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StartseiteCorsoZwischen Lifestyle-Produkt und Mittel zum Zweck02.05.2016

Design aus KunststoffZwischen Lifestyle-Produkt und Mittel zum Zweck

Welche Rolle spielt Kunststoff im Design – und damit in unserem Alltag? Dafür interessiert sich seit 30 Jahren das Deutsche Kunststoff-Museum. Die Jubiläumsausstellung "Plastic Icons" im NRW-Forum in Düsseldorf präsentiert Designklassiker aus Kunststoff – Bobbycar, Volksempfänger, Eierbecher.

Von Ina Plodroch

Das Bobbycar ist der Design-Klassiker aus Kunststoff, ausgestellt in der Ausstellung "Plastic Icons". (deutschlandradio.de / Ina Plodroch)
Das Bobbycar ist der Design-Klassiker aus Kunststoff, ausgestellt in der Ausstellung "Plastic Icons". (deutschlandradio.de / Ina Plodroch)
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Bakelit, Nylon, Melamin, PVC, Phenoplast, Polypropylen, Polycarbonat, Polyethylen. Kurz: Plastik. Oder?

Wolfgang Schepers: "Wir sagen lieber Kunststoff."

Wolfang Schepers, ehrenamtlicher Präsident des Deutschen Kunststoff-Museums.

"Weil Plastik immer diesen pejorativen Beigeschmack hat. Kunststoff hört sich doch besser an. Oder, Frau Scholten, wie würden Sie das sehen?"

Ja, wie sieht die Kuratorin und Kunsthistorikerin Uta Scholten das?

"Es hängt natürlich auch damit zusammen: Wenn man schlecht über Kunststoffe redet, sagt man eher, es ist Plastik. Billig, Plastikmüll, Plastiktüte."

Kunststoff-Verehrung

Deshalb nennt sich das Kunststoff-Museum, ehrenamtlich von Wissenschaftlern, Designern und Sammlern betrieben, eben nicht Plastik-Museum. Sondern präsentiert zum 30-jährigen Bestehen die Best-Of-Ausstellung "Plastic Icons". Gewagte These, wer verehrt schon Kunststoff-Objekte. Oder?

Schepers: "Also ohne Kunststoff würden mindestens 70 Prozent der Designobjekte nicht existieren, denke ich mal."

Kunststoff spielt – zeit- und designgeschichtlich und Picknick- oder Föhn-geschichtlich gesehen – also eine große Rolle. Weil das vor lauter Plastik-Ramsch in Vergessenheit geraten könnte: eine Ikonisierung in neun Kapiteln. Man kann mit, aus, auf Kunststoff: Sitzen, sprechen, hören, sehen, schreiben, essen, trocknen, anziehen oder fahren. Manchmal sogar stilvoll.

Schepers: "Man sieht ein aus den frühen 1980er-Jahren stammendes Kunststoff-Fahrrad, was ein Flop war."

Beige, so wie ein typischer Trenchcoat, die Speichen aus dickem schwarzen Plastik. Wirkt kurzlebig und nicht gerade belastbar. Ein Designklassiker? Wohl eher vom Kunststoff-Museum aus dem Mülleimer oder der Vergessenheit gerettet.

Schepers: "Darüber hängt als Zukunftsvision oder -technologie ein Fahrradrahmen aus dem 3D-Drucker, den wir gerade aus Italien von einem Designer bekommen haben."

Recycling-grün ist dieser dynamische Mountainbike-Rahmen, der wie alle Exponate in einen Dialog mit den eigenen Vorreitern treten soll.

Schepers: "Wenn man genau schaut, sieht man, wie der 3D-Drucker das in so Schichten aufgebaut hat."

Ein kleiner Impuls, was mit Kunststoff und dem 3D-Drucker möglich werden könnte. Oder wie wenig, wenn man eben auf das Fahrrad direkt unter dem Rahmen blickt. Kein Flop hingegen:

Schepers: "Das meistverkaufte Fahrzeug der Welt. 19 Millionen Mal. Es kann eben auch nur so günstig sein, weil es aus Kunststoff ist."

Design-Klassiker: Bobbycar

Das Bobbycar: rot, weißer Lenker, schwarze Reifen. In der Ausstellung "Plastic Icons" einfach mal als Design-Klassiker präsentiert. Schepers und Scholten meinen es Ernst mit der Aufwertung des Kunststoffes.

Schepers: "Wir behaupten, das ist ein Designklassiker, es kommt bisher in der Designgeschichte so nicht vor. Aber da betreten wir Neuland."

Volksempfänger aus Bakelit, die nationalsozialistische Propaganda übertrugen. Ein graues kleines Modell von Dieter Rams im klassisch reduzierten Braun-Design. Fernseher in knalligen Rot-Orange-Tönen aus den 70ern. Schreibmaschinen aus Kunststoff zum Mitnehmen, weil das Material leichter ist als Metall. Jedes Objekt präsentiert auf – klar – Kunststoff-Sockeln. Eng im Raum, recht klassisch arrangiert. Mal zeigt sich: Ganz kurz war Kunststoff mehr als nur Mittel zum Zweck – mehr als nur leicht, günstig, variabel formbar – sondern Lifestyle-Produkt Ende der 60er mit dem Freischwinger Panton-Chair. Glänzend, wie manche Tee-Kannen, die wohl lieber aus Porzellan wären.

Schepers: "Porzellan, das hält man natürlich für wertiger. Bestimmten Materialien wie Holz, Bronze erlaubt man zu altern, und Patina ist was Tolles. Das wird dem Kunststoff so nicht zugebilligt."

Gesellschaftliche Bezüge im Kunststoff

Trotzdem ist Kuratorin Uta Scholten Fan dieser "Plastic Icons".

"Da zeigen sich ja auch viele Entwicklungen in der Gesellschaft. Man kann sehr viele Fragen an die Sammlung stellen, die vordergründig nichts mehr mit Kunststoff zu tun haben."

Zum Beispiel bei dem Stuhl "Workshop Chair": Sperrholz, unbehandelt, das der Designer Jerszy Seymour mit rotem – na was wohl – zusammengeklebt hat.

Schepers: "Ein Kunststoff, den praktisch jeder sich im Internet besorgen kann, mit dem Föhn heiß macht, um dann die Holzteile miteinander zu verbunden. Das ist die Botschaft: Jeder kann Design machen."

Schepers: "Auf der Möbelmesse in Köln, was momentan ganz 'in' ist, ist ein Holzgestell, vierbeinig und dann eine Kunststoffplatte drauf", erzählt Wolfang Schepers. Und Uta Scholten meint, ohne Kunststoff keine Smartphones, denn nur mit einer Kunststofffolie funktioniert das Touchpad. Ist das "Plastic Age", von dem die Band "The Buggles" 1980 gesungen hat, also nicht vorbei? Oder bricht es gerade erst an? Wie geht’s dem Kunststoff zwischen Beton-, Holz-, Öko- und 3D-Druck-Selbstmach-Hype? So ganz sicher weiß man das nach der Ausstellung nicht.

Mehr Informationen über die Ausstellung "Plastic Icons" finden Sie hier

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