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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenMit Social Design eine bessere Welt schaffen04.04.2019

Design-Ausstellung in HamburgMit Social Design eine bessere Welt schaffen

Architektur kann ein Mittel zur Stärkung des Gemeinwesens sein. Davon war bereits William Morris, britischer Designer im 19. Jahrhundert, überzeugt. Heute heißt es Social Design. Dabei geht es nicht um Sozialarbeit, sondern um Gestaltung, die nachhaltig wirkt.

Von Ursula Storost

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Personen arbeiten an hölzernen Webstühlen (Andreas Möller)
Flying8 ist ein Webstuhl zum Nachbauen aus einfachen Materialien wie Sperrholz, Pappe, Seile und Steine. Er wurde vor knapp zehn Jahren vom Weber Andreas Möller entwickelt (Andreas Möller)
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In einer Zeit, in der Ressourcen knapp werden, Umweltbelastung die Erde bedroht und Nachhaltigkeit angesagt ist, müssen Produkte ökologisch und sozial verantwortlich gestaltet werden. Gestalter dürfen nicht länger als Erfüllungsgehilfen für die Wirtschaft und deren Erfolg arbeiten. Sie sollten mit ihrer Kompetenz eine sozial gerechte, bessere Welt gestalten. Das sind die Grundideen des "Social Design". Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt noch bis zum 27. Oktober eine Ausstellung dazu, wie Social Design aussehen kann, wie man mit einfachen Mitteln neue Wege beschreiten kann, um sozial Gutes zu bewirken:

"Es mag geschehen, dass die Kunst untergehe, undenkbar aber ist, dass sie gedeihen kann, wenn sie sklavisch vor dem Reichtum kriecht und die Armut verlacht." Sagte der englische Designer William Morris Mitte des 19. Jahrhunderts.

Schon damals hatte er die Vorstellung, dass Design mehr kann als Luxuswaren für Reiche oder technisch verspielte Objekte zu gestalten. Vielmehr, so seine Vision, könne Design zum Wohlergehen der Menschheit beitragen. Und das, so Angeli Sachs, Kuratorin und Professorin an der Züricher Hochschule der Künste, sei heute nötiger denn je:

"Wir haben insgesamt im Moment eine Welt, die deutlich aus der Balance ist, politisch und gesellschaftlich und wirtschaftlich auch. Und hier ist einfach viel zu tun. Und immer in solchen Krisenzeiten, wir können das schon bei William Morris in Zeiten der Industrialisierung ansetzen, immer in Krisenzeiten fühlen sich doch Architekten, Designer, Gestalter, aufgerufen, etwas zu unternehmen."

Eine gute Idee in die breite Masse bringen

In solchen Zeiten, sagt Angeli Sachs, entstehen Entwürfe, die zu einer besseren Welt beitragen wollen. Wie der Webstuhl, den der Weber Andreas Möller sich vor knapp zehn Jahren ausgedacht hat, als er für die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit ein Projekt in Äthiopien betreute:

"Das ist geboren aus der Not. In Äthiopien haben wir immer bestellt Webstühle bei lokalen Handwerkern. Und die wurden nicht fertig. Oder da war was falsch. Oder irgendwas war immer. Und das ging nicht voran. Und da dachte ich, am besten baut sich jeder seinen eigenen Webstuhl. Und da es das Konzept bisher nicht gab, musste ich es mir selber ausdenken wie es geht, um das den anderen beizubringen. Wenn ich richtig in Fahrt bin schaffe ich 80 bis 90 Schuss. Das ist schon eine ganze Menge."

Andreas Möller experimentierte mit Sperrholz, Pappe, Seilen und Steinen. Das Ergebnis: der Flying 8. Ein Webstuhl, den jeder mit einfachsten Materialien, ohne Geld und ohne Know-how nachbauen kann. Und der mit nur einem Meter zwanzig Tiefe auch in jede normale Wohnung passt. Ein Paradebeispiel für Social Design:

"Also es geht immer darum, eine gute Idee in die breite Masse zu bringen, damit das Leben sich verbessern kann."

Andreas Möller verkauft seine Bauanleitung für 150 Euro an jeden Interessenten. Nicht viel Geld für eine finanziell gesicherte berufliche Existenz:

"Die großen Webstühle, an denen wir trainiert haben, die haben wir bauen lassen, die waren sehr teuer. Und es hätte in Äthiopien eine Gruppe von Webern gebraucht, um einen Kredit aufzunehmen für einen Webstuhl. Und das ist ja alles total dumm und kontraproduktiv."

Selbstbewusstsein, Unabhängigkeit und wirtschaftliches Fortkommen

Jetzt wird ein Exemplar des Möllerschen Flying 8 in der Social Design Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe gezeigt. Für Tulga Beyerle, Direktorin des Museums ein Beispiel dafür, wie man mit Design Gesellschaft gestalten kann:

"Hier geht es ja immer um eine gesellschaftliche Wirkung. Also es geht auch um ein vielleicht akutes Problem. Aber viele der Projekte eröffnen längerfristig Optionen, die dann wiederum eine Wirkung für das Selbstbewusstsein, für die Unabhängigkeit und auch das wirtschaftliche Fortkommen einer gesellschaftlichen Gruppe haben kann."

Dabei, betont Tulga Beyerle, gehe es eben nicht um rein kommerziell verwertbares Produktdesign. Aber auch nicht um Sozialarbeit. Sondern es geht vielmehr um Gestaltung, die nachhaltig wirkt:

"Das heißt in diesen Prozessen, die von der Gesellschaft für die Gesellschaft mit der Gesellschaft gemacht werden, spielen Gestalter, Architekten, Designerinnen etc. eine zentrale Rolle. So mitgestalterisch tätig zu sein, dass etwas entsteht, was dann von anderen verwendet werden kann, in den Alltag integriert werden kann und dann eine Lebensverbesserung, eine Qualitätsverbesserung anbietet."

Gestaltung muss soziale Anliegen aufgreifen

Beispiele dafür bietet das Berliner Architekturbüro von Francis Kéré. Architektur, so seine Überzeugung, kann ein Mittel zu Stärkung des Gemeinwesens sein. Der in Bukina Faso geborene Kéré gestaltet vor allem Projekte in Entwicklungsländern. Vor kurzem hat er in seinem Geburtsland eine weiterführende Schule gebaut, deren Aufbau einem runden Dorf gleicht. Innen und außen wurde sie aus vorwiegend regionalen Materialien gefertigt und ist ökologisch durchdacht. Der Bau wurde an die klimatischen und kulturellen Verhältnisse des Landes angepasst und ist in enger Zusammenarbeit mit den dort lebenden Menschen entstanden, ergänzt Angeli Sachs:

"Die stellen sogar die Baumaterialien zum größten Teil her. Und dann gemeinsam so etwas wie diese Schule errichten, was eine ganz hohe Identifikation mit sich bringt. Das heißt, wir haben einerseits eine Bildungsinstitution, um Chancen zu schaffen, um diese Welt etwas mehr als ein Ganzes zu machen. Wo Menschen auf ähnlichen Grundlagen aufbauen können, ist Bildung eines der ganz essentiellen Dinge. Und gleichzeitig wird das erweitert durch eine Klinik, durch andere Möglichkeiten. Bildung, medizinische Versorgung, kommunikatives Miteinander verwirklicht in einem Projekt. Gestaltung, so Tulga Beyerle, hat die Aufgabe soziale Anliegen aufzugreifen. Direkt und vor Ort. Deshalb betrachtete die Direktorin des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe die unmittelbare Umgebung ihres Arbeitsplatzes: links der Hauptbahnhof, rechts das Gewerkschaftshaus und direkt gegenüber das Drob Inn, eine Kontakt- und Beratungsstelle für Drogenabhängige. Hier können Spritzen getauscht und unter Aufsicht Drogen konsumiert werden. Auf dem kahlen Vorplatz halten sich tagsüber mehrere hundert Klienten auf:

"Es ist eine Tatsache, dass die Gesellschaft auch schwache Mitglieder hat, die es nicht schaffen sich diesem sehr starken Wettbewerb, dem Verdrängungskampf zu stellen und sich zum Beispiel in die Drogensucht flüchten. Dass die trotzdem das Recht auf Würde haben, ist auch ein Menschenwürderecht."

Tulga Beyerle, erst seit kurzem im Amt, ging einmal über die Straße, direkt in das Büro von Christine Tügel, der Sozialökonomin und Geschäftsführerin des Drob Inn Trägervereins:

"Die ist hierhergekommen mit frischem Blick und hat gesagt, okay, wir sind eine Insel, da drüben ist eine Insel, der Hühnerposten ist eine Insel. Und irgendwie müssen wir doch mal miteinander kommunizieren."

Was erlauben städtische Räume?

Erzählt Christine Tügel begeistert. Noch nie in über 20 Jahren ihres Bestehens sei jemand aus der Nachbarschaft auf die Drogeneinrichtung zugegangen. Jetzt will man gemeinsam versuchen an diesem Ort der extremen Gegensätze ein Design zu schaffen, das allen das Leben schöner macht. Keine einfache Aufgabe. Zum Beispiel gibt es vor der Drogenberatungsstelle keinen Trinkwasserbrunnen wie an anderen Orten der Stadt. Warum stellen wir keinen auf, fragt man jetzt gemeinsam. Aber, so Christiane Tügel:

"Der muss so gebaut sein, dass man den nicht einfach kaputt machen kann und für Drogenverstecke nutzen kann, dann kommen aber noch weitere Akteure dazu. Der Vorplatz wird jeden Tag von der Stadtreinigung gereinigt. Das heißt, man muss bei der Designaufgabe auch gucken, passt das für die Stadtreinigung, für die Maschinen, die eingesetzt werden, für die Menschen, die diese Arbeit machen."

Begleitet wird das Projekt von ConstructLab, einem internationalen Netzwerk, von Architekten, Handwerkerinnen, Soziologen und Designerinnen. Sie bringen alle Beteiligten zusammen an einen Tisch. Museumsleute, Drob Inn Mitarbeiter und Studierende von Hamburger Universitäten aus ganz verschiedenen Disziplinen, erklärt die Designerin Johanna Padge von ConstructLab.

"Es geht nicht nur um den Vorplatz vom Drob Inn sondern es geht um unsere Stadt. Darum, dass wir uns in ihr bewegen und was die Räume zulassen, die es hier gibt."

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