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StartseiteBüchermarktEin Schelm im Naziland08.03.2021

Lepold Tyrmand: "Filip"Ein Schelm im Naziland

Falsche Papiere, Geschick und Chuzpe: Der polnische Autor Leopold Tyrmand war Jude und überlebte das Jahr 1943 mit viel Gewitztheit in Frankfurt. Davon erzählt sein autobiografischer Roman: Sein Alter Ego Filip legt die Welt herein, um zu überleben – und ist sich der moralischen Fallhöhe immer bewusst.

Von Eberhard Falcke

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Der Autor Leopold Tyrmand und sein Roman „Filip“ (Foto: Wojciech Plewinski (1958), Buchcover: Frankfurter Verlagsanstalt)
Der Autor Leopold Tyrmand und sein Roman "Filip" (Foto: Wojciech Plewinski (1958), Buchcover: Frankfurter Verlagsanstalt)
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Die Weltlage ist dramatisch. Europa wird vom Krieg gepeinigt, unter deutscher Besatzung mehren sich die Gräueltaten, alliierte Bomberflotten schlagen zurück und erreichen schon Koblenz und den Frankfurter Raum. In der Mainmetropole ist das Alltagsleben, wie allenthalben im Dritten Reich von den kriegsbedingten Einschränkungen gezeichnet. Im vornehmen Parkhotel, nahe dem Hauptbahnhof, herrscht eine seltsame Mischung von Luxus und Mangelwirtschaft, die den Gästen zuweilen aufs Gemüt schlägt. Aber hinter den Kulissen, in der Kellnerbrigade geht es ziemlich munter zu.

Überlebenskünstler im Feindesland

Da haben sich junge Männer aus Italien, Frankreich, Belgien oder Holland versammelt, die mit allerlei Tricks dafür sorgen, dass auch sie von den trotz aller Knappheit noch verfügbaren Weinen und Leckerbissen ihren Anteil abbekommen. Einer von ihnen ist Filip Vincel, der Sohn einer jüdischen Familie aus Warschau:

"In meiner Vorstellung war das ungezwungene, nonchalante Hereinlegen der Welt und der Menschen der einzig für mich würdige Weg. In meinen Augen war es ein Adel meiner Zeit, alle Gelegenheiten beim Schopfe zu packen, und Volltrottel übers Ohr zu hauen bereitete mir nicht nur keinerlei Gewissensbisse, sondern besaß für mich auch einen moralischen Wert."

Filip ist der Titelheld und Ich-Erzähler in dem bislang wenig bekannten Roman des polnischen Schriftstellers Leopold Tyrmand. Darin verarbeitet der Autor seine eigenen Erfahrungen als Fremdarbeiter im Dritten Reich in fiktionaler Form aber dennoch sehr wirklichkeitsnah. Filips Entschluss, die Welt hereinzulegen, ist eine Überlebensfrage, ihm bleibt keine andere Wahl. Denn diese Welt unter der kriegerischen Herrschaft der Nazis ist ein Ort von barbarischer Niedertracht und hat es außerdem auf ihn, wegen seiner jüdischen Herkunft, besonders abgesehen. Sein erster lebensrettender Coup gelingt ihm durch die Fälschung von Ausweisdokumenten, in denen er sich als Franzose mit polnischem Geburtsort ausgibt. Mit dieser Identität meldet er sich als Freiwilliger zum Arbeitseinsatz im Deutschen Reich.

Vom Arbeitslager ins Luxushotel

Zunächst landet er in einem Arbeitslager für den Eisenbahnbau in der Nähe von Mainz, wo er sich als ehemaliger Student eine privilegierte Dolmetscher-Stellung mit dazugehörigem Einzelzimmer sichern kann:

"Die Jungs zitterten vor Kälte im blassbraunen Morgengrauen, unausgeschlafen, mit leeren Bäuchen. Ich stand in der Mitte: auf der einen Seite die Kolonne, auf der anderen der Straßenmeister und der Schutzmann vom Dienst, zwischen ihnen ich, der aufpasste, dass niemandem ein Leid geschah."

Das Arbeitslager und das Luxushotel markieren die gegensätzlichen Pole, das Unten und Oben von Filips Fremdarbeiterdasein. Überlebensegoismus und Solidarität mit den Leidensgenossen geraten sich ständig in die Quere. Als findiger Individualist gelingt es ihm schnell, das Massenschicksal auf der Eisenbahnbaustelle hinter sich zu lassen. Beeindruckt von der mehrsprachigen Weltläufigkeit des jungen Mannes empfiehlt ihm ein wohlwollender Beamter des Arbeitsamtes die Anstellung als Kellner. So kommt er ins Frankfurter Parkhotel. Das ist der zentrale Schauplatz des Romans.

Leopold Tyrmands fiktionales Alter Ego hat viel von einem Schelm. Für einen wie ihn bietet die Welt keinerlei Rechte oder Sicherheiten. Also ist er allein auf sein Geschick, seine Gewitztheit, seine Chuzpe angewiesen, um sich durchzuschlagen. Das macht er großartig und keineswegs unter Verzicht auf alle Moral. Im Gegenteil: Er ist sich der moralischen Fallhöhe immer bewusst, wenn er über seine Handlungsmöglichkeiten entscheidet.

Ein Schelm mit klarem Blick

Ein großer Vorzug dieses Romans besteht darin, dass sich sein Autor offenbar nicht im mindesten für pädagogische Lektionen interessierte. Stattdessen zeigt er an seinem Helden die gesamte Spannweite von Haltungen, Gefühlen und Gedanken, mit denen Filip auf das historische Geschehen, dem er ausgeliefert ist, reagiert. Wenn er an sein von der Wehrmacht überrolltes Heimatland denkt, verabscheut er die Deutschen. Im übrigen aber beschränkt sich seine Ablehnung auf jene, bei denen er das Hakenkreuz am Revers entdeckt. Seine jüdische Herkunft ist für ihn kein Thema, die muss er in jedem Fall verbergen. Manchmal frotzeln die Kellner spielerisch über ihre nationalen Eigenheiten. Insgesamt jedoch gilt die Beobachtung:

"Die nationalen Untugenden vermischten sich und widerlegten gängige Auffassungen: die weitverbreitete Überzeugung, dass die Franzosen lustig seien, die Deutschen dagegen ordnungsliebend und systematisch, wurde angesichts der gewaltigen Massen trauriger Franzosen und unordentlicher, unzuverlässiger Deutscher, die wir persönlich jeden Tag zu Gesicht bekamen, auf den Kopf gestellt."

Tyrmands Held hat ein Gespür für Zwischentöne, für die Vielschichtigkeit von Situationen, für die Widersprüchlichkeit menschlichen Handelns. Kurz: Er erzählt mit Witz und höchst beweglicher Intelligenz. Das verleiht ihm einen beträchtlichen Charme und zugleich Glaubwürdigkeit. Als sich Filip im Schwimmbad in die Bürgertochter Hella verliebt, rücken ausführlich die harten Stimmungswechsel einer vom Zeitgeschehen zerriebenen Liebesbeziehung in den Blick. Hier ist zu vermuten, dass der Autor von Wunden spricht, die er selbst erlitten hat.

Kino, Jazz, Sex und Liebe

Auch die allgemeinen Überlegungen zum Zeitgeist, zu Kultur und Gesellschaft, die Tyrmand seinem Ich-Erzähler in den Mund legt, können sich sehen lassen. Er hebt die Bedeutung von Kino und Jazz hervor. Er umreißt die Veränderungen auf dem Gebiet von Liebe und Sex seit den 1920er Jahren. Er formuliert soziologische Einsichten über das Leben unter Diktaturen. Vor allem aber gelingt diesem Ich-Erzähler eine ungemein lebendige, farbige und atmosphärisch dichte Darstellung des städtischen Alltags im Dritten Reich: des Straßenlebens und Schwarzmarkttreibens, des Hotellebens, der Liebesabenteuer, der Vorladungen auf Ämter und bei der Gestapo, der Wohnungssuche, der Bombennächte.

In zahlreichen lebendigen Dialogen werden Milieus, Szenen und Sichtweisen unmittelbar gegenwärtig. Wenn etwa Filip und sein Kollege Piotr im historisch verbürgten Café Schumann mit zwei gleichaltrigen deutschen Soldaten auf Fronturlaub ins Gespräch kommen, geht es bald um amerikanischen Jazz, nachdem man sich relativ entspannt folgendermaßen angenähert hat:

"Was bis du für einer?" Der Deutsche wandte sich an Piotr.
"Ich bin Holländer", sagte Piotr, "und ich habe hier genauso ein schweres Leben wie du in Weißrussland."
"Ich verstehe", seufzte der Deutsche, "ihr dürft hier nicht über die Stränge schlagen. Ich gebe zu, dass mich das etwas tröstet, wenn ich mir in Minsk einen herunterhole, aber alles zusammen ist einfach Müll."

Leopold Tyrmands Roman "Filip" in der weitgehend gelungenen erstmaligen deutschen Übersetzung von Peter Oliver Loew ist sechzig Jahre nach seinem Entstehen eine großartige Überraschung und bereichernde Entdeckung. Dieser Filip wird als autofiktionaler Zeitzeuge der Kriegsjahre in Nazi-Deutschland in bester Erinnerung bleiben.

Leopold Tyrmand: "Filip"
aus dem Polnischen von Peter Oliver Loew
mit einem Nachwort von Andrzej Kaluza
Frankfurter Verlagsanstalt. 635 Seiten, 24 Euro.

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