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StartseiteInterviewHarter Brexit gefährdet Karfreitagsabkommen07.09.2019

Deutsch-irischer SchriftstellerHarter Brexit gefährdet Karfreitagsabkommen

Eine harte Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland müsse vermieden werden, denn sie berge Zündstoff für künftige gewalttätige Konflikte, sagte der deutsch-irische Schriftsteller Hugo Hamilton im Dlf. Beängstigend sei, dass Premier Boris Johnson dies nicht verstehe.

Hugo Hamilton im Gespräch mit Sandra Schulz

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Eine Friedensmauer trennt katholische und protestantische Gemeinden in der nordirischen Hauptstadt Belfast, 25.1.2017  (AFP / Paul Faith)
"Wenn es einen harten Brexit gibt, könnte alles in Flammen aufgehen", sagte der deutsch-irische Schriftsteller Hugo Hamilton im Dlf (AFP / Paul Faith)
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Sandra Schulz: Ein heftiges Kräftemessen war erwartet worden, und ein heftiges Kräftemessen, das hat es in der Tat gegeben in dieser Woche im britischen Parlament. Die Gegner eines ungeregelten Austritts aus der EU, eines No-Deal-Brexit, die haben es per Parlamentsspurt ins Ziel geschafft, das Gesetz gegen einen ungeregelten EU-Austritt hat gestern Abend die letzte parlamentarische Hürde genommen. Obendrein ließen die Abgeordneten Boris Johnson abblitzen, der ja Neuwahlen durchsetzen will. Auch für Irland geht es nach wie vor um viel, eine harte Grenze will man dort ganz dringlich vermeiden. Ich konnte darüber mit dem deutsch-irischen Schriftsteller Hugo Hamilton sprechen. Wir haben ihn vor der Sendung in Dublin erreicht. Als erstes habe ich ihn gefragt, wie groß die Nervosität jetzt bei ihm und seinen Landsleuten ist?

Hugo Hamilton: Wir können jetzt aufatmen noch mal, für ein paar Tage jedenfalls. Der No-Deal ohne Abkommen, das wäre ganz schrecklich für uns in Irland, wäre schlimm für England und wäre bestimmt auch schlimm für Europa, aber Irland würde viel büßen dabei.

Hugo Hamilton, Porträt (dpa/picture alliance/Uwe Zucchi)Hugo Hamilton auf der Frankfurter Buchmesse 2008 (dpa/picture alliance/Uwe Zucchi)

Schulz: Ist das für Sie denn ein Aufatmen, denn die Lage, die ist und bleibt ja unübersichtlich? Also wir hatten jetzt zugegebenermaßen, einige Wochen, da wirkte es wahrscheinlicher, dass der No-Deal-Brexit kommt, jetzt gerade wieder nicht. Wie erleben Sie dieses Hin und Her?

Hamilton: Wir sehen das mit Spannung hier. Es ist für uns auch etwas lustig. Wenn es nicht so ernst wäre, könnten wir drüber lachen, dass die Mutter der Parlamente, die überhaupt keine Entscheidung treffen können …

Johnson "ist kein Politiker, sondern ein Schauspieler"

Schulz: Was ist das Lustige daran, solche Randszenen wie ein schlafender Rees-Mogg zum Beispiel im Parlament?

Hamilton: Ja, das ist seine body language, seine Haltung da ist lustig, aber es erzählt viel von der Haltung von diesen Leuten, die überhaupt keinen Respekt haben für die Demokratie. Wenn man Boris Johnson erlebt, ich glaube, für ihn ist die Demokratie langweilig. Die Premierministerin von Schottland sagt schon, es wäre eine Diktatur jetzt. Er wollte das Parlament ganz ausschalten. Für ihn sind die Regeln einfach zu langweilig. Er will sich durchsetzen, will es so machen, wie er will, und es freut uns in Irland, dass er das nicht tun konnte.

Schulz: Und war es nicht so gesehen tatsächlich auch eine gute Woche für alle Brexit-Gegner, weil ja zumindest auch jetzt schon ziemlich deutlich wurde, wohin diese Kompromisslosigkeit, auch dieser Nationalismus eines Boris Johnson führt?

Hamilton: Ja, das ist die große Gefahr. In dem "Guardian" gab es ein schönes Foto von Boris Johnson, der steht da auf einem Schiff vorne und sieht da ganz gekrümmt aus und sieht aus wie Churchill. Das will er sein. Ich glaube, er ist kein Politiker, sondern ein Schauspieler. Er möchte gerne sich selbst als Churchill da sehen.

Schulz: Dessen Enkel er ja gerade rausgekickt hat, ironischerweise.

Hamilton: Den Enkel da rausgeschmissen. Er hat ein Buch über Churchill geschrieben und will jetzt diese Position aufnehmen. Dieses Foto ist genau gelungen einfach. Er ist der Churchill von heute, obschon ihm alles fehlt. Also er hat jetzt alle Wahlen bis jetzt verloren.

Schulz: Sie sprechen jetzt über Boris Johnson, Sie sprechen über den Kreis seiner Anhängerschaft. In welchem Zustand sehen Sie insgesamt die parlamentarische Demokratie jetzt in Großbritannien?

Hamilton: Es ist wunderbar, dass jetzt das Parlament selber zu einer Entscheidung gekommen ist, diesen No-Deal abzuschaffen, und hoffentlich wirkt das. Mal sehen, was da jetzt kommt. Ich glaube, es wird definitiv eine Wahl geben, aber wer weiß, wer das gewinnt.

Johnson habe "keine Lösungen" für den Backstop

Schulz: Nach allem, was wir im Moment wissen, könnte da ein erfolgreicher Boris Johnson ja durchaus hervortreten.

Hamilton: Das steht noch nicht fest. Ich glaube, das kann gut möglich sein, weil er eine sympathische Art hat oder öfters eine unsympathische Art hat. Er beleidigt Leute sehr gerne, und das nimmt die Presse in England sehr gerne auf.

Schulz: Es finden, ehrlicherweise, viele schlichtweg interessant. Was sagt das über Ihre Nachbarn?

Hamilton: Wir sind es gewöhnt, dass Leute höflich sind im Parlament. Er braucht diese Höflichkeiten überhaupt nicht. Er nennt Corbyn einfach ein chlorinated chicken. Es geht nicht um Wahrheit bei Boris Johnson, es geht einfach um den nächsten Witz oder wen er beleidigen könnte.

Countdown zum Brexit (AFP / Tolga Akmen) (AFP / Tolga Akmen)

Schulz: Jetzt würde ich gerne mit Ihnen auf eine Frage kommen, die natürlich schon die ganze Zeit Dreh- und Angelpunkt dieser Brexit-Diskussion ist. Es geht um die Backstop-Lösung, es geht um die irische Grenzfrage, und da hat Boris Johnson ja immer wieder von alternativen Lösungen gesprochen. Hat bei Ihnen jemand verstanden, welche das sein könnten?

Hamilton: Nein, der hat keine Lösungen, und er hat überhaupt keine erwähnt. Ich glaube, er hat jetzt im Visier, noch mal den Backstop nur für Nordirland, nicht für das ganze Königreich einzusetzen. Das wäre für die Protestanten in Nordirland ganz abscheulich, die würden das überhaupt nicht akzeptieren.

Schulz: Aber es würde ja diese harte Grenze vermeiden, die ja alle vermeiden wollen dringlichst.

Hamilton: Ja, das ist für uns von absoluter Wichtigkeit, also dass man die Grenze vermeidet. Wenn man eine Grenze irgendwo auf der See zwischen England und Irland hat, das ist schon okay.

Johnson mache es nicht aus, "ob das Karfreitagsabkommen erhalten wird"

Schulz: Aber das würde ich auch gerne noch genauer verstehen. Das wird ja immer relativ pauschal gesagt, wenn jetzt diese harte Grenze wiederkäme, da gäbe es Sorge von neuer Gewalt, aber wir wissen, das Karfreitagsabkommen, das ist jetzt 20 Jahre alt, ist das wirklich so, dass wenn wir wieder eine harte Grenze hätten, dass die Wunden sofort wieder aufreißen würden?

Hamilton: Es gibt immer Leute, die so hart eingreifen würden. Die Terroristen können sofort wieder handgreiflich werden. Also das sieht man schon in Nordirland. Da ist eine junge Journalistin ermordet worden an einem Abend, da gab es schon eine Bombe an der Grenze. Für mich, ich habe das alles erlebt in den 80er-Jahren. Das ist schrecklich, was da losgehen könnte. Was uns beängstigt, ist, dass Boris Johnson das überhaupt nicht versteht, dass es ihm überhaupt nichts ausmacht, ob das Karfreitagsabkommen, ob das weiter erhalten wird.

Schulz: Das ist sicherlich auch aus Sicht vieler Europäer ein Riesenthema, dass da einfach das Verständnis fehlt. Was ich gut verstehen kann, ist, dass bei Ihnen natürlich Erinnerungen sofort wach werden. Jetzt bei diesem Fall dieser jungen Journalistin, dahinter steckte eine Gruppierung, die sich die Neue IRA nennt, die aber gleich nach dem Fall gesagt hat, oh, das ist aus Versehen passiert. Wie gefährlich sind die?

Hamilton: Die Neue IRA ist eine Drohung, also das sind junge Leute, die überhaupt kein Verständnis haben für das Abkommen vom Karfreitag. Die sehen das einfach nur als einen Befreiungskampf, und die brauchen einfach nur irgendeinen Grund. Wenn es eine harte Grenze gibt, dann gibt es diesen Grund sofort.

"Wenn es einen harten Brexit gibt, könnte alles in Flammen aufgehen"

Schulz: Gibt es denn beim Blick nach London, auch auf einen Boris Johnson, gibt es da Trennlinien zwischen Protestanten und Katholiken?

Hamilton: Ja, das gab es für lange Zeit, aber es gibt dieses Parlament in Nordirland, es existiert schon seit zwei Jahren nicht mehr. Also da gibt es keine Verständigung jetzt in der Politik, und das ist alles beängstigend. Wie es weitergeht, weiß man einfach nicht, weil wenn es einen harten Brexit gibt, dann könnte das alles in Flammen aufgehen. Ich habe das Gefühl, Boris Johnson wird dann, wenn er noch mal gewählt wird, dass er gerne das ganze Problem von Nordirland loswerden will. Es ist zu teuer, und er hat kein Interesse dran.

Schulz: Das ist ein ausgesprochen kühnes Gedankenspiel. Also dann wäre Boris Johnson der wichtigste Verbündete der IRA-Sympathisanten von früher?

Hamilton: Ja, die spüren den Hass aus England. Ich habe mit Leuten gesprochen, die das jetzt auch in England spüren. Die Atmosphäre da ist nicht gesund. Wenn man überhaupt ein Ausländer ist in England, ist man nicht willkommen.

Schulz: Woran merkt man das?

Hamilton: Dieses wunderschöne Land, das alle Leute in der Welt eingeladen hat und aufgenommen hat früher, die sind jetzt unwillkommen in England.

Schulz: Sagen Sie uns, woran merkt man das oder woran würden Sie das festmachen?

Hamilton: Die Leute spüren das, die Iren werden dafür blamiert, dass der Brexit nicht erfolgreich wurde. Europa wird dann auch blamiert dafür. Wenn es No-Deal gibt und ein Chaos, dann überall in England, in der Wirtschaft, Europa wird blamiert und Irland.

Schulz: Da wird Europa die Schuld in die Schuhe geschoben. Wir sprechen ja wirklich in ausgesprochen bewegten Zeiten, Hugo Hamilton. Was wäre Ihre größte Hoffnung?

Hamilton: Meine größte Hoffnung ist, dass England oder Großbritannien einfach noch in Europa bleibt, und wenn es ein Abkommen gibt, wo die austreten können, dann könnte man sagen, dass der Brexit erfolgreich war, aber dass die dann noch ganz eng mit Europa wirtschaftlich und auch seelisch zusammenarbeiten. Die Hoffnung haben wir jedenfalls.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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