Sonntag, 25.10.2020
 
Seit 18:10 Uhr Informationen am Abend
StartseiteKommentare und Themen der WocheErfolgreicher Bußgang des Bundespräsidenten in Mailand17.09.2020

Deutsch-italienische BeziehungenErfolgreicher Bußgang des Bundespräsidenten in Mailand

Deutschland war nicht das einzige Land Europas, das zu Beginn der Coronapandemie zuerst an sich selbst dachte. Das Gefühl, in der Not von Europa verlassen worden zu sein, sitzt in Italien tief, meint Stephan Detjen. So habe der Mailand-Besuch des Bundespräsidenten etwas von einem Bußgang.

Von Stephan Detjen

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (l) und Sergio Mattarella, Präsident von Italien am 17.09.2020 (dpa / Bernd von Jutrczenka)
Der Bundespräsident jedenfalls hat erkannt, wie nötig es ist, sich an die italienische Öffentlichkeit zu wenden, meint Stephan Detjen (dpa / Bernd von Jutrczenka)
Mehr zum Thema

Italiens Migrationspolitik Neue Routen, alte Probleme

Politologe zu EU-Kompromiss "Wir haben so etwas wie eine neue Fraktionierung Europas"

Mailand ist nicht Canossa. Aber diese Reise des Bundespräsidenten hat etwas von einem Bußgang. Es geht darum, Schaden zu reparieren und Wunden zu heilen. Als vor einem halben Jahr die Krankenhäuser im Norden Italiens die Grenzen ihrer Kapazitäten erreichten, Ärzte und Pflegepersonal in Bergamo im verzweifelten Dauereinsatz um das Leben ihrer Patienten kämpften, Masken, Schutzanzüge und Beatmungsgeräte ausgingen, starrten die Deutschen schaudernd auf die Bilder der Abendnachrichten und wunderten sich, dass so etwas in Europa möglich sei.

Deutschland dachte im Augenblick der Not zuerst an sich 

Und als die Bundesregierung erkannte, dass die Epidemie längst auch über die Alpen gekommen war, reagierte sie mit einem Exportverbot für Medizinprodukte. Lastwagen mit Gesichtsmasken und Schutzausrüstung wurden an der deutschen Grenze aufgehalten. Deutschland war nicht das einzige, aber das mächtigste Land Europas, das im Augenblick der Not zuerst an sich selbst dachte. Eine "reflexhafte Orientierung nach innen" nannte das Frank Walter Steinmeier in einem heute veröffentlichten Interview der italienischen Tageszeitung "La Repubblica". Das Urteil hätte härter ausfallen können.

Die italienische Gemeinde Nembro (imago/Carlo Cozzoli) (imago/Carlo Cozzoli)Coronavirus in Italien - Sterblichkeit in stark betroffener Gemeinde stieg um Faktor elf
In der italienischen Gemeinde Nembro sind einer Studie zufolge im März 2020 etwa elf mal so viele Menschen gestorben wie im Vorjahresmonat, die Hälfte davon wurde als Corona-Tote erfasst. 

Der Bundespräsident jedenfalls hat erkannt, wie nötig es ist, sich an die italienische Öffentlichkeit zu wenden. Das Gefühl, in der Stunde der Not von Europa verlassen worden zu sein, sitzt in Italien tief. In Erinnerung sind bis heute neben den Szenen des Schreckens vor allem die Bilder von Flugzeugen aus China, Russland und Cuba, die Ärzteteams und Schutzausrüstung nach Italien lieferten.

Verletzungen in Italien wirken schwer nach

Zu spät hat sich Europa darauf besonnen, dass seine Stärke nicht in nationaler Schließung, sondern in Gemeinsamkeit und Solidarität liegt. Dann aber wendete sich das Blatt. Anrührend waren heute die Erzählungen von schwer erkrankten Patienten, die Ende März zur Behandlung in deutsche Krankenhäuser geflogen wurden.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel am 20. Juli 2020 auf dem EU-Sondergipfel in Brüssel (imago/Xinhua) (imago/Xinhua)Das historische Finanzpaket der Europäischen Union
Im Juli haben sich die EU-Staats- und Regierungschefs auf das größte Haushalts- und Finanzpaket in der Geschichte der EU geeinigt. In den Verhandlungen mit dem EU-Parlament fordern die Abgeordneten nun Nachbesserungen. 

Auf politischer Ebene war die deutsch-französische Initiative zum Aufbau des Corona-Hilfsfonds der EU ein Wendepunkt. Dass Angela Merkel am Ende ihrer Kanzlerschaft einer gemeinschaftlichen Verschuldung der EU-Länder zugestimmt hat, hat in einem schicksalhaften Moment der europäischen Geschichte eine neue Dynamik der des Zusammenhalts ermöglicht. All das aber kann nicht darüber hinwegtäuschen, wie schwer die Verletzungen nachwirken, wie tief die Gräben sind, die auch beim letzten EU-Gipfel in Brüssel noch einmal sichtbar wurden.

Städtepartnerschaften als Sinnbild der Versöhnung

Frank-Walter Steinmeier und sein italienischer Amtskollege Sergio Matarella besannen sich in dieser Situation auf ein Instrument, das in den Nachkriegsjahren dazu beitrug, Völkerverständigung auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges zu pflanzen: Städtepartnerschaften, die auch nach der Coronakrise noch einmal verstärkt dazu beitragen sollen, die beschädigten Beziehungen von unten her zu reparieren. So ernst ist die Lage. So hoffnungsvoll aber kann auch die Erinnerung daran sein, dass und wie Europa einst aus blutiger Feindschaft zu Gemeinsamkeit gefunden hat.

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk