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StartseiteSonntagsspaziergangDer Zweig vom Maulbeerbaum27.07.2008

Der Zweig vom Maulbeerbaum

Eine Reise durch die Geschichte der Abtei Brauweiler

Ereignisreicher kann die Vergangenheit kaum sein: Von Hungersnöten über boxende Äbte und den Einmarsch der Franzosen hat das ehrwürdige Gemäuer des Benediktinerklosters Brauweiler alles gesehen. Licht und Schatten liegen hier nah beieinander: Im Dritten Reich wurde die Abtei als KZ und Gestapo-Gefängnis genutzt, in dem auch Konrad Adenauer inhaftiert war.

Von Brigitte Baetz und Saskia Kurth

Blick auf die Abtei Brauweiler (Brigitte Baetz, Saskia Kurth)
Blick auf die Abtei Brauweiler (Brigitte Baetz, Saskia Kurth)

991, so weiß der Chronist zu berichten, heiratete der lothringische Pfalzgraf Ezzo auf seinem Hofgut Brauweiler die junge Mathilde, Tochter Kaiser Ottos des Zweiten und dessen Gattin Theophanu. Am Morgen nach der Hochzeitsnacht hob er ein Stück Boden aus und steckte einen Zweig vom Maulbeerbaum hinein und sprach: Ich schenke Dir allen Grund und Boden und alles, was hier wächst und steht.

"Das ist eigentlich gültiges ripuarisch-fränkisches Recht gewesen. Also, das trifft genau zu, dass das hätte so sein können und wahrscheinlich ist es auch so gewesen, denn das ist so tradiert."

Mehr als 1000 Jahre nach der Hochzeit Ezzos mit Mathilde stehen wir mit dem Historiker Peter Schreiner im Park der Abtei Brauweiler, rund 15 km westlich der alten Domstadt Köln. Eine mächtige Anlage ist dieses alte Benediktinerkloster, das romanische Baukunst mit der des Barock vereint und das schon seit 1802 nicht mehr religiös genutzt wird. Gerade die Säkularisation hat allerdings dazu geführt, dass Brauweiler zu den schönsten noch erhaltenen Klosteranlagen des Rheinlandes zählt. Doch wir greifen vor. Noch ist das 1. Jahrtausend gerade einmal angebrochen und Mathilde, Pfalzgraf Ezzos Frau, hält ein Mittagsschläfchen unter dem Maulbeerbaum.

Und da, so berichtet der Chronist, ging ihr im Traum der Himmel auf und eine Lichterscheinung kam und bedeutete ihr, hier ein Kloster zu gründen.

"Dieser historische Maulbeerbaum soll der Legende nach, man muss da auch sehr vorsichtig sein, er soll also schon hier gestanden haben als das Kloster 1024 gegründet wurde. Biologisch ist das möglich, denn dieser ist ein schwarzer Maulbeerbaum. Er unterscheidet sich von dem weißen, der für die Seidenraupenzucht zuständig ist, dadurch, dass er bei uns wachsen kann."

Kein gewöhnlicher Baum ist er, der Maulbeerbaum. Allein in der Bibel wird er achtmal erwähnt, bei den Griechen war er dem Gott Pan geweiht und galt als Symbol der Klugheit. Mitten in dem vor Jahren neu angelegten großzügigen Park gelegen, ist er - Legende hin oder her - Zeugnis der Verbindung des Pfalzgrafen Ezzo mit der Kaiserstochter Mathilde.

"Sie war übrigens 12, 13 Jahre alt als die heiratete, Ezzo selbst war 35 Jahre alt. Wir nehmen heute an, dass es nicht seine erste Ehe war, aber die erste die fruchtbar war. Und da sind zehn Kinder zur Welt gekommen und das war schon für die Zeit was Außergewöhnliches, weil ja viele Frauen schon am Kindbettfieber starben, dass man das so überlebt. Und das war wohl einer der Gründe, weswegen man die Klostergründung ins Auge fasste. Aber durch den Bau des Klosters und der Kirche, jetzt sind das ja Nachfolgebauten, aber auch das, was damals gebaute wurde, was viel kleiner wir uns vorstellen müssen als das jetzt hier, war halt wirklich was Bedeutendes. Man demonstrierte mit dem Bauen Macht."

Die Besitzungen der Ezzonen reichten bis ins thüringische Saalfeld, eine Tochter Mathildes und Ezzos, Richeza, wurde erste polnische Königin. Doch Macht ist vergänglich und so verging auch die bedeutende Stellung der lothringischen Pfalzgrafen. Ihre Gründung Brauweiler aber blieb, auch wenn die Benediktinerabtei im europäischen Vergleich nicht von großer religiöser Bedeutung war, wie Peter Schreiner uns erklärt. Der ehemalige Lehrer, der seit mehr als 30 Jahren durch die Abtei führt, kennt die Anlage wie kaum ein zweiter.

"Das war also ursprünglich der Obstgarten, der Apfelgarten wörtlich Pommarium, es gab irgendwo einen Hopfengarten, weil man Bier braute. Später gab’s einen Bohnengarten, der Küchengarten war im Kreuzganghof, der Blumengarten oben. Also etwas wissen wir von den Gärten. Nicht sehr viel. Wir wissen, dass man hier um 1300 Kastanien angepflanzt hat und wollte damit ein bisschen - mit Kastanienmehl wird ja auch Brot gebacken - man wollte damit Nahrungsmittel haben für die Mönche zum Ernähren. In der Zeit um 1300 gab’s ja Hungersnöte und das Kloster war total heruntergewirtschaftet, weil die Mönche mehr ausgaben als sie einnahmen und nicht mehr sehr gerne, ja, ihr Gelübde erfüllten. Es war schließlich ein absoluter religiöser Verfall und auch Verfall der Gemeinschaft der Mönche. Die hatten hier also Frauen, die sie sich hier hinholten, sich hier Häuschen bauten und das Ganze war also zu einem recht lustigen Haus geworden, was aber dann sehr schnell reformiert wurde um 1500, weil’s so nicht mehr weiter ging."

Wir folgen Peter Schreiner in einen der ältesten noch erhaltenen Teile des Klosters, den Kreuzgang aus dem 12. Jahrhundert, der den so genannten Marienhof umschließt.

"Der Kreuzgang selbst ist der innere Bereich des Klosters. Die Gebäude, wo die Mönche ihre Räume hatten mit all den Funktionen, die notwendig waren, waren hinter dem Kreuzgang und davor wurde also ein Dach gemacht auf Pfeilern ursprünglich oder Holzstangen, dass man trockenen Fußes von einem Gebäude zum anderen gehen konnte. Und das Ganze war so konstruiert, dass im Norden die Kirche war, die dann also die kalte Luft abhielt und im Süden war ein etwas niedrigerer Bau, niedriger als heute, damit die Sonne also, auch wenn sie sehr niedrig stand, hier noch rein scheinen konnte, denn hier war der Garten der Küche. Das war also ganz wichtig. Und Kreuzgang heißt das nur deswegen, weil man zu bestimmten Festen hier ne Prozession machte, wo ein Kreuz vorangetragen wurde.
Jetzt gehen wir mal hier in einen Raum, von dem wir noch was wissen. Das ist der Kapitelsaal. Da geht’s jetzt ne Treppe runter, Treppe hat auch ne ganz wichtige Bedeutung, eine symbolische Bedeutung."

Die Schritte die drei Stufen hinab sind wie Schritte zurück in die Zeit. Es wird schlagartig kühl und still und die Welt da draußen ist jetzt mindestens genauso fern wie sie auch im Mittelalter ferner nicht gewesen sein konnte.

"Dieser Saal hier war der zweitwichtigste Raum für die Liturgie des Klosters. Hier traf man sich jeden Tag, der Abt führte nach dem ersten Gottesdienst morgen so um sechs Uhr, nach sechs Uhr die Mönche hier herein. Dann saßen die auf Bänken an den Wänden entlang. Hier wurde der Toten des Tages gedacht, da lag das Totenbuch. Immer das Datum war aufgeschlagen und da drunter wurde immer eingetragen, wer an dem Tag irgendwann mal gestorben war."

Über den typischen romanischen Kapitellen aus der Stauferzeit entfalten sich die farbigen Gewölbemalereien. Leider schon stark verblasst, da einst übermalt und sehr unvollkommen im 19. Jahrhundert restauriert. Da versucht worden war, die Wände mit Wasserglas zu härten, Wasserglas jedoch Kristalle austreibt, werden diese Zeugnisse staufischen Lebens eines Tages verloren sein. Nur noch der Raum, dominiert vom Rosenfenster, unter dem der Stuhl des Abtes stand, legt dann noch Zeugnis ab von der mittelalterlichen Religiosität in Brauweiler.

"Der Abt saß dann hier zu Gericht, auf einem erhöhten Sessel und über ihm war Christus als Richter dargestellt. Er ist ja der Stellvertreter Christi unter den Mönchen und Christus war hier dargestellt unter allen Heiligen. Hier ist der Himmel offen, hier sind alles Heiligen gemalt und diese Heiligen hatten sich ausgezeichnet dadurch, dass sie ein mustergültiges Leben geführt hatten und nicht dem Glauben verloren gegangen sind und der Versuchung anheim gefallen sind. Und so waren sie die Vorbilder der Mönche.
Der Mönch wusste, wenn er herabsteigt von einer Höhe auf dieser Welt, er sich symbolisch dem Mittelpunkt der Erde nähert, wo ja der Satan haust. Man sieht das ja, in den Vulkanen kommt ja das höllische Feuer heraus und er wusste auch, dass war seine Erfahrung: Selbst der fettleibige Mönch geht eine Treppe recht leicht und beschwingt herunter. Aber wenn er jetzt einmal unten ist, ist er symbolisch in den Fängen des Satans, denn muss er die Treppe wieder hoch steigen und da kam er ja schon schön ins Pusten."

Doch wie das so ist mit den Menschen - Mönche oder Laien - auch die Angst vor dem Fegefeuer schützt nicht vor den Auswirkungen der menschlichen Leidenschaften, wie uns Peter Schreiner auf dem Weg vom Kapitelsaal zum Prälaturhof erzählt.

"Das war früher alles ausgemalt, der Kreuzgang, das ist leider verlorengegangen. Und die Ausmalerei war die Buße eines Abtes, der einen Mönch im beginnenden 16. Jahrhundert, mit dem er im Streit war, an einem Altar mit einem Boxhieb niedergeschlagen hat. Und dann hat der Boxhieb dafür gesorgt, dass der mit seinem Kopf auf dem Altar schlug, das hat dann etwas geblutet, dann war der Altar besudelt, da musste alles neu konsekriert werden und als Buße bekam der Abt dann auf, hier oben den Kreuzgang auszumalen. Aber leider ist die Buße des Abtes nicht mehr sichtbar."

Sichtbar jedoch sind die prachtvollen Barockbauten, die die ursprünglich romanische Anlage heute dominieren mit ihren drei mächtigen, doppelgeschossigen Flügeln. Sie verleihen dem ganzen Ensemble, das mitten im Städtchen Brauweiler liegt, eine nahezu schlossartige Anmutung - Ergebnis des geschäftstüchtigen klösterlichen Regiments nach der Bursfeldischen Reform.

"Man hatte schließlich 30.000 Reichstaler, das waren fünf Jahresetats voll, auf der hohen Kante liegen und konnte dann ab 1780 diese barocken Bauten errichten. Das ist die letzte Barockbaumaßnahme, die es überhaupt in einem Kloster vor der Französischen Revolution noch gab. Danach hat man nicht mehr Barock gebaut, die Revolution hat ja Vieles geändert, der Stil änderte sich ja auch. Das war die letzte große Barockbaumaßnahme im römisch-deutschen Reich. Sind wir auch ein bisschen stolz drauf, dass wir es noch geschafft haben."

Brauweiler lag nie, anders als heute vielfach behauptet, am historischen Jakobsweg, sagt Peter Schreiner. Doch die Mönche schufen sich neben der Landwirtschaft ähnliche zeittypische Einnahmequellen.

"Erst nach 1500 wird Brauweiler ein Ort, an dem man zum Heiligen Nikolaus pilgert, denn der ist der Patron der Kirche und des Klosters und da haben die neuen Mönche eine ganz systematische Infrastruktur errichtet, eine Pilgerinfrastruktur, die haben also festgelegt zwischen Ostern und Pfingsten aus allen umliegenden Dörfern, soweit sie eben zu Fuß gehen konnten, die Leute zu einer bestimmten Stunde nach Brauweiler kommen konnten zum Nikolaus. Sie mussten dann etwas bezahlen, damit sie auch den Nikolaus verehren konnten und man verkaufte ihnen auch so Devotionalien: ein geweihtes Wasser oder ’ne Medaille oder so was. Und da hat das Kloster in der Barockzeit daran verdient."

Die Abteikirche, heute St. Nikolaus, ist allerdings das einzige Sakralgebäude, das bis heute als solches genutzt wird.

1794 marschieren die Franzosen ein, besetzen das Kloster und requirieren die Werkstätten Brauweilers für sich. Und 1802 beenden sie mit der Säkularisation die religiöse Bedeutung der Abtei. Die Anlage rettet jedoch das Dekret Napoleons, mit dem 1809 in Brauweiler ein Bettlerdepot eingerichtet wird - durchaus im Geist einer Zeit, die beginnt, alles was ihr nicht passt, wegzuschließen.

"Was es nicht geben darf oder was nicht sein darf, das darf es auch nicht geben. Also betteln, das durfte es nicht geben, denn alle hatten ja Arbeit. Wer jetzt also bettelte, musste für die Bettelei bestraft werden, denn die Bettelei wurde unter Strafe gestellt. Und das Schlimme war, dass viele dieser Bettler sich zu Banden zusammenschlossen."

Bettler, arme und alte Menschen, Gebrechliche, Asoziale - auch die Preußen, die nach den Franzosen das Rheinland übernehmen, nutzen die alte Abtei als Arbeits- und Verwahranstalt.

"Es waren also Leute, die am Rande der Gesellschaft lebten, die durch irgendein Missgeschick in ihren Familien keinen Anschluss an die Gesellschaft bekommen hatten, die keine Ausbildung bekommen hatten, die vielleicht dem Alkohol verfallen waren oder Frauen, die vielleicht dem ältesten Gewerbe nachgingen oder auch Männer, die dann das älteste Gewerbe als eigene Einnahmequelle benutzten. Es waren Leute, die schon einmal wegen eines Deliktes im Gefängnis gesessen hatten und hier eine Korrektionsnachhaft bekamen. Das Wort Nachhaft ist ja noch zu erklären, nach der Haft, aber das Korrektions … Man korrigiert Menschen – ist schon ne schlimme Sache. Die hießen dann auch Korrigenden. Das sollte geschehen durch Arbeit."

Für uns heutige kaum noch vorstellbar - bis zu 300 Menschen lebten auf dem Gelände der Abtei, mehr oder weniger freiwillig, mehr oder weniger eingesperrt. Doch die Einrichtung ließ die Zeitgenossen relativ kalt, wer dort einsaß, wird es schon verdient haben, so die allgemeine Meinung. Und: die preußische Herrschaft hatte auch ihre guten Seiten, denn in ihrer Rückbesinnung auf all das, was bald im deutschen Kaiserreich als deutsch gilt, beginnen die Preußen die romanischen Kirchen der Provinz zu restaurieren, bzw. fertig zu stellen, darunter auch die der Brauweiler Abtei.

"Das ist die erste romanische Kirche des Rheinlandes, die überhaupt vollendet wird durch die Preußen und das erklärt sich wahrscheinlich daraus: Hier war ja ne preußische Provincial-Arbeitsanstalt. Hier saßen ja die Preußen, die waren ja hier präsent mit ehemaligen Militärs, mit einem Direktor, der ja natürlich von sich aus auch zeigte, dass er Preuße war. Und hinzu kam: das hier war ne katholische Landschaft. In die waren die Preußen als Protestanten natürlich wie Feinde eingedrungen, so wurden sie auch betrachtet zeitweise. Das mit der Ökumene, das war ja wohl noch nicht so. Und da gab es wohl Probleme und da konnte man als protestantisch-preußischer Baurat zeigen, wir bauen jetzt eine katholische Kirche im Rheinland fertig und das musste ja Eindruck schinden."

Prächtig und mächtig stehen sie heute da, die Abtei, die Kirche St. Nikolaus und die repräsentativen Barockgebäude, in denen die Kulturabteilung des Landesverbandes Rheinland jetzt ihren Sitz hat. Doch auf all die Pracht fällt ein Schatten aus Deutschlands dunkelster Zeit, als hier ein KZ eingerichtet war und ein Gestapo-Gefängnis, in dem auch Konrad Adenauer inhaftiert war. Einige wenige Zellen können noch besichtigt werden. Wer also Brauweiler besucht, dem steht eine Zeitreise bevor, die einen Bogen schlägt zwischen der Mystik des Mittelalters und dem Glanz des Barock, Preußens Drill und Preußens Glanz, der Güte des Glaubens und dem Grauen des Nazireiches.

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