Feld und weiß, was sie auf der einen Stelle machen soll und auf der anderen Stelle besser nicht."

1000 Mitarbeiter beschäftigt Lemken, 200 Millionen Euro jährlich setzt der Mittelständler in mehr als 50 Ländern um. Gut laufe der Handel in West- und Osteuropa; Russland, Indien und Australien werden immer stärker; Afrika spiele noch keine große Rolle. Eine beachtliche Leistung für ein Familienunternehmen:

"Richtig, wir sind ein Familienbetrieb. 230 Jahre lang, das heißt, die Inhabergeneration ist jetzt die sechste. Und die siebte und auch achte ist jetzt schon präsent, wenn auch noch nicht präsent im Unternehmen."

Präsent im Unternehmen, was durchaus wörtlich zu verstehen ist, sind die Anteilseigner aber schon. Sie suchen den Kontakt zu den Mitarbeitern, wobei sie großen Wert auf einen respektvollen Umgang legen.

"Das fängt dabei an, dass Herr Lemken als Unternehmer auch den Menschen sehr wertschätzend begegnet, auch hier im Unternehmen präsent ist. Wir versuchen, auf Probleme einzugehen, die Mitarbeiter können jederzeit zum Betriebsrat oder auch zur Personalabteilung kommen, natürlich sowieso zu ihren Vorgesetzten gehen, um Themen anzusprechen, damit wir nach einer Lösung suchen."

Ein Mitarbeiter an einem Härteofen (LEMKEN GmbH)Ein Mitarbeiter an einem Härteofen (LEMKEN GmbH)Etwa wenn ihnen irgendwann die Kraft fehlt für körperlich schwere Arbeiten, was in der Schmiede und Härterei häufig jenseits der 50 eintritt. Um sich eine Vorstellung über die Schwere der Arbeit zu machen, zeigt Hussein Kassem, Gruppenleiter der Warmumformung, einen Arbeitsplatz, an dem noch vor einigen Jahren Pflugscharen beziehungsweise Riester von Hand bearbeitet wurden.

"Das ist einer der größten Riester, den wir hier umformen und härten, wiegen 26 Kilo, diese Teile sind früher auf einem Handarbeitsplatz geschliffen worden, das heißt, der Mitarbeiter hat dieses Teil auf den Knien gehabt und musste dann tatsächlich die Oberfläche bearbeiten. Unser Ziel war, diese schweren Teile von den Handarbeitsplätzen wegzuholen und dann auf eine automatisierte Anlage zu setzen."

Lassen sich die Arbeitsschritte nicht automatisieren, tauscht die Betriebsleitung trotzdem nicht kurzerhand die Älteren gegen Jüngere aus, sondern sucht andere technische Lösungen. Wer die schweren Schmiedeteile nicht mehr heben kann, bekommt zum Beispiel eine Hebehilfe:

"Wir haben hier eine Zange, der Mitarbeiter kann hiermit greifen. Sobald er den Arbeitsgang "Greifen" auslöst, hat das Hebesystem ein Gewicht gespeichert, praktisch ein Kontergewicht, wo das Teil mit zwei Kilo Kraft hin- und herbewegt werden kann, ein Teil, das normalerweise 26 Kilo wiegt."

Ist auch diese Arbeit noch zu schwer, wird er schließlich an einen körperlich weniger anstrengenden Arbeitsplatz versetzt - wobei die Betriebsleitung erwartet, dass sich auch ältere Mitarbeiter weiterbilden. Firmeninteressen und persönliche Interessen lassen sich nur in Deckung bringen, wenn sich beide Seiten bewegen.

Erkrankt ein älterer Kollege, greift das seit 2004 gesetzlich vorgeschriebene betriebliche Wiedereingliederungsmanagement:

"Wir betrachten das inzwischen als ganz wichtiges Instrument, um das sich alles dreht, was mit Krankheit zu tun hat. Das heißt nicht, dass wir abwarten, wenn jemand sechs, acht, zehn, zwölf Wochen krank ist, sondern wenn wir schon orten können, dass es ein Problem gibt, auch mit dem Arbeitsplatz oder grundsätzlich in der Zukunft, laden wir die Mitarbeiter zu einem Gespräch ein. Der Mitarbeiter muss natürlich zustimmen, wir erleben aber eine große Zustimmung."

Die auch einfach zu erklären ist, werden in den Gesprächen doch gemeinsam Wege gesucht, den Mitarbeiter im Betrieb zu halten.

"Wir haben in erster Linie uns auf die Fahnen geschrieben, einen anderen Arbeitsplatz zu suchen, als sich von dem Mitarbeiter zu trennen, das ist eigentlich das allerletzte Mittel und passiert so gut wie nie."

Weil es ökonomisch unsinnig ist und weil es nicht ins Wertesystem des Landmaschinenherstellers Lemken passt: Natürlich möchte man Geld verdienen, aber nicht um jeden Preis. Der respektvolle und wertschätzende Umgang miteinander sowie Transparenz in allen betrieblichen Belangen spielen eine zentrale Rolle. Stehen sie im Mittelpunkt der Firmenphilosophie, kann die Betriebsleitung sehr viel einfacher auf die Herausforderungen des demografischen Wandels reagieren.

Wie weit Transparenz beim Pflugbauer Lemken geht, erfahren die Mitarbeiter übrigens jeden Montag. An diesem Tag informiert die Betriebsleitung alle Anteilseigner über die aktuellen Betriebszahlen - Umsätze, Auftragslage und Kassenstand. Ein paar Stunden später kennen diese Zahlen alle Arbeiter und Angestellten - vom Abteilungsleiter bis hin zum Härter am Ofen.

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