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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturSchweizer Firma lauschte für CIA und BND14.09.2020

Deutsch-amerikanische Geheimdienst-MissionSchweizer Firma lauschte für CIA und BND

Ausspähen von Freunden geht gar nicht, hieß es, als US-Geheimdienstler das Mobiltelefon der Bundeskanzlerin überwachten. Aber Ausspähen mit Freunden geht: Die Schweizer Firma Crypto AG belauschte für CIA und BND fremde Staaten. Der Schweizer Journalist Res Strehle hat seine Entdeckungen veröffentlicht.

Von Marc Engelhardt

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Im Hintergrund: Das Zeichen des Schweizer Verschlüsselungsunternehmens Crypto AG am Hauptsitz in Steinhausen bei Zug.  Im Vordergrund: Buchcover  (Fabrice Corfrini / AFP und Echzeit Verlag)
In der neutralen Schweiz bekamen verbündete Staaten Zugang zu verschlüsselten Informationen aus Drittländern (Fabrice Corfrini / AFP und Echzeit Verlag)
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Garantiert sicher sollten sie sein, die Chiffrier-Geräte der Schweizer Crypto AG. Im Kalten Krieg warb Firmengründer Boris Hagelin nicht nur mit Spitzentechnologie, sondern auch mit der Neutralität seines Standorts, der Schweiz. Mehr als 100 Staaten vertrauten ihm und versendeten geheime Botschaften teils Jahrzehnte lang mit Crypto-Geräten. Die aber waren manipuliert, Deutsche und Amerikaner lasen mit. Es ist eine fast unglaubliche, aber wahre Agenten-Pistole, die der frühere Chefredakteur des Schweizer Tages-Anzeigers, Res Strehle, aufgeschrieben hat. Sie beginnt Ende der 50er Jahre, als Firmenchef Hagelin einen Deal mit dem US-Geheimdienst schloss.

"Geräte mit den komplexesten Algorithmen (Typ I) werden nur an Nato-Mitglieder und mit ihnen direkt verbundene Staaten ausgeliefert. Sie bieten sämtliche Möglichkeiten der Benutzung und sind nach damaligem Stand nicht zu knacken. Weniger flexible Geräte (Typ II) werden an befreundete Staaten ausgeliefert – Hagelin erwähnt etwa neutrale Staaten wie Finnland. Typ III schliesslich, ohne Flexibilität in der Bedienung und damit von geübter Hand knackbar, soll an Länder ‚mit zweifelhafter Orientierung' verkauft werden. Dazu gehören die arabischen Länder und – selbstredend – alle Staaten im Einflussbereich der UdSSR."

Fünf Jahrzehnte blieb die Manipulation der Geräte geheim.

Kanzleramtsminister Schmidbauer war eingeweiht

1970 kauften die CIA und der deutsche Bundesnachrichtendienst das Unternehmen. Die Informationen waren offenbar so wertvoll, dass die Crypto, die bald unter dem Decknamen Minerva geführt wurde, den Spionen ganze 25 Millionen Franken wert war. Als Zeugen für die BND-Beteiligung nennt Strehle unter anderem Bernd Schmidbauer, in den 90ern Kanzleramtsminister von Helmut Kohl.

"Kanzler Kohl soll laut dem CIA-Bericht über das Minerva-Programm nicht informiert gewesen sein, solange der BND darin engagiert war. Wie für solche Programme üblich, hat man die Information eine Hierarchiestufe vor seinem Büro gestoppt. So kann Kohl notfalls dementieren, davon gewusst zu haben, und der Prozess zur deutschen Einigung wäre unter seiner Führung nicht belastet worden. Beim Ausstieg des BND aus dem gemeinsamen Projekt hat Schmidbauer aber die Zustimmung Kohls eingeholt."

Strehle führt in seinem Buch "Operation Crypto" Vieles zusammen, was seither über die Crypto AG durchgesickert ist. Er selbst hat bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten ein erstes Buch über die Affäre geschrieben. Doch diesmal hat er eine neue Quelle einsehen können: Einen detaillierten Bericht von CIA-Historikern, der von BND-Dokumenten und Interviews gestützt wird. So bietet sich der Leserin, dem Leser ein facettenreiches Bild davon, wie die Geheimdienste damals arbeiteten – offenbar gar nicht so professionell, wie man glauben würde, hat Strehle herausgefunden.

"Dass sie sich immer wieder auch streiten, nicht so mächtig sind, wie das von unserer Sicht erscheint und zum Teil auch echt nur mit Wasser kochen. Von daher ist das ein Glücksfall, dass sogenannte Geheimpapiere des Nachrichtendienstes öffentlich geworden sind und Einzelne darüber sprechen."

Für die Schweiz hat "Minerva" ein Nachspiel

So absurd wie tragisch mutet etwa der Streit zwischen CIA und BND darüber an, ob ein im Iran inhaftierter Crypto-Mitarbeiter ausgelöst werden soll - im Kern geht es darum, ob die Zahlung als Lösegeld bezeichnet werden soll oder nicht. Während sich die Geheimdienste über Formfragen entzweien, leidet der Betroffene in Einzelhaft. Und nicht nur er, auch viele Andere in der Crypto wussten Strehle zufolge gar nicht, dass ihr Arbeitgeber Geheimdiensten gehorchte. Das gefährdete vor allem Außendienstmitarbeiter, denn manche Staaten wurden misstrauisch.

Wer allerdings Bescheid wusste, nach Strehles Recherchen bereits von Anfang an, war die Schweiz. Ein Skandal, mit dem sich derzeit eine Untersuchungskommission des Parlaments in Bern beschäftigt.

"Für die Schweiz ist das natürlich eine krasse Verletzung der Neutralität, die ein Teil ist des Schweizer Staatsverständnisses, der Schweizer Identität, die sagt: man ist neutral in internationalen Konflikten, im Geiste nach heißt es, auch nicht Partei zu ergreifen. Und das hat die Schweiz mit ihrem Mitwissen und ihrer Tolerierung dieses großen Programms von CIA und BND natürlich gemacht über Jahrzehnte."

"Operation Crypto" ist ein nüchtern verfasster und trotz seiner Kürze umfassender Bericht über eine Affäre, aus der sich auch für heute noch Vieles lernen lässt. Das Lesen verschlüsselter Nachrichten ist nach wie vor Kerngeschäft von Geheimdiensten, in den USA und anderswo. Mit welch harten Bandagen in diesem Geschäft gekämpft wird, zeigt Strehle am Beispiel der Crypto detailliert auf.

Res Strehle: "Operation Crypto. Die Schweiz im Dienst von CIA und BND",
Verlag Echtzeit, 131 Seiten, 27 Euro.

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