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StartseiteHintergrundDer Winter, der ein Frühling war05.01.2008

Der Winter, der ein Frühling war

Vor 40 Jahren: Alexander Dubcek wird erster Sekretär der tschechoslowakischen KP

Der totalitäre Tiefschlaf, in den die CSSR nach dem Zweiten Weltkrieg versunken war, hatte 20 Jahre gedauert, als der Reformpolitiker Alexander Dubcek am 5. Januar 1968 an die Spitze der Kommunistischen Partei trat. Aber das junge Pflänzchen Demokratie sollte nur acht Monate blühen. Im August war der Traum von einer freien Gesellschaft ausgeträumt.

Von Käthe Jowanowitsch und Stephanie Rapp

Sowjetische Panzer bereiten dem Prager Frühling im August 1968 ein jähes Ende. (AP)
Sowjetische Panzer bereiten dem Prager Frühling im August 1968 ein jähes Ende. (AP)
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Auftakt eines kurzen Frühlings

1967: Der 26. Juni war einer der heißesten Tage dieses Sommers. Während die Prager in Scharen aus den aufgeheizten Mauern der Stadt aufs Land flohen, schwitzte die literarische Elite des Landes im Großen Saal des "Zentralkulturhauses des Verkehrs- und Fernmeldewesens".

Einen Tag vor dem offiziellen Beginn des IV. Schriftstellerkongresses sollten die aufmüpfigen Literaten auf Kurs gebracht werden. Die Hardliner der Kommunistischen Partei waren unzufrieden damit, dass einige der Autoren ihre Kritik am Regime offen äußerten. Doch die Disziplinierungsmaßnahme scheiterte kläglich. Zensur und Meinungsfreiheit wurden zu dem zentralen Thema der Veranstaltung. Die Staatsmacht in Person des Parteisekretärs und Chefideologen Jiri Hendrych bilanzierte zornbebend:

"Jetzt habt Ihr verschissen!"

Der IV. Schriftstellerkongress sollte in die Geschichte eingehen. Er gab das Signal zum politischen Umbruch in der CSSR. In unerhörter Offenheit forderten die Kongressteilnehmer politische Freiheit und die Abschaffung der Zensur. Es war eine Rebellion gegen die Macht von Staat und Partei. Zum ersten Mal fanden Genossen und Nicht-Genossen eine gemeinsame Sprache. Die Distanz zwischen Reformkommunisten wie Eduard Goldstücker, Pavel Kohout und Ludvik Vaculik auf der einen Seite und bürgerlichen Oppositionellen wie Vaclav Havel und Jiri Grusa auf der anderen Seite wurde geringer.

"Dann saßen wir plötzlich alle da als ein Teil dieser Bewegung. Und das war dann die Gefahr für die totalitären Denker à la Breschnew und diese Leute. Wenn das so kommen sollte, dass jeder so was sagt, das könnte das System ändern."

Jiri Grusa hatte 1963 die erste nichtkommunistische Literaturzeitschrift der CSSR gegründet. Der damals 28-Jährige galt als vielversprechender Lyriker. Sein Schriftstellerkollege Ludvik Vaculik, seit mehr als zwei Jahrzehnten Parteimitglied, hatte von der Gängelung die Nase voll und rechnete mit dem System ab:

"Bürger - das war einmal ein festliches, revolutionäres Wort. Es bezeichnete einen Menschen, über den niemand unkontrolliert herrschen durfte, über den man nur geschickt regieren konnte, damit er den Eindruck hatte, er regiere sich selbst. Bei den Regierten diesen Eindruck zu erwecken, das war das Ziel einer anspruchsvollen Spezialisierung, die man Politik nennt. Bei uns aber ist während der letzten 20 Jahre keine menschliche Frage gelöst worden."

Es war an der Zeit, sich aus der Erstarrung zu befreien. Darüber waren sich die Intellektuellen mit der Bevölkerung einig. Seit Beginn der 60er Jahre war die Unzufriedenheit mit der KPC im Lande ständig gewachsen.

Die Enttäuschung über den realen Sozialismus war umso größer, als die Tschechen und Slowaken anders als Polen und Ungarn sich 1946 in einer geheimen Wahl für das kommunistische Regime und die Schirmherrschaft der Sowjetunion ausgesprochen hatten. Die hochgesteckten Erwartungen aber hatten sich nicht erfüllt. Der Unmut der Bevölkerung entzündete sich vor allem an der wirtschaftlichen Situation.

Der Historiker Christoph Stölzl, der Mitte der 60er Jahre in Prag an seiner Doktorarbeit schrieb, merkt an:

"Man muss wissen, dass die Tschechoslowakei extrem kommunistisch war. Die DDR hatte immerhin Kleinbetriebe ja noch beibehalten, also Friseure oder Handwerksbetriebe. Die waren nicht so dumm gewesen, alles zu sozialisieren. Das war in der Tschechoslowakei anders. Die war wirklich bis zu jedem Friseurbetrieb, bis zu jedem winzigsten Geschäft herunter tatsächlich staatlich gelenkt und staatlich gemanagt."

Vor allem die Jahre 1962 und '63 waren ausgesprochene Krisenjahre. Lebensmittel wurden knapp. Die Regierung versuchte den Versorgungsengpässen unter anderem mit einem "fleischlosen Donnerstag" zu begegnen und setzte eine Reformkommission ein. Sie drängte auf eine Liberalisierung der Wirtschaft. Doch innerhalb der Partei standen sich zwei Lager gegenüber: das der Reformer einerseits und das des Parteivorsitzenden und Staatspräsidenten Antonin Novotny andererseits. Der Altstalinist mit dem Spitznamen "Eisgesicht" lehnte jegliche Veränderung ab.

Zu den Vordenkern in der Partei gehörte der Ökonom Ota Sik:

"Es ging um eine moderne Koppelung einer makroökonomischen Planung mit einem Marktmechanismus. Das heißt, es erwuchs einfach aus der Erkenntnis, dass eine hoch entwickelte Industriegesellschaft ohne einen Marktmechanismus nicht auskommt, dass dieser einfach durch den alten Plandirigismus nicht ersetzt werden kann. Es war also die Vorstellung von so etwas wie einem dritten Weg, einer dritten grundsätzlichen Entwicklungsmöglichkeit."

"Der dritte Weg" - damit sollten sich ganz neue Perspektiven für die tschechoslowakische Gesellschaft eröffnen.

"Erstens waren natürlich die Reformvorstellungen verbunden mit einer sehr tiefgreifenden Kritik des alten Systems. Und ganz bestimmt hat diese Analyse und diese Kritik dazu beigetragen, dass hier eine mit den Jahren immer stärkere Opposition heranwuchs. Aber zugleich war es tatsächlich ein sehr breit ausgearbeiteter Vorschlag eines neuen Wirtschaftssystems, wenn man es so nennen kann, aus welchem natürlich überhaupt ein neues soziales und politisches System auch erwachsen sollte."

Systemveränderung war auch das Ziel der Schriftsteller, die im Juni auf dem Prager Kongress diskutierten. Denn das Formlose, so ihre Überzeugung, war nicht zu reformieren. Der schon damals international erfolgreiche Dramatiker Pavel Kohout, immerhin seit 1945 Mitglied der KPC:

"Die wichtigsten Parolen waren natürlich: eine echte Demokratie, eine andere Partei, also der berühmte Bruch mit der sogenannten führenden Rolle der kommunistischen Partei, Bruch oder mindestens ein Teilbruch mit der Planwirtschaft, der sogenannte Dritte Weg von Professor Ota Sik. Oder sogar Neutralität, das war ein verbotenes Wort. Das konnte man überhaupt nicht aussprechen."

Nach dem Schriftstellerkongress ergriff der Wind der Veränderung die breite Gesellschaft.

"Es war ein innerer Druck, es zu ändern. Und dieser Druck kam nicht nur von ein paar Intellektuellen, sondern aus den breiten Massen auch der Arbeiter. Und das war natürlich dann die Kraft, die das entschieden hat."

Der Regimekritiker Jiri Grusa:

"Die Tschechen waren der Meinung, es gibt eine praktikable Reform oder praktikable Variante eines gemeinsamen Sozialismus, der die individuelle Freiheit nicht vernichtet, und diese Illusion war nicht nur die Illusion der Kommunisten, sondern der ganzen tschechischen Gesellschaft."

Im Herbst '67 wuchs der der Druck auf Partei- und Staatschef Antonin Novotny. Am 31. Oktober wagte der bis dahin weitgehend unbekannte Parteifunktionär Alexander Dubcek den Tabubruch: Auf einer Tagung des Zentralkomitees der KPC forderte er erstmals den Rücktritt des seit 1956 amtierenden Parteichefs.

"Die Menschen waren mit der Parteiführung unzufrieden. Wir konnten die Menschen nicht ändern, also änderten wir die Führer."

Die Zeichen standen auf Sturm. In der Folge des Schriftstellerkongresses versuchte die Führung der KPC, mit Prozessen und Parteiausschlüssen die rebellischen Intellektuellen zu maßregeln - und heizte damit die Stimmung noch weiter an. Die Partei stand vor einer Zerreißprobe. Auf dramatischen Sitzungen des Zentralkomitees kam es zu einem offenen Machtkampf um die Spitzenpositionen.

Derweil freuten sich die Prager über erste Freiheiten. Christoph Stölzl:

"Also, die Familie, in der ich da vor allem war, die waren ungeheuer beschwingt, weil: Die waren nun Leute, die in dieser ganzen langen Zeit der Proletarisierung, des Prolet-Kultes, auch des ganz heftigen Klassenkampfes während der 50er und 60er Jahre irgendwie versucht hatten, mit ihren Biedermeier-Möbeln und ihren Literatur-Ausgaben und ihren deutschen Klassikern, die sie auch lasen, und der Musik irgendwie so zu tun, als gäbe es ein bürgerliches Leben in dieser allgemeinen proletarischen Misere. Und die dachten natürlich: Jetzt können wir endlich offen so leben, wie wir immer leben wollten."

Am 4. Januar 1968 gab Antonin Novotny dem Druck seiner Gegner nach und legte sein Amt als Erster Sekretär des ZK der KPC nieder. Sein slowakischer Rivale Alexander Dubcek, den er noch kurz zuvor als "bourgeoisen Nationalisten" bezeichnet hatte, wurde am 5. Januar Parteichef. Pavel Kohout:

"Dubcek war ein total Unbekannter. Er konnte deswegen gewählt werden, weil er eigentlich niemandem geschadet hat. Aber er brachte in die tschechische Politik etwas, was sie damals dringend brauchte, das kann man mit einem Wort nennen: Anständigkeit. Das war ein anständiger Mensch. Und die Anständigkeit und Bescheidenheit hat seine Auftritte begleitet. Und es war natürlich plötzlich eine Erleichterung nach allen diesen Bonzen, die davor da von den Tribünen sprachen."

Der Slowake Alexander Dubcek wurde 1921 als Sohn überzeugter Kommunisten geboren. Kindheit und Jugend verbrachte er in der Sowjetunion. Bereits als 18-Jähriger schloss er sich der damals illegalen Kommunistischen Partei der Slowakei an und nahm 1944 am Slowakischen Nationalaufstand gegen die Faschisten teil.

Seine Karriere verlief stetig, aber unauffällig. Als linientreuer Genosse durfte er an der Parteihochschule in Moskau studieren. 1963 wurde der unscheinbare Dubcek Erster Sekretär der slowakischen Kommunistischen Partei, hatte einen Platz im Zentralkomitee der KPC inne und gehörte damit zur politischen Nomenklatura.

Jiri Grusa: "Er war kein Machtmensch, kein echter Machtmensch. Er war ein anständiger, kleiner Apparatschik, der auch eingesehen hat, die Sache könnte ja schief gehen. Es war eine, sagen wir, eine Kompromisslösung. Aber wie immer in der Geschichte sind diese Kompromisslösungen dann sehr entweder fatal oder final oder fabelhaft, aber immer etwas."

1968 begann der Frühling in Prag bereits im Januar. Die Zensur wurde aufgehoben, Meinungs- und Religionsfreiheit respektiert. Die bis dahin hermetisch geschlossenen Grenzen öffneten sich. Kleinere Privatbetriebe waren plötzlich erlaubt. Mehr als 30.000 von den Kommunisten verfolgte Menschen wurden rehabilitiert.

Der Schriftsteller Jan Faktor, dessen Mutter damals führend an den oppositionellen Literaturzeitschriften "Literarní Noviny" und "Literarní Listy" beteiligt war, empfand den Prager Frühling wie ein "Hitzefrei von der Diktatur".

"Ich war 1, und für mich war das im Grunde das Erlebnis der Demokratie. Egal wie unrealistisch alles war. Diese Monate waren unglaublich schön, weil man wirklich offen reden konnte. Unten am Wenzelsplatz gab es so eine Baulücke, eine der wenigen Baulücken in Prag, und da hat sich so etwas wie Hyde-Park-Corner gebildet. Da wurde einfach diskutiert mit wildfremden Leuten ohne jegliche Angst vor Spitzeln und der Polizei. Das kannte man früher nicht."

"Es war eine Zeit, die sich selten wiederholt, weil da plötzlich springt ein Funke über, den alle verstehen und der alle beleuchtet. Es ist immer die Freiheit des Wortes, die die Barrikaden öffnet","

schwärmt Pavel Kohout.

""Der Frühling war wunderbar. Und auch die Pressefreiheit. Das war schon ein Erlebnis. Für westliche Leute eine Selbstverständlichkeit. Für uns war das absolut neu, und man erlebte das auch viel stärker. Es kam nicht einfach so aus dem Nichts, das wurde geboren in den paar Monaten. Diese Freiheit, Dinge zu schreiben, vom Fernsehen, von Diskussionen und vom Rundfunk gar nicht zu sprechen. Das war ganz aktuell und ganz improvisiert, mobil. Man empfand plötzlich die Möglichkeiten des Fernsehens, dass die mit einer Kamera, die waren damals noch groß und schwer, trotzdem: Die sind überall hingekommen und haben die geschleppt und geschoben, und plötzlich waren Live-Sendungen möglich, die man so in der Spontaneität und Improvisiertheit gar nicht kannte."

Im April 1968 stellte Alexander Dubcek das neue Aktionsprogramm vor. In einer Rundfunkansprache beschwor er die "gute Sache von Partei und Volk". Er versprach,

"dass wir an der Entwicklung, die im Januar begonnen hat, festhalten. Damals setzten wir uns zur Aufgabe, in unserer Heimat eine sozialistische Gesellschaft mit menschlichem Antlitz aufzubauen, die zutiefst demokratisch, sozial gerecht und modern orientiert sein soll. Eine Gesellschaft, die sozialistische Werte mit nationalen vereint, in der unsere Bürger nach ihrem Wissen und Gewissen souverän über ihr eigenes Schicksal entscheiden können."

Die Parole vom "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" begeisterte die Bevölkerung. Innerhalb weniger Wochen war Dubcek zur beliebtesten Persönlichkeit im Lande geworden. Prag veränderte sein Gesicht und wurde zu einem internationalen Treffpunkt.

"Kulturell war sehr viel los. Das kann man alles gar nicht beschreiben. Auch junge Leute mit Musik und Gitarren. Die Stadt war voll. Und diese Musik hatte eine befreiende Wirkung. Also die Vernetzung der Welt hat uns damals gerettet, die sozusagen größere Zivilisiertheit der Genossen. Please, release me, let me go, zum Beispiel haben wir immer gesungen. Nicht als ein Lied sozusagen des Abschieds zwischen zwei Verliebten, sondern dem System gegenüber. Please release me, let me go."

Im Juni 1968 erschien das "Manifest der 2000 Worte". Sein Autor Ludvik Vaculik forderte mehr Tempo im Demokratisierungsprozess. 70 prominente Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller unterzeichneten den Aufruf - und Zehntausende von tschechoslowakischen Bürgern. Unter ihnen auch Pavel Kohout:

"Der Vaculik hat damals klar formuliert eigentlich die menschlichen Ziele des ganzen Geschehens, nicht die politischen, die menschlichen. Und zwar so wunderbar und so emotionell, dass es plötzlich jeder verstand."

"In diesem Frühling ist von Neuem ... eine große Chance zu uns zurückgekehrt. Von Neuem haben wir die Möglichkeit, unsere gemeinsame Sache in die Hände zu nehmen, die den Arbeitstitel Sozialismus trägt, und ihr eine neue Gestalt zu verleihen","


hieß es im "Manifest der 2000 Worte". Die sozialistischen Bruderstaaten jedoch verfolgten die Reformen in der Tschechoslowakei mit wachsendem Argwohn. Die Führung der Sowjetunion sprach von Konterrevolution und mobilisierte die Armee des Warschauer Paktes.

Am 21. August 1968 war der Prager Frühling zu Ende.

""Gegen 0 Uhr überschritten schnelle Panzertruppen der Sowjetzonenvolksarmee die Grenze. Über das weitere Schicksal der führenden Reformkommunisten ist nichts Genaues bekannt."

"Wir haben gehofft, dass die doch noch begreifen, dass es eine Katastrophe wäre, was es auch war dann für die und auch für das Verhältnis, weil die Tschechen und die Slowaken das Land waren, das einzige Land in Europa, das nie in der Geschichte mit den Russen in Konflikt geraten ist. Und also plötzlich dieser Überfall war so amoralisch. Also, wir haben eben nicht geglaubt, dass sie so weit gehen werden, aber im Unterbewusstsein war es immer präsent, dass die kommen können."

Das Experiment des "Sozialismus mit menschlichem Antlitz", von großen Hoffnungen begleitet, war gescheitert. Bitter bilanziert Jiri Grusa:

"Wir waren leider so ein Versuchskaninchen Europas."

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