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StartseiteTag für Tag"Trauer ist systemrelevant"05.02.2021

Totengedenken in der Pandemie"Trauer ist systemrelevant"

Rund 60.000 Menschen sind in Deutschland an oder mit Covid-19 gestorben. Tote, die oft nur als abstrakte Zahl wahrgenommen werden. Das soll sich ändern. Der Bundespräsident will eine zentrale Gedenkfeier. Auch Theologen denken nach, wie der Toten gedacht werden sollte.

Von Michael Hollenbach

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"Covid" steht auf einem Sarg mit einem Verstorbenen, der an oder mit dem Coronavirus gestorben ist. Die Särge stehen vor der Einäscherung im Andachtsraum im Krematorium. (dpa-Zentralbild / Robert Michael)
Die hohen Todeszahlen und die Maßnahmen gegen die Pandemie erschweren die Trauerarbeit (dpa-Zentralbild / Robert Michael)
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Die Ankündigung des Bundespräsidenten, mit einer zentralen Trauerfeier der Toten der Pandemie zu gedenken, ist weitgehend auf ein positives Echo gestoßen. Benedikt Kranemann, Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt, beschäftigt sich schon seit Jahren mit öffentlichen Trauer- und Gedenkfeiern:

"Das Erlebnis ist so massiv für die gesamte Gesellschaft, dass man sagen könnte, schon aus sozialpsychologischen Gründen wäre es wichtig, einen solchen Akt des Gedenkens zu organisieren. Dass das geht, haben uns ja auch die Amerikaner vorgemacht: Joe Biden hat am Vorabend seiner Amtseinführung ein Totengedenken gehalten. In einer sehr reduzierten kargen Form, wo jenseits der Statistiken und jenseits der medizinischen und ökonomischen Notwendigkeiten der Humanität genüge getan wurde, indem man innehielt, man trauerte und gemeinsam Stille hielt. Biden hat das auf eine sehr knappe Formel gebracht: Um zu heilen, muss man erinnern. Und ich glaube, dass das für Deutschland auch wichtig ist."

Bei der Gedenkfeier vor dem Lincoln Memorial erinnerten 400 Lichtsäulen an die mehr als 400.000 Corona-Toten in den USA.

"Riskante Liturgie"

Auch der Hamburger Kulturhistoriker Norbert Fischer, der die Trauerkultur erforscht, begrüßt einen zentralen Gedenktag in Deutschland: "Je breiter das Spektrum der Träger hier ist, umso überzeugender wirkt die Gedenkfeier." Fischer plädiert dafür, beispielsweise die Verbände der Pflegeberufe und der Ärzteschaft an der Gestaltung dieser Feier zu beteiligen.

So eine Gedenkfeier gilt als "riskante Liturgie", da unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse in Einklang gebracht werden müssen. Der Theologe Benedikt Kranemann: "Ich denke, dass man einen religiösen Rahmen braucht, aber dass man auch einen Rahmen braucht, der hinreichend offen ist." Als Beispiel für so ein offenes Symbol nennt der Erfurter Professor das Zeichen der Kerze:

"Die Kerze ist im christlichen Kontext eindeutig besetzt: Da gibt es einen Bezug zum Christusereignis; die Kerze hat aber in Ostdeutschland noch mal eine andere Bedeutung, weil man das mit der friedlichen Revolution verbindet. Kerzen kann man aber auch verstehen, dass sie als Erinnerung für eine bestimmte verstorbene Person brennt. Man könnte sagen: Es gibt einen religiösen Rahmen, der aber so viel Platz lässt, dass ganz unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen mit ihrer Weltanschauung hier Platz finden."

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zündet eine Kerze vor einem Fenster an (picture alliance / dpa / Bundespresseamt / Jesco Denzel)Licht in einem Fenster von Schloß Bellevue: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier setzt ein Zeichen des gemeinsamen Gedenkens und ruft zur Aktion #lichtfenster auf. (picture alliance / dpa / Bundespresseamt / Jesco Denzel)

Friederike Spengler ist evangelische Regionalbischöfin für Ostthüringen. Dort, wo es in den vergangenen Wochen zu besonders vielen Covid-19-Infektionen gekommen ist und wo auch viele Menschen verstorben sind. Sie spricht sich für eine zentrale Gedenkveranstaltung aus: "Aber viel wichtiger finde ich, dass die Menschen vor Ort wissen: Da sind Orte, wo wir hingehen können, das ist offen für uns und unsere Trauer." Diese Orte könnten die rund 45.000 Kirchen und Kapellen in Deutschland sein:

"Wenn nur ein Drittel davon an diesem Tag geöffnet wäre mit der Möglichkeit, eine Kerze anzuzünden, zu beten, zu weinen, und an anderen die Möglichkeit, dass da jemand steht und zum Gebet einlädt, die Glocken läuten. Das sind verschiedene Formate für diesen Tag."

"Gott nicht aus der Verantwortung entlassen"

Dem evangelischen Theologen Gerhard Wegner geht es nicht nur um Formate, sondern auch um die Sprache. Er vermisst bei beiden Kirche eine theologische Auseinandersetzung mit der Pandemie und deren Folgen: "Wo bietet die Kirche religiöse Deutungsmuster für diese Coronakrise, also eine Sprache, wie man mit dieser Krise wirklich umgeht? Ich war in dieser Hinsicht enttäuscht, als zu Beginn der Coronakrise viele Bischöfe als erstes sagten: Mit Gott hat das nichts zu tun."

Natürlich sende Gott die Pandemie nicht als Strafe in die Welt, meint Wegner, ehemaliger Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland. Doch vor allem religiös geprägte Menschen hätten da auch theologische Deutungsmuster erwartet.

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"Man hat mit diesen Äußerungen ein Feld preisgegeben in der öffentlichen Diskussion, wo man hätte eine Sprache formulieren können, die den Menschen hilft, mit der Krise fertig zu werden."

Mit der Krise, und auch mit der Trauer, vielleicht mit Trauerklagen: "Ich denke, man kann Gott aus der Verantwortung für Corona nicht entlassen. Irgendwie hat er doch was damit zu tun, und ich würde doch gern Gott anklagen. Wie kannst du gerade die alten Menschen so strafen? Ich würde gern auch mit einer gewissen Aggressivität Gott gegenüber das auch zum Thema machen, auf die Weise eine Sprache erschließen, die nicht so passiv ist, wie das momentan zu sein scheint."

"Das Trauern ist einsamer geworden"

Mit oder ohne Wehklagen - die Möglichkeit, direkt Abschied zu nehmen, ist momentan sehr eingeschränkt. Oft dürfen am Grab nur wenige Hinterbliebene zusammenkommen. Der Trauerforscher Norbert Fischer:

"Das Trauern ist im Moment einsamer geworden. Hier wird vielen Leuten verwehrt, vor Ort am Grab, am Ort der Bestattung Abschied zu nehmen. Ein anderes Problem ist, dass der Kontakt zum toten Körper, zum Leichnam massiv eingeschränkt ist, weil der an Covid-19 Verstorbene kommt sofort in einen Hygienesack, und es kann kein Abschied am offenen Sarg mehr stattfinden."

Auch Friederike Spengler beklagt die zunehmende Privatisierung des Abschieds: "Trauer, geglückte Trauer, wenn die gelingen soll, dann braucht es verschiedene Faktoren, und das ist Nähe, Gemeinschaft, Kultur, Zeit und Ort."

Doch Nähe und Gemeinschaft sind oft nicht machbar. Pia Baumann ist Gemeindepfarrerin in Frankfurt am Main. Sie hat von Hinterbliebenen erfahren, wie der Austausch beim gemeinsamen Kaffeetrinken nach der Beerdigung fehlt.

"Das fängt ja schon viel früher an. Direkt am Grab ist ja eigentlich so der Moment, wo die, die mit bei der Trauerfeier waren, den engsten Angehörigen noch mal ihr Beileid aussprechen, und das ist ja oft mit körperlichen Kontakt verbunden, man gibt sich die Hand, man nimmt die Trauernden noch einmal in den Arm oder so, auch das kann nicht stattfinden."

Kleine Beerdigungen haben auch Vorteile

Das Trauern am Grab ist privater geworden. Aber Pfarrer Florian Schwarz sieht darin nicht nur Nachteile. Schwarz ist als sogenannter Springer südlich von Bremen in zahlreichen evangelischen Gemeinden vor allem zuständig für Beerdigungen. Seine Beobachtung:

"Die Beerdigungen sind viel dichter geworden. Man ist nur noch mit der Familie und dem engsten Kreis zusammen. Das gibt auch ganz viel Freiheiten für die Ansprache oder dass man bestimmte Dinge nur noch erwähnen muss und nicht mehr erklären muss, weil das Dorf vielleicht diese Episode aus dem Leben gar nicht kannte."

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Und man könne offen darüber reden, wenn das Leben des Verstorbenen auch so seine Schattenseiten hatte. Und noch etwas habe sich sehr konkret verändert: Am Grab darf oft nicht mehr gesungen werden, stattdessen erklingen Lieder aus dem Lautsprecher neben dem Grab.

"Ich freue mich auch schon darauf, wieder singen zu können und auch die Gesangsbuchlieder, aber mit CDs arbeiten hat auch einen Reiz und auch andere Möglichkeiten, und die Menschen suchen ganz toll aus. Ich habe einfach die Erfahrung gemacht: Niemand sucht sich Dudelmusik aus, es hat immer etwas mit dem Verstorbenen zu tun und dessen Leben oder mit der Art und Weise, wie die Menschen trauern."

"Die Toten sind zu Zahlen geworden"

Die Bestattungsriten hätten sich unter den Einschränkungen der Pandemie noch einmal individualisiert, meint Pfarrer Florian Schwarz: "Was mehr geworden ist, sind zum Beispiel Grabbeigaben. Wenn Oma immer ein Tictac in der Tasche hatte, dann geben wir ihr noch eine Packung mit ins Grab. Solche Kleinigkeiten einfach."

So sehr die aktive Beteiligung der Hinterbliebenen an der Trauerfeier zu begrüßen sei, so wichtig sei aber auch der Gemeinschaftsaspekt, betont die evangelische Pröpstin Friederike Spengler. Menschen seien soziale Wesen. Und allein zu trauern sei nicht gut.

"Da sehe ich unsere ganz große Aufgabe, sensibel dafür zu werben, dass Trauer systemrelevant ist. Denn dass wir nicht genügend, nicht gut und nicht abschließend trauern können im Moment, das wird Konsequenzen haben für unser weiteres Leben."

Das könne nicht nur zu traumatischen Belastungen, sondern auch zu Depressionen führen: "Die Toten sind zu Zahlen geworden, und das ist ja auch ein Ausdruck davon, dass sie nicht mehr in ihrer Geschichte wahrgenommen, sondern nur noch gezählt werden. Dass Geschichten dahinterstehen, einzelne Lebensgeschichten, vielleicht auch Abschiedsgeschichten, die mit äußerst großer Einsamkeit geschehen sind - das wird eine Aufgabe sein, die wir uns bewusstmachen müssen, gerade mit einer öffentlichen Gedenkfeier. Dass dort Trauergeschichten erzählt werden, dass Einzelne zu Wort kommen, die noch keine Gelegenheit gehabt haben, ihre Trauer zu kommunizieren."

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